Montag, 14. November 2011

Law and order

Kann und darf man an die Kirche dasselbe Maß wie an eine Familie, ein Wirtschaftsunternehmen oder eine politische Partei legen?

Keine Frage, die Kirche ist eine Einrichtung ganz eigener Art, die sich wesentlich von menschlichen Gemeinschaften und Verbänden unterscheidet. Gleichwohl muß sie doch auch gewisse Ähnlichkeiten mit diesen haben; denn als Stiftung des Gottessohnes ist sie zwar nicht von, durchaus aber in der Welt (vgl. Joh 17,14.16). Ihrer göttlich-menschlichen Doppelnatur entspricht es, den übernatürlichen Inhalt in natürlichen Gefäßen zu tragen. Unsichtbare Gnade und sichtbares Zeichen, Mysterium und Institution, Geisteswehen und Gesetzbuch bilden in ihr keinen Widerspruch, gehören vielmehr zusammen. Deshalb lassen sich bestimmte Bereiche des kirchlichen Lebens durchaus mit denen einer Familie, eines Wirtschaftsunternehmens oder einer politischen Partei vergleichen. Und der Vergleich bringt manches zutage.

Beginnen wir mit der Familie. Wenn Eltern ihren Kindern unter Androhung von Strafe verbieten, ein Treppengeländer herunterzurutschen, dann aber tatenlos zusehen, wie die Kleinen sich über die Regel hinwegsetzen, so wird man diese „Erziehungsmethode” wohl, gelinde gesagt, unklug nennen dürfen. Sie führt die Kinder dazu, sich an die Übertretung zu gewöhnen und dabei den Sinn für jede Verpflichtung, jeden Gehorsam zu verlieren. Besser wäre es gewesen, die Eltern hätten kein Verbot ausgesprochen; denn eine Vorschrift, auf deren Einhaltung man nicht besteht, höhlt das Gebot und die dahinterstehende Autorität aus.

Die Entsprechung im kirchlichen Leben bedarf keiner langen Ausführungen. Wie ist es nur möglich, daß römische Anweisungen in manchen Ländern über Jahre hin ignoriert und übertreten werden, ohne daß die Autorität – zuerst durch Ermahnung, dann durch entsprechende Maßnahmen – klarstellt, welches ihr Wille ist? Eltern werden sich ein solches Verhalten nicht zum Vorbild nehmen dürfen.

Sodann das Wirtschaftsunternehmen. Es ist kaum denkbar, dass die Firmenleitung eine Anweisung gibt, um nachher zuzuschauen, wie deren Erfüllung auf den St.-Nimmerlein-Tag verschoben wird. Allein schon des Geschäftserfolges wegen ist rasches Eingreifen streng geboten, gegebenfalls muß das Personal ausgewechselt werden. Was in der Arbeitswelt undenkbar, ist in der Kirche längst Alltag. Erinnert sei an das Schreiben der Gottesdienstkongregation aus dem Jahr 2006 über die richtige Übersetzung der Kelchworte in der Heiligen Messe („für viele“ statt „für alle“). Es verlangt von den Bischofskonferenzen, daß in den nächsten Jahren Katechesen zur Vorbereitung der fälligen Korrektur abgehalten werden. Mir ist von entsprechenden Katechesen in unseren Landen nichts zu Ohren gekommen, von der Änderung der Worte ganz zu schweigen. Aber auch von einer amtlichen Mahnung an die Zuständigen ist bislang nichts bekannt geworden. Leider handelt es sich hierbei keineswegs um einen Einzelfall, in dem Anweisungen der Kirchenleitung systematisch kontakariert wurden. Ohne entsprechende Folgen.

(Anm.: Die Causa "WELTBILD Verlag" ist ein trauriges schon lange schwelendes aktuelles Beispiel für diesen vorsätzlichen Handlungs-Unwillen seitens der Verantwortlichen, sprich des betroffenen deutschen Episkopats.)

Und welche politische Partei wird sich in verantwortlicher Position Funktionsträger leisten können, die lautstark ihren Dissens zum Parteiprogramm und wichtigen Entscheidungen des Vorstandes bekunden? Keine. Anders in der Kirche Gottes: Hier wird es geduldet, daß hochrangige Vertreter definitive Erklärungen des Lehramtes (z.B. über das allein Männern vorbehaltene Weihesakrament) öffentlich in Frage stellen. Klare Zurechtweisung, Bestrafung gar erwartet man vergeblich.

Nein, die Kirche ist weder eine menschliche Familie noch ein Wirtschaftsunternehmen oder eine politische Partei. Doch ohne law and order geht es auch in ihr nicht mit rechten Dingen zu. Unter solchen Umständen kann sie ihrem Auftrag nicht wirksam nachkommen. Und wieder sind – wie so oft – besonders die einfachen Gläubigen, jene „Stillen im Lande“, denen doch aller Schutz vonseiten der Obrigkeit gebührt, die Leidtragenden.

P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad


Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)
 
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...