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Mittwoch, 23. Juli 2014

Prof. Georg May: Die andere Hierarchie - Teil 45: Zusammenfassung

Prof. Dr. Georg May

Die andere Hierarchie


Teil 45
Letzter Teil


Verlag Franz Schmitt Siegburg AD 1997


Ergebnisse (Fortsetzung von hier)


Die andere Hierarchie ist ein entscheidender Schritt auf dem Wege der Verwandlung der katholischen Kirche in eine (weitere) protestantische Gruppe. Das Rätesystem ist ein gewichtiger Faktor bei dem unerhörten Prozess der Selbstzerstörung der katholischen Kirche, eine gigantische Fehlkonstruktion mit Folgeschäden größten Ausmaßes, eine der schlimmsten Verirrungen der nachkonziliaren Kirche im Allgemeinen und der Deutschen Bischofskonferenz im Besonderen.

Die Umstülpung der Kirchenverfassung vollzieht sich unter dem Schlagwort der Demokratisierung. Die Führungsschwäche der Bischöfe ist es, die den kirchlichen Demokratismus ermuntert.

Die Demokratisierer wollen nicht etwa Autorität und Führung abschaffen. Sie wollen vielmehr die Verfassung der Kirche so ändern, dass die Herrschaft ihnen zufällt. An die Stelle der Hierarchie geweihter Hirten tritt die Phalanx demagogischer Rhetoren und Skribenten. Die Forderung nach Demokratie in der Kirche hat den Zweck, eine neue herrschende Klasse zu etablieren. Die Basisdemokratie ist nichts anderes  als eine Basisdiktatur. Niemand ist so bodenlos intolerant wie die Verfechter der Demokratisierung der Kirche. Wer sich ihnen entgegenstellt, wird ausgegrenzt.

Das Wesen der Demokratie ist der Relativismus. Das heißt: Es gibt keine absolute, von allen anerkannte und unumstößliche Wahrheit. In der Demokratie herrscht nicht die Wahrheit, sondern die Mehrheit. Was heute richtig erscheint, kann morgen als falsch verworfen werden. Demokratisierung der Kirche bedeutet daher die Etablierung der Beliebigkeit in Lehre, Ordnung und Gottesdienst der Kirche. Demokratisierung der Kirche ist das Ende jeder Gewissheit in Glaube, Sitten und Gottesdienst.

Die Demokratisierung der Kirche soll vor allem dazu dienen, unbequeme Normen der Sittlichkeit und des Rechtes zu beseitigen. Der gesamte pseudodemokratische Betrieb in der Kirche läuft darauf hinaus, das Kreuz Christi zu entschärfen. Das Christentum soll bequem und immer bequemer gemacht werden. Alles Anstrengende, beschwerliche und Lästige soll abgeworfen werden.

Gewiss ist das Ziel der Demokratisierer noch nicht erreicht. Aber auch jetzt schon haben sie Etappensiege errungen.
  • Im Zuge der Demokratisierung der Kirche werden die von Berufslaien gehaltenen Wortgottesdienste "aufgewertet" und betont neben die "Eucharistiefeier" gestellt.
  • Im Zuge der Demokratisierung der Kirche wird die Eucharistiefeier zu einer Mahl- und Gemeinschaftsfeier umfunktioniert.
  • Im Zuge der Demokratisierung der Kirche wird die Geminde an Stelle des Priesters zum Subjekt der Liturgie gemacht. Dem hauptamtlichen Laien werden ständig mehr liturgische Dienste übertragen.
  • Im Zuge dieser Demokratisierung des Gottesdienstes treten Pastoralreferenten bei dem Vorgang der Eucharistiefeier, den Altgläubige Wandlung nennen, zum Priester an den Altar (2).
  • Im Zuge der Demokratisierung teilen - im Widerspruch zur Ordnung der Kirche - Laien das aus, was wir früher Kommunion nannten, während der Priester sich auf seinen Sitz zurückzieht. So wird die heilige Messe zum "Mittel der Durchsetzungs- und Mitbestimmungsstrategien der Laien umfunktioniert" (3).
  • Die Kirche demokratisieren zu wollen heißt, sie dem Chaos ausliefern. "Welch ein Witz ist es doch, eine Erneuerung der Kirche von der Aufweichung der Maßstäbe von Gut und Böse, Wahrheit und Reinheit, Sünde und Gehorsam oder von feministischen geistlichen Herrschaftsansprüchen, Brechung von feierlichen Gelübden und 'demokratischer' Änderung der Wahlordnung für Bischöfe zu erwarten, anstatt von der radikalen inneren Reinigung und Gesinnungsänderung der einzelnen Laien und Priester" (4).

3.  Die unumgängliche Wende

Angesichts dieser Lage muss etwas geschehen. Die deutschen Bischöfe sind erstens an ihre unaufgebbare Position als Nachfolger der Apostel und Inhaber der dreifachen Gewalt zu lehren zu leiten und zu heiligen zu erinnern. Sie sind Glieder der einzigen gottgewollten Hierarchie und zur Wahrnehmung ihrer Aufgaben mit Hirtengewalt ausgerüstet. Sie müssen diese Gewalt gebrauchen, wenn sie sich nicht vor Gott schuldig machen wollen.

Die deutschen Bischöfe sind weiter an ihre unverzichtbare Verantwortung für die Darbietung und Verteidigung des katholischen Glaubens zu erinnern. Sie dürfen weder über unbequeme Gegenstände dieses Galubens schweigen noch sie abschwächen. Sie müssen ihre Lehräußerungen am Lehramt des Stellvertreters Christi ausrichten. (...) Die falschen Lehren von Königstein und Würzburg müssen widerrufen werden. Der Glaube ist das Fundament der Kirche. Wenn er fällt, stürzt die Kirche.

Die deutschen Bischöfe sind sodann an ihre Pflicht, die Theologen wirksam zu beaufsichtigen, zu erinnern. Theologie ist Glaubenswissenschaft. katholische Theologie darf sich in keinem Punkt von der verbindlichen Lehre der Kirche entfernen. Dem Ausstoß glaubenszerstörender Literatur ist wirksam zu begegnen.

Theologen, die den Glauben der Kirche nicht teilen, sind aus ihren Positionen zu entfernen. Es muss endlich einmal damit Schluss gemacht werden, dass ein Kartell von hochbezahlten theologischen Funktionären das ganze katholische Volk in die Irre führt.

Die deutschen Bischöfe sind weiter an ihre unverzichtbare und unübertragbare Stellung und Verantwortung als Repräsentanten Christi zu erinnern. Ihre Repräsentationsfunktion verträgt keine Konkurrenz von parallelen Räten und Gremien, die im Namen der Kirche oder der katholischen Christen zu sprechen sich anmaßen.

Das Rätesystem ist eine gigantische Fehlplanung und eine fatale Verirrung; es hat zu verschwinden.

Es ist geradezu lächerlich, wenn die deutschen Bischöfe in ihrem Papier "Der pastorale Dienst in der Pfarrgemeinde" erklären, die Mitwirkung in den pastoralen Räten sei "ein unverzichtbares Element kirchlichen Lebens" (I,1,3). Das kirchliche Leben war im Vergleich zu heute blühend, als es diese Räte nicht gab. Der Ratlosigkeit der Bischöfe vermag das Rätesystem nicht abzuhelfen. Ich wiederhole darum:

Das Rätesystem muss ersatzlos abgeschafft werden, damit die Hirten ihre Freiheit, ihre Hauptesstellung in der Gemeinde und ihre Berufsfreudigkeit wieder erlangen können. Wenn das Priestertum leben soll, muss die von den deutschen Bischöfen aufgebaute Räteherrschaft sterben.

4.  Die Aufgabe der gläubigen Priester und Laien

Die Lage der Kirche ist ohne Zweifel ernst. Ihre Fundamente sind unterwühlt. Doch Gott hat seine Kirche nicht verlassen. Es sind in der Kirche hierarchische und charismatische Gaben vorhanden (Ad gentes Nr. 4).

Je mehr die Hierarchie göttlichen Rechtes versagt, um so mehr charismatische Laien hat Gott erweckt. So war es immer in der Kirchengeschichte. Im vorigen Jahrhundert hat sich der Sturm der Aufklärer, Protestantisierer und Demokratisierer an katholischen Laien gebrochen. Damals erklärten mehr als vierzig Ortschaften in Württemberg dem König, sie hätten lieber keinen Pfarrer als einen verheirateten. Es ist in unserer Zeit ähnlich.
  • Es gibt auch heute noch Priester, die zuverlässig katholisch sind und an die sich das gläubige Volk halten kann. Diese gläubigen und tugendhaften Priester sehnen sich nach charismatischen Laien. Es gibt sie. Ich denke an Männer wie Walter Hoeres und Robert Spaemann, ich erinnere an Frauen wie Christa Meves und die Gräfin Plettenberg.
  • Einen großen Teil der Arbeit, die von den Bischöfen getan werden müsste, aber nicht getan wird, leisten heute kleine Gruppen beherzter Laien. Ich denke etwa an die Vereinigungen zum Schutz der Liturgie. Sie haben das Wissen um Sinn und Würde des Gottesdienstes lebendig erhalten, als die Bischöfe beinahe alles in diesem Heiligtum der Kirche duldeten.
  • Ich erinnere an die Initiativkreise (Anm.: s. z. B.  hier und hier) Sie haben den Kampf um den Glauben aufgenommen, den angemessen zu führen die meisten Bischöfe nicht gewillt waren.
  • Ich denke an den Freundeskreis Maria Goretti. Diese mutigen Frauen haben mehr für die Erhaltung der Tugend der keuschheit und für den Kampf gegen die Unkeuschheit getan als die gesamte Deutsche Bischofskonferenz.
  • Ich verweise auf die Aktion "Leben". Sie hat das Bewusstsein für das, was katholische Christen dem ungeborenen Leben schuldig sind, wach erhalten.

In ihnen allen sehe ich den Geist Gottes am Werk, der seine Zeugen erweckt.

Immer hat eine wahre Erneuerung in kleinen Kreisen begonnen; ihr unbeirrbares Zeugnis konnte jedoch auf die dauer nicht übersehen werden. Die unter Tränen säen, werden einst mit Freude ernten. Der Herr, dem sie einsam, aber furchtlos gedient haben, wird einst zu ihnen sprechen: "Ihr seid es, die mit mir in meinen Anfechtungen ausgeharrt habt. Darum vermache ich euch das Reich, wie mein Vater es mir vermacht hat" (Lk 22,19).


(2)  Theologisches 22, 1992, 467
(3)  Walter Hoeres (Theologisches 22, 1992, 469)
(4)  Deutsche Tagespost Nr. 91 vom 1. August 1995 S. 9 (Siegfried Ernst)


Hiermit endet die Schrift "Die andere Hierarchie" von Prof. Dr. Georg May. Angefügt an die Ausführungen von Prof. May, die er als Vortrag am 03. 10.1997 auf der 7. Theologischen Tagung  der Zeitschrift "Theologisches" in Fulda gehalten hat, ist ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis, das hier nicht wiedergegeben wird.


Übersicht: Zu den Fortsetzungen Teil 1 - 45


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In "Kathpedia" ist über das Entstehen dieser Schrift von Georg May zu lesen:

Seit mehreren Jahrzehnten haben Einzelpersonen und Gruppen katholischer Christen, die voll auf dem Boden der kirchlichen Lehre stehen, auf eine Entwicklung hingewiesen, die sich in den Bistümern der katholischen Kirche in Deutschland vollzieht, nämlich auf die schleichende oder offene Entwertung des Priestertums, der priesterlichen Würde und der priesterlichen Vollmacht.

Am 3. Oktober 1997 hielt Professor Dr. Georg May im Rahmen der 7. Theologischen Tagung der Zeitschrift „Theologisches" in Fulda einen Vortrag, der dieses unheilvolle Geschehen zum Gegenstand hat. Er zeigte in den einzelnen Bereichen und auf den verschiedenen Ebenen die Entmachtung des Priestertums und die Wucherung des Rätesystems auf.

Es wurde deutlich, dass das Versagen der echten, gottgestifteten Hierarchie die Hauptursache für die Entstehung der anderen, entgegengesetzten Hierarchie ist. Der Widerspruch zwischen gottgewollter Kirchenverfassung und zeitgeistorientierter Umwälzung trat den Zuhörern plastisch vor Augen. Wenige Wochen später wurde er und die Veranstalter der Tagung von höchster kirchlicher Stelle bestätigt, durch die "Instruktion zu einigen Fragen über die Mitwirkung der Laien am Dienst der Priester." Diese Instruktion bestätigt die Ausführungen Georg Mays in entscheidenden Punkten.

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Der Vortrag von Prof. May am 03. 10.1997 ist auch auf Audio-Cassette (MC) erhältlich bei:
WETO Verlag Albrecht Weber:
Prof. Dr. Georg May: "Die andere Hierarchie"
9 Nr. 2-9728   (2 Cassetten)
8,50 Euro / 18,25 SFr
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Weiteres zum Thema:


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Samstag, 28. Juni 2014

Prof. Georg May: Die andere Hierarchie - Teil 40: Fazit: Das Rätesystem

Prof. Dr. Georg May

Die andere Hierarchie


Teil 40


Verlag Franz Schmitt Siegburg AD 1997


Fortsetzung von hier

§ 13  Zusammenfassende Würdigung des Rätesystems

I.  Die Gegen-Struktur

1.  Beraten und Beschließen

Die andere Hierarchie, d.h. das System der Räte und Gremien, ist nun an der göttlichen Verfassung der Kirche zu messen. In den deutschen Diözesen sind auf den Ebenen der Pfarrei, des Dekanates, des Bistums Räte gebildet worden, welche den Laien die Teilhabe an der kirchlichen Sendung ermöglichen sollen.

Diese Gremien sind keineswegs harmlose Versammlungen. "Die Räte sind kirchenamtliche Organe, die zu rechtlichem Handeln im Namen der Kirche befugt sind" (1). Ihre Kompetenz ist sehr ausgedehnt. Der Zuständigkeitsbereich der Räte deckt sich in weitestem Umfang mit jenem der geistlichen Amtsträger. Die Räte haben, anders, als der Name vermuten lässt, nicht bloß beratende, sondern auch beschließende und ausführende Funktionen. Letzteres steht in eindeutigem Widerspruch zum Willen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Aus dem Laiendekret Nr. 26 ergibt sich nirgendwo, dass Räte andere als beratende Funktion haben sollten.

2.  Doppelte Vertretungsrolle

Die Laienräte nehmen eine doppelte Vertretungsbefugnis in Anspruch; nach außen, in die Öffentlichkeit, handeln sie im Namen der ihnen zugeordneten Teilgemeinschaften, z.B. als Sprecher einer Pfarrei, nach innen wollen sie die ihnen zugeordneten Teilgemeinschaften in die jeweils nächsthöhere Einheit einbringen.

In dieser doppelten Vertretungsrolle der Laienräte liegt der Versuch des Aufbaues einer anderen Hierarchie, so dass in der Pfarrei nicht allein der Pfarrer, sondern auch der Pfarrgeminderat und in der Diözese nicht allein der Bischof, sondern auch der Diözesamrat verantwortlicher Vertreter der zugeordneten kirchlichen Teilgemeinschaften sind" (2). Die Folgen solcher Doppelung liegen auf der Hand: Was der eine Vertreter einer kirchlichen Gemeinschaft verlautbart, dem kann der andere Vertreter derselben Gemeinschaft widersprechen. Es kommt dann zu dem Zustand, den wir heute haben.

Für die katholische Kirche in Deutschland sprechen sowohl die Deutsche Bischofskonferenz als auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Für die Diözese sprechen der Diözesanbischof und der Diözesanrat. Für die Pfarrei sprechen der Pfarrer und der Pfarrgemeinderat. Es ist offensichtlich: Man hat den Versuch gemacht, "ein "dyohierarchisches System aufzubauen, das von der Pfarrei über die Diözese bis in den Bereich der Deutschen Bischofskjonferenz reicht" (3).

"Das durch die bischöfliche Gesetzgebung im Bereich der Bundesrepublik Deutschland aufgebaute Rätesystem ist, im Ganzen gesehen, der Versuch des Aufbaus einer anderen Hierarchie, die auf der alsbald nach Abschluss des Konzils aufgekommenen Polarisierung von Amtskirche und Laienkirche aufruht. Sie ist Ausdruck einer Demokratisierung, die mit dem konziliaren Selbstverständnis der Kirche als des neuen Gottesvolkes nicht zu vereinbaren ist" (4).

Auf das Konzil kann man sich bei dieser Konstruktion nicht berufen. "Man darf sicher sein, dass das Konzil mit dem knappen Hinweis auf mögliche andere Räte nicht im Traum daran gedacht hat, dem Aufbau eines Rätesystems das Wort zu reden, das von der Pfarrei als Basis ausgeht, bis in die internationale Ebene reichen und neben dem hierarchischen Strukturgefüge der Kirche stehen soll" (5).


II.  Das protestantische Vorbild

Was hier vorgeht, ist offensichtlich. Die hierarchische Kirche soll in eine presbyterial-synodale umgestaltet werden. Das protestantische Modell des Presbyteriums und der Synode steht Pate bei der Gremienbeflissenheit unserer Zeit. Das Rätesystem ist eine schlechte Kopie des protestantischen Presbyterial- und Synodalprinzips. Schon Mörsdorf wies auf das möglicherweise wirksame protestantische Vorbild hin (6).

Wie sieht der Verfassungsaufbau im Protestantismus aus? Ich gebe einen allgemeinen Überblick. Die zahllosen Unterschiede zwischen den ca. 30 evangelischen Kirchen auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland bleiben unberücksichtigt. Die protestantische Kirchenverfassung hat sich weitgehend an die weltliche demokratische Ordnung angeglichen. Kennzeichnend sind die presbyterale Organisation der Gemeinde und die Synodalverfassung.

1.  Das Presbyterialsystem

Auf der untersten Ebene steht die Gemeinde. Die protestantische Gemeindeverfassung beruht auf der Vorstellung der Gleichheit aller Kirchenmitglieder; es gibt keine Unterscheidung zwischen allgemeinem und besonderem Priestertum. Der Protestantismus leugnet radikal die Existenz einer Hierarchie göttlichen Rechtes. Er kennt sur eine kollegiale Organisation.

Das Kollegialorgan vertritt die Kirchengemeinde. Die Geistlichen und die übrigen Kirchenmitglieder wirken daher gleichberechtigt bei der Leitung der Gemeinde mit. In allen Landeskirchen existiert ein Gemeindekirchenrat oder Kirchenvorstand. Dem Kirchengemeinderat oder Gemeindekirchenrat bzw. Kirchenvorstand soder Presbyterium obliegt die Leitung der Gemeinde.

In der Kirchenordnung für Westfalen von 1953 heißt es: "Die Presbyter sind berufen, im Presbyterium in gemeinsamer Verantwortung mit den Pfarrern die Kirchengemeinden zu leiten" (art. 35). Weiter unten: "Die Leitung der Kirchengemeinde liegt beim Presbyterium (art. 54 Abs. 1). Seine Zuständigkeit ist umfassend (Art. 55-56). Darin wirken Laien als Kirchenvorsteher (Älteste) mit dem Pfarrer zusammen. Den Vorsitz hat entweder ein Laie oder der Pfarrer. 

In den  lutherischen Landeskirchen wird stärker die Hilfsfunktion gegenüber dem Amt, in der reformierten mehr die gemeinsame Leitungsaufgabe durch Pfarrer und Älteste betont. Pfarrer und Älteste stehen jedoch stets im Verhältnis der Gleich- bzw. Neben-Ordnung.

Die Ältesten wirken an dem (protestantisch) verstandenen Priester-, Hirten- und Lehramt mit. Der Pfarrer kann Leitungs- und Verwaltungsaufgaben nur im Zusammenwirken mit dem Kirchenvorstand wahrnehmen. 

Die Kircheältesten werden auf Zeit, und zwar regelmäßig durch Wahl, bestellt. Der Wirkungskreis des Kirchenvorstandes ist grundsätzlich umfassend. Er ist für alles zuständig, was die Gemeinde angeht. Er vertritt die Gemeinde in ihren inneren und äußeren Angelegenheiten. Der Gemeindekirchenrat hat vielfach weitgehende Rechte z. B. bei der Besetzung gemiendlicher Stellen. Die Ältesten üben Seelsorge aus (8). Die Ältesten haben lehramtliche Funktionen und wirken verantwortlich bei der Ordnung des Gottesdienstes mit (9).

2.  Das Synodalsystem

Neben dem Presbyterialsystem kennt der Protestantismus ein Synodalsystem, das sich auf mehreren Stufen aufbaut (Kreis-, Provinzial-, Nationalsynode). Zwischen den Gemeinden und den Landeskirchen existieren regionale Gliederungen wie Dekanatsbezirke und Kirchenkreise, denen Synoden zugeordnet sind. Die Synoden haben geistliche und weltliche Mitglieder. Geistliche und die übrigen Kirchenmitglieder wirken in ihnen gleichberschtigt mit. Die Landessynoden besitzen (allein) die gesetzgebende Gewalt.

Dieser Aufbau der protestantischen Religionsverbände ist vom protestantischen Lehrsystem her gesehen, konsequent. Der Protestantismus kennt kein Weihesystem und keine Hierarchie. Die protestantische Ordination besitzt keinen sakramentalen Charakter. Sie begründet keinengeistlichen Sonderstatus, der den Ordinierten aus der Gemeinschaft des allgemeinen Pristertums heraushebt.

In der Ordnung des geistlichen Amtes der evangelischen der evangelischen Kirche in Österreich vom 18. November 1949 heiß0t es klipp und klar: Das geistliche Amt "verleiht keinen unverlierbaren Charakter" (1 Abs. 3) Der Ordinierte ist lediglich von Rechts wegen zur Wahrnehmung bestimmter Dienste an Wort und Sakrament beauftragt.

In manchen Kirchenordnungen der neuesten Zeit ist ausdrücklich bestimmt, dass unter gewissen Umständen auch "nichtordinierte Gemeindemitglieder den Dienst der öffentlichen Verkündigung des Evangeliums und der Sakramentsverwaltung  auch ohne besonderen Auftrag übernehmen" können (Berlin-Brandenburg 1949).

Weil es im Protestantismus keine sakramentale Weihe gibt, kann es in ihm auch Über- und Unterordnung sowie die Unterscheidungen von Befehlenden und Gehorchenden nicht geben. Anordnungen von Gremien und Synoden sind lediglich um der guten Ordnung willen nach Möglichkeit zu beachten, aber sie haben keine Begründung im göttlichen Recht.

Was vom protestantischen Standpunkt aus legitim ist, muss, wenn man es auf die katholische Kirche überträgt, aus der Sicht des katholischen Glaubens als Abfall und Verkehrung gekennzeichnet werden. Änderungen in der Ordnung und im Recht besitzen in der katholischen Kirche dogmatische Relevanz. Wenn sich die Disziplin wandelt, wird die Verkehrung des Dogmas vorbereitet. Ein hierarchisches Ordnungsgefüge göttlichen Rechtes ist ohne Gehorsamsverpflichtung nicht denkbar.


(1)  Mörsdorf, Die andere Hierarchie 462
(2)  Mörsdorf, Die andere Hierarchie 477
(3)  Mörsdorf, Die andere Hierarchie 478
(4)  Mörsdorf, Das konziliare Verständnis 401
(5)  Mörsdorf, Das konziliare Verständnis 400f
(6)  Mörsdorf, Die andere Hierarchie479
(7)  Wendt, das Ältestenamt 99
(8)  Wendt, das Ältestenamt 99
(9)  Wendt, das Ältestenamt100

Anm.: Hervorhebung durch Fettdruck von FW

Fortsetzung folgt

Übersicht: Zu den bisher erschienenen Fortsetzungen 

Samstag, 14. Juni 2014

Prof. Georg May: Die andere Hierarchie - Teil 29: Der ökumenische Betrieb

Prof. Dr. Georg May

Die andere Hierarchie


Teil 29

Verlag Franz Schmitt Siegburg AD 1997


Fortsetzung von hier

V.  Der ökumenische Betrieb

Ein wahres Verhängnis für das katholische Priestertum war die Eröffnung des ökumenischen Betriebs durch das Zweite Vatikanische Konzil. Hier wurde eine Lawine losgetreten, die das Priestertum zu vernichten droht.

Man versteht, weshalb die Modernisten und Progressisten allesamt fanatische Ökumeniker sind. Denn ihre geistige Heimat ist der Protestantismus. Je mehr Gemeinsamkeit mit dieser Religion hergestellt wird, um so geringer muss das katholische Wesen der Kirche werden. Je protestantischer die Kirche wird, um so leichter lassen sich ihre Aufstellungen vertreten und um so selbstverständlicher werden die chaotischen Verhältnisse, in welche die sogenannten Reformen sie hineingestoßen haben.

Wenn Bischof Lehmann erklärt, die Chancen für die Wiedervereinigung der Kirche seien heute so groß "wie noch nie in der Geschichte" (37), dann hat er recht.

Noch nie war der Klerus für den Protestantismus so anfällig wie heute. Noch nie war der Widerstand gegen die Protestantisierung so gering wie heute. Die allermeisten Katholiken wissen nicht mehr, was katholisch ist und weshalb sie katholisch bleiben sollen. Die Masse der katholischen Christen mag sich erst recht nicht mehr als katholisch bekennen und will sich nicht mehr als katholisch behaupten. Sie will sein wie die anderen, untertauchen in der Menge entkirchlichter und entchristlichter Zeitgenossen.

Der ökumenische Betrieb trifft das katholische Priestertum in der Wurzel. Im Namen des Ökumenismus zwingen die deutschen Bischöfe ihre Priester, mit nichtkatholischen Religionsdienern in gemeinsamen Gottesdiensten zusammenzuwirken. Auf diese Weise verwirren sie die Gewissen, verdunkeln den Glauben und fördern den Übergang zum Protestantismus.

Die Entwicklung ist auch hier, wie vorauszusehen war, über die bischöflichen Vorgaben hinausgegangen. Kanzeltausch und Interzelebration sind in deutschen Landen keine Seltenheit mehr. Ich kenne einen katholischen Pfarrer, der den Vorabendgottesdienst am Samstag von einer protestantischen Pastorin halten ließ. Niemals ist etwas Ernsthaftes geschehen, um die Missbräuche zu unterbinden. Man bedenke, was hier geschieht: Der katholische Priester, der mit dem nichtkatholischen Religionsdiener bei religiösem Tun gemeinsam auftritt, begibt sich damit eines Stückes seiner Identität.

Der protestantische Pfarrer ist unserer Achtung gewiss. Aber eines dürfen Sie nicht tun, meine Herren Bischöfe! Stellen Sie ihn nicht auf dieselbe Ebene wie den katholischen Priester, denn dahin gehört er nicht. Er ist ein mit gewissen religiösen Funktionen betrauter Laie, aber kein seinsmäßig Christus, dem Priester, verähnlichter Vollzieher unsagbarer Geheimnisse. Hören Sie auf mit dem Ökumenismus, der den Priesternachwuchs erdrosselt, dem geweihten Priester das Würdebewusstsein raubt und das gläubige Volk in die totale Verwirrung führt! Der Teil des katholischen Volkes, der sich den Glauben bewahrt hat will den geweihten Priester haben, nicht den protestantischen Religionsdiener!

Viele Priester haben keine Einwände, wenn die Kirche immer mehr nach dem protestantischen Vorbild umgestaltet wird. Sie spüren, wie die Kirche immer mehr in protestantisches Fahrwasser abdriftet, und sie helfen dabei kräftig mit, denn das Leben wird bequemer.

Die Moral ist schon auf weite Strecken protestantisiert. Von der Glaubenslehre bröckelt ein Gegenstand nach dem anderen ab. Der Empfang des Bußsakramentes hat weithin aufgehört. Viele Priester haben in  Lehre und Lebenswandel das protestantische Vorbild weitgehend übernommen.

Die katholische Wahrheit bleibt häufig ungesagt oder wird verkehrt, die protestantischen Irrtümer werden nicht aufgezeigt. Die Kirche wird geschmäht, über den Protestantismus darf nur Gutes geäußert werden.

Ein beträchtlicher Teil des Klerus ist damit beschäftigt, die Gläubigen in die protestantischen Hürden zu treiben. Die Haltung gegenüber dem Protestantismus ist bei der Mehrheit die konstante Bereitschaft zur Kapitulation. Das Ringen um den katholischen Abschluss von Mischehen, um die katholische Taufe und Erziehung der Kinder und um die Beheimatung der Mischehen in der katholischen Kirche hat fast überall aufgehört.


(37)  Materialdienst 47, 1996, 43; L'Osservatore Romano Nr. 8 vom 23. Februar 1996 S. 4


Fortsetzung folgt




Weiteres zum Thema "Protestantisierung":


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Montag, 11. November 2013

Prof. G. May: Die andere Hierarchie - Teil 9: Die Rede von der "Mitte" und von der Polarisierung


Prof. Dr. Georg May

Die andere Hierarchie
Teil 9


Verlag Franz Schmitt Siegburg AD 1997



III. Die Rede von der "Mitte"

1.  Die Bischöfe

Die meisten Bischöfe berufen sich in ihrem Verhalten darauf, dass sie in der "Mitte" stünden. Nach dieser Selbsteinschätzung gibt es Linke und Rechte in der Kirche. Als Rechter wird heute bezeichnet, wer sich den katholischen Glauben ungeschmälert bewahrt hat und ihn so lebt, wie es vor 50 (Anm.: munmehr ca. 70) Jahren die ganze Kirche tat; dadurch ist er plötzlich zum Rechten, Rechtskonservativen oder gar Rechtsextremen geworden. Die genannte Selbsteinschätzung der Bischöfe ist eine Prüfung wert.

Wie steht es um die "Mitte"? Zunächst einmal: Bei vielen Gegenständen gibt es überhaupt keine Mitte, sondern nur richtig oder falsch, ein Ja oder ein Nein. So gibt es keine Mitte zwischen katholisch und nichtkatholisch. Die Mitte wäre hier das Jein, das sich nicht entscheiden kann und hin- und herschwankt wie ein Schilfrohr. Bei in sich schlechten Handlungen gibt es ebenfalls keine Mitte. Ein Mensch verhält sich entweder keusch oder unkeusch. Wo ist die Mitte zwischen Gläubigen und Ungläubigen? Vermutlich, wo die Halb- oder Viertelgläubigen sind.

Sodann: Nach allen Erfahrungen der Geschichte sammeln sich in der Mitte jene, die man als Anpasser und Mitläufer bezeichnet. In der Mitte befindet sich, wer den Mantel nach dem Winde hängt. In der Mitte sind jene, die den Opportunismus zu ihrem Leitprinzip erhoben haben. In der Mitte stehen die, welche dem Hang zur Bequemlichkeiten nachgeben. 

In den Parlamenten der Französischen Revolution saßen jene Abgeordneten in der Mitte, die jeweils mit denen stimmten, die sie als die mächtigste Partei ansahen; diese Mitte trug verdientermaßen den Namen le marais, d.h. der Sumpf. Wer klaren Entscheidungen ausweicht, mag sich in der Mitte befinden, aber es ist dies der Platz der Unentschiedenheit und der halben Maßnahmen. Von dem französischen König Ludwig XVI. heiß es: "Unentschlossen wie immer, tut er das Mittlere, das sich in der Politik jederzeit als das Fehlerhafteste erweist" (Stefan Zweig).

Was sich heute als Mitte ausgibt, das sind jene, die sich in den Trend der Protestantisierung eingegliedert haben; das sind jene, die der Selbstzerstörung der Kirche tatenlos zusehen; das sind jene, die sich vor Gott und der Geschichte durch Feigheit und Katzbuckeln schuldig gemacht haben. Die MItte zwischen heiß und kalt ist lau. Von den Lauen aber steht geschrieben: "Weil du lau bist und nicht warm noch kalt, will ich dich ausspeien aus meinem Munde" (Apk 3,16). (...)


IV.  Die Rede von der Polarisierung

Die in der "Mitte" stehenden  deutschen Bischöfe reden oft von der angeblichen Polarisierung der Gläubigen, die vermieden werden müsse.

Polarisierung heißt Herausstellung der Gegensätze in einer Gesellschaft. Sie setzt mindestens zwei Pole, also sich gegenüberstehende Fronten, voraus. Ich sehe aber in der Öffentlichkeit der katholischen Kirche fast nur eine einzige Front, die der Progressisten unterschiedlichster Couleur, die von Küng bis Lehmann reicht. Die wenigen Gläubigen, die sich gegen die Einheitsfront der Progressisten stellen, sind schwach, ja, ohnmächtig. Ihnen wird fortwährend von progressistischen Blättern wie der "Herder-Korrespondenz" bescheinigt, dass sie eine verschwindende Minderheit sind. Ich wünschte, dass sie in der Lage wären, eine starke Front gegen Abfall und Zersetzung aufzubauen.

Denn soviel ist klar: Die Polarisierung ist Pflicht, wo es darum geht, dem Irrtum die Wahrheit entgegenzusetzen. Die Polarisierung ist Pflicht, wenn die Unordnung durch die Ordnung korrigiert werden muss. Der Friede in der Kirche kann nicht auf dem Grabe des Glaubens und des Rechtes errichtet werden. Bei dieser Art von Polarisierung wissen wir uns in guter Gesellschaft. Jesus selbst hat polarisiert, indem er seine Botschaft unverfälscht vortrug. Das hatte die Wirkung, dass viele sagten: "Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören?"

Es ist geradezu die Eigenart der Botschaft Jesu, polarisierend zu wirken. Sie scheidet die Anhänger von den Gegnern. Die Spaltung der Kirche, und zwar in grundwesentlichen Fragen des Glaubens, der Ordnung und des Gottesdienstes, ist eine Tatsache, die durch keine Vertuschung aus der Welt geschafft wird. Bei dem dadurch anhebenden Kampf wollen wir auf der richtigen Seite stehen.



Fortsetzung folgt in unregelmäßigen Abständen

Dienstag, 25. Juni 2013

Stellungnahme des Forums Deutscher Katholiken (FDK) zur EKD-Orientierungshilfe zum Thema Ehe und Familie

Erneuter Tiefschlag für die Ökumene durch die EKD

Der Rat der EKD hat vor wenigen Tagen zum Thema Ehe und Familie eine sog. “Orientierungshilfe” herausgegeben. Eine ad-hoc-Kommission aus 14 Mitgliedern, denen u. a. eine Professorin für “Gendersensible Soziale Arbeit” angehörte, hat über 3 Jahre unter Vorsitz einer früheren SPD-Bundesministerin aus diesem Papier den “normativen Ton kirchlicher Verlautbarungen in der Vergangenheit” zurückgenommen und sich damit erneut dem Zeitgeist gebeugt.

Durch die Feststellung, dass Familie nicht nur aus Mutter, Vater und Kindern, sondern überall auch dort besteht, wo “Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung übernehmen”, weshalb auch Homo-Partnerschaften “Familie” seien, hat die EKD ihre Selbstsäkularisierung weiter vorangetrieben. Sie hat die Ehe aus der biblischen Schöpfungsordnung herausgenommen, d. h. die Verbindung von Mann und Frau als nicht mehr schöpfungsgemäß bezeichnet. Das biblische Fundament der Ehe wird verneint, die Orientierung am Evangelium ist dem Zeitgeist gewichen. Der Genderismus hat über die Treue zu den Glaubensgrundsätzen der Kirche gesiegt.

Nachdem die EKD schon früher dem Import von embryonalen Stammzellen zugestimmt hatte, der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider dem Sterbenden, der eine Suizid-Hilfe fordert, die Hand halten wollte und der Beschluss des Deutschen Bundestages zur Präimplantationsdiagnostik (PID) auf einen Antrag zurück ging, den ein evangelischer Pfarrer im Parlament mitunterzeichnet hatte, verwundert dieser Text nur noch Naive.

Wir stellen fest, dass es in Fragen des ungeborenen Lebens, des Lebensschutzes bis zum Tode und bei Ehe und Familie keine Gemeinsamkeiten (mehr) zwischen der katholischen Kirche und der EKD gibt. Deshalb widersprechen wir auch entschieden dem EKD-Ratsvorsitzenden, dass die “ökumenische Gemeinschaft eine solche Diskussion aushalten müsse”. Biblische Normen und ethische Grundsätze sind für uns nicht verhandelbar, und wir entscheiden auch zukünftig selbst, was wir “aushalten müssen”.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat bisher nur den Vorsitzenden ihrer “Familienkommission”, Bischof Tebartz-van-Elst, zu einer kritischen Reaktion veranlasst. Jetzt warten wir gespannt auf die offizielle Stellungnahme der katholischen Bischöfe. Da hier weitere Grundfragen der Ökumene-Gespräche tangiert sind, werden sich die Bischöfe ja wohl sehr bald deutlich zu Wort melden.


Prof. Dr. Hubert Gindert
Vorsitzender des Forums Deutscher Katholiken


Stimmen zur EKD-Orientierungshilfe zum Thema Ehe und Familie:

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Mittwoch, 10. April 2013

Missing Link: Apostolische Sukzession


"Wenn die Evangelischen Kirchen sich dazu durchringen könnten, zuzugeben, dass sie bisher mit ihrer Ablehnung der Apostolischen Sukzession im Irrtum waren und sie energische Schritte unternähmen, um diesen Mangel zu heilen, dann wäre ein wesentliches Hindernis beseitigt, das die Katholiken und Orthodoxen bisher davon abhält, die Evangelischen Kirchen als Kirchen anzuerkennen."


Andreas Theurer in "Warum werden wir nicht katholisch?"; Dominus Verlag Augsburg 2013; S. 47 (s. Quellen)

In seiner Schrift geht der ehemalige ev.-lutherische Pastor auf die von katholischer Lehre abweichenden Positionen der "Evangelischen Kirchen" ein, z.B. bezüglich der Bedeutung der Tradition, der Apostolischen Sukzession, des Papstamtes, der Marien- und Heiligenverehrung, und erläutert die Plausibilität der katholischen Auffassung.



Mehr dazu:


Foto: Apostolische Sukzession: Priesterweihe der Petrusbruderschaft am 19.05.2012 in Lincoln (USA) durch Bischof Fabian Bruskewitz (Quelle)

    Samstag, 3. November 2012

    Besser katholisch sterben

     
    Melanchton war ein Gehilfe Luthers. Als seine alte Mutter schwer krank war, ließ sie bekanntlich ihren Sohn anfragen, ob sie nun im alten oder im neuen Glauben sterben soll? 

    Und er schrieb ihr zurück: "Im protestantischen Glauben ist besser zu leben und im katholischen besser zu sterben."



    aus:
    Jakob Scherer in "Warum liebe ich meine Kirche?"; MZ-Druck Regensburg

    Samstag, 29. September 2012

    Teufel und Tintenfass


    P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad 

    Im Leben des Dr. Martin Luther spielte der Teufel keine geringe Rolle. Von Kindheit an, so berichtet er selbst, habe er die Belästigung böser Geister erfahren, die später noch stärker geworden sei. Besonders in der Einsamkeit der Wartburg, auf die sich Luther nach seiner Ächtung durch die Kirche im Jahr 1521 zurückgezogen hatte, sah er sich als Zielscheibe heftiger Angriffe vonseiten dämonischer Mächte. Er habe sich jedoch erfolgreich mit Gebet und fröhlichem Singen gegen sie zur Wehr setzen können.

    Der Legende nach soll Luther einmal, als er sich in der Nacht arg bedrängt fühlte, mit einem Tintenfass nach dem Teufel geworfen und ihn dadurch vertrieben haben. Den berühmten Fleck an der Wand zeigt man den zumeist belustigten Besuchern der Wartburg noch heute; glaubwürdigen Informationen zufolge wurde und wird er aber immer wieder aufgefrischt...

    Jedenfalls hielt Martin Luther, der Mann am Anfang der großen und folgenreichen Glaubensspaltung des 16. Jahrhunderts, die gefallenen Engel für durchaus reale Wesen mit erheblichem Einfluss auf das Leben der Menschen. Er nahm die Worte des heiligen Paulus ernst, der von einem Kampf spricht, der sich „nicht gegen Fleisch und Blut richtet, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternisse, gegen die Geister der Bosheit in den Lüften.“ (Eph 6,12) 

    Vor diesem „Teufelsglauben“ Luthers stehen heutige Protestanten weitgehend verschämt da. Sie sehen sich genötigt, die Äußerungen ihres Gründervaters zu entschuldigen, und weisen darauf hin, der Reformator sei hier und da eben doch noch in der mittelalterlichen Glaubens- und Frömmigkeitswelt verhaftet gewesen. Heute freilich sehe man das anders.

    Aber auch vor der katholischen Theologie hat eine solche Einstellung nicht Halt gemacht; man denke nur an das 1978 erschienene Buch des Alttestamentlers Herbert Haag mit dem programmatischen Titel „Abschied vom Teufel“. 

    Als Bibelwissenschaftler musste Haag freilich zugeben, dass die Heilige Schrift sehr viel vom Widersacher Gottes und Versucher der Menschen spricht. Er hatte sich mit den Teufelsaustreibungen im Wirken Jesu, mit dessen klaren Worten über den Feind des Menschengeschlechtes auseinanderzusetzen. Doch meinte der Professor, den Verständnisschlüssel gefunden zu haben: Immer, wenn in den Evangelien von dämonischer Besessenheit die Rede sei, könne man davon ausgehen, dass es sich nach heutigem Verständnis schlicht und ergreifend um Krankheiten handele, die man sich zur Zeit des Herrn eben gleichsam personifiziert vorgestellt habe. Demnach wären die Evangelisten, ja auch Jesus selbst einem Weltbild verhaftet gewesen, das inzwischen längst überwunden ist! 

    Allerdings bemerkt der aufmerksame Leser recht schnell die Schwierigkeiten einer Gleichsetzung von Dämonen und Krankheiten. Im einen oder anderen Fall teuflischen Wirkens im Neuen Testament mag man zwar mit dieser Erklärung auskommen. Doch welche Krankheit tritt denn wohl derart an einen Menschen heran wie nach den Evangelien der Versucher in der Wüste an Christus (vgl. Mt 4,1ff.; Lk 4,1ff.)? Sollte unser Herr Halluzinationen gehabt haben? Und wo wurde es je vernommen, dass eine Krankheit, die sich selbst „Legion“ nannte, auf Befehl den Patienten verlassen hätte und in eine Schweineherde gefahren wäre, die sich daraufhin, von wilder Panik erfasst, in einem Gewässer versenkte (vgl. Mk 5,1ff. u. par.)? Erstaunliche Krankheit! 

    Freilich sehen Autoren wie Herbert Haag in derlei Schriftstellen unhistorische Erzählungen. Doch gerade damit liefern sie denn auch den Beweis, dass sie ihre „Erkenntnisse“ über die angebliche Nichtexistenz Satans nicht aus der Heiligen Schrift gewonnen haben. Ihre Argumente sind – darauf hat bereits kurz nach Veröffentlichung des Buches „Abschied vom Teufel“ kein Geringerer als der heutige Papst hingewiesen – nicht biblischer Natur, sondern die typischen Vorurteile des modernen Unglaubens, der nichts annehmen will, was sich nicht in sein enges naturwissenschaftliches Weltbild einpasst. 

    Wer demgegenüber auch als Nichtchrist die Evangelien ohne Vorbehalte und ehrlichen Sinnes liest, der kommt nicht um die Feststellung herum, dass zumindest die Evangelisten selbst von der realen Existenz des Teufels ausgingen, folglich auch Jesus Christus, wie er uns von ihnen geschildert wird. Und dem gläubigen Christen zeigt sich die Wahrheit dieser Lehre, die übrigens auch zur verbindlichen Verkündigung der Kirche gehört (vgl. z.B. das Vierte Laterankonzil im Jahr 1215), ebenso aus dem Gesamtzusammenhang des Glaubensgutes wie in der Erfahrung unseres bedrängten Lebens. 

    Insofern steht Martin Luther dem treuen Katholiken der Gegenwart zumindest im Hinblick auf die Existenz des Teufels näher als viele Vertreter der Kirche. Freilich werden wir uns den legendären Kampf des sogenannten Reformators nicht zum Vorbild nehmen und in Bedrängnissen eher gläubigen Sinnes Weihwasser versprengen als ein Tintenfass werfen. Denn für Tinte gibt es im Rituale Romanum leider keine Segensformel, und das Beispiel Luthers zeigt deutlich, wie sehr sich der Feind des Menschengeschlechtes gerade der Schreibfeder und Tinte dieses Mannes bedient hat, um seine Werke zu vollbringen: Aufwiegelung gegen die Hierarchie, Spaltung im Glauben und Ströme von Tränen und Blut. Aber das ist ein anderes Thema. 


    Hinweise:
    - mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
    - der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)


    Sonntag, 2. September 2012

    Sola scriptura?

    Aus dem Buch „Warum werden wir nicht katholisch?“ von Andreas Theurer über das Prinzip von "sola scriptura" ("allein die Schrift") der reformatorischen Theologie:

    "Aber ich denke, aus dem bisher Geschriebenen wurde deutlich: das „sola scriptura“ als theologisches Grundprinzip blendet wichtige Teile der göttlichen Wahrheit aus.

    Ein besseres Kriterium für die Wahrheit und Richtigkeit der kirchlichen Lehre sehe ich in der „Apostolizität“. Das für alle Kirchen verbindliche Glaubensbekenntnis von Nicäa und Konstantinopel hält fest: „Ich glaube … die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. (...)

    Nicht die Frage, ob jede kirchliche Handlung in der Bibel detailliert beschrieben ist, ist demnach der entscheidende Maßstab, sondern ob sie mit dem übereinstimmt, was die Apostel in ihren Gemeinden gelehrt und praktiziert haben. Es darf nicht sein, dass im Laufe der Zeit neue Lehren entstehen, von denen die Apostel nichts wussten, oder schlimmer noch: die dem entgegenstehen, was die ersten Christen glaubten. Dieser Gedanke liegt übrigens nicht nur der römisch-katholischen Theologie zugrunde, sondern auch für die Reformatoren Luther, Melanchthon und ihre Anhänger war das selbstverständlich. "


    Andreas Theurer:
    Warum werden wir nicht katholisch?
    Denkanstöße eines evangelisch-lutherischen Pfarrers
    Dominus-Verlag Augsburg 

    96 Seiten



    So steht denn fest, Brüder, und haltet euch an die Überlieferungen, die ihr mündlich oder schriftlich von uns empfangen habt.
    (2 Thess 2,15)
     Mit Dank an Eugenie!


    Zum gleichen Thema: 
    P. Bernward Deneke: Sola scriptura - eine noch immer unbeantwortete Frage




    Donnerstag, 30. August 2012

    Fehlende Einheit der Christen ist ein Skandal!

    Schlüsselübergabe an Petrus; Pietro Perugino (1481-82)
    „Warum bist du nicht katholisch?“ Tatsächlich wird diese Frage aber wohl nur höchst selten gestellt. Und viele evangelische Christen haben sich wohl noch nie wirklich mit ihr beschäftigt. Klaglos wird hingenommen, dass es in Deutschland eben zwei große Volkskirchen gibt, als sei das das Selbstverständlichste auf der Welt. Allenfalls Menschen, die in sogenannten „Mischehen“ – also konfessionsverschiedenen Ehen – leben, leiden spürbar unter diesem Zustand, den meisten anderen scheint es dagegen nicht viel auszumachen.

    Dabei ist die fehlende Einheit der Christen ein Skandal!

    (...) Warum werden wir nicht katholisch? Ja, warum eigentlich nicht? Dürfen wir uns einfach damit abfinden, dass die Christenheit zerteilt ist und aufgrund unserer Gleichgültigkeit gegenüber dem Schmerz Christi diese Zertrennung noch immer wieder weiter befestigt wird? Oder sind wir als Jünger Jesu in der Nachfolge nicht geradezu verpflichtet, die Gründe für die anhaltende Trennung daraufhin zu überprüfen, ob sie wirklich gewichtig genug sind, um diese Trennung angesichts der fortschreitenden Entchristlichung und Antichristianisierung unserer Welt beizubehalten? Haben wir ausreichende Gründe, nicht katholisch zu sein?


    Andreas Theurer, Konvertit: Warum werden wir nicht katholisch?

    Dienstag, 7. Februar 2012

    Danke, Herr Lammert!

    Sehr geehrter Herr Lammert,

    am 10. Januar d. J. haben Sie sich selbst als „protestantisch veranlagten Katholiken“ bezeichnet. Dies geschah in Gegenwart des Hamburger Weihbischofs Hans-Jochen Jaschke in der Katholischen Hochschulgemeinde Hamburg und vor etwa 100 jugendlichen Zuhörern. (1)

    Aufgrund Ihres Coming out – Bischof Gerhard Ludwig Müller nannte Sie dafür einen „theologisierenden Politiker“, der sich als „protestantisch veranlagter Katholik"  "im Brustton selbstverliebter Ignoranz“  „selbst uraufführt“ -  aufgrund dieses Ausspruchs also sah sich Bischof Müller zu der Nachfrage veranlasst, „was denn unter „Protestantismus“ zu verstehen ist, der den Katholizismus endlich aus dem Mittelalter herausführen und mit der Moderne versöhnen soll“ und damit zu einer angemessenen geradezu apologetisch anmutenden Klarstellung bezüglich Ihres Kirchen- und Kirchenfeindbildes sowie zur richtig verstandenen Ökumene. (2)

    Bischof Müller tat das in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz.

    Für diese Ehrenrettung des katholischen Kirchenbegriffs sowie der Ökumene (soll sie denn fruchtbar sein), für diese hervorragende Stellungnahme des Regensburger Bischofs, möchte ich Ihnen herzlich danken!

    Ohne Sie hätte es ein solches Wort des Bischofs wohl noch lange nicht gegeben.


    Mit freundlichen Grüßen

    Frischer Wind






    s.auch:
    Alexander Kissler in VATICAN magazin:

    Mittwoch, 18. Januar 2012

    Aufruf zu Gebet für die Einheit der Christen


    Bei der heutigen Generalaudienz  (18.01.2012) im Vatikan ging Papst Bendedikt XVI. aus Anlass der heute beginnenden Gebetswoche für die Einheit der Christen auf die Grundhaltung ein, der es bedarf, um der Einheit der Christenheit näher zu kommen. Zentrales Thema war hierbei die Umgestaltung in Christus.


    Unter anderem sagte der Hl. Vater:
    "In diesem Jahr lautet das Leitwort der Gebetswoche: "Wir werden alle verwandelt werden durch den Sieg Jesu Christi, unseres Herrn" (vgl. 1 Kor 15,51–58), und der Nachdruck liegt auf "Verwandlung": Glaube verwandelt und Verwandlung allein kann Einheit wirken....
    Einheit erfordert demnach Umwandlung, das heißt von uns her gesehen Umkehr, Bekehrung - eine immerwährende Bekehrung, sowohl persönlich wie gemeinschaftlich. Sie ist nicht einfach Nettigkeit und Zusammenarbeit, sondern benötigt den tiefen Glauben an Gott, der uns aus uns selbst herausreißt und ihm ähnlich macht. Sie bedeutet Glauben an Jesus Christus, der einer von uns geworden ist, damit wir ihm ähnlich werden können und dann eins werden. In das neue Leben in Christus eintreten, das ist der Sieg Christi, das ist unsere Verwandlung, und das schafft Einheit."
    An die deutschen Pilger gerichtet rief Benedikt XVI. die Gläubigen auf, um die Einheit aller Christen zu beten, um dann "dem Tag entgegengehen (zu) dürfen, an dem wir miteinander den von den Aposteln überlieferten Glauben bekennen und die Sakramente der Umgestaltung in Christus feiern dürfen".


    (s. wegen Textabweichugen auch hier und hier)


    Montag, 16. Januar 2012

    Von Berlin nach Rom

    Im Folgenden ein Auszug der Bekehrungsgeschichte des aus Pommern stammenden Egon von Petersdorff (1892-1963). Unter dem Pseudonym "Comte de Vélan" hat er seine Autobiographie "Von Berlin nach Rom - Geschiche einer Bekehrung" verfasst.

    Nach schlimmen bishin zu lebensbedrohenden Erfahrungen mit Esoterik, Okkultismus, Kommunismus u.v.m. kam er auf dem Krankenbett zu der Lektüre der "Seelenburg" von Theresia von Jesus (von Avila) und dem Exerzitienbüchlein von Ignatius von Loyola. 1928 wurde er durch den Jesuitenpater Georg von Sachsen in die katholische Lehre eingeführt und in die Kirche aufgenommen. 

    Petersdorff studierte in Innsbruck Philosophie und Theologie mit dem Ziel, Priester zu werden, jedoch wurden ihm die heiligen Weihen, wie schon zuvor die erbetene Aufnahme bei den Jesuiten verweigert. Er ist Verfasser des umfangreichen Werkes "Dämonologie", quasi einer "systematischen Lehre von den Dämonen aus katholischer Sicht". In Meran in Südtirol erstellte er ein umfangreiches "Dämonologisches Archiv" und arbeitete an der Päpstlichen Bibliothek. Er war Malteser-Ritter und Päpstlicher Geheimkämmerer.

    aus: Comte de Vélan
    Von Berlin nach Rom - Geschichte einer Bekehrung" (s. Quellen):

    "Als Krönung der mystischen Studien hatte ich mir die heilige Schrift vorbehalten, nachdem ich festgestellt hatte, daß das Lesen der Bibel den Katholiken nicht verboten war, wie die Protestanten immer behaupteten, und daß es außer der Luther-Bibel natürlich zahlreiche vollständige katholische deutsche Übersetzungen der Hl. Schrift gab. Ich las sie in einem unbeschreiblich schönen Frühling, der mir ein wahrhafter Geistesfrühling wurde, unter dem blühenden Kirsch- und Lindenbaum, am Gebirgsbächlein, im Garten von "Haus Einsiedel". Das Wort Gottes, von dem ich zwischen Schöpfungsgeschichte und Geheimer Offenbarung auch nicht einen Buchstaben ausließ, nahm mich in steigendem Maße gefangen und gab mir die letzte Gewißheit, für die Wahrheit des katholischen Glaubens.

    Als Abschluß las ich noch das "Tridentinum", die Beschlüsse des Konzils von Trient, das sich recht eigentlich mit dem Protestantismus auseinandersetzte, und hatte dann gar keine Schwierigkeit mehr, die angehängte "Eidesform des Glaubensbekenntnisses", das damals von allen Klerikern abgelegt werden mußte, im Geiste gleichfalls zu unterschreiben: "diesen wahren katholischen Glauben verspreche, gelobe und schwöre ich zu bewahren und zu bekennen". Ich konnte ein "ungeheucheltes Ja und Amen" dazu sagen.

    Die Zeit der Entscheidung war gekommen, die ich so lange und so oft für diese Jahresmittwende 1927 vorausgesehen hatte. Jetzt erst trat ich persönlich mit Vertretern der katholischen Kirche in Verbindung: zuerst mit einem Unbeschuhten Karmeliter-Pater in einem Kloster der hl. Theresia, an dessen Mauern während des mitternächtlichen Chorgebetes der D-Zug "Berlin-Roma" (!) vorbeisauste. Dann mit einem Sohne des hl. Ignatius, den ich zufällig schon im Kriege als Feldgeistlichen kennengelernt hatte. Und endlich war ich auch in Beuron bei dem liebenswürdigen Pater Willibrord Verkade, dem Mystiker und Konvertiten.

    Überall stellte man mit Freude und Dankbarkeit fest, daß ich innerlich schon katholisch war und eigentlich keinen Glaubenszweifel mehr hatte. Die Gnade des übernatürlichen Glaubens war mir zuteil geworden und erleuchtete mir auch die schwerverständlichen Geheimnisse, ohne daß ich etwas anderes getan hatte, als mich der Wahrheit offenzuhalten: der Glaube wurde mir gleichsam "eingegossen". Ich war bereit, ihn sofort zu bekennen, auch öffentlich - aber da war noch ein großes Hindernis, das man ernst nahm und als Verzögerung gelten ließ. (...)

    "Innerlich wund" fuhr ich unmittelbar darauf in das Alchymisten-Schloß, das inzwischen verkauft und Mönchskloster geworden war. Dort fand ich mich wieder  vor dem Tabernakel, der gerade an der Stelle errichtet war, wo früher die mittelalterlichen alchymistischen Retorten gestanden waren. "Das war ein erschütterndes Symbol für meinen eigenen Weg. Von der alchymistischen Transmutation, die hier vergebens versucht worden war, zur eucharistischen Transsubstantiation, die sich jetzt jeden Morgen unter dem ewigen Licht vollzog!"

    Meine "innere Alchymie" hatte auch in mir zu einer Wandlung geführt, die durch keine Hindernisse mehr aufzuhalten war. Der Malermönch des Klosters malte gerade an einem großen Christus-Rex-Gemälde für einen etwas pompösen goldenenRahmen mit Krone und Szepter, den ich mit anderen meiner Möbel für die Neueinrichtung des Klosters gestiftet hatte, und der bisher dem großen Ölgemälde eines preußischen Königs, gemalt von einem mütterlichen Verwandten, gedient hatte. Mein Weg ging von Fridericus zu Christus Rex!

    Ich sehe es als eine besondere Fügung Gottes an, daß ich wenig später einem Priester begegnen und von ihm dann in die katholische Kirche aufgenommen werden durfte, der dies beides in seiner Person vereinigte: Potsdam und Rom, Fridericus Rex und Christus Rex. Es war der königliche Sproß eines der alten ostdeutschen Markgrafengeschlechter, den ich schon erwähnte: Pater G. Gleich beim ersten Besuch in dem schönen neuen Haus der Gesellschaft Jesu, eine Stunde von meiner Einsiedelei entfernt, am Tage der hl. Theresia, fanden sich unsere Herzen in überraschender Übereinstimmung und später in Freundschaft; und obwohl Pater G. etwas jünger war als ich, wurde er doch mein "geistlicher Vater", der als Priester mich in die Lehre und Sitte der katholischen Religion einführte und in großer Liebe um meine Seele besorgt war.

    Unvergeßlich die ersten Stunden, in denen mit unendlicher Ehrfurcht nur von Gott und seinen Eigenschaften gesprochen wurde; und dann die Waldspaziergänge nahe am Haus, auf denen praktische Fragen erörtert wurden! Samstag-Sonntag waren die stets ersehnten Tage dieses beglückenden Konvertiten-Unterrichtes; in der Woche verarbeitete ich in der Einsiedelei das Empfangene an Hand der großen Dogmatik von Scheeben, die mir in ihrer Ausführlichkeit das gab, was ich so nötig hatte: ein umfassendes und geschlossenes Weltbild der katholischen Lehre, welches endlich und endgültig das okkultistische Weltbild, zumal das Jakob Böhmes, in mir verdrängte und mich von Okkultismus und einem gewissen Mystizismus ablöste..."



    Egon von Petersdorff bei kathpedia (bitte HIER klicken!)


    Bild: Hl. Erzengel Michael; J.M. Rottmayr (1654-1730)
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