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Sonntag, 10. September 2017

Verdunkelt "Amoris Laetitia" die Wahrheit von Gut und Böse?

Der Philosoph Josef Seifert verteidigt dankenswerterweise mit einer neuen Stellungnahme zu Amoris Laetitia die Wahrheit und die ihr entsprechende katholische Morallehre gegen deren Relativierung. Dafür wurde er - für gläubige Katholiken völlig unverständlich - von Erzbischof Javier Martinez Fernandez (Granada, Spanien) scharf kritisiert und aus dem Lehrbetrieb entlassens. LifeSiteNews vom 05.09.2017 und kath.net vom 06.09.2017.


Im Folgenden die Anfrage des renommierten Philosophen im Wortlaut:

 

Droht reine Logik die gesamte Morallehre der katholischen Kirche zu zerstören?


Josef Seifert*


Dies ist eine aus dem englischen Original vom Autor ins Deutsche übersetzte Fassung des Aufsatzes, die jedoch – in Antwort auf erste Einwände gegen den englischen Text – einige Zusätze enthält, die im Original fehlen.


Der Text wird hier unter der Creative-Commons-Namens-nennung-Lizenz (CC BY 3.0) veröffentlicht.

Erscheinungsdatum 09.09.2017


Zusammenfassung


Die Titelfrage dieses Beitrags richtet sich an Papst Franziskus und alle katholischen Kardinäle, Bischöfe, Philosophen und Theologen. Es handelt sich um einen Zweifel, eine rein logische Konsequenz einer Aussage in Amoris Laetitia betre ffend, und endet mit einem Appell an Papst Franziskus, mindestens eine These in AL zurückzuziehen, wenn die Titelfrage dieses kurzen Aufsatzes mit Ja beantwortet werden muß. Und wenn in der Tat aus dieser einen Behauptung in AL eine reine Logik, aus evidenten logischen Gesetzen, die Zerstörung der gesamten katholischen Morallehre ableiten kann.

Amoris Laetitia hat zweifellos viel Verunsicherung und widersprüchliche Auslegungen in der katholischen Welt hervorgerufen. Ich möchte hier nicht diese ganze Kontroverse erneut darlegen und die Stellungnahme, die ich zu diesem Thema in einem vorangegangenen Artikel in drei Sprachen verteidigt habe, wiederholen. (1)

Hier geht es uns jedoch um eine einzige Aussage in AL, die nichts mit einer Anerkennung der Rechte des subjektiven irrenden Gewissens oder der Willensschwäche zu tun hat (unter Bezugnahme auf die Rocco Buttiglione die volle Harmonie zwischen dem moralischen Lehramt des heiligen Papstes Johannes Paul II und Papst Franziskus behauptet) – gegen die von Robert Spaemann und anderen geäußerte Feststellung eines vollständigen Bruches zwischen beiden. Buttiglione argumentiert, daß, in Bezug auf ihre grundverschiedene Lehre über die sakramentale Disziplin, der hl. Papst Johannes Paul II dann recht hat, wenn man nur den objektiven Inhalt der menschlichen Handlungen berücksichtige, während Papst Franziskus recht habe, wenn man, nach der nötigen Prüfung und Unterscheidung, den subjektiven Faktoren und fehlenden Bedingungen der Todsünde (mangelhafter ethischer Erkenntnis und Schwäche des freien Willens) die von ihnen verlangte Anerkennung zuteil werden läßt.

Im Gegensatz zu Passagen, in denen AL von diesen subjektiven Elementen spricht, behauptet jedoch die Stelle von AL, die ich hier untersuchen möchte, einen völlig objektiven göttlichen Willen, den wir laut AL (mit gewisser Sicherheit) erkennen können. Man kann daher diesen Text wohl unmöglich als eine „Verteidigung der Rechte der menschlichen Subjektivität,“ wie Buttiglione behauptet, deuten, sondern er besagt, daß diese intrinsisch ungeordneten und objektiv schwer sündhaften Handlungen, deren objektiv sündhaften Charakter Buttiglione zugibt, von Gott erlaubt, ja sogar von Ihm geboten werden (Sein Wille sein) können.

Wenn dies nun wirklich das ist, was AL behauptet, so bezieht sich aller Alarm über AL’s direkte Aussagen zu Fragen der Änderung der sakramentalen Disziplin,(2) nur auf die Spitze eines Eisbergs, auf den schwachen Beginn einer Lawine oder auf die ersten wenigen, durch eine moraltheologische Atombombe zerstörten Gebäude. Bei näherer Betrachtung scheint diese Atombombe das ganze moralische Gebäude der 10 Gebote und der katholischen Morallehre niederzureißen.

In der vorliegenden Arbeit werde ich jedoch nicht behaupten, daß dies der Fall ist. Im Gegenteil, ich überlasse die Beantwortung der Frage, ob es zumindest eine Aussage in Amoris Laetitia gibt, deren logische Konsequenz die Zerstörung der gesamten katholischen Morallehre nach sich zöge, oder nicht, ganz dem Papst oder anderen Lesern. Ich muß jedoch zugeben, daß das, was ich über eine Kommission lese, die vom Papst einberufen wurde, um Humanae Vitae, eine Enzyklika, die, wie später Veritatis Splendor, Jahrzehnten der ethischen und moraltheologischen Debatten ein definitives Ende setzte, „erneut zu prüfen", diese Titelfrage meiner Abhandlung provoziert hat und vielen Katholiken große Sorge bereitet.

Betrachten wir den entscheidenden Text (AL-303), der von Papst Franziskus auf den Fall der ehebrecherischen Beziehungen oder sonstiger sexueller Aktivitäten von Paaren „in unregelmäßigen Situationen“ angewendet wird, die sich entscheiden, die Aufforderung der Enzyklika Familiaris Consortio des heiligen Papstes Johannes Paul II an solche „unregelmäßige Paare“ nicht zu befolgen.

Papst JohannesPaul II lehrt diese Paare, daß sie sich entweder völlig trennen, oder, ist dies nicht möglich, ganz enthaltsam leben und auf Geschlechtsverkehr verzichten müssen. Papst Franziskus hingegen schreibt (AL 303):
„Doch dieses Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, (3) auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht. (4)
Dieser Satz heißt wohl, neben der euphemistisch klingenden Bezeichnung eines objektiven Zustands einer (nach dem Urteil der Kirche) schweren Sünde als „noch nicht vollständig das ideale Ziel erreichend“, daß wir mit „einer gewissen moralischen Sicherheit“ wissen, daß Gott selbst will, daß wir, um „größere Übel zu verhindern“, weiterhin in sich schlechte Handlungen begehen, wie Ehebruch oder aktive Homosexualität.

Demnach könnten wir erkennen, daß wir in bestimmten Situationen Handlungen begehen dürfen, ja sogar, wie aus einer anderen Stelle von AL hervorgeht, begehen sollen, die in sich schlecht sind und immer von der Kirche als solche betrachtet wurden.

Da man Gott sicherlich nicht ein fehlendes oder mangelhaftes ethisches Erkennen, ein „irrendes Gewissen“ oder eine Schwäche des freien Willens zuschreiben kann, geht es hier nicht um einen rein subjektiven Glauben des Gewissens, oder gar um ein irrendes Gewissen.

Der Papst spricht hier ferner nicht von einer (potentiell falschen) Überzeugung des Gewissens, sondern von einer Erkenntnis. Und eine Erkenntnis kann man nie von etwas Falschem haben. Der Grad der Gewißheit hat damit nichts zu tun. Er bestimmt nur, ob ein problematisches, assertorisches oder apodiktisches Urteil begründet werden kann. Doch hat dies nichts mit der Wahrheit zu tun. Denn aus der Wahrheit eines problematischen oder assertorischen Urteils folgt auch die Wahrheit eines apodiktischen Urteils. Und sicher kann der von uns betrachtete Text nicht meinen, daß die Erkenntnis, daß Gott einen in sich schlechten Akt erlaubt oder gar fordert, niemals wahr sein und dieser Fall nie eintreten kann.

Kann und muß reine Logik unter dieser Annahme nicht fragen:

„Wenn nur ein Fall einer in sich unsittlichen Handlung von Gott erlaubt und sogar gewollt werden kann, muß dies nicht für alle Handlungen, die vom Lehramt der Kirche bisher als „intrinsece malum“ („intrinsisch schlecht“) bezeichnet wurden, gelten? Wenn es stimmt, daß Gott wollen kann, daß ein ehebrecherisches Paar weiterhin im Ehebruch leben soll, sollte dann nicht auch das Gebot „Du sollst nicht ehebrechen!“ neu formuliert werden: „Wenn Ehebruch in Deiner konkreten Situation nicht das kleinere Übel ist, begehe keinen Ehebruch!Wenn Ehebruch in Deiner Lage das kleinere Übel ist, lebe ihn weiter!“?

„Müssen dann nicht auch die anderen 9 Gebote, Humanae Vitae, Evangelium Vitae, und alle vergangenen, gegenwärtigen und künftigen kirchlichen Dokumente, Dogmen oder Konzilsbeschlüsse, die die Existenz von in sich schlechten Handlungen lehren, fallen? Muß dann nicht die neue, von Papst Franziskus zur Überprüfung von Humanae Vitae einberufene Kommission schlußfolgern, daß dieVerwendung von Verhütungsmitteln in manchen Situationen gut oder sogar obligatorisch und von Gott gewollt sein kann? Stimmt es dann nicht mehr, wenn die Kirche unter Berufung auf das Naturrecht verboten hat, Verhütungsmittel zu verwenden, und war dann nicht die Lehre von Humanae Vitae ein gewaltiger Fehler, eine Lehre, die unzweideutig besagt hat, daß (absichtliche) Empfängnisverhütung in keiner Situation moralisch gerechtfertigt ist, geschweige denn von Gott befohlen werden kann?

„Können dann nicht auch Abtreibungen, wie Mons. Fisichella, der damalige Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, behauptete, in einigen Fällen gerechtfertigt und jene Antwort sein, ‘die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht’“? (AL 303) „Müssen dann nicht nach den Gesetzen reiner Logik Euthanasie, Selbstmord und Beihilfe zum Selbstmord, Lügen, Diebstähle, Meineide,Verleugnungen Christi, wie die des hl. Petrus oder auchMord, unter manchen Umständen und nach sorgfältigen ‘Unterscheidungen’, aufgrund der Komplexität einer konkreten Situation gut und lobenswert genannt werden? Kann dann nicht Gott auch verlangen, daß ein Sizilianer, der sich verpflichtet fühlt, die unschuldigen Glieder einer Familie auszulöschen, deren Haupt ein Mitglied seiner Familie ermordet hat, mit seinem Mordplan getrost voranzuschreiten?

Wenigstens dann, wenn z.B. sein Handeln verhindert, daß sein radikalerer Bruder gleich vier Familien auslöscht? Kann dann auch Mord jene Antwort sein, ‘die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht’“ (AL 303)?

„Verlangt die reine Logik also nicht, daß wir diese Konsequenz aus der zitierten Aussage von AL ziehen?“

Wenn jedoch die Titelfrage dieses Aufsatzes bejahend beantwortet werden muß, wie es der Fall zu sein scheint, würde es dann nicht folgen, daß die gesamte Morallehre der Kirche von Amoris Laetitia zerstört würde? Wenn die Titel-Frage dieses Essays bejaht wird, muß dann nicht eine eiserne und kühle Logik unweigerlich verlangen, die zitierte Aussage von Papst Franziskus zurückzuziehen? Sollte dieser Satz daher nicht zurückgezogen und von Papst Franziskus selbst, der zweifellos solche ethischen Folgen verabscheut, verurteilt werden?

Wenn Papst Franziskus dieser logischen Schlußfolgerung zustimmt, und die Titelfrage dieses Aufsatzes bejahend beantwortet, so möchte ich mit der Heiligen Katharina von Siena unseren obersten geistlichen Vater auf Erden, unseren ‘süßen Christus auf Erden’, wie diese Heilige einen der Päpste nannte, unter dessen Pontifikat sie lebte, während sie ihn heftig kritisierte, leidenschaftlich bitten, die genannte Aussage zurückzuziehen. Wenn die eisernen logischen Konsequenzen dieser Aussage nichts weniger als eine totale Zerstörung der Morallehren der katholischen Kirche androhen, sollte dann nicht der ‘geliebte Christus auf Erden’ seine eigene Aussage zurückziehen? Wenn die genannte These die unweigerliche logische Konsequenz mit sich führt, die Existenz in sich moralisch unrechter Handlungen zu leugnen, die unter allen Umständen und in allen Situationen verboten sind, und wenn diese Behauptung daher, nach Familiaris Consortio und Veritatis Splendor, ebenso Humanae Vitae und viele andere feierliche Lehren der Kirche niederrisse, sollte sie dann nicht verworfen werden?

Gibt es nicht offenbar solche Handlungen, die immer in sich schlecht und daher niemals gerechtfertigt oder gottgewollt sein können, so wie es andere Handlungen gibt, die immer gut sind? (5) Und sollte dann nicht jeder Kardinal und Bischof, jeder Priester, Mönch, jede geweihte Jungfrau und jeder Laie in der Kirche ein sehr lebhaftes Interesse an diesem Thema haben und dieses leidenschaftliche Plädoyer eines „armseligen Laien“, eines einfachen Professors der Philosophie, und unter anderem der Logik, sich zu eigen machen?


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(1)
(Ich überlege, auch dies noch in einer Antwort auf einige kritische Bemerkungen meines engen persönlichen Freundes Rocco Buttiglione, mit dem ich hinsichtlich fast aller anderen philosophischen und kirchlichen Fragen übereinstimme, zu tun.) Siehe Josef Seifert, „Amoris Laetitia. Joy, Sadness and Hopes“. In: Aemaet 5.2 (2016), 160-249, http://aemaet.de, urn:nbn:de:0288-2015080654. Josef Seifert „Die Freude der Liebe: Freuden, Betrübnisse und Hoffnungen“. In: Aemaet 5.2 (2016), 2-84, http://aemaet.de, urn:nbn:de:0288-2015080660. Josef Seifert „La Alegría del Amor: Alegrías, Tristezas y Esperanzas“. In: Aemaet 5.2 (2016), 86-158, http://aemaet.de, urn:nbn:de:0288-2015080685.

(2)
Nämlich, auf Grund gewissenhafter Unterscheidung, manche Ehebrecher, aktive Homosexuelle und andere „irreguläre“ Paare in ähnlichen Situationen zu den Sakramenten der Beichte und der Eucharistie (und logischerweise auch der Taufe, der Firmung und der Ehe) zuzulassen, ohne deren Bereitschaft, ihr Leben zu ändern und in voller sexueller Enthaltsamkeit zu leben. (Dies hat Papst Johannes Paul II in Familiaris Consortio als Bedingung der Zulassung solcher Paare zu den Sakramenten gefordert).

(3)
Amoris Laetitia 303. Aus dem vorherigen ebenso wie aus dem späteren Kontext geht klar hervor, daß dieser „Wille Gottes“ sich hier darauf bezieht, weiterhin das, was objektiv eine schwere Sünde ist, zu leben. Vgl. z. B. AL 298, Fußnote 329:
„Viele, welche die von der Kirche angebotene Möglichkeit, ‘wie Geschwister’ zusammenzuleben, kennen und akzeptieren, betonen, dass in diesen Situationen, wenn einige Ausdrucksformen der Intimität fehlen, ‘nicht selten die Treue in Gefahr geraten und das Kind in Mitleidenschaft gezogen werden’ [kann].“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute, 51).

In Gaudium et Spes, 51, woher das letzte Zitat entnommen ist, wird dieser Gedanke als ungültiger Einspruch gegen die moralische Forderung, nie einen Akt der Empfängnisverhütung zu begehen, genommen. AL hingegen löst sie erstens vom Zusammenhang mit der Ehe, in dem sie in GS steht, los, und wendet sie auf die „Treue“ ehebrecherischer Paare einander gegenüber an, und versteht sie zweitens in dem oben erläuterten Sinne als eine Rechtfertigung, weiterhin objektiv gesehen schwer sündhafte, ehebrecherische Handlungen zu begehen. Und zwar versteht AL diese nicht nur als subjektiv entschuldbare Folgen eines Gewissensirrtums, sondern behauptet, daß es sogar dem objektiven Willen Gottes entspricht und als gottgewollt erkannt werden kann, Akte des Ehebruchs und andere, die ein intrinsece malum sind, zu begehen.

(4)
346 Relatio Finalis 2015 85.235.

(5)
Dies ist die Grundaussage von Veritatis Splendor. Vgl. auch Josef Seifert, „The Splendor of Truth and Intrinsically Immoral Acts: A Philosophical Defense of the Rejection of Proportionalism and Consequentialism in ‘Veritatis Splendor’.“ In: Studia Philosophiae Christianae UKSW 51 (2015) 2, 27-67. „The Splendor of Truth and Intrinsically Immoral Acts II: A Philosophical Defense of the Rejection of Proportionalism and Consequentialism in ‘Veritatis Splendor’.“ In: Studia Philosophiae Christianae UKSW 51 (2015) 3, 7-37.




* Der Autor ist Gründungsrektor der Internationalen Akademie für Philosophie im Fürstentum Liechtenstein; Inhaber des Dietrich von Hildebrand Lehrstuhls für realistische Phänomenologie an der IAP-IFES Granada, Spanien; vom heiligen Papst Johannes Paul II als ordentliches (lebenslanges) Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben berufen; (eine Aufgabe, die mit der Statutenänderung und der Entlassung aller PAV Mitglieder durch Papst Franziskus im Jahr 2016 und der Nicht-Wiederwahl als Mitglied einer, grundlegend veränderten, PAV im Jahr 2017 endete).

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Der Autor ist postalisch zu erreichen über: Calle Angel Ganivet 5/7 D - 18009
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Dienstag, 4. März 2014

Kleine Konversation über Philosophie, Erkenntnis und Wahrheit

Was ist Philosophie?

Dem Wortsinn nach ist Philosophie die Liebe zur Weisheit, Streben nach Weisheit. Derjenige ist Philosoph, der weise zu werden sucht und zur Erreichung des Zieles seine ganze Kraft einsetzt.

Der Name Philosophie soll, wie Heraklides, ein Schüler Platos, sagt, zuerst von Pythagoras gebraucht worden sein. Er habe nicht sophos genannt werden wollen, weil Gott allein sophos = weise sei, sondern nur Philosophos, Freund der Weisheit, Liebhaber der Weisheit, weil der Mensch immer nur im Streben nach Weisheit begriffen sei.

Was sagen Plato, Arisoteles und der heilige Thomas dazu?

Schon bei Plato und Aristoteles findet sich der Gedanke ausgesprochen, dass die Menschen aus Verwunderung über die Erscheinungen, die ihnen in der Welt entgegentraten, deren Ursachen sie aber nicht kannten, zu philosophieren angefangen hätten, womit das Ziel der Philosophie klar angedeutet ist: zu den Gründen oder Ursachen der Erscheinungen, ja bis zu den letzten und höchsten Möglichkeiten vorzudringen...

Was ist scientia?

Die scientia, das Wissen oder die Wissenschaft, kann in einem doppelten Sinne genommen werden, nämlich im Sinne von wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt und im Sinne von wissenschaftlicher Disziplin. Man versteht unter wissenschaftlicher Erkenntnis die Erkenntnis der Dinge oder Erscheinungen in ihrem Grunde oder in ihrer Ursache, vorausgesetzt, dass die Erkenntnis auf Evidenz beruht und sicher und gewiss ist. - Cognitio certa et evidens rerum per causas.

Wenn etwas nicht mehr einfach unserer Erkenntnis (nur) vorschwebt, sondern wenn wir erkennen, warum es so sei und so sein müsse, und wenn diese Erkenntnis evident und gewiss ist, können wir sagen, dass wir eine wissenschaftliche Erkenntnis von dieser Sache haben. - Scire est rerum cognoscere causas.

Was ist der Unterschied zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und Glaubenserkenntnis:

Der Glaube ist die sichere Erkenntnis einer Wahrheit auf eine für diese Wahrheit Bürgschaft leistende Autorität hin.

Das Wissen dagegen beruht auf der Beweisführung durch welche die Wahrheit eines Satzes zur Evidenz  gebracht und dadurch für unsere Erkenntnis gesichert wird.

Welche Aufgabe hat die Philosophie in Bezug auf die Offenbarung (Gottes)?

Sie besteht darin, dass sie den menschlichen Geist der christlichen Wahrheit wissenschaftlich zuführt. Sie soll nämlich die innere Übereinstimmung dessen, was die Vernunft lehrt, mit den Lehren der Offenbarung nachweisen und dadurch den menschlichen Geist dahin führen, dass er die Erkenntnis der christlichen Wahrheit als die höchste Vollendung seiner Erkenntnis erfasse und hochachte.

Können sich Vernunft und Offenbarungserkenntnisse, also wissenschaftliche und Glaubenserkenntnisse widersprechen?

Wahrheiten, die aus der Vernunft erschlossen werden und Offenbarungswahrheiten können nicht miteinander in Widerspruch stehen, weil beide aus einer Quelle, nämlich aus Gott als der absoluten Wahrheit und Wahrhaftigkeit stammen. Es kann also nicht etwas philosophisch wahr sein, was nach dem Glauben falsch ist, und umgekehrt, eine Wahrheit kann nicht der anderen widersprechen. Der Widerspruch würde ja zuletzt auf Gott fallen, weil eben alle Wahrheit in Gott gründet.

Und wenn es nun doch zu einem Zwiespalt kommt?

Irren ist menschlich. Kommt die Philosophie in ihren Forschungen auf ein Resultat, das mit dem Offenbarungsinhalt in Widerspruch steht, sei es, dass dieser Widerspruch offen daliegt, oder dass die kirchliche Autorität erklärt, es sei das bezügliche Resultat mit dem Offenbarungsinhalte nicht vereinbar, so hat die Philosophie dieses Resultat als falsch zu verlassen und den Prozess der Schlussfolgerung zu revidieren, um den Fehler zu entdecken.

Andererseits ist es auch möglich, dass der Grund des Zwiespalts nich so offen zutage liegt, sondern einer langwierigen Suche und Diskussion bedarf. Es kann sich dabei auch ergeben, dass ein zu enges oder zeitbedingtes Verstehen von Glaubenswahrheit der Grund des scheinbaren Zwiespaltes ist. Dann muss auf ein besseres, umsichtigeres Verständnis des Glaubens oder bestimmter Offenbarungswahrheiten Mühe verwendet werden, als deren Frucht sich die Auflösung des Zwiespalts und Übereinstimmung von Vernunft und Glaube ergeben werden.

Aber duch die Anerkennung der göttlichen Offenbarung als das leitende Prinzip wird die Energie der philosophischen Forschung keineswegs beeinträchtigt, sondern sogar erhöht, weil die Vernunft, an das leitende Prinzip sich haltend, in ihren Forschungen viel energischer und sicherer zuwege gehen kann, als wenn sie derselben entbehrt. Ein Beispiel: Denken wir nur an die Unsicherheit, mit welcher die antike Philosophie, weil ihr jenes leitende Prinzip der göttlichen Offenbarung mangelte, gerade in Bezug auf die höchsten Wahrheiten herumtastete.

In welchem Verhältnis stehen Philosophie und Theologie zueinander?

Beide stehen sich als selbständige Wissenschaften gegenüber, so zwar, dass keine in der anderen aufgehoben werden darf. Denn jede hat ihr eigenes Erkenntnisprinzip. Die Theologie die Offenbarung, die Philosophie die Vernunft und Vernunftprinzipien. Jede hat ihren eigenen Wahrheitskreis: die Theologie die geoffenbarten, die Philosophie die Vernunftswahrheiten. Jede hat ihre eigene Methode: Die Theologie nimmt ihre Beweise aus den Offenbarungsquellen, die Philosophie aus der Vernunft. 

Allerdings greifen beide insoweit ineinander, als die Offenbarung auch solche Wahrheiten in ihrem Inhalte einschließt, welche an und für sich genommen Vernunftwahrheiten sind. Die Theologie hat christliche Mysterien zum Inhalt, an welche die Vernunft für sich allein nicht heranreicht. Z. B: können die Geheimnisse der allerheiligsten Dreifaltigkeit und der Transsubstantiation (Wesensverwandlung) in der heiligen Messe nicht von dr Vernunft, also nicht von der Philosophie erkannt werden. Da ist Christus, der Herr, der Weg, die Wahrheit und das Leben.



nach: Johannes Derksen "Der getreue Verwalter"; St. Benno-Verlag GmbH Leipzig; Imprimatur 1959; S. 126-130 (leichte stilistische Änderungen)



Foto:  Marmor-Büste des Aristoteles, römische Kopie nach dem griechischen Bronze-Original von Lysippos, um 330 vor Chr. Der Alabaster-Mantel ist eine Ergänzung in der Moderne.; Giovanni Dall'Orto

Samstag, 12. Oktober 2013

Die Bedeutung der Philosophie für das Christentum



 Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad 

Wozu noch Philosophie, wo wir doch durch den Glauben über alles letztlich Entscheidende unterrichtet sind? Die Frage ist nicht unerheblich. Sie wird manchmal im Hinblick auf die Studien der angehenden Priester gestellt. Denn diese haben ja, bevor sie sich vorwiegend in die Glaubenswissenschaft, die Theologie, vertiefen, zunächst einen Kurs der Philosophie zu durchlaufen. Philosophie aber bedeutet, sich mittels der Vernunft – und nicht anhand der göttlichen Offenbarung – den wesentlichen Themen zuzuwenden, z.B. dem Sein und der Wahrheit der Dinge, der Natur des Menschen, dem sittlich Guten und nicht zuletzt dem Dasein und Sosein Gottes. 

Weshalb denn, so fragt man, müssen sich die künftigen Geistlichen in ihrer Ausbildung mit den Auffassungen eines Platon und Aristoteles befassen, obwohl uns Jesus längst den Weg gewiesen, die Wahrheit gelehrt und das Leben geschenkt hat – Er, der selbst „Weg, Wahrheit und Leben“ ist (Joh 14,6)? Der heilige Thomas von Aquin stellt einmal fest, nach der christlichen Offenbarung sei der schlichte, ungelehrte, aber gläubige Mensch nun besser über die höchsten und wichtigsten Dinge unterrichtet, als es in vorchristlicher Zeit die größten Denker waren. Eine Bemerkung, die mit dem Wort des Herrn zusammenstimmt: „Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass Du dies vor Weisen und Klugen verborgen, es aber den Unmündigen geoffenbart hast. Ja, Vater, so ist es wohlgefällig vor Dir!“ (Mt 11,25f.) 

Ist es da nicht unnötig, sich nochmals suchend an die bedauernswerten „Weisen und Klugen“ zu wenden? Kann man als Katholik so tun, als hätte man das alle menschliche Vernunft hell überstrahlende Licht des Glaubens nicht empfangen? Und erweisen die Tatsachen solche Studien nicht überdies als gefährlich, da schon viele junge Menschen der Faszination philosophischer Systeme erlegen sind, die mit dem Christentum unvereinbar sind, oder, infiziert durch die alles hinterfragende Skepsis gewisser Philosophen, erheblichen Schaden an ihrer vertrauensfrohen Gläubigkeit genommen haben? Wer die Folgeschäden einer Theologie kennt, welche uns die Offenbarung Gottes im Geiste Kants, Hegels, Heideggers oder Sartres erklären wollte, der wünscht sich wohl eine Ausbildung, die mehr an der herrlichen Aussage des heiligen Bernhard von Clairvaux über die Bücher der Weltweisen ausgerichtet ist: „Sie schmecken mir nicht, weil ich darin nicht den Namen Jesu lese...“ 

Die Antwort auf diese Fragen kann kurz ausfallen: Das Studium der Philosophie ist für die künftigen Verkünder des Gotteswortes nicht nur hilfreich, sondern geradezu notwendig. Das geht aus vielen lehramtlichen Äußerungen insbesondere der letzten 150 Jahre hervor, die sich in der Enzyklika Papst Johannes Pauls II. mit dem bezeichnenden Titel „Fides et ratio - Glaube und Vernunft“ (1998) und in ungezählten Aussagen seines Nachfolgers Benedikt XVI. fortsetzen. Immer hat die Kirche daran festgehalten, dass die christliche Offenbarung keine esoterische, von der sonstigen Wirklichkeit abgetrennte Gedankenwelt ist, zu der es keinen anderen Zugang als eine höhere Erleuchtung, einen blinden Glaubensakt oder ein mysteriöses Einweihungsritual gibt. Vielmehr stammt alle Wahrheit, die diesseitige wie die jenseitige, aus derselben Quelle, nämlich aus Gott. Und folglich kann es keinen Widerspruch zwischen einer gesunden Philosophie und den Inhalten unseres Credo geben. Die Glaubensgeheimnisse sind gewiss übervernünftig, aber niemals unvernünftig. Um das zu erweisen und den Glauben gegen den Vorwurf der Unvernunft zu verteidigen, braucht der Theologe die Philosophie. 

Sie übernimmt Vermittlerdienste, indem sie den menschlichen Geist zu den Grundfragen führt und erste gültige Antworten gibt. Ein Beispiel: Nach biblischer Lehre ist Gottes Dasein eine Wahrheit, die nicht erst durch die Offenbarung, sondern bereits mit der Vernunft einsichtig ist: „Aus der Größe und Schönheit der Geschöpfe wird durch Vergleichung deren Schöpfer erschaut“ (Weish 13,5), dessen unsichtbares Wesen „an Seinen Werken durch die Vernunft erkannt wird“ (Röm 1,20). Indem der Philosoph Wege natürlicher Gotteserkenntnis aufzeigt, geleitet er den Menschen an die Schwelle des Glaubens. Ähnliches spielt sich auf anderen Gebieten ab: Die menschliche Vernunft stellt Fragen, findet erste Antworten und gelangt schließlich, bewegt von der Gnade und belehrt von der christlichen Verkündigung, zur übernatürlichen Erkenntnis. 

Nur eine Einschränkung muss gemacht werden: Nicht alles, was sich als „Philosophie“ ausgibt, ist für dieses Unternehmen geeignet. Es bedarf einer Philosophie, die tatsächlich „Liebe zur Weisheit“ (so die Übersetzung des griechischen Wortes) ist; die sich der Wirklichkeit staunend zuwendet und sie ehrfürchtig ausdrückt, anstatt sie den eigenen Vorstellungen oder zeitgeistigen Ideologien zu unterwerfen. Daher verweist das kirchliche Lehramt immer wieder auf das Vorbild des heiligen Thomas von Aquin. Hätte man das in den letzten Jahrzehnten beherzigt, das Philosophiestudium der künftigen Theologen wäre ganz unproblematisch.


Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)

Samstag, 28. September 2013

Gott nach Menschenmaß

Von P. Bernward Deneke  FSSP, Wigratzbad

„Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.“ Man geht leicht über den Satz hinweg, ohne die provokante Umstellung des Bibelwortes „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde“ (Gen 1,27) zu bemerken. Derjenige, auf den diese Formulierung zurückgeht, wollte sie aber nicht nur als ein geistreiches Wortspiel verstanden wissen. Ludwig Feuerbach (+ 1872), der atheistische Philosoph und Religionskritiker, brachte mit ihr seine Überzeugung zum Ausdruck, dass Gott keine objektive Wirklichkeit zukommt. 

Seiner Meinung nach ist die Vorstellung von einem höchsten Wesen vielmehr ein Produkt unseres Wunschdenkens; eine Jenseits-Projektion alles dessen, was wir leider so unidealen und unvollkommenen Menschlein für ideal und vollkommen halten. Das, was wir gerne wären, aber nicht sein können, verlagern wir in Gott, das Geschöpf unseres Geistes: die Sehnsucht nach einem unbegrenzten, unendlichen und ewigen Leben, das Verlangen nach Allmacht und Allwissenheit, nach Erhabenheit und Heiligkeit. Gott wäre demnach so etwas wie die verselbständigte Sehnsucht des Menschen. Und daher etwas, das wir, vernünftig geworden, getrost hinter uns lassen dürfen. Im Reifestadium sollte jeder Mensch, meint Feuerbach, den christlichen Glauben als „eine verwelkte schöne Blume, eine abgestreifte Puppenhülle, eine überstiegene Bildungsstufe“ betrachten. 

„Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.“ So sehr man die Behauptung in ihrem ursprünglichen Verständnis zurückweisen muss, so sehr trifft sie doch auf eine bestimmte Geisteshaltung zu, die uns im neuzeitlichen und modernen Denken begegnet. Sie ist heute nicht nur unter solchen, die dem Christentum fernstehen, sondern auch unter Gläubigen, ja unter Theologen anzutreffen. Freilich besteht zwischen deren Projektionen und der Theorie Feuerbachs der wichtige Unterschied, dass man nun nicht mehr die für uns Menschen unerreichbare Vollkommenheit, sondern die eigenen, unüberwindbaren Unvollkommenheiten in Gott verlegt. 

So lesen sich schon manche Gottesspekulationen idealistischer Philosophen des 19. Jahrhunderts wie ein Entwicklungsroman, der das Werden und Reifen einer noch unvollendeten Persönlichkeit schildert. Da wird ein Wesen nach und nach seiner selbst inne, kommt über Erfahrungen mit sich selbst und der Welt zu sich selbst, erkennt seine eigenen Möglichkeiten und wächst an ihnen – und dieses Wesen, das da vom Kind zum Jugendlichen und schließlich zum Erwachsenen wird, soll Gott sein! Mit dem „seligen und alleinigen Gebieter, dem König der Könige und Herrn der Herren, der allein Unsterblichkeit besitzt und der da wohnt in unzugänglichem Licht, den kein Mensch gesehen hat noch zu sehen vermag“ (1 Tim 6, 15f.), kurzum: mit dem Gott, den uns die Offenbarung vorstellt, hat das alles nichts, aber auch gar nichts zu tun. Und dennoch konnte sich die widersinnige Vorstellung eines „werdenden Gottes“ im Denken vieler verhängnisvoll festsetzen. 

In der Gegenwart werden die Akzente etwas anders gesetzt. Theologen insistieren darauf, der biblischen Schilderung der Heilsgeschichte sei der Gedanke eines überzeitlichen, ewigen Gottes völlig unbekannt. Daher müsse man es nun endlich wagen, derartige Verfremdungen des jüdisch-christlichen Erbes abzutun und sich auf einen Gott besinnen, der mit uns Menschen eine Geschichte durchschreite und der selbst geschichtlich sei. Dass schon Kirchenväter und Denker des Mittelalters durchaus in der Lage waren, den in der Zeit wirkenden Gott mit dem gleichfalls biblisch bezeugten „Vater der Lichter, bei dem es keinen Wandel und keinen Schatten von Veränderung gibt“ (Jak 1,17) zusammenzuschauen, wird dabei geflissentlich übergangen. Offensichtlich ist die Einsicht, dass der Herr der Geschichte selbst über der Geschichte steht, für ein flaches Denken, das alles auf menschliches Maß reduziert, zu hoch und zu tief. 

In diese Zusammenhänge gehört auch die Rede vom „leidenden Gott“. Dass Jesus Christus, der fleischgewordene Logos, in seiner menschlichen Natur für uns gelitten hat, ist wesentlicher Inhalt des christlichen Bekenntnisses. Dass aber Gott selbst seiner göttlichen Natur nach leidet, entspricht weder der Offenbarung noch der gläubigen Vernunft. Zur absoluten Vollkommenheit gehört nun einmal die unbegrenzte Fülle des Lebens und somit die uneingeschränkte, durch nichts zu beeinträchtigende Freude. Daher kann von einem Leiden Gottes, wenn überhaupt, nur in einem übertragenen Sinne gesprochen werden. 

„Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.“ Keinem aufmerksamen Beobachter wird die Hybris entgehen, die in den beschriebenen Gedankengängen liegt. Es ist der Versuch des geschöpflichen Geistes, sich seines Schöpfers zu bemächtigen und ihn auf die eigene Ebene hinabzuzerren. Ein vergebliches Unterfangen, auf das uns in der Menschwerdung des eingeborenen Sohnes, der allein das wahrhafte Bild des unsichtbaren Gottes ist (Kol 1,15), die verbindliche Antwort gegeben wurde: Er ist herabgestiegen, um uns heraufzuführen zu dem, der uns selbst und unsere Gedankengebilde um Unendlichkeiten überragt.


Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers

- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)

Freitag, 5. Juli 2013

Die christliche Sicht des Menschen ist ein großartiges ›Ja‹ zur Würde des Menschen - Gender Mainstreaming ist unchristlich



"In der Tat ist die christliche Sicht des Menschen ein großartiges ›Ja‹ zur Würde des Menschen, der zu inniger Gemeinschaft mit Gott berufen ist, zu einer kindlichen Gemeinschaft, demütig und vertrauensvoll. Der Mensch ist kein unabhängiges Individuum noch anonymes Element einer Kollektivität, sondern ein einzigartiger, unwiederholbarer Mensch, der seinem Wesen nach zur Beziehung mit anderen Menschen und zum Gemeinschaftsleben veranlagt ist.

Daher bekräftigt die Kirche ihr großes ›Ja‹ zur Würde und Schönheit der Ehe als dem Ausdruck der treuen und fruchtbaren Verbindung zwischen Mann und Frau. Und ihr ›Nein‹ zu Philosophien wie etwa der »Gender«-Philosophie gründet auf der Tatsache, daß die Wechselseitigkeit von männlich und weiblich Ausdruck der Schönheit der Natur ist, die der Schöpfer gewollt hat."


Papst Benedikt XVI., Ansprache an die Mitglieder der Vollversammlung des Päpstlichen Rats Cor Unum am 19. Januar 2013


 (Hevorhebungen durch Fettdruck durch FW)


Weiteres zum Thema:

Was ist "Gender-Mainstreamig"?



Buchempfehlungen: 

Manfred Spreng - Harald Seubert (Hrsg. Andreas Späth):
Vergewaltigung der menschlichen Identität - Über die Irrtümer der Gender-Ideologie

Gabriele Kuby
Die globale sexuelle Revolution  - Zerstörung der Freiheit im Namen der Freiheit
Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Robert Spaemann
ISBN 978-3-86357-032-3

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
Frau – Männin – Menschin. Zwischen Feminismus und Gender
Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer 2009
Rezension von Barbara von Wulffen, KAS

 

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Mittwoch, 26. Juni 2013

Nur ein "einfacher und bescheidener Arbeiter im Weinberg des Herrn" - und dennoch...

Kurien-Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation antwortete in einem lesenswerten Interview mit der "Augsburger Allgemeinen" auf die Frage, ob er bereits eine Bilanz des Pontifikates von Papst Benedikt XVI. ziehen könne:



"Wer auch nur ein wenig Ahnung hat von Geistes- und Kirchengeschichte, von Theologie und Philosophie, der weiß auch, dass er als einer der ganz großen Päpste anzusehen ist."








(das Zitat der Überschrift bezieht sich auf die ersten Worte Benedikts XVI., die er nach seiner Wahl zum Papt an das Volk richtete)

Samstag, 24. November 2012

Die Suche nach der Wahrheit

Seit Kurzem gibt es eine neue wissenschaftliche Zeitschrift für Philosophie und Theologie:


Wissenschaftliche Zeitschrift für Philosophie und Theologie
ISSN: 2195-173X  http://aemaet.de


Aus der Info-Mail:

Die Gründung dieser Open-Access-Fachzeitschrift ist eine Initiative zur Förderung der Philosophie und der christlichen Theologie in ihrer jeweils genuinen Aufgabe. AEMAET möchte also einen kleinen Beitrag zur größeren Liebe der Weisheit und der Wahrheitsfindung leisten. »AEMAET« ist ein hebräisches Wort und kann mit »Festigkeit«, »Treue« und »Wahrheit« übersetzt werden.
AEMAET garantiert dem Leser den freien Zugriff auf alle Beiträge. Vom Autor werden keine Gebühren für die Publikation seiner Aufsätze verlangt. Jeder kann online eigene Beiträge einreichen.

AEMAET veröffentlicht Artikel und Rezensionen aus den Themengebieten der Philosophie und der Theologie. Hierdurch soll die interdisziplinäre Kommunikation im Sinne des »fides quærens intellectum« gefördert werden. Aktuell ist der erste Band erschienen hierin schreibt u. a. Prof. Dr.  Seifert über „Diktatur des Relativismus“ und dessen Widersprüchlichkeit.


Für die Herausgabe zeichnet  Raphael E. Bexten

Dienstag, 14. August 2012

Gesindel, das die Welt regiert...

“Ich habe nicht die Macht zu verhindern, dass heute das Gesindel die Welt regiert, aber gegen eines kann ich mich Gott sei Dank doch wehren, so schwach ich auch bin, dass mir nämlich das Gesindel die Welt erklärt.”

Theodor Haecker in "Vergil, Vater des Abendlandes“


File:Vergilio mosaico de Monno Landesmuseum Trier3000.jpg
Zu dieser Schrift, über welche Dietrich von Hildebrand sagte, dass Theodor Haecker uns damit "eines der tiefsten Bücher über das Abendland geschenkt" habe, hat PuLa eine sehr gute Buchbesprechung verfasst, die zu lesen hier herzlich empfohlen sei.





Dienstag, 26. Juni 2012

Monty Python: Internationales Philosophie-Finale (deutsch)

 Hier in deutscher Sprache...

Wer lieber die Version in englischer Sprache sehen will:

z. B. hier bei Alipius oder bei katholon oder, oder, oder...
 

Sonntag, 4. März 2012

Die Philosophie Dietrich von Hildebrands

"Dietrich von Hildebrand ist der Kirchenlehrer des 20. Jahrhunderts." (Papst Pius XII.) 

Zur Erinnerung: 

Heute um 20:00 Uhr auf EWTN:

EWTN-Livestreaming bitte HIER klicken!   

Dietrich von Hildebrand - Philosoph des Herzens

Dr. John Crosby und Dr. Alice von Hildebrand stellen Leben und Menschenbild des großen deutschen Philosophen vor

Donnerstag, 1. März 2012

Initiative Save Our Faith (SOF)

Raphael E. Bexten, M.A. und Theologie-Student an der IAP in Liechtenstein, hat als Reaktion auf das Theologenmemorandum vom Februar 2011 die Initiative Save Our Faith gestartet, bei der es sich im Wesentlichen um eine (bzw. zwei) Listen handelt, in denen Bücher aus den Fachbereichen Philosophie und Theologie aufgezählt und empfohlen werden, die dem Lehramt der katholischen Kirche entsprechen:



Anmerkungen zum “Theologenmemorandum” 

»[D]ie Kraft des Gebetes führt zu Demut und Gehorsam, nicht aber zu Stolz und Überheblichkeit.« (DH 2189)

In Zeiten, in denen katholische Priester[i] und Professoren der katholischen Theologie (im deutschsprachigen Raum allein 240)[ii] öffentlich zum direkten oder indirekten Ungehorsam gegen das authentische Lehramt des Römischen Bischofs, sowie gegen die Entscheidungen ihrer Bischöfe über den Glauben und die Sitten aufrufen,[iii] ist es nur ein Gebot der natürlichen und übernatürlichen Klugheit (vgl. Mat 7, 15f.; 2 Tim 4,3f.; Mat 10, 28ff.) seinen eigenen Glauben, durch Gottes Gnade, rein vor falscher Lehre und falschen Lehrern (vgl. 2 Petr 2,1ff.) bewahren und schützen zu wollen, damit er nicht verloren gehe.

Diese erweiterbare Liste von Buchempfehlungen aus Philosophie und Theologie (sie beruht auf diesen beiden Dateien 1,2 [iv]) wendet sich insbesondere an Studenten, die sich nach gesunder Lehre sehnen und oft nicht wissen, welche Werke, abgesehen von den Klassikern[v], empfehlenswert sind.

Möge die Liste als Orientierungshilfe dienen – mögen die Werke, die ich vertrauend auf Empfehlungen von Autoritäten zusammengestellte habe, für sich sprechen.

Ferner möge sich jeder Philosoph und Theologe ein Beispiel an Dietrich von Hildebrand nehmen, der zu seiner Frau Alice von Hildebrand gesagt hat: »if you find a word that is not in line with the Church, burn it!«[vi]

——————————————————————————–

[i] Vgl. hierzu den Aufruf der Pfarrer-Initiative zum Ungehorsam. Hierin heißt es:»7 WIR WERDEN deshalb jede Gelegenheit nützen, uns öffentlich für die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt auszusprechen. Wir sehen in ihnen willkommene Kolleginnen und Kollegen im Amt der Seelsorge. http://www.pfarrer-initiative.at (Zugriff: 10.12.2011).

[ii] Vgl. hierzu http://www.memorandum-freiheit.de (Zugriff: 10.12.2011) Im Memorandum heißt es: »2. Gemeinde: […] Die Kirche braucht auch verheiratete Priester und Frauen im kirchlichen Amt. […]4. Gewissensfreiheit: [...] Die kirchliche Hochschätzung der Ehe und der ehelosen Lebensform steht außer Frage. Aber sie gebietet nicht, Menschen auszuschließen, die Liebe, Treue und gegenseitige Sorge in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft oder als wiederverheiratete Geschiedene verantwortlich leben.«.

[iii] Vgl. hierzu DH 4149 - LG III, 25: »Wenn Bischöfe in Gemeinschaft mit dem Römischen Bischof lehren, sind sie von allen als Zeugen der göttlichen und katholischen Wahrheit zu verehren; die Gläubigen aber müssen mit einer im Namen Christi vorgetragenen Entscheidung ihres Bischofs über den Glauben und die Sitten übereinkommen und ihr mit dem religiösen Gehorsam ihres Herzens anhangen. Dieser religiöse Gehorsam des Willens und des Verstandes ist aber in besonderer Weise dem authentischen Lehramt des Römischen Bischofs zu leisten, auch wenn er nicht ex cathedra spricht; nämlich so, daß sein oberstes Lehramt ehrfürchtig anerkannt und den von ihm vorgetragenen Entscheidungen aufrichtig angehangen wird entsprechend der von ihm kundgetanen Meinung und Absicht, die sich vornehmlich aus der Beschaffenheit der Dokumente, der Häufigkeit der Vorlage derselben Lehre und der Sprechweise ergibt.«; sowie: »Christus hat deshalb, um den Willen des Vaters zu erfüllen, das Reich der Himmel auf Erden begründet, uns sein Geheimnis offenbart und durch seinen Gehorsam die Erlösung erwirkt.« (DH 4103 - LG I, 3).

[iv] Die Liste kann mit JabRef geöffnet werden. »JabRef is an open source bibliography reference manager.« Vgl. http://jabref.sourceforge.net/ .

[v] Hierzu zähle ich natürlich auch die Heiligen.




Creative Commons Lizenzvertrag
Beruht auf einem Inhalt unter agenteus.eu.


Sonntag, 12. Februar 2012

Samstag, 21. Januar 2012

Der kämpfende Mensch (3)

Josef Seifert  (1975)

Fortsetzung, Teil 3

Eine tödliche Illusion

Die Frage ist allerdings, ob eine solche Vorstellung, die den Gegensatz und Kampf auf der Ebene der Politik und des Geistes nicht wahrhaben will: den zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und den Feinden Gottes, ob diese moderne Theorie bzw. Ideologie richtig ist.

Solowjew, der bekannte russische Philosoph, hat einmal im Gespräch mit einem atheistischen Dichter, der über den Dämonenglauben lachte, folgendes gesagt: "Wer kann überhaupt die Geschichte betrachten, ohne in ihr die Dämonen am Werk zu sehen!" Die Art, wie Solowjew diesen Ausruf getan hat, hat den Dichter tief beeindruckt.

In der Tat entlarvt schon ein tieferes Geschichtsverständnis diese moderne Ideologie als falsch. Wenn die Erkenntnis der Wirklichkeit aber durch die Offenbarung ergänzt und in völlig neuer Weise vertieft wird, so ist es unabweislich klar, daß diese Ideologie der Kampflosigkeit eine furchtbare Illusion ist. Wir sollten uns aber alle ernstlich fragen, ob wir davon nicht selber bis zu einem gewissen Grad infiziert sind.

Der Kampf im politischen Bereich

Wenn aber die Wirklichkeit der Geschichte von Feindschaft und Kampf geprägt ist, dann ist es Zeit, aus unseren Illusionen zu erwachen und uns zum Kampf zu stellen, zu jenem entscheidend ernsten, geistigen Kampf, den jeder Mensch in dieser Welt zu bestehen hat; dann müssen wir eine Umkehr, eine Wendung vollziehen gegen die außerhalb und innerhalb der Kirche weithin herrschenden Modeströmungen.

Betrachten wir zunächst kurz die politisch-gesellschaftliche Szene. Wir brauchen nicht weit in die Geschichte zurückzuschweifen und uns etwa an die greulichen, geradezu teuflischen Verbrechen zu erinnern, die Solowjew in seinen berühmten "Drei Gesprächen" aus der Geschichte Rußlands anführt - beschränken wir uns vielmehr auf die jüngste Vergangenheit.

Wenn wir uns nur an die Verbrechen des Nationalsozialismus und an die des Kommunismus denken, an die Millionen, die in den KZs und im "Archipel Gulag" umgebracht wurden, an die furchtbaren Christenverfolgungen, die man nicht durch "entspannendes" Verschweigen aus der Welt schafft, an die Gehirnwäsche im maoistischen China und anderswo - um nur einige wenige Ereignisse in unserem fortschrittlichen Jahrhundert zu erwähnen - , so muß man doch sehen, daß im politischen Leben reale böse Mächte wirksam sind, vor denen die Augen zu verschließen reinste Vogel-Strauß- Politik wäre.

Soll man, kann man nun sagen, daß alle diese Dinge nur auf das Konto des kommunistischen oder nationalsozialistischen Terrors oder gar nur auf das einiger weniger raffinierter Gewaltverbrecher gehen, die unglücklicherweise an die Macht gelangt sind?

Dieser Gedanke verbietet sich von selbst, wenn wir an die unzähligen Abtreibungen denken, in denen sich offenbart, wie weit die verbrecherische Verachtung des Menschenlebens in breiteste Volkskreise eingedrungen ist, die sogar zahllose Mütter zum Mord an den eigenen Kindern treibt! In einem Jahr wird allein in New York eine Stadt, zahlenmäßig fast dreimal so groß wie Salzburg, vernichtet: finden 300000 Abtreibungen statt, die ja doch, auch wenn viele sich dessen nicht voll bewußt sein mögen, schaudererregende Verbrechen sind.

Über entsprechende Zustände in London hat ein britischer Abgeordneter erklärt, es habe in all den Jahren des Nationalsozialismus nichts gegeben, was diesem Geschäft mit Ungeborenen zu vergleichen wäre und den Vivisektionen, die an den abgetriebenen Embryos noch im siebten und achten Monat durchgeführt werden.

Inzwischen hat die deutsche Ärzteschaft in einem Manifest die legalisierten Abtreibungen mit Recht als das "größte Auschwitz" der Geschichte bezeichnet. Müssen wir noch an die Konzepte der Menschenplanung erinnern, die so weit gehen, daß sie einerseits die Bevölkerungsbeschränkung durch Besteuerung "überzähliger" Kinder oder durch gesetzliche Abtreibung vorsehen, andererseits durch Eingriff in die Erbträger die menschliche Intelligenz einseitig für bestimmte Berufe programmieren wollen? -

Ich möchte das nicht im einzelnen ausführen, aber so viel dürfte klar sein, daß schon ein unvoreingenommener Blick der natürlichen Vernunft uns enthüllt, welche Schlacht zwischen den guten und den bösen Mächten in der Gesellschaft, in der Geschichte tobt; vorchristliche Denker haben das bereits erkannt - so finden wir bei Platon im 7. Brief und in anderen Werken ein klares und tiefeindringendes Bewußtsein von den wirkmächtigen Übeln im öffentlichen Leben.


Fortsetzung folgt

Prof. Josef Seifert: Der kämpfende Mensch ( Teil 1)    (bitte HIER klicken!)
Prof. Josef Seifert: Der kämpfende Mensch ( Teil 2)    (bitte HIER klicken!)
Prof. Josef Seifert: Der kämpfende Mensch ( Teil 4)    (bitte HIER klicken!)
                                                                 ( Teil 5)    (bitte HIER klicken!)
                                                                 ( Teil 6)    (bitte HIER klicken!)
                                                                 ( Teil 7)    (bitte HIER klicken!)
                                                    ( Teil 8, Schluß)    (bitte HIER klicken!)  


Über den Philosophen Josef Seifert (geb. 1945) bei wikipedia (bitte HIER klicken!)

(Hervorhebungen durch Administrator) 

Donnerstag, 19. Januar 2012

Der kämpfende Mensch (1)

Im Folgenden ein Vortrag des Philosophen und Autors Prof. Josef Seifert, der gegenwärtig Rektor der Internationalen Akademie für Philosophie (IAP) in Liechtenstein ist. Der Text wurde bereits in den Ausgaben Nr. 10 und 11 des Jahrgangs 1975 der katholischen Zeitschrift "DER FELS" abgedruckt.

Ich danke dem Fels-Verlag für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung.


Josef Seifert

Der kämpfende Mensch

Das Thema, über das ich sprechen soll, ist ein im besten Sinne des Wortes unzeitgemäßes Thema, und es war Ihre sehr originelle Idee, dieses gerade heute zu wählen, da kaum irgendwer noch anerkennen will, daß überhaupt - vor allem auf geistigem Gebiet - der Kampf im menschlichen Leben eine entscheidende Rolle spielt. Sogar im politischen Denken behaupten zwei Schlagworte (die im Westen ernstgenommen werden) das Feld: "Entspannung" und "Friede", und nicht selten versteht man darunter Frieden um jeden Preis.

Wer immer in der politischen Theorie letzte feindliche Gegensätze feststellt, etwa zwischen einem Rechtsstaat und einem die Menschenrechte mit Füßen tretenden System, zwischen Christentum und christlicher Weltverantwortung einerseits und einem kommunistisch-atheistischen, oder auch bürgerlich atheistischen, sozialistischen Idol andererseits, wird als Fanatiker oder als "kalter Krieger" oder mit ähnlichen Bezeichnungen abgelehnt.

Man braucht etwa nur daran zu denken, wie das - gewiß auch politische Fragen berührende - Wirken des an sich ganz religiös orientierten P. Werenfried van Straaten vor allem bei gewissen Intellektuellen erbittertem Widerstand begegnet; allein die Tatsache, daß er über die blutigen und unblutigen Christenverfolgungen in den Ländern des Ostens nicht schweigt, erzürnt sie.

Oder denken wir an Kardinal Slipyi und seine Intervention auf der römischen Bischofssynode, wo er von einem Verrat an all den in der Ukraine verfolgten und ermordeten Christen sprach. Gerade sein Brandmarken dieser Übel führte zu seiner Kaltstellung.

Das Sprechen über zutiefst feindliche und unversöhnliche Mächte im Bereich der Politik ist also heute äußerst unmodern. Man setzt vielmehr auf den unaufhaltsamen Fortschritt, auf die neue Zeit, auf die Offenheit nach allen Seiten, auf die gemeinsame Humanisierung, die alle Fronten überspannen und alle Gegner versöhnen soll.

Verzweiflung an der Wahrheit

Nun gilt das aber nicht nur in der Politik, sondern auch auf anderen Gebieten, z.B. im heutigen Philosophiebetrieb. Der Gegensatz zwischen wahr und falsch, ja schon die Fragestellung, ob eine Philosophie oder eine philosophische These wahr oder falsch sei, wird ruhig belächelt.

Auf "ernstzunehmenden" philosophischen Kongressen wird man geradezu als verrückt angesehen, wenn man die Frage stellt, die noch einen Heinrich von Kleist angesichts der Kantschen Erkenntniskritik im Innersten bewegte, ob nämlich diese Philosophie wahr oder falsch sei.

Wie Kleist dann an der Wahrheitsfindung verzweifelte, so glaubte auch Nietzsche, daß durch Kant die Unmöglichkeit der Wahrheitsfindung aufgezeigt worden sei. Doch selbst diese an der Wahrheit verzweifelten Geister waren noch von dem Grundgesetz zwischen wahr und falsch überzeugt.

Heute treffen wir weitgehend auf eine Entthronung dieses Gegensatzes, ja auf ein Verschwinden der Frage nach wahr oder falsch überhaupt. An die Stelle von "wahr" und "falsch" treten Ausdrücke wie "veraltet - fortschrittlich", "naiv - kritisch"; solche Gegensatzpaare ersetzen, auch in der Philosophie, den elementaren erkenntnistheoretischen Gegensatz zwischen wahr und falsch; auf solche Weise glaubt man, die Fronten aufweichen und den geistigen Kampf beenden zu können.

Wer etwa heute noch einen unversöhnlichen Gegensatz zwischen Theismus und Atheismus sieht, wer die Freiheit der Person und des Willens dem Determinismus entgegenstellt und die Anerkennung der Geistseele einer materialistischen Konzeption oder eine realistische Position einer transzendental-philosophischen, und im Ernst glaubt, daß es hier um den unüberbrückbaren Gegensatz von wahr und falsch geht, der wird in vielen Kreisen nicht mehr ernst genommen.

Man glaubt einfach, diesen Urgegensatz in einer "höheren Einheit" versöhnen und auflösen zu können. Man erklärt, daß all diese Gegensätze "dialektisch" aufzuheben seien, wobei kein Mensch genau weiß, was unter diesem Begriff zu verstehen ist, und hält jeden, der eine These als objektiv wahr vertritt, für einen dogmatisch engen Fanatiker, für reaktionär oder einfach naiv.

An die Stelle der Erkenntnis unveränderlicher Wahrheiten tritt die an Hegel orientierte Vorstellung eines Prozesses, in dem sich aus den Gegensätzen, die alle nur verschiedene Aspekte der einen Wahrheit sind, der Geist im Lauf der Geschichte zu immer höheren Phasen fortentwickelt, ohne daß jemals ein letzter bleibender Gegensatz zwischen wahren und falschen Thesen zu statuieren sei.


Fortsetzung folgt

Prof. Josef Seifert: Der kämpfende Mensch ( Teil 2)    (bitte HIER klicken!)
Prof. Josef Seifert: Der kämpfende Mensch ( Teil 3)    (bitte HIER klicken!)
Prof. Josef Seifert: Der kämpfende Mensch ( Teil 4)    (bitte HIER klicken!)
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Über den Philosophen Josef Seifert (geb. 1945) bei wikipedia (bitte HIER klicken!)

(Hervorhebungen durch Administrator)

Dienstag, 10. Januar 2012

Der "Mythos vom modernen Menschen"

Laokoon-Gruppe; Vat. Museen; Foto: Sailko
" Das erste Element dieses "Mythos" besteht in der Auffassung, daß alle heute lebenden Menschen sich geändert hätten im Vergleich etwa zum Menschen des Mittelalters oder dem des 19. Jahrhunderts, und zwar so, daß diese Veränderung ihre grundlegenden Überzeugungen betreffe, ja, die Grundelemente ihrer menschlichen Natur.

Nun aber kann diese Auffassung in jeder Hinsicht als eine reine Konstruktion entlarvt werden. Die menschliche Natur hat sich nicht wesentlich verändert: die Menschen sterben immer noch; sie sind immer noch entweder gut oder böse; die Quellen ihres Glücks: Liebe, Ehe, Kinder und letztlich und vor allem Gott sind durchaus die gleichen wie zu allen Zeiten; die Menschen sind heute genauso der Erlösung bedürftig wie früher.

Auch ihre grundlegenden Überzeugungen haben sich im ganzen nicht geändert. Offenkundig gibt es heute sowohl Theisten wie Atheisten und Pantheisten; es gibt sowohl Materialisten wie Denker, die an der Geistigkeit der Person festhalten; es gibt Vertreter des Relativismus und des Realismus - nicht anders, als schon zu Platos Zeiten.

Und weiter: es gibt unvergleichlich mehr entscheidende Ähnlichkeiten zwischen den Heiligen des Mittelalters und den Heiligen unserer Zeit als zwischen den Heiligen des Mittelalters und den Verbrechern oder Pharisäern der gleichen Zeit. Ebenso stehen diejenigen, die im Mittelalter an Gott glaubten, denen, die heute an Gott glauben, unvergleichlich näher als den Atheisten ihrer eigenen Zeit.

Wir sehen also, daß nicht nur die wesentlichen Unterschiede, sondern auch die grundlegenden Übereinstimmungen zwischen den Menschen aller Zeitalter überdauern. Und die Meinung, daß so etwas wie ein "moderner Mensch" existiert, der in seinen Überzeugungen völlig verschieden von den Menschen anderer Epochen wäre, ist einfach unbegründet und falsch."

(Fortsetzung folgt hier)

aus: Reihe Christentum 1, Josef Seifert: Die Grundlage jeder Erneuerung: der Glaube; (urspr. in "FELS", Jg. 1976, Nr. 1 / 2 ); Hrsg. Engelbert Recktenwald (s. Kath-info)


Über den Philosophen Josef Seifert (geb. 1945) bei wikipedia (bitte HIER klicken!)
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