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Samstag, 15. November 2014

Ehrfurcht und Liebe - Begegnung mit dem Ganz-Anderen

von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Predigt am 22. Juni 2014, 2. Sonntag nach Pfingsten; Nachprimiz von P. Robert Dow FSSP

„Zu Deinem Namen, Herr, lass uns zugleich Furcht und immerwährende Liebe haben, da Du ja niemals denen Deine Führung entziehest, die Du in der Festigkeit Deiner Liebe begründest.“ (Oratio)

Stellen wir uns einmal vor, wir hätten heute, bei dieser heiligen Messe, eine Art kollektive Vision. Plötzlich wären wir alle im Geiste entrückt. Und da würde sich uns folgendes Bild bieten: Inmitten sieben goldener Leuchter wäre hier am Altar eine Gestalt zu sehen, einem Menschen gleich und doch ganz anders. Ein himmlisches Wesen, angetan mit einem wallenden Gewand und umgürtet mit goldenem Gürtel. Sein Haupt und Seine Haare wären wie schneeweiße Wolle, die Augen wie eine Feuerflamme, die Füße wie glühendes Glanzerz. Der Klang Seiner Stimme tönte donnernd wie das Rauschen vieler Wasser. In Seiner Hand hielte diese Erscheinung sieben Sterne, und aus ihrem Mund ginge ein scharfes, zweischneidiges Schwert hervor. Das Antlitz leuchtete, wie wenn die Sonne in aller Kraft scheint. 

Diese Vision wäre so ganz anders als alles, was uns vertraut ist. Anders als die lieblichen, gefühlvollen Bildchen von Jesus, die uns in der Welt der Frömmigkeit begegnen. Anders aber auch als die großen Kunstwerke, die den Herrn zeigen. Sogar anders als die ehrfurchtgebietenden Christusikonen der Ostkirche und die machtvollen Mosaiken in alten Kirchen. Was würde wohl mit uns armen Sterblichen geschehen, wenn wir solches jetzt zu schauen bekämen? Vermutlich nichts anderes als das, was an demjenigen geschah, der diese Christuserscheinung vor wohl mehr als 1900 Jahren hatte. In seiner Apokalypse berichtet uns ja der heilige Apostel Johannes, dass er bei seiner Verbannung auf der Insel Patmos diese Schauung hatte. Und was geschah mit ihm? Johannes stürzte wie tot zu Füßen des Herrn nieder und musste durch dessen rechte Hand wieder aufgerichtet werden. Welche Vorstellung, das würde hier und heute uns allen geschehen! 

In der Religionsphilosophie spricht man seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gerne davon, das Heilige sei für uns Menschen ein mysterium tremendum et fascinans. Rudolf Otto, auf den die Formulierung zurückgeht, wollte damit die Wirkung dessen beschreiben, womit wir es in der Religion zu tun haben. Die Begegnung mit dem Bereich des Ganz-Anderen, des Göttlichen, lasse den Menschen erschrecken und erzittern: mysterium tremendum. Zugleich aber schlage es ihn in Bann, ziehe ihn wie magisch an, fasziniere ihn: mysterium fascinans.

Dieser Doppelcharakter wird tatsächlich an den verschiedenen Gotteserscheinungen der Bibel deutlich: Moses erblickt den brennenden Dornbusch und sagt sich: „Ich will doch hingehen und dieses seltsame Schauspiel betrachten.“ Als der Herr ihn aber aus dem Dornbusch anspricht, heißt es: „Da verhüllte Moses sein Angesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.“ Beides liegt hier direkt beieinander: die magnetische Anziehungskraft und die Furcht davor, den Allheiligen zu schauen. 

Ähnlich beim Propheten Elias, der auf dem Berg den Vorübergang des Herrn erlebt. Nach einem heftigen Sturm, der Berge zersprengt und Felsen spaltet, nach Erdbeben und Feuersbrunst vernimmt der ein leises, sanftes Säuseln. Und die Schrift sagt: „Da, als Elisas dies vernahm, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel, ging hinaus und trat an den Eingang der Höhle.“ Er kann nicht anders, als sein Gesicht zu verbergen – mysterium tremendum. Und doch ist er von der Gotteserscheinung in Bann geschlagen und tritt in den Eingang – mysterium fascinans

Nicht anders bei den Propheten Jesaja und Ezechiel, die überwältigender Schauungen gewürdigt werden. Jesaja erlebt die Gotteserscheinung im Tempel wie hingerissen, ruft aber dann aus: „Wehe mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und wohne unter einem Volk mit unreinen Lippen, und meine Augen haben den König, den Herrn der Heerscharen, geschaut.“ Und Ezechiel hat die Vision vom göttlichen Thronwagen. Sie wirft ihn zur Erde, und nachdem ihn der Geist Gottes emporhebt, gerät er doch in tiefste Niedergeschlagenheit, sieben Tage bleibt er starr und stumm unter den Menschen. Ein postvisiönäres Syndrom, ein Depression vielleicht? Nein, Ezechiel wurde vom mysterium tremendum et fascinans, gepackt! 

Ja, wir könnten noch eine ganze Reihe solcher göttlichen Manifestationen anführen, in denen Menschen zugleich von Furcht und Faszination gepackt wurden. Denken wir im Neuen Testament nur an die Hirten, denen die Engel über den Fluren Bethlehems die Geburt des Messias künden: Sie fürchten sich sehr und sind doch bald schon von solcher Begeisterung, solchem Jubel ergriffen! Und dann eben die apokalyptische Vision des Johannes auf Patmos. Bemerkenswert ist, dass ausdrücklich gesagt wird, sie sei an einem Sonntag geschehen. Es drängt sich geradezu der Gedanke auf: am Sonntag, bei der Feier der heiligen Geheimnisse, bei der Messe! Das würde auch insofern passen, als die Apokalypse des heiligen Johannes stark liturgisches Gepräge trägt, ja in ihrem Ablauf große Ähnlichkeiten mit dem Tempelkult der Juden wie mit dem Gottesdienst der Christen hat. Und daher ist es auch keineswegs absurd, wenn wir uns vorstellen, uns würde hier und heute, bei dieser heiligen Feier, eine solche Schau zuteil. 

Jedenfalls ist die Wirklichkeit, die hinter der sakramentalen Zeichenwelt steht, von himmlischer, göttlicher Art. Sie ist tatsächlich umwerfend und hinreißend. Nur, dass wir oberflächlichen Geister das so leicht vergessen und daher völlig teilnahmslos und gelangweilt dabei sein können. Wir haben die Heilige Messe ja schon so oft erlebt, etwas Neues gibt es dabei ohnehin nicht mehr zu erwarten. Zwar glauben wir noch irgendwie das, was die Kirche darüber lehrt: Vollzug des Opfers Jesu Christi, Gegenwart des himmlischen Herrn, wie Ihn Johannes geschaut hat. Aber wir sind in den geistlichen Sinnen unentwickelt oder abgestumpft, im Herzen dem liturgischen Geschehen entfremdet. Und daher bewegen sich unsere Gedanken überall umher. Von einer Begegnung mit dem mysterium tremendum et fascinans, einer Überwältigung durch das unfassbare Ereignis kann nicht die Rede sein.

Wenn das nun schon von den Gläubigen gilt, die in einigem Abstand der Zelebration am Altar beiwohnen: Wie ist es dann erst für den Priester, der solches nicht nur dann und wann aus der Ferne miterlebt, sondern der es nach dem Willen der Kirche täglich vollzieht; der die heilige Gestalt bei der Wandlung in seinen Händen hält, sie bricht und später den Gläubigen austeilt? Ist er nicht in noch größerer Gefahr als alle anderen, das alltäglich gewordene Tun dann auch wie etwas Alltägliches zu tun, vor allem, wenn er es jahre- und jahrzehntelang verrichtet? Mit welcher inneren Anteilnahme wird unser Neupriester Robert Dow in 5, 10 oder 20 Jahren seine soundsovieltausendstes Messopfer darbringen? 

So unterliegt das Höchste und Heiligste scheinbar zwangsläufig dem Verschleiß, und gelegentlich tritt es uns, schmerzlich vielleicht, zu Bewusstsein, dass es eigentlich anders sein sollte. Aber die Sache mit dem mysterium tremendum et fascinans ist eben eine beeindruckende Theorie, die mit der Praxis nicht viel zu tun hat. Was sollte es auch nützen, wenn die Priester ständig entrückt und entzückt wären? Dadurch käme doch nur die Zeitplanung durcheinander… 

Sagen wir es sogleich: Es ist auch gut so und entspricht Gottes weiser Einrichtung, dass die Heilige Messe normalerweise eher nüchtern erlebt wird, im Glauben und nicht in ekstatischer Schau. Der Gottessohn ist in die Welt und in die Zeit eingegangen und durch die Sakramente, vor allem durch die Eucharistie in der Welt und in der Zeit geblieben. Dadurch hat Er für uns tatsächlich eine gewisse Alltäglichkeit angenommen. Aber – und das ist das große Aber – jeder von uns, allen voran der Priester, steht in der Pflicht, alles zu tun, damit daraus keine blasse und hohle Alltäglichkeit werde, sondern die Ehrfurcht und Liebe zu diesen Geheimnissen und zu dem, der in Ihnen zu uns kommt, tiefer und lebendiger werde. Ehrfurcht und Liebe – das ist ja die Antwort auf das mysterium tremendum et fascinans. Insofern es uns erzittern lässt, erfüllt uns die Furcht des Herrn, insofern es uns aber in Bann schlägt, ergreift uns heilige Liebe.

Daher kann ich am Tage der heutigen Nachprimiz unserem Neupriester und uns allen gar nichts Besseres auf den Weg geben als das, was uns die Kirche auf den Weg gibt. Das Tagesgebet dieses zweiten Sonntags nach Pfingsten bittet nämlich genau um dies: um Ehrfurcht und um Liebe. Noch ganz unter dem Bann des Fronleichnamfestes stehend (in dessen leider abgeschaffte Oktav der heutige Sonntag früher fiel) und schon das königliche Hochzeitsmahl des Evangeliums vor Augen, beteten wir eben: „Sancti nominis tui timorem pariter et amorem…Zu Deinem Namen, Herr, lass uns zugleich Furcht und immerwährende Liebe haben, da Du ja niemals denen Deine Führung entziehest, die Du in der Festigkeit Deiner Liebe begründest.“ 

Ehrfurcht und Liebe erhalten uns in der heiligen Spannung. Die Furcht des Herrn, Anbeginn der Weisheit, lässt uns erschüttert erkennen, wer da unter uns ist, und uns niederfallen vor Ihm. Die Liebe aber zieht uns zu Ihm hin in immer größerem Verlangen nach tiefer Vereinigung mit Ihm. Und diese Liebe sichert uns auch die Beständigkeit der göttlichen Führung: „…da Du ja niemals denen Deine Führung entziehest, die Du in der Festigkeit Deiner Liebe begründest.“ Führung heißt nicht nur, dass wir irgendwie mit unserem Herrn verbunden bleiben, sondern vielmehr, dass Er uns zu einer immer innigeren und stärkeren Verbindung geleitet. 

In der Ehrfurcht und Liebe zu bleiben und zu wachsen, dem dient im Leben des Gläubigen, vor allem des Priesters, das Gebet, insbesondere die tägliche Betrachtung der Geheimnisse Gottes. Darin üben sich schon treu die Seminaristen im Hinblick auf ihre spätere Aufgabe, darin muss der Priester ebenso treu verharren, um Tag für Tag das Heiligste mit wachsender Hingabe vollziehen zu können. Ehrfurcht und Liebe werden auch durch die regelmäßige Beichte erneuert und angefeuert: In tieferer Reinheit sind wir empfänglicher für das Licht, das vom eucharistischen Herrn ausgeht. 

Furcht und Liebe zugleich kommen wunderbar in einem Wort des heiligen Pfarrers von Ars zum Ausdruck. Er sagte einmal: Wenn der Priester erkennen würde, was er ist, dann müsste er sterben; sterben nicht vor Angst, sondern aus Liebe. Mysterium tremendum et fascinans der heiligen Messe, mysterium tremendum et fascinans zugleich auch des heiligen Priestertums! Jetzt also, wenn unser Neupriester Robert Dow das Opfer Christi darbringt, lasst uns daran denken: Hier lodert der brennende Dornbusch, hier erfüllt die Herrlichkeit Gottes Sein Heiligtum, hier rufen die Seraphim unablässig ihr „Heilig, heilig, heilig“, hier ist im leisen, sanften Säuseln unser Herr unter uns, Er, dessen Antlitz heller strahlt als die Sonne, dessen Augen wie eine Feuerflamme sind und aus dessen Mund das zweischneidige Schwert hervorgeht. Er selbst ist das mysterium tremendum et fascinans, das Geheimnis, das uns zittern, weitaus mehr aber anbeten, danken und lieben lässt. 

Deshalb unser heutiges Gebet, unterstützt durch die Fürsprache der Gottesmutter und aller Engel und Heiligen, für unseren Neupriester, für alle Diener des Heiligtums und für uns selbst: 

Zu Deinem Namen, Herr, lass uns zugleich Furcht und immerwährende Liebe haben, da Du ja niemals denen Deine Führung entziehest, die Du in der Festigkeit Deiner Liebe begründest.


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Weiteres zur Gottesbegegnung in der Liturgie:



Sonntag, 9. November 2014

Die Wohnung Gottes bei den Menschen und ein Stück Himmel auf Erden

Voll Schauer ist dieser Ort, Gottes Haus ist hier und die Pforte des Himmels;
sein Name ist: Wohnung Gottes. Alleluja, alleluja!
Wie lieb ist Deine Wohnung mir, o Herr der Himmelsheere!
Verlangend nach dem Haus des Herrn verzehrt sich meine Seele! 
(1 Mos 28,17; Ps 83,2f)


Eine Predigt zum Kirchweihfest von P. Bernward Deneke FSSP, hier gepostet aufgrund des heutigen Festes der Weihe der Erzbasilika des allerheiligsten Erlösers (Laterankirche)

Kirchenräume sind vielseitig verwendbar, das beweisen Vorgänge der jüngeren und jüngsten Zeit. Nach der kommunistischen Oktoberrevolution wurden Heiligtümer in Lagerräume, Stallungen für Tiere oder auch in Schwimmbäder verwandelt.

Nicht weniger erfinderisch als die erklärten Glaubensfeinde zeigen sich inzwischen die Christen selbst. Seit einigen Jahrzehnten haben sich die Verantwortlichen deutscher Diözesen dafür entschieden, überzählige Kirchen abzustoßen, zu profanieren und weltlichem Gebrauch zu übergeben. Sie dienen nun als Wohnräume, Arbeitsstätten oder auch als öffentliche Einrichtungen.

Etwas merkwürdig ist es schon, sich an einem Sparkassenschalter daran zu erinnern: „Hier stand einmal der Altar“, oder bei einem festlichen Abendessen auf eine Wand zu blicken, die mit Fresken vom Martyrium der heiligen Kosmas und Damian bemalt ist. Aber der Mensch, auch der Christ, gewöhnt sich an vieles.

Nicht alle Kirchen freilich gehen in weltlichen Gebrauch über. Viele verbleiben in gottesdienstlicher Verwendung, erfahren aber eine Umwidmung und erhalten eine ganz neue Bestimmung. Manche von ihnen werden jetzt als „Erlebnisraum Jugendkirche“ angepriesen. Den jungen Leuten muss etwas geboten werden, damit sie überhaupt eine Kirche betreten. Deshalb liegt es nahe, die weiten Räume, die nicht nur atmosphärisch interessant sind, sondern auch über eine hallige Akustik verfügen, mit Lautsprechern, Lichtorgel und vielleicht sogar Trockennebelanlage zu versehen und zur Diskothek umzufunktionieren. In mehreren deutschen Kirchen hat man noch Kühneres gewagt und einen Hochseilgarten errichtet. Tatsächlich, es muss ein Abenteuer besonderer Art sein, in die Gewölbe einer neuromanischen Kirche hinaufzuklettern und sich dort in lichten Höhen von Seil zu Seil zu hangeln…

Was will uns alles das sagen? Dass man offensichtlich vergessen hat, was eine geweihte Stätte ist. Man hat es nicht erst in der nachkonziliaren Glaubenskrise, auch nicht von der Zeit der Oktoberrevolution an vergessen. Der Verlust des Sinnes für sakrale Stätten ragt weit in die Geschichte der Christenheit zurück. Immer wieder hatten rebellische Theologen und Prediger die Heiligkeit von Räumen grundsätzlich abgelehnt.

Zu ihnen gehörte auch Martin Luther, der nichts von den feierlichen Zeremonien der Kirchweihe hielt und dem es genug war, wenn im gottesdienstlichen Versammlungssaal Anstand und Ordnung herrschte. Alles, was darüber hinausgeht, jede Sakralisierung und Mystifizierung entspreche nicht dem reinen Evangelium, sondern sei eine nachkonstantinische und mittelalterliche Verfälschung, letztlich der Einbruch des Heidentums in die Welt des Glaubens.

Wie Luther denken heute nicht wenige Lehrer der katholischen Theologie. Wenn sie auch nicht mehr laut und provokant auftreten wie die wilden Entsakralisierer der 60er und 70er Jahre, so setzen sie doch deren Marschroute fort. Ihre offensichtlichsten Erfolge erreichen sie dort, wo alte Kirchen umgebaut oder neue errichtet werden.

Das kostenaufwendige Design kann meistens nicht darüber hinwegtäuschen, dass es da nicht in erster Linie um eine würdige Wohnstätte für den allmächtigen Gott geht; nicht um die Ausrichtung auf Seine ehrfurchtgebietende Gegenwart; nicht darum, den Ort des „schauererregenden Opfers“ (um mit manchen Kirchenvätern zu reden) hervorzuheben; auch nicht darum, ein Abbild himmlischer Glorie zu schaffen. Nein, wer den Großteil der kirchenarchitektonischen Umtriebe der Gegenwart verstehen will, der muss andere Kategorien als die des überlieferten katholischen Glaubens und Gottesdienstes bemühen.

Und doch bleibt dieser Glaube und Gottesdienst für uns maßgeblich. Was er über den Sinn sakraler Räume lehrt, ist nicht spätantike oder mittelalterliche, schon gar nicht heidnische Verformung des Evangeliums. Im Alten Testament erfahren wir vom Tempelbau unter König Salomon. Die Herrlichkeit des Herrn nimmt in Gestalt einer Wolke von dem Heiligtum Besitz. Dort werden dem einen wahren Gott Opfer dargebracht, dort wirkt Er Wunderbares.

Von der Liebe zur Zierde des Hauses Gottes, von dem sehnsüchtigen Verlangen, dahin zu ziehen, um vor dem Angesicht des Herrn zu beten, geben die Psalmen beredtes Zeugnis. Jesus aber hat das alles keineswegs für nichtig erklärt und abgeschafft. Nein, in Ihm wurde der Alte Bund erfüllt. Kein Jota und kein Strichlein sind verlorengegangen.

Nach der Zerstörung des Heiligtums Seines irdischen Leibes im Leiden und Sterben hat Christus uns das neue, bleibende Heiligtum Seines verklärten Leibes erbaut. Dieses aber stellten die Christen, sobald es ihnen möglich war, in Kirchenbauten dar. In ihnen lebt Er unter uns. Hier opfert Er sich für uns. Hier nimmt Er unsere Gebete auf und beschenkt uns mit Gnade und Segen. Deshalb erfüllen uns als gläubige Katholiken die Heiligtümer mit Ehrfurcht und Liebe. Deshalb auch ist uns an einem der Sakralität des Ortes entsprechenden Benehmen gelegen. Ja, hoffentlich ist uns daran noch gelegen…

Vor Jahren erlebte ich in der Wallfahrtskirche Pfärrich bei Wangen eine berührende Szene. Zwei Mädchen, das eine im Kommunionalter, das andere noch einige Jahre jünger, traten durch das Hauptportal ein. Nun begann das größere Kind dem kleineren zu zeigen, wie man sich in einer Kirche verhält. Zuerst wurde das Kreuzzeichen mit dem Weihwasser eingeübt, dann die Kniebeuge vor dem Altar und das Niederknien in der Bank. Öfters nahm die Lehrmeisterin dabei den Finger vor die Lippen und gebot ihrer Schülerin Schweigen.

Was da geschah, war keine rein technische Unterweisung; es war eine mystagogische Katechese in praktischer Form. Vielleicht brauchen breite Kreise der Katholiken – von „ganz oben“ bis zum sogenannten einfachen Kirchenvolk – genau dies: ein learning by doing, eine aufmerksame Einübung in das Verhalten an heiliger Stätte, um dadurch auch wieder zu erfassen, was eine Kirche ist?

Als Beichtvater ist man schon ein wenig erstaunt darüber, wie selten sich die Gläubigen, auch die entschiedenen und frommen Gläubigen, heutzutage anklagen, gegen die Stille und Würde im Heiligtum gesündigt zu haben. Das war vor ein, zwei Jahrzehnten noch anders. Man hat aber nicht den Eindruck, seither habe sich das Benehmen in den Kirchen so sehr verbessert. Vielmehr scheint auch glaubenstreuen Katholiken das Bewusstsein für die Heiligkeit des Ortes der Gegenwart und des Opfers des Herrn mehr und mehr abhandenzukommen.

Liebe Gläubige, es wäre wohl zu erwarten gewesen, dass anlässlich des heutigen Weihefestes der Kathedrale zu Augsburg von diesem Gotteshaus, dem Dom Unserer Lieben Frau, gesprochen worden wäre. Von seiner wechselvollen Geschichte, die mindestens ins 8. Jahrhundert, vermutlich aber noch in viel frühere Zeit zurückreicht. Von den imposanten Ausmaßen und der edlen Ausgestaltung. Und von der Bedeutung, welche die Bischofskirche und der dortige Apostelnachfolger für uns hat. Da wir – jawohl, auch wir, Kleriker wie Laien! – aber in der ernsthaften Gefahr sind, die heutige Liturgie der Kirchweihmesse gar nicht mehr zu verstehen, geschweige denn von ihr ergriffen und in unserem Verhalten geprägt zu werden, deshalb diese grundsätzlichen Worte.

Hand auf’s Herz! Kennen wir noch den heiligen Schrecken, von dem der Introitus spricht: „Terribilis est locus iste – Voll Schauer ist dieser Ort; Gottes Haus ist hier und die Pforte des Himmels“? Können wir andererseits den sehnsuchtsvollen Psalmvers desselben Introitus erlebnismäßig nachvollziehen: „Wie lieblich sind Deine Gezelte, Herr der Heerscharen! Es verlangt und verzehrt sich meine Seele nach den Hallen des Herrn“? Deckt sich die Antiphon zum Offertorium mit unserer Einstellung und ist uns daher aus der Seele gesprochen: „Herr, Gott, in meines Herzens Einfalt habe ich alles freudig dargebracht; mit übergroßer Freude sehe ich auch Dein Volk, das hier versammelt ist – Gott Israels, schütze Du diesen Willen“?

Weil die Antwort auf die Fragen vermutlich bei niemandem von uns ein ungetrübtes Ja sein wird, darum tut uns heilige Übung not. Ehrfürchtig-gesammeltes, demütiges und stilles Eintreten in das Gotteshaus. Anbetung des Herrn in Seiner erhabenen und zugleich verborgenen Gegenwart. Und das Bemühen, uns in unserem Inneren dem äußeren Heiligtum anzugleichen, sind wir doch selbst durch die Gnade und den Empfang der Eucharistie lebendige Tempel der Gegenwart Gottes. Nur, wenn wir uns um diese – übrigens zutiefst „marienförmige“, der jungfräulichen Gottesmutter ähnliche – Haltung bemühen, können wir beitragen zu einer Erneuerung der Kirche insgesamt und auch der einzelnen Kirchen.

Ja, dass doch an die Stelle des „Erlebnisraums Jugendkirche“ die ewig jugendliche Stätte des Gebetes und des Opfers trete. An die Stelle der Diskothek der gewaltige Hymnus der irdischen Kirche vereint mit der himmlischen. Und an die Stelle des Hochseilgartens das neue Jerusalem, hinabsteigend vom Himmel und geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam! Dann wird der, der auf dem Thron sitzt, endgültig sprechen: „Siehe, ich mache alles neu.“


Predigt, gehalten in Wigratzbad zum Weihefest der Basilika zu Augsburg am 28. September 2014 



Lesung aus der Messe zum Kirchweihfest (Offb 21,2-5):
In jenen Tagen sah ich die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.


Weiteres zum Thema "Liturgie und heiliger Raum"

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Samstag, 4. Oktober 2014

Franz von Assisi und die Würde eines Priesters

Die üblichen Anreden der Priester mit 'Hochwürden' oder in England 'Vater' sind Ausdruck der Ehrfurcht vor dem Priester als Träger und Inhaber göttlicher Gewalten. Sie sind unabhängig von der persönlichen Heiligkeit des Priesters. Vorbild mögen hier sein jene Heiligen, die aus Ehrfurcht vor dem geistlichen Stand die Priesterwürde abgelehnt haben, wie einer der größten Heiligen aller Zeiten, Franz von Assisi, der sich nur zum Diakon weihen ließ. Gleichwohl wusste er sehr zu trennen zwischen Amt und Person.

Es ist überliefert, dass er einmal in einen Ort kam, in dem die Sekte der hochmütigen Katharer ihr Unwesen trieb. Unter der Volksmenge befand sich auch der Seelsorger des Ortes; er stand in keinem guten Ruf. Als die Irrlehrer auf diesen Pfarrer hinwiesen und den Heiligen zu einem Verwerfungsurteil über ihn drängen wollten, trat Franz auf den Verblüfften zu, kniete sich vor ihm nieder und küsste ihm die Hände mit den Worten: "Ich weiß nicht, ob diese  Hände unrein sind; aber das weiß ich, sie haben meinen Herrn berührt."

Die Ehrfurcht des Laien vor dem Priester gründet nicht in dessen  subjektiver Heiligkeit, die freilich wünschenswert und strenge Forderung der Kirche ist, sondern wesentlich in seiner objektiven Heiligkeit und Würde als Stellvertreter Christi.


aus Franz Jehle: Reich der Himmel - Idee und Gestalt der Mutter Kirche; Patria-Verlag Bad Ischl; AD 1949, S. 122

Heiliger Franz von Assisi,
bitte für uns!


Bild: Szenen aus dem Leben des hl. Franziskus von Assisi; wikimedia commons

Samstag, 24. Mai 2014

Erste Begegnung mit der "alten Messe"

Ein Gastbeitrag von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Es sind allem voran bestimmte Begegnungen, die unserem Leben Richtung und Prägung geben. Begegnungen, die aus dem flüchtigen Grau-in-Grau des Alltags hervorstechen. Die ihr Zeichen tief in Seele und Herz drücken. Und die uns wie verwandelt entlassen. Rückblickend erkennen wir sie als Fügungen göttlicher Vorsehung; als Wege der Gnade hin zum Leben in Fülle.

Die bescheidene Begegnung, von der hier die Rede sein soll, ereignete sich vor bald 3 Jahrzehnten in einer Kapelle. Deren Besonderheit liegt nicht in hohem Alter und bedeutenden Kunstschätzen, sondern darin, daß sie zur Versammlungsstätte jener Katholiken geworden ist, die die heilige Messe im "alten Ritus" besuchen wollen.

Der Verfasser dieser Zeilen hatte eigentlich keine Veranlassung, sich in den Kreis solcher Außenseiter zu begeben. Selbst Ministrant in seiner Pfarrei und aktiv in deren Jugendgruppen, war er im "normalen" kirchlichen Leben zuhause und vertraut mit der Form des Gottesdienstes, die er von Kindertagen an als einzige kennengelernt hatte. Warum etwas Neues, auch wenn es das Ältere wäre?

Aber einige Vorkommnisse, teils abschreckender, teils erfreulicher Art, trieben zur Suche an und drängten mit wachsender Eindeutigkeit auf den Pfad der Tradition. So erlebte er auf der einen Seite die offene In-Frage-Stellung von Glaubenswahrheiten im Religionsunterricht und Abstoßendes in der Jugendarbeit und in Jugendgottesdiensten, an deren Gestaltung er selbst Anteil hatte. Auf der anderen Seite standen Begebenheiten, die neue Horizonte eröffneten: eine intensiv religiöse Wallfahrt, die Entdeckung und Pflege "altertümlicher Frömmigkeitsformen" (besonders des Rosenkranzgebetes) sowie die Lektüre wahrhaft katholischen Schrifttums.

Zum ersten Mal wurde der Glaube hier in seiner erregenden Größe und Schönheit, in seinem bindenden und bannenden Anspruch erfahren. Schwindelerregend hoch und abgrundtief, erhaben und innig zugleich erschien die Lehre von der eucharistischen Gegenwart Jesu und von der unblutigen Vergegenwärtigung Seines Liebes- und Lebensopfers in der heiligen Messe. Warum nur waren dem praktizierenden und engagierten Jugendlichen alle diese Wahrheiten so lange beinahe vollständig vorenthalten geblieben? Und wo fanden sie überhaupt einen angemessenen Ausdruck? Im gewohnten gottesdienstlichen Leben jedenfalls war davon wenig auszumachen. Trotz - oder vielmehr: wegen? - der vielgepriesenen "Verständlichkeit" der neuen Liturgie.

So wurde der Wunsch unabweislich, das, was bisher nur vom Hörensagen her bekannt war, mit eigenen Augen und Ohren mitzuerleben: die "alte Messe". War sie, die von den Bauleuten Verworfene, nicht schon durch die bloße Kunde zum Eckstein im Herzen des Suchenden geworden?

Fast immer erspäht der junge Mensch in neuer Umgebung zuerst, was er denn da für Leute um sich habe. Erfreulich war die Entdeckung, daß sich in der Kapelle alle Altersstufen einfanden; und daß es sich keineswegs um lauter religiöse Fanatiker und frömmelnde Exzentriker (die es natürlich auch gab) handelte. Die Formen der Ehrfurcht, im pfarrlichen Leben auf ein kaum noch zu unterbietendes Minimum reduziert und nur von wenigen Randexistenzen beibehalten, hatten bei diesen Gläubigen so gar nichts Übertriebenes an sich. Reine Selbstverständlichkeiten.

Und dann die heilige Messe selbst. Der Neuling sah sich einer eigenen Welt gegenüber. Die war ihm noch weithin verschlossen. Aber in ihrer erfüllten Stille und im erahnten Tiefsinn der Zeichen übte sie eine unaufdringliche und zugleich kraftvolle Anziehung aus. Bis auf die Predigt, weit und wogend wie das Meer, machte dieser Gottesdienst nicht den Eindruck eines Vortrages von Mensch zu Mensch, sondern einer Handlung, genauer noch: einer Begegnung.

Die Haltung und Ausrichtung des Zelebranten, der Ministranten und Gläubigen ließen keinen Zweifel mehr darüber, wer da im Mittelpunkt stand. Es fiel gar nicht schwer, an die wirkliche und persönliche Gegenwart des Erlösers in Seinem Opfer zu glauben. Alles redete ja davon. Alles lenkte die Aufmerksamkeit auf Ihn hin.

Anstatt seine Person hervorzuheben, verschwand der Priester nahezu. Er tauchte gleichsam in dem liturgischen Vollzug unter und ging völlig auf in der Stellvertretung des einen Hohenpriesters Jesus Christus. Aus der Hinwendung zum "Geheimnis des Glaubens" heraus wandte er sich dann auch den Gläubigen zu. Aber ohne den Blick auf den Herrn zu verstellen. Keine störenden subjektiven Einlagen. Die heilige Messe hatte nicht das Gesicht ihres menschlichen Zelebranten. Sie war theozentrisch, christozentrisch.

Endlich hatte der Sucher den Ausdruck jenes eucharistischen Glaubens, der aus den Worten und Gebeten der Heiligen spricht, gefunden! Wohl waren die Zelebrationsrichtung, die lateinische Kultsprache und die lang empfundenen Phasen des Schweigens für den an Verständlichkeit und Abwechslung gewöhnten Meßbesucher zunächst fremdartig. Durch den Entzug äußerer Beschäftigungen sah er sich plötzlich auf sein eigenes, armes Inneres zurückgeworfen: auf die Leere, den schwachen Glauben, die verkümmerte Fähigkeit zur Anbetung...

Doch gerade dadurch kam auch die Einsicht: Die heilige Messe ist eben ein Mysterium; ein Geheimnis, das nicht dem Fassungsvermögen des Menschen angepaßt werden darf, sondern dem sich dieses Fassungsvermögen durch die Gnade und eigenes Bemühen mehr und mehr anpassen soll. Der innerste Mittelpunkt des Glaubenslebens kann nicht nach den Maßstäben Fernstehender gestaltet werden. Nur dem gläubigen Mitvollzug erschließt er sich nach und nach. In das wahrhaft Große wächst man erst mit der Zeit hinein. Der Blick muß geläutert, das übernatürliche Sensorium geschärft werden. Dann beginnt das Abenteuer immer neuer, immer noch herrlicherer Entdeckungen.

Diese erste Begegnung läutete für den Verfasser eine Entdeckungsreise ein, die bis heute kein Ende gefunden hat. Auch die spätere "Gewöhnung" an den traditionellen Meßritus im Priesterseminar und als Priester hat daran nichts geändert. Während das Moderne in seiner Ausrichtung auf den "Menschen von heute" veraltet, offenbart das Alte sich in ewiger Jugend, denn es ist in erster Linie ein "Hintreten zum Altare Gottes, zu Gott, der meine Jugend erfreut" (Stufengebet der hl. Messe). In der Begegnung mit diesem Wunderwerk des Glaubens findet das abenteuerliche Herz, was es sucht: den unerschöpflichen Reichtum des Lebens in der Begegnung mit dem Herrn.



Auflistung der Orte und Zeiten, zu denen die "alte Messe" gefeiert wird: 


Samstag, 3. Mai 2014

Maiandacht 3. Tag - Des himmlischen Vaters Kind

 
Der Geist Gottes hat mich geschaffen
und der Odem des Allerhöchsten mir das Leben gegeben.  
(Job 33,4)
Ich bin der allmächtige Gott, spricht der Herr,
wandle vor mir und sei vollkommen. (1 Mose 17,1)


In heiliger Ehrfurcht stehen wir vor dem unendlichen Gott: von Ewigkeit her hat er es gewollt, dass in Maria uns eine neue Eva geschenkt würde, eine Mutter der Lebendigen dem Geiste nach. Wir wissen zwar, wie unergründlich Gottes Weisheit und unerforschlich seine Wege sind. Doch bitten wir: "Lass uns einen Blick hineinwerfen in deine ewige Weisheit, lass uns tiefer eindringen in deine Ratschlüsse: zeige uns das Bild Mariens ein wenig näher."

So komm denn, gläubige Menschenseele, und schaue, wie der dreifaltige Gott in seiner Weisheit und Liebe Maria einst schmücken will.

Gott Vater, die erste göttliche Person, will Maria sein Kind, seine Tochter nennen. Darum will er in väterlicher Liebe und Sorge alles tun, um diese Menschenseele auch ganz zu seinem Kinde zu machen. Der Mensch nennt nur den in Wahrheit Vater, von dem er das Leben bekommen hat. Soll Maria ganz die Tochter des himmlischen Vaters sein, dann muss sie sein Leben in sich tragen. Darum wird in Mariens Seele, die einst unmittelbar aus Gottes Hand hervorgehen wird, bei der Vereinigung mit dem menschlichen Leib das göttliche Leben nicht geschwächt; im Gegenteil, das göttliche Leben wird das Joch der Erbsünde abwehren und das natürliche Leben veredeln.

Maria, aus königlichem Geschlecht geboren, wird ganz adelig werden, wahre Tochter des himmlischen Vaters sein. Und wie der irdische Vater seinem Kinde alles Gute wünscht, Schönheit und Reichtum und alle guten Gaben, so will der himmlische Vater Maria zieren mit Gnade und Himmelsherrlichkleit, dass einmal vor diesem Menschenkind die Engel sich neigen, vor ihr, der Gebenedeiten unter den Frauen. Alle Güte und Liebe, alles Erbarmen des Vaterherzens soll auf Erden widerscheinen in diesem Kinde. Mutter der Barmherzigkeit werden die Menschen diese Tochter des barmherzigen Gottes nennen; Mutter der heiligen Liebe, Mutter der Güte, Weisheit und Gnade.

O liebe Gottesmutter, wie schön bist du! Wie lieb und gut; des Himmelsvaters geliebtes Kind! Ewig erwählt!

Nun lenken wir unsere Gedanken auf uns selber. Wir wissen, dass Gott auch an uns gedacht hat in seinem ewigen Weltenplan. Obwohl wir alle unter Evas Schuld leiden, will er uns nicht verwerfen, sondern doch noch seine Kinder nennen. "Gott will", so heißt es in der Heiligen Schrift, "dass alle Menschen selig werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen". Es ist der Wille des himmlischen Vaters, dass alle seine Kinder seien, d. h. nicht nur seine Geschöpfe, die seine Allmacht ins Dasein rief, sondern seine Kinder, denen er in seinem Erbarmen alle Schuld verzeihen und statt der Schuld Gnade, statt des Todes das Leben, ja göttliches Leben geben will.

Wie ist es möglich, dass wir so wenig an diese Gotteskindschaft gedacht haben in unserem Leben? Gott hat uns berufen, dass wir seine Kinder werden und bleiben sollen. Wir nennen ein Kind undankbar, wenn es seine irdischen Eltern vergisst! Soll der himmlische Vater auch uns undankbar nennen, weil wir so wenig um seine Vatergüte und Vatersorge uns kümmerten?

Wir wollen Gott um Verzeihung bitten für unsere Undankbarkeit. Wie der heilige Franz von Assisi alles Erdengut von sich wies, um rückhaltlos beten zu können: "Vater unser, der du bist im Himmel", so dürfen auch wir uns nicht von Erdensorgen fesseln lassen. Über allem Irdischen steht die beglückende Wahrheit: Der himmlische Vater ist unser Vater und wir sind seine Kinder!


Wir beten ein Ave Maria, dass Maria uns helfe, stets Kinder Gottes zu sein:
Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir!
Du bist gebenedeit unter den Frauen
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes: Jesus!
Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder,
jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

Sagt Dank dem Herrn, denn er ist gut,
denn ewig währet sein Erbarmen! (Psalm 117,1)
Lasset uns also Gott lieben,
weil er uns zuvor geliebt hat. (1 Joh 4,19)


Gebet:
Gott, himmlischer Vater! Mit Maria hast du uns zu deinen Kindern bestimmt von Ewigkeit her. Wir wollen es nie vergessen, dass du unser Vater bist. Voll Dankbarkeit schauen wir zu dir empor; voll Freude grüßen wir dich und rufen: Vater unser, der du bist im Himmel. Amen.

Maria, du des himmlischen Vaters vielgeliebtes Kind, bitte für uns! Amen.


Maiandachtsbüchlein für Kirche und Haus von Pfarrer Joseph Willmes; A. Laumannsche Verlagsbuchhandlung Dülmen /Westf.;  AD 1935; S. 16-19 



Samstag, 3. August 2013

Ferienzeit - Reisezeit

„Museumswärter“

Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Siena! Mein Wunsch, die gotische Stadt in der Toskana wiederzusehen, war lebhaft: die halbrunde Piazza del Campo, überragt vom riesenhaften Turm des Stadtpalastes (der, wie so viele Gebäude in Siena, die Inschrift „IHS“ trägt), die Dominikanerkirche mit dem Haupt der heiligen Katharina, vor allem aber die Kathedrale, dieses Wunderwerk aus schwarzem und weißem Marmor. Schon beim ersten Besuch, viele Jahre zuvor, hatte sie mich fasziniert wie nur wenige andere Kirchen. 

Als ich mich ihr näherte und staunend die mit Skulpturen übersäte Fassade der Westfront betrachtete, bemerkte ich auch die langen Menschenschlangen, die sich am Portal gebildet hatten, maß ihnen aber noch keine Bedeutung bei. In der Urlaubszeit ist der Andrang an solchen Stätten nun einmal erheblich. Doch dann wurde ich bald der Tatsache gewahr, dass nicht das hohe Personenaufkommen selbst, sondern etwas anderes die Schuld an der Stauung trug: Zum Eintritt in das Gotteshaus muss inzwischen an einer nahegelegenen Verkaufsstelle ein Billet erworben und dann im Eingang des Domes gelöst werden. Man empfiehlt sehr eindringlich die All-Inclusive-Tickets (Preis: 10 Euro), mit denen man außerdem auch das Baptisterium, die Krypta, das Dommuseum und das Oratorium des heiligen Bernhardin besuchen sowie einen Panoramaweg auf den Gemäuern der Kathedrale begehen kann. 

Das ist wirklich nicht teuer im Vergleich zu anderen Besichtigungen. Wer beispielsweise die imposante Kuppel der protestantischen Frauenkirche zu Dresden besteigen will, muss allein dafür 8 Euro bezahlen! Aber genau hier liegt das Problem: Der Rund- und Ausblick auf eine sehenswerte Stadt ist ebenso wie die Gemälde- und Skulpturensammlung eines Museums oder der Prunksaal eines Schlosses ein echtes touristisches Ziel, während es sich bei einer katholischen Kirche in erster Linie um ein Heiligtum der Gegenwart Gottes handelt, erbaut für den Opferkult des Neuen Bundes und für die persönliche Begegnung gläubiger Christen mit ihrem Herrn. 

Diesen Charakter nun hat die Kathedrale von Siena – zumindest in den Zeiten des sommerlichen Massenandranges – verloren. Begibt man sich vor den Seitenaltar mit dem Tabernakel („Zutritt reserviert für Beter“ – immerhin!), so fühlt man sich unter den Blicken der herumlaufenden, ungeniert miteinander redenden und unablässig photographierenden Touristen wie jemand, der in einem Kunstmuseum vor einem religiösen Bild kniend seine Andacht verrichten wollte. Wer würde diesen Menschen nicht für einen wunderlichen, überfrommen Exoten halten, der allenfalls eines halb belustigten, halb bemitleidenden Blickes wert ist! 

Man fragt sich, was geschehen ist, dass sich gläubige Katholiken inzwischen in einer Domkirche wie Fremdlinge vorkommen. Wer trägt die Verantwortung dafür? Es drängt sich mir ein Wort auf: „Museumswärter“. Damit hat es seine eigene Bewandtnis. Denn wiederholt wurde dieser Ausdruck benutzt, Priester und Laien, die sich für die traditionelle Liturgie der Römischen Kirche einsetzen, zu verunglimpfen. Der Vorwurf lautete: „Ihr hütet eure Schätze und achtet streng darauf, dass sich ihnen niemand nahe, sie gar anrühre. Doch diese Dinge sind samt und sonders veraltet, sie taugen nicht mehr für den Menschen von heute. Daher solltet ihr euch endlich den wahren Bedürfnissen der Gegenwart zuwenden und den Krimskrams von früher hinter euch lassen. Sonst seid ihr nicht missionarisch, apostolisch, pastoral, sondern nur Museumswärter!“ 

Mir stellt sich angesichts von Kirchen, für deren Besuch man Eintritt bezahlen muss und in denen der Beter eine Ausnahmeerscheinung darstellt, die Frage, wer es denn nun wirklich verdient, „Museumswärter“ genannt zu werden. Etwa diejenigen, die aus Gründen des Glaubens und der Ehrfurcht die überlieferte Liturgie feiern und damit eine Quelle erschließen, die schon unzählige Menschen geheiligt hat; und die dazu auch die Schätze der Vorzeit (Altäre, Gewänder, sakrale Gerätschaften) wieder ihrem bestimmungsgemäßen Gebrauch zuführen? Oder nicht doch vielmehr diejenigen, welche die Kirchen in der Urlaubssaison dem gewöhnlichen Beter verschließen und nur dem zahlenden Touristen öffnen; die aus den zur Ehre Gottes geschaffenen Kunstwerken Museumsstücke machen und so das prächtige Menschenwerk ins Zentrum rücken, das heiligste Sakrament aber, das Werk Gottes ohnegleichen, in einer verlorenen Nische verschwinden lassen? 

Der Besuch der Kathedrale von Siena jedenfalls hinterließ einen faden Nachgeschmack. Beinahe wähnt man sich schuldig, das Treiben der kirchlichen Museumswärter unterstützt zu haben. Und da ja heutzutage zeitgemäße Schriftübertragungen im Trend liegen, hier meine aktualisierte Form von Mt 21,13: „Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt es zu einem Museum gemacht!“




 Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)


Samstag, 8. Juni 2013

Kardinal Kasper: Der Weg aus der Krise: Beichte, Katechese, Heiligkeit

"Diese Reform (Anm.: der Kirche) fängt bei jedem einzelnen von uns an. Sie fängt - lassen Sie mich das direkt offen sagen - damit an, dass wir in gewissen regelmäßigen Abständen das Sakrament der Buße empfangen."
Bei der Katechese zum Eucharistischen Kongress in Köln am Freitag, den 07. Juni, mahnte Kardinal Kasper eine Wiederbelebung des Sakramentes der Barmherzigkeit (Beichte) an und warb für größere Bemühungen im Bereich der Katechese: "Theologen wie Augustinus und auch Thomas von Aquin waren sich nicht zu schade, den Glauben einfachen Leuten zu erklären." Auch den Priestern empfahl er sich theologisch fortzubilden.

Er zitierte den heiligen Bonaventura, der von einem doppelten Sinn der Theologie gesprochen habe: sie helfe, den Gegnern das Maul zu stopfen und diene dazu die Glaubenden zu erfreuen sowie ihnen die innere Stimmigkeit und Schönheit des Geglaubten aufzuzeigen.



"Wir stehen vor der Aufgabe und haben allen Grund die Dimension des Heiligen zuückzugewinnen, neu Ehrfurcht vor Gott zu lernen, das erste Gebot neu [zu] buchstabieren und damit auch die Ehrfurcht vor den anderen und vor der Natur zu lernen. Ohne die Dimension des Heiligen zurückzugewinnen hängen alle anderen vielleicht noch so guten Reformen und Reformbemühungen in der Luft. (...) Wir müssen die Frage nach dem Heiligen, [die] Gottesfrage in die Mitte rücken. Wir brauchen eine theozentrische Wende in der Theologie und in der Pastoral."

Walter Kardinal Kasper am 07.06.2013 in einer Katechese zum Eucharistischen Kongress in Köln (Video)

Donnerstag, 2. Mai 2013

Welche Politiker kann man als Christ wählen?

Am 26. Mai 2013 werden in Schleswig-Holstein Kreistage, Stadt-  und Gemeindevertretungen gewählt. Am 22. September 2013 wird die Wahl zum 18. Deutschen Bundestag stattfinden, gleichzeitig mit der Wahl des Landtags in Hessen und eine Woche vorher, am 15. September, ist in Bayern Landtagswahl.

Deshalb stellt sich für Katholiken auch wieder die Frage, welche Politiker man guten Gewissens wählen kann. Diese Frage wurde vor einiger Zeit auch auf der Kommunikationsplattform "Direkt zum Kardinal"  an den Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner gestellt. Hier seine Antwort:

Sehr geehrter Herr NN

auf Ihre Frage ist kurz und bündig zu antworten:

Nur diejenigen Politiker und Politikerinnen sind für uns Christen wählbar, die sich in ihren politischen Auffassungen für die Würde des Menschen einsetzen, und zwar in seiner Unantastbarkeit und Heiligkeit von der Empfängnis im Mutterleib bis zu seinem Tod. Der Mensch darf also nicht im Mutterleib abgetrieben und auch nicht in Krankheit und Alter durch Hilfe zur Selbsttötung in anderer Form am Ende seines Lebens „abgetrieben“ werden.

Außerdem sind nur die Politiker für einen Christen wählbar, die für die Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit von Ehe und Familie eintreten und die für eine familienorientierte Erziehung der Kinder Sorge tragen. Ebenfalls halte ich es für selbstverständlich, dass nur solche Politiker wählbar sind, die Ehrfurcht vor Gott haben und die Zehn Gebote Gottes respektieren.

Der Apostel Paulus gibt uns die Mahnung: „Prüft alles, und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,21). Das gilt auch für die nächste Bundestagswahl. Prüfen Sie kritisch die Politiker und geben Sie nur denen Ihre Stimme, die der Wirklichkeit Mensch als Ebenbild Gottes entsprechen.

Mit freundlichen Grüßen

+ Joachim Kardinal Meisner


Danke, Herr Kardinal für diese klaren Worte! 


Weiteres zum Thema:


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