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Samstag, 23. Februar 2013

Distanz und Diskretion


Es „wird alles, was ein jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, in’s Öffentliche geschleppt. Niemand darf sich freuen oder leiden als zum Zeitvertreib der übrigen; und so springt’s von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich, und zuletzt von Weltteil zu Weltteil...“ 

Nicht ein Zeitkritiker des 20. Jahrhunderts, sondern der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe schrieb diese Worte nieder, und das schon vor bald 200 Jahren (Maximen und Reflexionen Nr. 39). Konnte er damals die Möglichkeiten von Fernsehen und Internet erahnen? Sah er die sensationslüsterne Berichterstattung in den Medien unserer Tage voraus? Die TV-Shows, in denen Menschen ihr Intimstes vor der genussvoll zusehenden Öffentlichkeit ausbreiten? Die Internetforen, die jedem noch so peinlichen und dummen Auftritt ein Podium vor weltweitem Publikum sichern? 

Jedenfalls betrachtete Goethe die Entwicklungen nicht mit Freude. Zu groß dachte er von der Würde des Menschen und dem Adel seines Geistes, als dass er die vulgäre Erniedrigung durch distanzlos-indiskrete Selbst- und Fremdenthüllungen hätte hinnehmen können. 

Bekanntlich war Goethe kein bekenntnis- und kirchentreuer Christ, vielmehr ein überkonfessioneller Freidenker. Dennoch – oder sollte man nicht besser sagen: umso mehr – hat seine Einstellung in diesen Fragen auch für den Katholiken Bedeutung.

Denn die göttliche Offenbarung überbietet doch bei weitem alles, was Dichter und Denker ohne Bezug zum christlichen Glauben vom Menschen, seinem Wesen und seiner Bestimmung erkennen konnten: Dass wir nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen sind (Gen 1,27); dass uns Christus durch Sein Erlösungswerk ein neues, übernatürliches Sein geschenkt hat und wir der göttlichen Natur teilhaftig sind (2 Petr 1,4); dass wir in Ihm, dem eingeborenen Sohn, nicht nur Kinder Gottes heißen, sondern es auch sind (1 Joh 3,1); dass der Heilige Geist uns zu Seinem Tempel konsekriert hat (1 Kor 6,19); dass wir zu Erben des himmlischen Reiches bestimmt sind (Röm 8,17), wo sich unsere eigentliche, ewige Heimat befindet (Phil 3,20) – diese Tatsachen rücken den Menschen noch viel höher, als es der enthusiastische Jubel der Humanisten, Aufklärer und Existenzialisten über Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums vermag.

Unsere Auffassung von der menschlichen Natur wirkt sich wie von selbst in unserem Verhalten aus. Folglich müsste uns der Glaube ehrfürchtig stimmen gegenüber dem Persongeheimnis jedes Menschen und uns davor zurücktreten lassen wie vor etwas Heiligem, das es zu hüten gilt, anstatt es der Entweihung preiszugeben. Das wäre eine Diskretion, weit entfernt von wichtigtuerischer Geheimniskrämerei; eine Distanz, die aber doch nichts mit kalter Distanziertheit zu tun hat, sondern im Gegenteil aus liebender Hochachtung vor dem anderen hervorgeht. 

Besonders in der gottesdienstlichen Tradition und in den alten Ordensregeln zeigt sich, wie sehr das katholische (und ebenso das ostkirchliche) Christentum von dieser Haltung geprägt und durchdrungen ist. Die tiefe Reverenz vor Gott findet ihre direkte Entsprechung in einem ehrfürchtig-verhaltenen Umgang mit den anderen Christen, die als Glieder am Mystischen Leib des Herrn hoher Wertschätzung würdig sind. Vom Heiligtum der Kirchen und Klöster aus aber spannt sich der Zirkel bis zu den Enden der Erde und bezieht letztlich alle Menschen in den Kreis solcher Liebe ein, da sie ja vom Schöpfer persönlich gewollt und gerufen sind und der Erlöser für sie Sein kostbares Blut vergossen hat. 

Bedenkt man das, so bemerkt man die Schieflage, in die sich nicht nur die Enthüllungsexzesse der neuheidnischen Medienwelt, sondern auch manche indiskreten und distanzlosen Umtriebe unter Christen begeben. Erinnert sei an die wortreichen Selbstzeugnisse, das verbreitete „Auspacken“ inneren Erlebens und Erfahrens vor anderen. Diese aus dem amerikanischen Pfingstlertum stammende Prozedur hat der scharfzüngige Jesuit Johannes Leppich einst passend als „Seelen-Striptease“ bezeichnet. Anerkannte geistliche Autoren warnen mit Nachdruck davor; denn wie im Winter die Wärme eines Hauses durch die geöffneten Fenster verfliege und die Kälte eindringe, so verliere sich bei ungeschützter Eröffnung des Inneren oft die Gottverbundenheit, Liebe und Demut, während sich Eitelkeit und Selbstüberschätzung einschleiche. Wie anders die adventliche Gottesmutter, die das größte aller Geheimnisse mit demütigem Schweigen umgibt! 

Jedenfalls soll der katholische Mensch in seinem ganzen Wesen und Betragen ein heilsames Gegengewicht zu der distanzlosen und indiskreten Mentalität darstellen, vor der schon Goethe hellsichtig gewarnt hat.

P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

 

Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)
- Bild: Maria, die Knotenlöserin; Augsburg

Sonntag, 27. Januar 2013

Höflichkeit (2)

Es ist für uns Menschen eine Pflicht, freundlich und heiter im Umgang zu sein. Unsere vielgepriesene "Sachlichkeit" ist ein Irrweg, sowohl in der Kunst wie im Geschäftsleben, wie im privaten Umgang.

Der heilige Thomas sagt, dass das taktvolle und freundliche Zusammenleben etwas ist, was wir unserem Nächsten schuldig sind. Denn der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Er muss in all seinem Tun und Lassen auf die Gemeinschaft Rücksicht nehmen. Nun kann der Mensch aber nicht ohne Freude leben, denn er ist für die Freude erschaffen. Somit ist jeder gehalten, von sich aus zur allgemeinen Freude beizutragen.

Was diese Freude für ein Antlitz trägt, wie sie Weltkinder und Gotteskinder adelt, das beschrieb einmal der weltbekannte Konvertit Kardinal Newman in einer kurzen Abhandlung über den Gentleman als abendländisches Bildungsideal. Darin schildert er anschaulich die vornehme Seelenhaltung, die jener sich aneignen muss, der dieses Ideal nicht nur als äußere Fassade, sondern echt und innerlich in sich verwirklichen will. Es heißt da unter anderem:
Er hat Augen für jeden einzelnen in seiner Umgebung; er ist gut zum Schüchternen, freundlich zum Zurückhaltenden, taktvoll zum Absonderlichen. Stets ist er sich bewusst, mit wem er gerade spricht; er vermeidet unzeitige Anspielungen und unangenehme Gesprächsstoffe; er hält sich zurück in der Unterhaltung und will nicht lästigfallen.

Die Gefälligkeiten, die er erweist, scheint er zu empfangen. Er spricht nicht von sich, außer es muss sein, verteidigt sich nicht durch einen Rückschlag; er ist sehr vorsichtig, seinem Gegner bestimmte Beweggründe zuzumuten, und legt alles eher zum Guten aus.

Nie ist er kleinlich oder gemein in der Wechselrede, nie nimmt er unfairen Vorteil wahr, nie verwechselt er Anzüglichkeiten oder Schärfen mit Argumenten und macht nie Andeutungen, wo er nicht offen sprechen darf.

In voraussehender Klugheit beachtet er jene antike Maxime, wonach wir uns zu einem Feind so verhalten sollen, als ob er eines Tages unser Freund würde. In Kontroversen, die er nicht sucht, bewahrt er seine geistige Disziplin vor der plumpen Unhöflichkeit vielleicht besserer, doch jedenfalls minder erzogener Köpfe, die gleich stumpfen Waffen zerhacken und aufreißen, statt scharf und glatt zu schneiden, die im Argumentieren den wesentlichen Punkt verfehlen, ihre Kraft an Nebensächlichkeiten verschwenden, ihren Gegner missverstehen und die Frage verwickelter hinterlassen, als sie sie gefunden haben. (...)

(Newman, Kirche und Wissenschaft, Mainz 1927, Seite 212)

aus: P. Paul Rondholz SJ: Die Höflichkeit; Johannes-Verlag Leutesdorf (Rhein); AD 1960; S. 10-12 (s. Quellen)

Samstag, 26. Januar 2013

Höflichkeit (1)

Höflichkeit ist (...) Disziplin oder Selbstzucht der Seele im menschlichen Verkehr mit der frohen Bereitschaft, sich einzuordnen und gegen andere menschenfreundlich zu sein.

Es ist gar nicht anders möglich, als dass dieses Bestreben einen frohen Glanz hineinträgt in die menschlichen Ordnungen. Höflichkeit ist ein Lichtstrahl des Herzens, der nach außen durchschimmert, wärmt und lebendiges Frohmachen ausstrahlt. Höflichkeit ist etwas beglückendes, ist Wärme und Sonne, die in alles Zusammenarbeiten der Menschen einen verklärenden Schimmer hineinträgt.

Höflichkeit ist die in eine verbindliche Form gefasste Liebe. Der Weise, der wirklich Höfliche ist stets ein Liebender.

Oft hört man den Einwand: "Feine Formen? Ach, Äußerlichkeiten, pure Äußerlichkeiten!" Aber diese feinen Formen sind nicht bloß äußere Fassade, sollen es wenigstens nicht sein, sondern tragen einen tiefen Sinn in sich. Goethe sagte einmal: "Es gibt kein äußeres Zeichen der Höflichkeit, das nicht einen tiefen sittlichen Grund hätte." Der Dichter hat schon recht.

Der tiefste sittliche Grund geht uns aber erst in der Religion auf, die den Menschen als Gottes Ebenbild wertet und die Menschenwürde hoch hineinhebt in das Reich der Gnade. Da wird nun Höflichkeit die zarte Aufmerksamkeit, die ich einem Geschöpf schuldig bin, das Christus unbegreiflich erhoben und sich zum Bruder, zur Schwester gemacht hat, und das ist die Höflichkeit, die zugleich von Ehrfurcht und von Christusliebe getragen ist. (...)


P. Paul Rondholz SJ: Die Höflichkeit; Johannes-Verlag Leutesdorf (Rhein); AD 1960; S. 8-10



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