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Dienstag, 11. November 2014

Gedanken über Sprachverwirrung zu St. Martin und anderen Gelegenheiten

Auch in diesem Jahr findet sich der heilige Martin wieder in den Schlagzeilen. Schon vor drei Jahren hatte dieser Heilige in einem städtischen Kindergarten in Bochum "seine Kündigung bekommen", wie sich die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" erinnert.

Und in diesem Jahr geht es weiter: Im Namen von "Religionsneutralität" und "Kultursensibilität" wäre doch der Name "Sonne-Mond-und-Sterne-Fest" viel angemessener! Da kann man dann nur noch unter Toleranzbeteuerungen auf den heiligen Martin als "soziale Leitfigur", die für das Teilen stehe, verweisen.

Aus Weihnachtsmärkten werden "Wintermärkte" und die entsprechende Advents- bzw. Vorweihnachtsbeleuchtung geht, wenn überhaupt, dann nur als "Konzept Winterlicht".

In diesen grotesken Sprachexzessen geht es um die Verdrängung christlicher Namen und Begriffe aus dem öffentlichen Raum. Vielleicht wird ja irgendeine Dialog-Stuhlkreis-Initiative unter psychosozialer Supervision demnächst ein Kompromisskonzept präsentieren: der Weihnachtsmann (bzw. die Weihnachtsfrau) reitet auf dem Pfingstochsen zur Osterhasenjagd, das Sonne-Mond-und-Sterne-Fest ist die Eröffnung der Jagdsaison.

Dabei ist noch garnicht die patriarchalische Problematik des Martinstages thematisiert worden, ein Mann (!), "hoch zu Ross"(!) als Anführer eines Laternenzuges von Kindern, an deren Ende an alle Kinder "Weckmänner" (!) mit einer "Tonpfeife" (!) verteilt werden. Eindeutig ein Fall für die Menschenrechtskommission; Claudia Roth übernehmen Sie! Übrigens, heute hat Martin Luther Namenstag!


katholisch.de-Standpunkt vom 11.11.2013 von Wallfahrtsdirektor Prälat Wilhelm Imkamp, Maria Vesperbild



All denjenigen,
die heute am Fest des hl. Martin ihren Namenspatron feiern,
herzlichen Glückwunsch und Gottes reichen Segen!

Heiliger Martin, bitte für uns!


Weiteres zum heiligen Martin:



Freitag, 31. Oktober 2014

Zum Reformationstag: Martin Luther über die Ohrenbeichte


"Dennoch will ich mir die heimliche Beichte niemals nehmen lassen; wollte sie nicht um den Schatz der ganzen Welt geben, denn ich weiß was für einen Trost und Stärke sie mir gegeben hat. Es weiß niemand was sie vermag, als wer mit dem Teufel gefochten hat. Ja, ich wäre längst vom Teufel erwürgt wenn mich nicht die Beichte erhalten hätt."

Martin Luther in seiner Predigt am 2. Fastensonntag (Reminiscere) 1522




Unbedingt lesenswert im Hinblick auf das Reformationsgedenken im Jahre 2017:




Bild: Beichtstuhl in der kath. Pfarrkirche St. Georg und Jakobus zu Isny; eigenes Foto

Samstag, 3. November 2012

Besser katholisch sterben

 
Melanchton war ein Gehilfe Luthers. Als seine alte Mutter schwer krank war, ließ sie bekanntlich ihren Sohn anfragen, ob sie nun im alten oder im neuen Glauben sterben soll? 

Und er schrieb ihr zurück: "Im protestantischen Glauben ist besser zu leben und im katholischen besser zu sterben."



aus:
Jakob Scherer in "Warum liebe ich meine Kirche?"; MZ-Druck Regensburg

Samstag, 29. September 2012

Teufel und Tintenfass


P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad 

Im Leben des Dr. Martin Luther spielte der Teufel keine geringe Rolle. Von Kindheit an, so berichtet er selbst, habe er die Belästigung böser Geister erfahren, die später noch stärker geworden sei. Besonders in der Einsamkeit der Wartburg, auf die sich Luther nach seiner Ächtung durch die Kirche im Jahr 1521 zurückgezogen hatte, sah er sich als Zielscheibe heftiger Angriffe vonseiten dämonischer Mächte. Er habe sich jedoch erfolgreich mit Gebet und fröhlichem Singen gegen sie zur Wehr setzen können.

Der Legende nach soll Luther einmal, als er sich in der Nacht arg bedrängt fühlte, mit einem Tintenfass nach dem Teufel geworfen und ihn dadurch vertrieben haben. Den berühmten Fleck an der Wand zeigt man den zumeist belustigten Besuchern der Wartburg noch heute; glaubwürdigen Informationen zufolge wurde und wird er aber immer wieder aufgefrischt...

Jedenfalls hielt Martin Luther, der Mann am Anfang der großen und folgenreichen Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts, die gefallenen Engel für durchaus reale Wesen mit erheblichem Einfluss auf das Leben der Menschen. Er nahm die Worte des heiligen Paulus ernst, der von einem Kampf spricht, der sich „nicht gegen Fleisch und Blut richtet, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternisse, gegen die Geister der Bosheit in den Lüften.“ (Eph 6,12) 

Vor diesem „Teufelsglauben“ Luthers stehen heutige Protestanten weitgehend verschämt da. Sie sehen sich genötigt, die Äußerungen ihres Gründervaters zu entschuldigen, und weisen darauf hin, der Reformator sei hier und da eben doch noch in der mittelalterlichen Glaubens- und Frömmigkeitswelt verhaftet gewesen. Heute freilich sehe man das anders.

Aber auch vor der katholischen Theologie hat eine solche Einstellung nicht Halt gemacht; man denke nur an das 1978 erschienene Buch des Alttestamentlers Herbert Haag mit dem programmatischen Titel „Abschied vom Teufel“. 

Als Bibelwissenschaftler musste Haag freilich zugeben, dass die Heilige Schrift sehr viel vom Widersacher Gottes und Versucher der Menschen spricht. Er hatte sich mit den Teufelsaustreibungen im Wirken Jesu, mit dessen klaren Worten über den Feind des Menschengeschlechtes auseinanderzusetzen. Doch meinte der Professor, den Verständnisschlüssel gefunden zu haben: Immer, wenn in den Evangelien von dämonischer Besessenheit die Rede sei, könne man davon ausgehen, dass es sich nach heutigem Verständnis schlicht und ergreifend um Krankheiten handele, die man sich zur Zeit des Herrn eben gleichsam personifiziert vorgestellt habe. Demnach wären die Evangelisten, ja auch Jesus selbst einem Weltbild verhaftet gewesen, das inzwischen längst überwunden ist! 

Allerdings bemerkt der aufmerksame Leser recht schnell die Schwierigkeiten einer Gleichsetzung von Dämonen und Krankheiten. Im einen oder anderen Fall teuflischen Wirkens im Neuen Testament mag man zwar mit dieser Erklärung auskommen. Doch welche Krankheit tritt denn wohl derart an einen Menschen heran wie nach den Evangelien der Versucher in der Wüste an Christus (vgl. Mt 4,1ff.; Lk 4,1ff.)? Sollte unser Herr Halluzinationen gehabt haben? Und wo wurde es je vernommen, dass eine Krankheit, die sich selbst „Legion“ nannte, auf Befehl den Patienten verlassen hätte und in eine Schweineherde gefahren wäre, die sich daraufhin, von wilder Panik erfasst, in einem Gewässer versenkte (vgl. Mk 5,1ff. u. par.)? Erstaunliche Krankheit! 

Freilich sehen Autoren wie Herbert Haag in derlei Schriftstellen unhistorische Erzählungen. Doch gerade damit liefern sie denn auch den Beweis, dass sie ihre „Erkenntnisse“ über die angebliche Nichtexistenz Satans nicht aus der Heiligen Schrift gewonnen haben. Ihre Argumente sind – darauf hat bereits kurz nach Veröffentlichung des Buches „Abschied vom Teufel“ kein Geringerer als der heutige Papst hingewiesen – nicht biblischer Natur, sondern die typischen Vorurteile des modernen Unglaubens, der nichts annehmen will, was sich nicht in sein enges naturwissenschaftliches Weltbild einpasst. 

Wer demgegenüber auch als Nichtchrist die Evangelien ohne Vorbehalte und ehrlichen Sinnes liest, der kommt nicht um die Feststellung herum, dass zumindest die Evangelisten selbst von der realen Existenz des Teufels ausgingen, folglich auch Jesus Christus, wie er uns von ihnen geschildert wird. Und dem gläubigen Christen zeigt sich die Wahrheit dieser Lehre, die übrigens auch zur verbindlichen Verkündigung der Kirche gehört (vgl. z.B. das Vierte Laterankonzil im Jahr 1215), ebenso aus dem Gesamtzusammenhang des Glaubensgutes wie in der Erfahrung unseres bedrängten Lebens. 

Insofern steht Martin Luther dem treuen Katholiken der Gegenwart zumindest im Hinblick auf die Existenz des Teufels näher als viele Vertreter der Kirche. Freilich werden wir uns den legendären Kampf des sogenannten Reformators nicht zum Vorbild nehmen und in Bedrängnissen eher gläubigen Sinnes Weihwasser versprengen als ein Tintenfass werfen. Denn für Tinte gibt es im Rituale Romanum leider keine Segensformel, und das Beispiel Luthers zeigt deutlich, wie sehr sich der Feind des Menschengeschlechtes gerade der Schreibfeder und Tinte dieses Mannes bedient hat, um seine Werke zu vollbringen: Aufwiegelung gegen die Hierarchie, Spaltung im Glauben und Ströme von Tränen und Blut. Aber das ist ein anderes Thema. 


Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)


Samstag, 8. September 2012

Sola scriptura - eine noch immer unbeantwortete Frage

Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad 

Es ist ein „ökumenischer Dialog“ unter besten Voraussetzungen. Mein streng protestantischer Gesprächspartner, ein junger Lehrer, betont, nichts als die Wahrheit zu suchen. Modernen Aufweichungen des Bekenntnisses völlig abgeneigt, steht er festen Glaubens zur Gottheit und jungfräulichen Empfängnis Jesu, zu seinem Opfertod und seiner leiblichen Auferstehung.

Die Frontstellung Papst Benedikts XVI. gegen eine „Diktatur des Relativismus“ weiß er ebenso zu schätzen wie die Eindeutigkeit der katholischen Kirche in Fragen der Sexualmoral und des Lebensschutzes. Auch der lateinischen Messliturgie, die ich in seiner Gegenwart zelebrierte, kann er Positives abgewinnen: Im Gegensatz zu den allgemeinen Verflachungs- und Anbiederungstendenzen komme hier die Erhabenheit und Anbetungswürdigkeit Gottes zum Ausdruck.

Der wahrheitssuchende Lehrer gibt sogar zu, dass man im Protestantismus der Aussage des Magnificat zu wenig entspreche: „Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter.“ Er bemühe sich darum, die Mutter Jesu zu loben und zu ehren. Aber – und nun beginnen die Unterschiede schärfer hervorzutreten – für das, was über ein solches Seligpreisen hinausgehe und aus der Mutter des Herrn die Hauptperson des Christentums zu machen drohe, finde er in der Bibel keinen Anhaltspunkt.

Von mariologischen Fragen wandert die Unterredung auf andere Gebiete, zu Fragen der Heiligenverehrung, des Kirchenverständnisses, der Sakramente, um am Ende zur Mutter des Herrn zurückzukehren. Dabei lautet bohrende Frage immer: Wo steht das denn in der Bibel? Wie kann man die katholischen Lehren und Praktiken aus ihr begründen und rechtfertigen? Denn darauf komme es doch an.

Mit dieser Frage biegt auch das verheißungsvolle interkonfessionelle Gespräch in eine Sackgasse ein. Denn obwohl der katholische Christ für das, was er glaubt und wie er betet, viele Schriftzitate und größere biblische Zusammenhänge nennen kann, vermag er den Ansprüchen eines Christen, der sich dem protestantischen Sola Scriptura (Allein die Schrift!) verpflichtet weiß, kaum zu genügen.

Tatsächlich finden sich in der Bibel keine direkten Aussagen beispielsweise über die Unbefleckte Empfängnis Mariens und ihre Himmelfahrt, und die Stellen, welche die Lehrdokumente und die Liturgie der Kirche dazu anführen, erfordern ein Schriftverständnis, das eng mit der Auslegungstradition der Kirchenväter und der Theologie des Mittelalters verbunden ist. Von dieser Überlieferung aber wandten sich die Reformatoren des 16. Jahrhunderts entschieden ab.

Um das Gespräch weiterzubringen, formuliere ich nun eine grundsätzliche Frage. Sie liegt so nahe, dass sie sich jedem, der über das Sola Scriptura nachsinnt, früher oder später aufdrängt. Und sie ist derart einfach, dass man es nicht für möglich halten möchte, der evangelische Christ hätte auf sie nicht sogleich eine schlagende Antwort parat. Es ist die Frage nach der Begründung des Sola Scriptura selbst: Wo steht denn dieses in der Bibel? Und was ist überhaupt die Heilige Schrift?

Das Inhaltsverzeichnis des „Buches der Bücher“ stammt bekanntlich von keinem der biblischen Autoren, sondern vom Herausgeber. Der ursprüngliche Herausgeber aber heißt „Kirche“. In deren Schoß ist ja das Neue Testament entstanden, und erst nach Jahrhunderten wurde man sich endgültig darüber einig, welche Schriften aus der apostolischen Zeit gemeinsam mit dem Alten Testament die Bibel bilden sollten.

Die Kirche verfügte also über jenen Geist, mit dem sie geistinspirierte von menschlichen Büchern unterscheiden konnte. Wie aber sollte diese Kirche dann nicht auch insgesamt das wahre Verständnis der Bibel haben, die ja nur in jenem Geist interpretiert werden kann, unter dessen inspirierender Einwirkung sie niedergeschrieben wurde?

Mein sympathischer Gesprächspartner holt gerade zur Antwort auf das gewichtige Fragenbündel aus und sagt etwas von einem „innerprotestantischen Konsens“ über die Autorität der frühen Kirche, als man uns zu Tisch ruft und der ökumenische Dialog somit sein abruptes Ende findet.

„Konsens über die Autorität der frühen Kirche“? Wo steht denn davon etwas in der Bibel? Und weshalb nur die ersten Jahrhunderte…? – Ach, möge sich doch allen wahrheitssuchenden Menschen die Stimmigkeit des katholisch-kirchlichen Standpunktes zeigen!


So steht es in der Hl. Schrift:
2 Thess 2,15:
So steht denn fest, Brüder, und haltet euch an die Überlieferungen, die ihr mündlich oder schriftlich von uns empfangen habt.

Weiteres zum Thema: 
Andreas Theurer: Sola scriptura oder Apostolizität? (02.09.2012)


Literaturempfehlung:
Andreas Theurer
Warum werden wir nicht katholisch?
Denkanstöße eines evangelisch-lutherischen Pfarrers
Augsburg 2012 (2. Aufl.)
96 Seiten, Paperback Dominus Verlag

 

Sonntag, 2. September 2012

Sola scriptura?

Aus dem Buch „Warum werden wir nicht katholisch?“ von Andreas Theurer über das Prinzip von "sola scriptura" ("allein die Schrift") der reformatorischen Theologie:

"Aber ich denke, aus dem bisher Geschriebenen wurde deutlich: das „sola scriptura“ als theologisches Grundprinzip blendet wichtige Teile der göttlichen Wahrheit aus.

Ein besseres Kriterium für die Wahrheit und Richtigkeit der kirchlichen Lehre sehe ich in der „Apostolizität“. Das für alle Kirchen verbindliche Glaubensbekenntnis von Nicäa und Konstantinopel hält fest: „Ich glaube … die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. (...)

Nicht die Frage, ob jede kirchliche Handlung in der Bibel detailliert beschrieben ist, ist demnach der entscheidende Maßstab, sondern ob sie mit dem übereinstimmt, was die Apostel in ihren Gemeinden gelehrt und praktiziert haben. Es darf nicht sein, dass im Laufe der Zeit neue Lehren entstehen, von denen die Apostel nichts wussten, oder schlimmer noch: die dem entgegenstehen, was die ersten Christen glaubten. Dieser Gedanke liegt übrigens nicht nur der römisch-katholischen Theologie zugrunde, sondern auch für die Reformatoren Luther, Melanchthon und ihre Anhänger war das selbstverständlich. "


Andreas Theurer:
Warum werden wir nicht katholisch?
Denkanstöße eines evangelisch-lutherischen Pfarrers
Dominus-Verlag Augsburg 

96 Seiten



So steht denn fest, Brüder, und haltet euch an die Überlieferungen, die ihr mündlich oder schriftlich von uns empfangen habt.
(2 Thess 2,15)
 Mit Dank an Eugenie!


Zum gleichen Thema: 
P. Bernward Deneke: Sola scriptura - eine noch immer unbeantwortete Frage




Samstag, 4. August 2012

Ablassthesen


Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Bei dem alten Spielchen „Wer hat das gesagt?“ kann man Verwunderung erzeugen, wenn es gelingt, einen Ausspruch zu finden, den niemand mit der zitierten Person in Verbindung gebracht hätte. Versuchen wir es doch sogleich einmal! Von wem, verehrte Leserschaft, könnte wohl der folgende Satz stammen: „Wer gegen die Wahrheit des apostolischen Ablasses spricht, der sei verworfen und verflucht“? Vielleicht von den Vätern des Trienter Konzils? Vom Jesuitengründer Ignatius von Loyola? Oder von irgendeinem besonders scharfen, antiprotestantischen Inquisitor?

Jedenfalls muss das Zitat aus der ultrakatholischen Ecke stammen. Für evangelische Christen und ökumenisch ausgerichtete Katholiken stellt es ein wahres Ärgernis dar. Hatte nicht gerade die Lehre und Praxis des Ablasses dazu geführt, dass der Augustinermönch Martin Luther gegen die römische Hierarchie rebellierte und schließlich jener Bruch entstand, unter dem wir bis heute zu leiden haben? Folglich sollte man eine Aussage wie diese, welche die Gegner des Ablasses für verworfen und verflucht erklärt, am besten aus der Erinnerung vertilgen.

Doch damit ist unsere Frage noch nicht beantwortet, von wem denn der Satz stamme. Die genannten Vermutungen jedenfalls verfehlen allesamt die Wahrheit. Um es kurz zu machen: Es handelt sich bei dem Zitat um die 71. der berühmten 95 Thesen, die Martin Luther als „Magister der freien Künste und der heiligen Theologie sowie deren ordentlicher Professor“ im Jahr 1517 „aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen“ veröffentlichte. Die Thesen geben seine damalige Sicht der Fragen um Buße und Ablass wieder und sollten als Grundlage für eine Disputation, also ein wissenschaftliches Gespräch, dienen.

Für die meisten Menschen, die schon einmal etwas über den Ausbruch der Reformation gehört haben, dürfte diese Tatsache mehr als erstaunlich sein. Bisher hatten wir es uns vielleicht so vorgestellt: Der 35jährige Augustinermönch und theologische Doktor Martin Luther erhob sich, von heiligem Zorn über Predigten wie die des berühmt-berüchtigten Johann Tetzel („Sobald der Gülden im Becken klingt, im huy die Seel im Himmel springt!“) erfasst, gegen den unwürdigen Ablasshandel und schmetterte nicht nur diese Praxis, sondern zugleich auch das Papsttum und die ganze katholische Überlieferung nieder.

Nun aber müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass es sich gar nicht so verhielt. Martin Luther wandte sich zunächst nicht gegen Rom, nicht einmal gegen den Ablass an sich, vielmehr wollte er diesen sogar gegen Missverständnisse und Missbräuche verteidigen! Die polemische 72. These, die besagt, „wer gegen die Zügellosigkeit und Frechheit der Worte der Ablassprediger“ auftrete, „der sei gesegnet“, wird durch die 91. These im kirchlichen Sinne gemildert: „Wenn der Ablass dem Geiste und der Auffassung des Papstes gemäss gepredigt würde, lösten sich alle Einwände ohne weiteres auf, ja es gäbe sie überhaupt nicht.“

Welches diese „Auffassung des Papstes“, sagen wir besser: die Lehre der katholischen Kirche war und ist, erfahren wir z.B. in ihrem Rechtsbuch: „Ablass ist der Nachlass zeitlicher Strafe vor Gott für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist; ihn erlangt der entsprechend disponierte Gläubige unter bestimmten festgelegten Voraussetzungen durch die Hilfe der Kirche, die im Dienst an der Erlösung den Schatz der Sühneleistungen Christi und der Heiligen autoritativ verwaltet und zuwendet.“ (Can. 992)

Gewiss fehlte Luther schon 1517 das rechte Verständnis dafür. Deshalb auch lesen sich seine Disputationsthesen mehr als Warnungen denn Empfehlungen: „Nur mit Vorsicht darf der apostolische Ablass gepredigt werden, damit das Volk nicht fälschlicherweise meint, er sei anderen guten Werken der Liebe vorzuziehen.“ (41. These) Dennoch kann von einem generellen Kampf gegen das Ablasswesen hier noch nicht die Rede sein.

Diese Tatsache ist vor allem da zu bedenken, wo auch Katholiken schon bei der bloßen Erwähnung des Worte „Ablass“ gereizt reagieren und das Verhältnis zu den evangelischen Christen sogleich gefährdet sehen, wenn der Papst einen solchen verkündet und gewährt. Von den Missbräuchen der Reformationszeit jedenfalls kann in unserer Zeit nicht mehr die Rede sein. Und folglich dürfen wir Katholiken uns freimütig auf Luther berufen und auch den Kritikern aus den eigenen Reihen seine Worte entgegenhalten: „Wenn der Ablass dem Geiste und der Auffassung des Papstes gemäß gepredigt würde, lösten sich alle Einwände ohne weiteres auf, ja es gäbe sie überhaupt nicht.“ Den anderen, eingangs zitierten Ausspruch freilich werden wir besser nicht aufsagen...

Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS) 

Freitag, 9. März 2012

Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube (7)

 Prof. DDr. Josef Seifert  (1976)

Fortsetzung Teil 7

Der Primat des Glaubens

Wenn wir nun tiefer in unser Thema eindringen wollen, müssen wir hier kurz innehalten und die verschiedenen Dimensionen betrachten, in denen sich der Primat des Glaubens für und über alle Erneuerung erweist.

1.  Was hier zunächst deutlich wird, ist die Tatsache, daß der Glaube mit der Wahrheit zu tun hat; er ist die Zustimmung zur Wahrheit und damit letztlich zu Gott, der die Wahrheit selbst ist. Deshalb können wir erstens den Glauben als unabdingbare Grundlage verstehen, wenn wir sein Objekt betrachten: die Wahrheit in ihrem Absolutheitsanspruch in jeder Hinsicht.

Auch wenn wir für einen Augenblick von der Heilsnotwendigkeit des Glaubens für den Menschen absehen, ja sogar von der durch den Glaubensakt geleisteten Verherrlichung Gottes, kann uns der unendliche Wert des Glaubens aufgrund seines Objektes, der Wahrheit, aufgehen; daß es einen lebendigen und unendlich heiligen Gott gibt, daß Christus der lebendige Sohn Gottes ist, der uns liebt - diese Wahrheit ist in sich von größerer Bedeutung als alle Folgerungen, die sich daraus für die ganze Welt ergeben.

Das Gewicht und die Bedeutung dieser Wahrheit ist größer als alle Früchte, die diese Wahrheit im Menschen hervorbringen kann. Deswegen, wenn wir von dem Primat des Glaubens sprechen, dann können wir an diese innerste und unaussprechliche Bedeutung der wirklichen Existenz Gottes und der übernatürlichen Welt denken, die alles andere an Wichtigkeit übersteigt.

2.  Wenn wir uns nun von der Wahrheit als dem Objekt des Glaubens (fides quae creditur) dem Akt des Glaubens zuwenden (fides qua creditur), dann müssen wir feststellen, daß sein grundlegendster Wert nicht in seiner Wirkung oder Heilsbedeutung für den Gläubigen liegt, sondern darin, daß er Gott verherrlicht.

Das tritt wunderbar ans Licht in dem Bericht des Johannesevangeliums von dem Mann, der von Geburt an blind war und der wegen seines Bekenntnisses, daß Christus kein Sünder sein könne, aus der Synagoge ausgestoßen wurde: "Jesus hörte, daß sie ihn ausgestoßen hatten, und als er ihm begegnete, sprach er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? Jener antwortete und sprach: Wer ist es Herr, damit ich an ihn glaube? Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen. Der mit dir redet, ist es. Und jener sagte: Ich glaube Herr, und er fiel nieder und betete ihn an!" (Joh 9,35-38).

Wir sprechen hier nicht von der inneren Bedeutung des Gegenstands des Glaubens, sondern von dem Wert, den der Akt der Liebe und Anbetung beseelten Glaubens besitzt (die fides caritate formata). Dieser Glaube besteht zunächst wesentlich darin, daß wir die Existenz Gottes und die Göttlichkeit Christi für wahr halten (credere Deum).

Und schließlich kann der Glaube, der diese Selbsthingabe einschließt, nicht bestehen ohne die Bereitwilligkeit, alles anzunehmen und für wahr zu halten, was Gott uns als wahr offenbart (credere Deo). Ein Glaube, der diese drei Dimensionen umfaßt, besitzt den höchsten Wert, vor allem, weil er Gott geschuldet ist, weil er Gott verherrlicht.

Die Tat des Blindgeborenen wird uns in diesem Sinn vorgestellt als etwas Kostbares, nicht zunächst, weil er für ihn das Tor zum Heile ist, sondern weil er jene einzigartige Verherrlichung darstellt, die der Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit Christi, seiner Gottheit und Göttlichkeit gebührt.

Jener anthropozentrischen Betrachtungsweise, die sich hauptsächlich um des Heil des Menschen dreht - wir finden sie bereits in den frühen Schriften Rahners und können sie bis auf Luther zurückführen* -, wohnt die Tendenz inne, diese  erste und grundlegende Rolle des Glaubens, die Verherrlichung Gottes, gänzlich zu übersehen.
* vgl. Paul Hacker, The Ego in Faith: Martin Luther and the Origin of Anthropocentric Religion. Franciscan Heralds Press, Chicago 1970; deutsche Originalfassung: "Das Ich im Glauben bei Martin Luther", Graz-Wien-Köln 1966

Fortsetzung folgt


Prof. Josef Seifert:
Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube
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