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Samstag, 7. Dezember 2013

Irreführende Begrifflichkeit

Oder: Klare Worte!  

Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Wappen derer von Galen
In seinem Buch Mere Christianity (dt. Christentum schlechthin) führt uns der geistvolle Ire C.S. Lewis anhand des Wortes gentleman vor, wie sich eine präzise Bezeichnung in eine schwammige Allerweltsvokabel verwandelt: Zuerst hatte das Wort eine klare Bedeutung; es bezeichnete einen Mann, der ein Wappen führte und über Grundbesitz verfügte. Sagte man also von jemandem, er sei ein Gentleman, so war das nicht ein Lob, sondern eine bloße Tatsachenbehauptung, vergleichbar der Feststellung: „Er ist ein Zahnmediziner.“ Sprach man es hingegen einem Mann ab, ein Gentleman zu sein, so stellte das eine ähnlich sachliche Behauptung dar wie heutzutage die, jemand sei kein Zahnmediziner. Man braucht sich ja darüber, ob jemandem die Bezeichnung „Zahnmediziner“ zusteht, nicht zu ereifern; es lässt sich doch nachweisen, ob er eine zahnmedizinische Ausbildung absolviert hat oder nicht. Ebenso konnte man Wappen und Grundbesitz des Gentleman überprüfen.

Eine andere Frage ist freilich ist die, ob die betreffende Person auch ein vorbildlicher Gentleman, ein guter Zahnmediziner genannt zu werden verdient, oder ob sie dem eigenen Stand wenig Ehre bereitet. In diesem Sinne könnte man wohl sagen: „Das ist kein wirklicher Gentleman“, oder: „Dieser Kurpfuscher ist in Wahrheit alles andere als ein Zahnarzt!“ Dennoch wird dadurch die Tatsache, dass jemand der gesellschaftlichen Gruppe der wappenberechtigten Grundbesitzer oder dem Berufsstand der ausgebildeten Zahnmediziner angehört, nicht aufgehoben. Um der Klarheit der Begriffe willen müssen also die nackten Tatsachen und die persönlichen Wertungen auseinandergehalten werden.

Genau diese Regel aber wurde bei dem Wort gentleman eines Tages nicht mehr beachtet. Man begann, dessen genaue Bedeutung aufzuweichen: „Na ja – aber das Ausschlaggebende an einem Gentleman ist doch nicht sein Wappen oder sein Grundbesitz, sondern sein Benehmen. Ist nicht nur der ein wahrer Gentleman, der sich beträgt, wie es eines Gentleman würdig ist?“ Ein nachvollziehbarer Gedanke. Doch er führte dahin, daß nun plötzlich jemand, der im eigentlichen Sinne gar kein Gentleman war, „viel mehr Gentleman“ sein konnte als einer, der tatsächlich über Wappen und Grundbesitz verfügte. C.S. Lewis: „Das Wort gentleman, seiner ursprünglichen, groben, objektiven Bedeutung entkleidet, vergeistigt und verfeinert, bezeichnet kaum mehr als einen Mann, den man persönlich nett und anständig findet. Die Konsequenz: Das Wort gentleman ist heute ein leeres Wort.“ 

Leider gilt das nicht nur vom Gentleman. Auch andere Begriffe sind im Laufe der Zeit so sehr aufgeweicht worden, dass sie kaum noch im Sinne ihrer eigentlichen Bedeutung gebraucht und verstanden werden. Weil sie nun fast alles besagen können, besagen sie fast nichts mehr. C.S. Lewis weist auf eine ähnliche Entwicklung des Wortes Christ hin. Zum ersten Mal wurde es denjenigen beigelegt, die in Antiochien die Lehre der Apostel annahmen (Apg 11,26). Seither verstand man gemeinhin unter einem Christen einen getauften Menschen, der sich zum christlichen Glauben bekennt. 

Jetzt aber verwendet man das Wort ganz unabhängig von seinem ursprünglichen Sinn, ja gelegentlich geradezu gegen ihn. Aus der sachlichen Feststellung ist eine persönliche Wertung geworden. So geißelt man – leider oft nicht ohne Grund – das Betragen gläubiger Christen als „unchristlich“, rühmt aber die „tiefe Christlichkeit“ von Personen, die sich ansonsten von der christlichen Lehre distanzieren. 

Nicht mehr das Bekenntnis zum dreifaltigen Gott, zur Menschwerdung des Sohnes, zur Erlösung durch Kreuz und Auferstehung soll dafür maßgeblich sein, dass jemand Christ ist. Vielmehr entscheidet sich das an bestimmten Verhaltensweisen. Und deren Bewertung hängt bekanntlich vom gegenwärtigen Trend ab. So empfindet die öffentliche, besser: die veröffentlichte Meinung inzwischen eine klare, am Zeugnis der Heiligen Schrift orientierte Stellungnahme gegen bestimmte Formen der Unmoral als „intolerant“ und daher „zutiefst unchristlich“. Wer hingegen die Zerstörung der sittlichen Ordnung verständnisvoll hinnimmt, gibt ein Beispiel „christlicher Toleranz“. 

Die Gefahren, die von unklaren Begriffen ausgehen, sind nicht zu unterschätzen. Wie alles, was zur Verwirrung beiträgt, sind diese ein geeignetes Werkzeug in den Händen dessen, den die Schrift den diábolos, den „Durcheinanderwerfer“, nennt. Gewiss brauchen wir nicht für die alte Bedeutung von gentleman kämpfen. Aber im Fall des Wortes „Christ“ müssen wir alles tun, dass es nicht zur nichtssagenden, schwammigen Allerweltsvokabel verkommt. Um Christi willen!



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)

Samstag, 5. Januar 2013

Glaubenssprache

Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Woher kommt das eigentümliche Unwohlsein, das uns angesichts vieler religiöser Veröffentlichungen und leider auch mancher kirchlicher Verlautbarungen der Gegenwart beschleicht?

Häufig ist ganz offensichtlich die Sprache daran schuld. Sie hat einen so anderen Klang als diejenige früherer Dokumente des Lehramtes, bischöflicher Hirtenbriefe und geistlicher Unterweisungen, die weniger um Originalität und Modernität bemüht waren als um Präzision, um Klarheit und – bei aller zuweilen bewundernswerten Kunstfertigkeit – um Einfachheit.

Das ist nun anders geworden. Inzwischen hat sich eine Ausdrucksweise eingebürgert, die zwar längst nicht mehr als originell und modern empfunden wird, die aber noch immer ihre befremdliche, zuweilen ärgerliche Wirkung zeitigt. Und das besonders bei denjenigen, denen Eindeutigkeit in Glaubensbelangen am Herzen liegt.

Beispiele gefällig? Wir lesen seit Jahrzehnten häufig, Gott sei uns „in Jesus ganz nahe gekommen“; er habe „sich radikal auf uns Menschen eingelassen“, und ähnliches mehr. Wir brauchen gar nicht zu bestreiten, dass dem so ist. Und dennoch: Solche Sätze wirken irgendwie schal, abgedroschen, nichtssagend. Bei Stilkundlern klassischer Prägung werden sie ohnehin keine Gnade finden.

Unangenehmer aber berührt den bekenntnistreuen Gläubigen, dass sie mit verstörender Regelmäßigkeit an die Stelle anderer, unmissverständlicher Aussagen gerückt sind. Über die wahre Gottheit Jesu Christi, über sein Dasein vor aller Zeit und seine Wesensgleichheit mit dem Vater schweigen sich die Verfasser solcher Texte meistens aus. Da taugen dann auch die starken Ausdrücke „ganz nahe“ und „radikal“ nicht mehr, Würze in das fade Wortgericht zu bringen. Es fehlt ihm eben das wesentlich Christliche.

Wie weit man sich übrigens über die Grenze des guten Geschmackes hinausbewegen kann, das zeigt ein immer häufiger anzutreffendes Sprachspiel: Jesus, so versichert man uns, sei in der Eucharistie unser „Kumpane“ geworden, teile er doch mit (lat. cum) uns das Brot (lat. panis). Hier stimmt gar nichts mehr. Selbst wenn wir von der – freilich entscheidenden – Tatsache absehen wollten, dass uns der Herr im Altarsakrament ja gerade nicht Brot reicht, sondern seinen hochheiligen Leib, sich selbst, wahrhaft gegenwärtig unter der Gestalt der Speise, so bleibt doch das Unbehagen, mehr noch: der berechtigte Zorn über eine derartige Anbiederung bestehen, mit der unser Glaube offensichtlich zu Billigstpreisen verhökert und zugleich der Hörer der Botschaft für dumm verkauft werden soll.

Besondere Blüten treibt der neue Stil im Zusammenhang mit der Kirche. Wir erfahren jetzt beispielsweise nur noch sehr selten, was die Kirche ist und lehrt, vielmehr wird uns gesagt, „wie sich Kirche heute verstehen sollte“. Verfügt denn die deutsche Sprache – im Gegensatz etwa zur lateinischen – nicht über Artikel, und verwendet sie nicht dort, wo es um konkrete Sachverhalte geht, für gewöhnlich den bestimmten Artikel der/die/das?

Im Jargon heutiger Theologie und Pastoral lässt man ihn vor der Kirche geflissentlich wegfallen. Ist es nun wohl eine böse Unterstellung, wenn wir vermuten, die Aussparung dieses wenig platzraubenden Wörtleins geschehe nicht aus Gründen des Klanges oder des Rhythmus, sondern um zu verunklären, was Katholiken unter „Kirche“ verstehen, nämlich „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“? Wer immer die Wahrheit sucht und liebt, wird eine solche Sprache als „schwammig“ und die entsprechenden Texte als „Geschwätz“ oder „Geschwafel“ bezeichnen. Darf man es ihm verübeln?

Ich käme an kein Ende, wollte ich einen auch nur annähernd umfassenden Katalog solcher Formulierungen zusammenstellen. Er müsste ebenso die „Verheutigung“ („Christsein heute“, „Kirche heute“, „Glauben im Heute“ usw.) wie die Subjektivierung („Für mich ganz konkret bedeutet Eucharistie…“, „Was macht das jetzt mit dir?“ etc.) und die mit ihr verbundene Emotionalisierung („berührt mich tief“, „macht mich jetzt wirklich betroffen“…), außerdem eine Reihe nichtssagender Modeausdrücke („ein Stück weit“, „unheimlich spannend“ und ähnliche) enthalten.

Aber wem, außer vielleicht einigen humorigen Christen, die ihrem Ärger gerne in einem religiösen Satireblättchen oder einem Kirchenkabarett Luft machen würden, wäre mit solcher Arbeit gedient? Wichtiger ist es, der Wolken- und Seifenblasenproduktion Klares und Gehaltvolles entgegenzusetzen und sich ansonsten an der Sprache der Bibel, der Heiligen und guter Schriftsteller, die nicht unbedingt sehr fromm sein, sondern nur ihr Handwerk beherrschen müssen, zu schulen. Für Suchende sollte es dann nicht schwer sein, den Leuchtturm von Nebel und Dunst zu unterscheiden. 



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)

- Bild:  Papst Johanes XXIII.
 

Donnerstag, 12. Januar 2012

Wozu die Sprache dient...

 
Die Menschen haben ihre Sprache nicht deshalb erhalten, damit sie sich gegenseitig täuschen, sondern damit der eine dem anderen seine Gedanken mitteilen kann. Die Sprache zu benutzen, um zu täuschen und nicht, um den von Gott damit beabsichtigten Zweck zu erfüllen, ist Sünde.



Augustinus (354-430); Enchiridion 22
zitiert aus: Wahrheit und Liebe, Auswahl aus den Schriften des hl. Augustinus; AD 1954 (s. Quellen)


Bild:
Apotheose des hl. Thomas von Aquin; Francisco de Zurbarán (1598-1664)
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