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Montag, 10. November 2014

Paul VI.: Segen und Hilfe für die Verstorbenen durch das heilige Messopfer

Befreie, o Herr, die Seelen aller verstorbenen Gläubigen von jeder Fessel der Schuld. Deine Gnade komme ihnen zu Hilfe, auf dass sie entrinnen dem Rachegerichte. Lass sie genießen des ewigen Lichtes Glückseligkeit.
(Tractus des Messformulars für die Messe für Verstorbene; Schott-Volksmessbuch)


Dieses neue Opfer des Neuen Bundes, auf das Maleachi im voraus hingewiesen hatte [1], hat die Kirche, vom Herrn und den Aposteln belehrt, immer dargebracht, ,,nicht nur für die Sünden der lebenden Gläubigen, für ihre Strafen, Genugtuungen und andere Nöte, sondern auch für die in Christus Verstorbenen, die noch nicht vollkommen gereinigt sind“ [2]. 

An ein Zeugnis erinnern Wir noch, um von den übrigen zu schweigen, nämlich an das des heiligen Cyrill von Jerusalem, der bei der Unterweisung der Neugetauften im christlichen Glauben die beachtenswerten Worte sprach: ,,Nachdem das geistliche Opfer, der unblutige Kult vollendet ist, flehen wir über diesem Versöhnungsopfer Gott an für den allgemeinen Frieden der Kirchen, für die rechte Ordnung der Welt, für die Kaiser, das Heer und die Bundesgenossen, für die Kranken und Betrübten, und insgemein für alle Hilfsbedürftigen bitten wir und bringen wir dieses Opfer dar ... Dann bitten wir auch für die entschlafenen heiligen Väter und Bischöfe und für alle insgemein, die unter uns entschlafen sind, weil wir glauben, daß das Gebet jenen Seelen, für die es dargebracht wird, am meisten hilft, wenn das heilige und ehrfurchtgebietende Opfer auf dem Altar liegt“.

Nachdem er diesen Gegenstand mit dem Beispiel des Kranzes erläutert hat, der für den Kaiser geflochten wird, damit er den Verbannten Verzeihung gewähre, schließt der Kirchenlehrer seine Predigt mit den Worten: ,,Auf die gleiche Weise verhalten auch wir uns; wenn wir für die Verstorbenen, obgleich sie Sünder sind, Gott Gebete darbringen, so flechten wir zwar keinen Kranz, sondern wir bringen den für unsere Sünden geopferten Christus dar, um Gott, der die Menschen liebt, ihnen und uns gnädig zu stimmen“ [3].  
 
Der heilige Augustinus bezeugt, daß dieser Brauch, ,,das Opfer unseres Lösepreises“ auch für die Verstorbenen darzubringen, in der Römischen Kirche lebendig ist. [4] Gleichzeitig bemerkt er, daß der Brauch als von den Vätern überliefert von der ganzen Kirche gehalten wird. [5]

 
[1] Vgl. Mal 1,11. 
[2] Konzil von Trient, Lehre über das heiligste Meßopfer, Kap. 2. 
[3] Catecheses 23 (myst. 5), 8-18: PG 33, 1115-1118. 
[4] Vgl. Confessiones 9, 12, 32: PL 32, 777; vgl. ebd. 9, 11, 27: PL 32, 775. 
[5] Vgl. Serm. 172, 2: PL 38, 936; vgl. De cura gerenda pro mortuis 13: PL 40, 593.




Weiteres zum Thema "Fegefeuer und Hilfe für die Verstorbenen":


Bild: Grabmal des am 19.10.2014 selig gesprochenen Papstes Paul VI. im Petersdom (Vatikan); © FW

Dienstag, 17. Juni 2014

In dieser Zeit wird mancher weichen und nicht zur ersten Liebe stehn...



In dieser Zeit wird mancher weichen
und nicht zur ersten Liebe stehn.
Da werdet ihr des Tieres Zeichen
auf reingeglaubten Stirnen sehn.

Da werden Brüder sich verkaufen,
und unter Gatten ist Verrat.
Die losgebundnen Mörderhaufen
führt im Triumph der Apostat.

Da werden Fluten sich ergießen,
die Elemente sind verstört.
Da werden Feuerbäche fließen,
und alle Tiefe steht empört.

In Asche lösen sich die Mauern,
Basteien sind wie Spreu verjagt,
und nur der Fels wird überdauern,
von dem Matthäus uns gesagt.

Die Raschen werden nicht entrinnen,
noch wer in Schacht und Höhle steigt.
Den Schwangern und den Säugerinnen
ist viele Trübsal angezeigt.

Die Zeit ist reif, das Messer steche
in die verhüllte Schwäre ein,
die feige Sehnsucht unsrer Schwäche:
Zugleich zwei Herren dienstbar sein!

Erwählen mußt du, mußt verwerfen,
Geist wider Geist, Hand wider Hand!
Um den verhangnen Blick zu schärfen,
sind große Zeichen uns gesandt.

Weh jenem, der in solchen Tagen
Unangefochtenheit begehrt!
Der Helm ist Jedem aufgetragen,
und auch der Schwache ist bewehrt.

Wenn die Gewaltigen sich beugen
und niemand mehr den Abfall zählt,
seid ihr Verborgenen zu Zeugen,
seid ihr Geringen auserwählt.

Die Horcher stehn vor allen Türen,
der Schweigende bleibt nicht geschont.
Gebunden werden sie euch führen,
und der euch peinigt, wird belohnt.
Inmitten eurer eignen Wände
seid ihr Verfolgte und verhöhnt.
Wer aber ausharrt bis ans Ende,
wird überwesentlich gekrönt.

Kein Hauch der Treue geht verloren.
Der Richter wertet ihn gerecht.
Aus Flammen seid ihr neu geboren
und Gottes königlich Geschlecht.

Werner Bergengrün
aus "Dies irae, 1944

Dienstag, 27. Mai 2014

Maiandacht 27. Tag - Maria,Trösterin der Betrübten

 
Heilige Maria, du Mutter des Herrn!
Sei du den Armen Helferin,
den Kleinmütigen sei Trösterin,
den Schwachen sei du Stärke!
Heilige Maria, du Mutter des Herrn!
Für Volk und Priester bete du,
wend' Gottgeweihten Segen zu,
sei Trösterin im Leide.

(Magn. Ant. an Marienfesten)


Maria ist die wunderbare Mutter. Dreimal wunderbar nennen wir sie als die Mutter Gottes, die Mutter des Erlösers und die Mutter der Erlösten. In Ehrfurcht, Dankbarkeit und Liebe grüßen wir sie. In wahrer kindlicher Liebe dürfen wir zu ihr aufschauen; denn das ist nicht alles, dass Maria, die Mutter, in die Herrlichkeit des Himmels erhoben ist. Nein, mit hinaufgenommen in den Himmel hat Maria ihr mütterliches Herz, ihre mütterliche Gesinnung. Sie will auch von dort noch als Mutter wirken; sie will uns, ihre Kinder, im Elend dieser Welt nicht vergessen.
"Eine Mutter, gut wie keine,
hat der Vater uns geschenkt,
auf dass kein Auge trostlos weine,
wenn einer dieser Mutter 'denkt."

Gerade für die betrübten Menschenherzen hat sie herzliches Mitempfinden, sie hat ja selbst als Mutter auf Erden alle Betrübnis der Menschen durchkosten müssen. Darum ist sie immer zu helfen bereit. Wenn die Wallfahrtsorte, an denen die liebe Gottesmutter verehrt und angerufen wird, erzählen könnten, und es würde einer alle die Dankesworte zusammentragen, das gäbe ein gewaltiges Loblied auf die "Trösterin der Betrübten".

Ohne Unterlass pilgern die Menschen hin zum Bilde Mariens, zur "Mutter in der Not", zur "Immerwährenden Hilfe". Der gläubige Christ trägt in sich das sichere Gefühl und den festen Glauben: Maria ist die Mutter, die mich am besten versteht, die mit mir fühlt und mich nicht verlässt. Vielleicht haben wir selbst schon ihre Hilfe erfahren; viele haben uns davon erzählt. Wir sprechen es darum gern immer wieder aus: "Dass Maria eine Bitte nicht erhört, ist unerhört, unerhört in Ewigkeit!"

Dieses große Vertrauen der Menschen hat seinen Grund in der Macht und Güte Mariens. Maria ist nicht allmächtig - das ist Gott allein. Aber durch ihre Fürbitte nimmt sie teil an der Macht Christi. Wie könnte Christus, ihr Kind, der Mutter eine Bitte verwehren? Was aber ihre Güte anbetrifft, so wissen wir, dass Maria das getreueste Abbild Christi ist. "Der Herr ist mit dir", so hat der Engel gesagt. 

Maria ist voll von der Gesinnung des Heilandes. Von diesem aber wissen wir, wie sehr er sich der Betrübten angenommen hat: von Mitleid gerührt, spendet er den Hungernden Brot; die Blinden macht er sehend; die Lahmen, die Gichtbrüchigen, die Aussätzigen und so viele andere Kranke macht er gesund. Von seiner Güte berichtet fast jede Zeile der Heiligen Schrift: "Er ging umher und spendete Wohltaten."

Als des Herrn vollkommene Jüngerin trägt Maria seine Güte und Liebe in ihrem Herzen. Als gütige Mutter ist sie allzeit bereit zu trösten und zu helfen, wo nur eine verzagte Seele zu ihr aufschaut.

In jedem Menschenleben gibt es viel Kreuz und Leid. Niemand ist auf Erden davon ganz verschont. Auch du, meine Seele, trägst Leid und Weh, Kummer und Sorge quält dich gar sehr. Geh' doch hin zur Mutter, zur Trösterin der Betrübten! Blicke auf zu ihr in dem Dunkel dieses Erdentals: blicke auf zu diesem hellleuchtenden Stern; habe Vertrauen! Rufe Maria, sie wird dir tröstend helfen!

Aber sieh, meine Seele, immer, wenn du den Trost Mariens suchst, wenn du von ihr Hilfe und Heil erwartest, dann denk' auch daran, wie du hinwiederum Trost spenden sollst für andere. Je mehr du dich bemühst, Maria ähnlich zu werden,desto mehr wirst du Christi Abbild sein, desto mehr auch seiner Träger seiner Güte und Liebe. 

Das ist rechte Marienart, wenn du in dem Leid und der Not der Welt dich abmühst, Tränen zu trocknen, Menschenherzen wieder froh zu machen. Dein ganzes Leben sei eine ständige Gelegenheit, Liebe zu spenden.. Ein feines Sprüchlein lautet: "Oft hab' ich andere froh gemacht und stets an mich selbst zuletzt gedacht." Vielleicht ist das der größte Trost, den die Gottesmutter dir schenkt, dass du dein eigenes Leid vergisst, wenn du anderen hilfst.

Wir beten ein Ave Maria und bitten die Mutter, uns in allem Leid trösten zu wollen:
Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir!
Du bist gebenedeit unter den Frauen
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes: Jesus!
Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder,
jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen. 

Sancta Maria, Mutter und Magd,
all uns're Not sei dir geklagt!
Drückt dich ein Weh, zur Mutter geh'!
O sag' es ihr, so hilft sie dir!


Gebet:
Durch die Fürbitte der Trösterin der Betrübten wollest du, o Gott allen leidgeprüften Menschen Trost und Stärke verleihen. Schau auch gnädig auf uns herab, die wir in unserer Not die Trösterin der Betrübten um ihre Hilfe anflehen. Schenke uns durch sie die Gnade, dass wir auch im Leid dir freudig dienen und unseren Mitmenschen Tröster sein können. Durch Christus unsern Herrn. Amen.


Maiandachtsbüchlein für Kirche und Haus von Pfarrer Joseph Willmes; A. Laumannsche Verlagsbuchhandlung Dülmen /Westf.;  AD 1935; S. 81-84 (mit kleinen Änderungen); (s. Quellen)



Bild: Gnadenbild der Luxemburger Muttergottes (Consolatrix afflictorum), das in Kevelaer verehrt wird

Mittwoch, 21. Mai 2014

Maiandacht 21. Tag - Maria, Mittlerin des Heiles

Lasst uns beim Kreuze Jesu stehen mit Maria, seiner Mutter,
deren Herz das Schmerzensschwert durchdrungen. 
(Invitatorium zum Fest der sieben Schmerzen Mariens)

Leibhaftig starb der Herr am Kreuze,
in ihrem Herzen starb mit ihm die Mutter.
(nach dem hl. Bernhard, Sermo de duodecim stellis)




Gehen wir heute noch einmal nach Golgatha. Der Heiland hängt am Kreuze, blutüberströmt, schmerzgepeinigt. Nun naht das Ende des Weges, den er gegangen zur Befreiung der Menschen von Sünde und Schmach. Das Erlösungswerk soll seinen Abschluss finden: es ist vollbracht!

Der Kreuzestod Christi wird alle Sündenschuld tilgen und die Menschen wieder zu dem machen, was ihre Bestimmung war von Anbeginn: waren sie doch erschaffen als Kinder Gottes. Der Mensch hat die Gebote des Schöpfers nicht geachtet, sich von Gott abgewandt und seine Vaterliebe verschmäht.

Damit er wieder zurückfinden kann zu seinem himmlischen Vater und wieder ein Kind der Gnade zu werden vermag, musste nach Gottes Ratschluss diese Golgathastunde kommen, um die Menschen zu entsühnen; darum musste der Heiland als Mittler zwischen Gott und der Menschheit den Opfertod sterben am Kreuzesstamm.

Dem Heiland zur Seite aber steht seine Mutter! Untrennbar gehören sie seither zusammen: Mutter und Sohn, - Sohn und Mutter. Das Opfer des Sohnes wird auch zu einem geistigen Opfer der Mutter. Die Qual, die den Körper des Sohnes martert und seine Seele erbeben lässt, diese Qual fühlt auch der Mutter Herz, dass es wund und weh wird in geistigem Mitleiden.

Gleichwie aber der Heiland trotz all seiner Pein nur das eine Ziel kennt, den Willen des Vaters zu erfüllen und für die Sünden der Menschheit genugzutun, so ist auch Maria bereit, sich dem Erlösungswillen Gottes zu beugen -  auch dann, wenn es ihrem Mutterempfinden unendlich schwer wird. Sie Lässt sich nicht vom Schmerz und Leid niederdrücken.

Ihre Liebe zu Gott und ihr Einssein mit seinem Willen lässt sie vielmehr auch das Schwerste freudig ertragen. Auch jetzt unter dem Kreuze ihres Sohnes lässt die Liebe sie von neuem das Wort sprechen, das als Leitstern über ihrem ganzen Leben steht: "Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach seinem Wort."

Einst in Nazareth bedeutete dies Wort den Beginn des Erlösungswerkes, - jetzt auf Kalvaria ist es das Zeichen, dass die Gottesmutter mitwirkt in der Stunde, da es seiner Vollendung entgegengeht. Groß ist darum der Anteil Mariens an der Erlösungstat Christi.

Wie einst im Paradiese die Frau dem Adam zur Gehilfin gegeben war, - die freilich durch eigene Schuld Gehilfin ward zum Unheil der Menschen, - so findet auch der Erlöser in einer neuen Eva eine dienende Gehilfin, die ihm in Wahrheit wird eine Mithelferin zum Heile der Menschen, die ihm zur Seite steht bei seinem Opfer für die Wiedererlangung der Gotteskindschaft.

So können wir denn Maria nennen: Die Mittlerin des Heiles! Blicken wir dankend zu ihr auf, die mitgeholfen hat, dass Gott sich wieder in Vatergüte zu uns neigen kann! Auch an uns wendet sie sich, bittend, dass auch wir dem Heiland Helferdienste leisten wollten. Muss doch unser Herz erfüllt sein von tiefer heiliger Freude, dass wir berufen sind, helfen zu dürfen.

Doch vergiss nicht, meine Seele: des Heilandes Helfer sein heißt nichts anderes, als teilhaben an seinem Opferweg. Sieh nur auf Maria. Ihr ganzes Leben war ein Heilandsdienst, doch musste sie erst zur Schmerzensmutter werden, bevor du sie als Mittlerin des Heiles grüßen kannst. Sei dir bewusst, dass im Dienste des Herrn das eigene Ich zurücktreten muss. 

Wer dem Heiland helfen will, muss sich beugen unter Gottes Willen. Sieh, Evas Stolz und Überheblichkeit bewirkte den Bannfluch über die Menschheit; Marias selbstloser, opferbereiter Wille zum Dienen ward den Menschen zum Heil und Segen. (...) Tragen auch wir mutig unser Kreuz, es ist unser Anteil am Kreuze des Herrn.

Wir beten ein Ave Maria und danken der Gottesmutter für ihre Mitwirkung beim Erlösungswerke:
Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir!
Du bist gebenedeit unter den Frauen
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes: Jesus!
Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder,
jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

Wer mich findet, findet das Leben
und schöpft das Heil vom Herrn. (Spr 6,35)
Durch dich, o Jungfrau Maria, schöpfen wir das Heil
aus den Wunden Christi.
(Brevier am fest der sieben Schmerzen Mariens)


Gebet:
O Gott, du hast gewollt, dass die jungfräuliche Mutter Maria deinem eingeborenen Sohne dienende Mithelferin sei beim Erlösungswerke. Lass uns durch die Vermittlung dieser Mutter und Magd das Heil erlangen und selig werden. Durch denselben Christus, deinen Sohn, unsern Herrn. Amen.


Maiandachtsbüchlein für Kirche und Haus von Pfarrer Joseph Willmes; A. Laumannsche Verlagsbuchhandlung Dülmen /Westf.;  AD 1935; S. 64-67 (mit kleinen Änderungen); (s. Quellen)




Montag, 19. Mai 2014

Maiandacht 18. Tag - Höchste Liebe


Gott ist die Liebe;
wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott 
und Gott bleibt in ihm. (1 Joh 4,16)
Wer sollte uns trennen von der Liebe Christi? (Röm 8,35)
Stark wie der Tod ist die Liebe. (Hohes Lied 7,6)


Des Herrn irdische Laufbahn neigt sich zum Ende. Er muss hinaufgehen nach Jerusalem, um dort viel zu leiden. Auch für Mariens Opferkraft kommt nun bald die letzte Prüfung. Vor dem letzten Gang nach Jerusalem hat der Herr wohl Abschied genommen von seiner Mutter. Wie groß der Trennungsschmerz der heiligsten Mutter um ihr göttliches Kind gewesen ist, lässt sich nur schwer ermessen an der Größe der Liebe, die beide miteinander verbindet. Es möchte Kindesliebe der Mutter den Anblick des Leidens ersparen, - der Heiland nimmt vorher Abschied, - aber die Mutterliebe mag das Kind nicht allein lassen in seinem Leiden.

Die Mutterliebe führt Maria hinauf nach Jerusalem, führt sie unter das Kreuz. Nichts bleibt da der Mutter erspart. Sie muss all das Leid sehen, mit dem man ihr Kind quält, muss Hammerschläge hören, mit denen man seine Hände und Füße ans Kreuz heftet, muss still duldend unter dem Kreuzesbalken stehen.

Wenn sie auch hundertmal hätte rufen wollen: "Nehmt mich statt Seiner", es hätte nichts genützt. Maria muss die letzte Entsagung, das größte Opfer bringen, das je von ihr verlangt worden ist: sie muss vollständig verzichten auf ihr schuldloses, heiliges, göttliches Kind. Still und ergeben hat sie auch dieses Opfer gebracht.

Woher schöpfte Maria die Kraft für dieses Opfer? Die Quelle dieser Kraft ist eine Liebe, die alle irdische Liebe, selbst Mutterliebe, übersteigt. Es ist die vollkommene Liebe zu Gott. Diese Liebe macht die Seele eins mit Gott, vollkommen eins im Wollen, Denken und Fühlen. Die Seele, die Gott wahrhaft liebt, kennt und will nichts anderes als einzig den Willen Gottes.

Maria aber weiß um den Willen Gottes, des Vaters, dass der Sohn Gottes leiden und sich hinopfern soll als Sühnopfer für die Menschen. Mutterliebe möchte dem Kinde alles Leid ersparen, - Gottesliebe macht Maria bereit, standhaft unter dem Kreuze zu stehen, mutig und kraftvoll alles hinzugeben gemäß dem Willen des Vaters.

Die Gottesliebe macht Maria auch vollkommen eins in der Gesinnung mit dem leidenden Christus, so dass sie seine Opfergesinnung, seinen Opferwillen teilt. Was Christus dem Vater darbringt als Opfergabe, - sich selbst, - das gibt auch Maria freiwillig in die Hände des Vaters zurück: Christus, den Herrn, - ihr Kind. Da ist kein Widerstreit in ihrem Herzen zwischen Mutterliebe und Gottesliebe. In voller Einmütigkeit mag sie mit ihrem Kinde zum Vater rufen: "In deine Hände empfehle ich seinen Geist."

O Gottesliebe, wie soll ich dich begreifen in deinem Wirken! Alles vermag der Mensch, wenn er nur Gott vollkommen liebt. "Stark wie der Tod ist die Liebe."

Nun komm, meine Seele und stell dich zu Maria unter das Kreuz. Bewundere ihre Liebe! Bewundern? Nicht nur das: suche ihre Liebe deinen Kräften gemäß nachzuahmen. Für jeden Menschen gilt nämlich das Gebot: "Du sollst Gott den Herrn lieben aus deinem ganzen Herzen..." Das heißt auch für dich, dass du dich bemühen sollst, mit Gott eins zu werden in der Gesinnung bis zur vollkommenen Hingabe deiner selbst an ihn und seinen Willen.

Durch die Vereinigung mit Gott in der vollkommenen Liebe ist eine wahre göttliche Gesinnung in dir. Diese Gesinnung, diese Liebe drängt dich, alle Vollkommenheiten Gottes in möglichst hohem Maße an dir zu verwirklichen. Weil Gott, mit dem du durch die Liebe vereint bist, heilig ist, willst auch du heilig sein. Darum willst du lieber auf alle Erdendinge verzichten, als durch die Sünde eine Trennung von Gott zu dulden; so stark ist die Liebe.

Das ist die Liebe, die da geht über alles, von der der Apostel Paulus spricht: "Wenn ich mit Engel- und Menschenzungen redete, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich wie eine klingende Schelle... Und wenn ich allen Glauben hätte, so dass ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts."

Wir beten ein Ave Maria, dass wir wie Maria Gott über alles lieben:
Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir!
Du bist gebenedeit unter den Frauen
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes: Jesus!
Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder,
jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

Gib, o Mutter, Quell der Liebe,
dass ich mich mit dir betrübe,
dass ich fühl die Schmerzen dein;
dass mein Herz von Lieb' entbrenne,
Nur nach Jesus ich mich sehne,
dass ich liebe Gott allein.
(Sequenz zum Fest der sieben Schmerzen Mariens)


Gebet:
O Gott der Liebe! Um der Liebe deines Sohnes und seiner heiligsten Mutter willen: verleihe uns die Gnade, dich über alles vollkommen zu lieben. Durch denselben Christus, unsern Herrn. Amen.


Maiandachtsbüchlein für Kirche und Haus von Pfarrer Joseph Willmes; A. Laumannsche Verlagsbuchhandlung Dülmen /Westf.;  AD 1935; S. 56-59 (mit kleinen Änderungen); (s. Quellen)



Samstag, 17. Mai 2014

Maiandacht 17. Tag - Maria, die opferstarke Magd des Herrn


Siehe, dieser ist bestimmt zum Fall 
und zur Auferstehung vieler in Israel
und zum Zeichen, dem man widersprechen wird.
Ein Schwert wird deine eigene Seele durchdringen,
auf dass die Gedanken vieler offenbar werden. 
(Luk 2, 34.35)


Magd sein bedeutet, dass jemand seine Kräfte in den Dienst eines anderen stellt. Magd des Herrn sein will sagen, dass Maria ganz Gott angehören, dass sie all ihre Kräfte und Fähigkeiten in seinen Dienst stellen will. Bei Maria ist das eine völlige Hingabe ihrer selbst an Gott.

So tritt zu der Unterwerfung im Glauben, zu der Zuversicht auf Gottes Vorsehung die frohe, opferstarke Bereitschaft hinzu, alles zu tun und zu tragen, was der Herr will. Wer dem Herrn dient, muss sich selbst und all seinen Wünschen entsagen können, muss bereit sein, jedes Opfer zu bringen, das von ihm verlangt wird. Das war der Opferwille der Gottesmutter. Ein Doppeltes schließt er in sich: sich selbst hingeben an Gott und hingeben das, was ihr lieber ist als das eigene Leben: ihr göttliches Kind. Sieh, wie dieser starkmütige Opferwille Mariens sich zeigt.

Den Gesetzen getreu schreitet Maria hinauf zum Tempel. Außer dem greisen Simeon und der Prophetin Anna weiß niemand in Jerusalem um das göttliche Geheimnis, das sie in ihren Armen trägt. In den Augen der Welt ist es ein Tempelgang, den jede Mutter mit ihrem Erstgeborenen Knäblein macht.

Aber Maria weiß, dass es für sie mehr bedeutet; sie weiß, dass sie mit dem Paar Turteltauben ihr Kind nicht loskaufen kann, um es für sich zu besitzen. Für sie ist die Aufopferung Jesu im Tempel schon der Anfang des Verzichtes. Sie darf nur hüten und pflegen, was Gott ihr in seiner Vatergüte geschenkt hat. Der himmlische Vater wird dieses Kind wieder von ihr zurückfordern: es ist und bleibt sein Kind, sein Eigentum. Von diesem Kinde spricht der greise Simeon: "Dieser ist bestimmt zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel." Diese Hingabe, dieses Zurückgeben an Gott wird von der Mutter viel Kraft verlangen, unter Weh und Leid nur wird sie es vollbringen können.

"Deine Seele wird ein Schwert durchdringen." So groß wird das Leid sein. Warum so groß? Weil dieses Hingeben Trennung bedeutet und Loslösung. Auf die menschlichen Banden zwischen Mutter und Kind muss Maria immer mehr verzichten. Christus gehört dem Vater. Darum muss Maria iher Kind aufopfern, damit Christus, dem Willen des Vaters gemäß, - sich für uns opfern und uns gehören kann.

Diese Loslösung wird deutlich zwölf Jahre später, wiederum im Tempel, im Hause des Vaters. Maria möchte noch Mutterrechte geltend machen; die Antwort aber lautete: "Wusstet ihr nicht, dass ich in dem aufgehen muss, was meines Vaters ist?" Immer mehr muss die Person Mariens zurücktreten.

Auf der Hochzeit zu Kana erkennt sie, dass nicht sie es ist, die die Stunde für des Herrn Wundermacht bestimmt: es ist allein der Vater. Und wiederum, da Maria und die Anverwandten Jesus während seines öffentlichen Wirkens aufsuchen und jemand ihm meldet: "Siehe, deine Mutter und deine Brüder*) sind draußen und wollen dich sprechen", da ruft er aus: "... Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter!"

Den Höhepunkt der Loslösung und Entsagung aber erlebt Maria unter dem Kreuze, da sie ihr Kind im Tode hingeben muss und an seiner Stelle uns  als ihre Kinder empfängt. Und starkmütig hat Maria jedes Opfer vollbracht. Sie ist fürwahr die opferstarke Magd des Herrn geworden.

Siehe, meine Seele, wenn du nur ein wenig der Gottesmutter ähnlich werden willst in ihrem dienenden Magdtum, dann musst auch du entsagen können. Über dir und deinem Willen muss immer Gottes Wille stehen. Du musst auch den irdischen Dingen entsagen können, wenn sie dich von Gott trennen oder dir hinderlich sind im Dienste Gottes. 

Löse dich los von allem, was du ungeordnet liebst auf Erden, von eitlem Geld und Gut, von Ehre und Ansehen. Besser ist es, von den Menschen verachtet zu werden, dafür aber in Gottes Ehrendienst zu stehen. Maria findest du nicht, wenn der Heiland geehrt wird, aber in Verachtung und Schmach war sie bei ihm. In dem Maße, als du entsagst, wirst du empfänglich für die Gnade Gottes.

Wir beten ein Ave Maria, um wahre Opferkraft zu erlangen:
Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir!
Du bist gebenedeit unter den Frauen
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes: Jesus!
Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder,
jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

Keiner von euch kann mein Jünger sein, 
der nicht all seinem Besitztum entsagt. (Luk 14,33)
Jeder, der Haus, Bruder, Schwester, Vater, Mutter, 
Kind und Acker um meines Namens willen verlässt,
wird alles hundertfach wiedererhalten und das ewige Leben erben. (Mt 19,39)


Gebet:
Göttlicher Heiland! Deine heiligste Mutter hat uns ein Beispiel gegeben, wie wir allem Irdischen entsagen, uns selbst verleugnen und dir nachfolgen sollen. Siehe, wir haben den guten Willen, in Selbstverleugnung und Abtötung dir nachzufolgen. Aber du kennst unsere Schwachheit. So bitten wir dich denn: Komm du unserer Schwachheit zu Hilfe. Sei du unser Lehrmeister, wir wollen deine Jünger sein. Amen.

*) "Brüder des Herrn" sind nicht leibliche Brüder, sondern nahe Verwandte, die man früher als Brüder bezeichnete. So werden z. B. zwei Jünger, Jakobus und Joseph, die Söhne des Kleophas, "Brüder des Herrn" genannt. (Anm.: Eine Erklärung dazu siehe auch hier bei Dr. Ludwig Neidhart)


Maiandachtsbüchlein für Kirche und Haus von Pfarrer Joseph Willmes; A. Laumannsche Verlagsbuchhandlung Dülmen /Westf.;  AD 1935; S. 53-56 (mit kleinen Änderungen); (s. Quellen)


Donnerstag, 15. Mai 2014

Maiandacht 15. Tag - Maria, die glaubensstarke Magd des Herrn

Selig bist du, o Maria,
Die du dem Herrn geglaubt hast!
Was dir gesagt ist von dem Herrn,
es wird sich in dir erfüllen!
(Magn. Ant. I. Vesp. Dom. III. Adv.)

Die gnadenvolle Begegnung an der Schwelle von Zacharias' Haus ist stilles Geheimnis der beiden Frauen geblieben. In aller Stille hat Maria ihre Arbeit getan; in aller Stille kehrt sie nach Hause zurück. Sie ist die demütige Magd des Herrn. Es ist gut, dass Maria um ihr Magdtum weiß, dass ihre ganze Seele davon erfüllt ist und es den ganzen Inhalt ihres Lebens ausmacht. Wie hätte sie sonst alle Prüfungen ihres Lebens ertragen sollen!

Maria ist die erste, von der Gott den Glauben verlangt: an ihr Kind und seine göttliche Sendung. Der Glaube fordert vom Menschen Unterwerfung seines Verstandes, Anerkennung der göttlichen Wahrheit, auch dann, wenn die natürliche Kraft des Verstandes sie nicht mehr zu erkennen und zu durchdringen vermag.

Solch ein demütiges Unterwerfen unter Gott musste auch der Glauben Mariens sein. Wohl wusste sie, um das Wunder der Menschwerdung des Gottessohnes aus Engelsmund. Noch war es ihr leicht zu glauben. Dann aber kam alles ganz anders, wie sie erwarten konnte, anders, wie die Menschen der damaligen Zeit sich das Erscheinen des Messias dachten. Nicht im glänzenden Königsschloss, nicht einmal in der Stille des eigenen Hauses, sollte sie ihrem Kindlein das Leben schenken.

Wie bitter muss die Enttäuschung gewesen sein, dass sie zum zweitenmal - diesmal durch Gebot des Kaisers gezwungen - mit ihrer gesegneten Last das traute Heim verlassen und nach Betlehem pilgern muss. Noch herber der Schmerz in Betlehem selbst. Überall dieselbe Antwort: "Es ist kein Platz für euch in der Herberge." Überall abgewiesen, in schwerster Stunde verstoßen werden von allen Menschen, die kein Verstehen haben für den anklopfenden Christus, - und doch glauben an ihr Kind, dass es Herr und Schöpfer und Erlöser aller Menschen ist, - das war gewiss schwer.

Und dann liegt das Kindlein im Stalle in der Krippe, das ärmste aller Menschenkinder, so arm, dass Heu und Stroh sein Lager sind, dass der Atem der Tiere es wärmen muss! Und doch: Maria glaubt an ihr Kind! Diesen Glauben finden wir versinnbildet in fast allen Krippendarstellungen: Maria kniet neben ihrem Kinde anbetend nieder. Diesen Glauben, dass ihr Kind der gottgesandte Erlöser und Heiland der Welt ist, hat sie starkmütig in ihrem Leben bewahrt.

Wenn sie auch nach Ägypten fliehen muss vor dem irdischen Könige, sie glaubt an ihr Kind, das da ist: König aller Könige. Sie glaubt an ihn, da er heranwächst wie jedes andere Kind in Nazareth, glaubt an ihn auch, als er am Kreuze hängt und sterben muss. Fürwahr: "Selig, die du geglaubt hast."

"Der Gerechte lebt aus dem Glauben," sagt der Apostel. Mariens demütiges Leben war ein Leben aus dem Glauben. Aus dem Glauben gewinnt sie die Kraft zum Dienen.

Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen." Dieses Wort der Schrift galt für Maria, es gilt auch für jeden Menschen. Auch du, meine Seele, musst glauben: glauben an Gott, glauben an Christus und seine Sendung, glauben an sein Werk, die heilige Kirche.

Glauben sei schwer, meinst du, weil du Gott nicht siehst? Glauben sei schwer, weil Christus vor 2000 Jahren gelebt und du seine Wunder nicht selbst gesehen hast? Es sollte uns heutigen Menschen viel leichter werden zu glauben an die göttliche Sendung des Herrn, weil wir sein Werk erkennen in der heiligen Kirche all die Jahrhunderte hindurch. 

Oder war es etwa die Menschenkraft, die in den Aposteln wirkte, als sie den Glauben in der ganzen Welt verkündeten! War es Menschenarbeit, dass die Kirche sich allen Gewalten zum Trotz immer weiter ausbreitete und zu dem großen Reich wurde, das alle Völker umspannt? War das nur Menschenverstand, der alle Irrlehren abwehrte und den Glauben rein und unverfälscht bewahrte Jahrtausende hindurch? Kannst du als denkender Mensch noch zweifeln, dass alles das nur Gottes Werk ist?

Maria sah nur das arme Kindlein, sah den verfolgten, leidenden und am Kreuze sterbenden Christus - und glaubte. Wir aber schauen den unendliches Gottkönig Jesus Christus in seinem Werk, der heiligen Kirche; da sehen wir seine Macht und Herrlichkeit. Und demütig bekennen wir: "Herr, ich glaube; mache stark meinen Glauben!"

Wir beten ein Ave Maria, damit Maria uns helfe, im Glauben stark zu sein:
Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir!
Du bist gebenedeit unter den Frauen
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes: Jesus!
Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder,
jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben;
wer aber auf den Sohn nicht hören will, wird das Leben nicht schauen. (Joh 3,36)
Wer glaubt, dass Jesus der Messias ist,
der ist aus Gott geboren. (1 Joh 5,1)


Gebet:
Herr und Heiland, Jesus Christus! Mit felsenfestem  Glauben bekennen wir, dass du der Sohn Gottes, Mensch geworden bist aus Maria der Jungfrau. Wir glauben, dass du gesandt bist, die sündige Menschheit zu erlösen. Wir glauben, dass die katholische Kirche dein Werk ist und dass du in ihr fortlebst und durch diese Kirche alle Menschen selig machen willst. In diesem Glauben wollen wir leben und sterben! Amen.


Maiandachtsbüchlein für Kirche und Haus von Pfarrer Joseph Willmes; A. Laumannsche Verlagsbuchhandlung Dülmen /Westf.;  AD 1935; S. 48-50 (mit kleinen Änderungen); (s. Quellen)



Sonntag, 13. April 2014

Karwoche - Durchbohrt um unserer Sünden willen

Liturgie und seelisches Miterleben der Fastenzeit erreichen ihren Höhepunkt in der Karwoche (vom Palmsonntag bis zum Samstag vor Ostern). In dieser Woche wird das ungeheure Leiden an Seele und Leib, das Christus durchmachen musste, um die Schuld der Menschheit zu sühnen, anschaulich.

Es ist die Woche, die unsere Erlösung durch den Kreuzestod des Herrn vergegenwärtigt und die darin gipfelt, dass die Katechumenen die heilige Taufe empfangen (in der Täuflingsmesse am Osterfest) bzw. wie es heute ist: dass wir die Taufgnade in uns erneuern. Denn "wir sind durch die Taufe in seinen Tod eingetaucht", sagt Paulus (Röm 6,3), "in seinen Tod hinein begraben" (6,4), "durch die Gemeinschaft mit seinem Tod mit ihm verwachsen und werden es ebenso durch die Auferstehung sein" (6,5). "Alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen... ihr seid alle eins in Christus" (Gal 3,27).

Ohne den Leidenstod des Herrn ist unsere Taufe nicht zu denken. Ein ungeheurer Ernst fällt daher für den reifen Christen über dieses Sakrament. Und das soll es auch sein; das ist der Sinn, wenn in dieser Woche viermal die Leidensgeschichte verkündet wird: am Sonntag nach Matthäus, am Dienstag nach Markus, am Mittwoch nach Lukas, endlich am Karfreitag nach Johannes.

Wir sind "um einen teuren Preis erkauft" (1 Kor 6,20; 7,23). Trauer war immer das vorherrschende Gefühl dieser Woche. Sie bewegte uns Deutschen schon vor mehr als tausend Jahren das Gemüt. Aus jener alten Zeit stammt die Bezeichnung Kar-Woche, die wir heute noch beibehalten haben, obgleich wir das althochdeutsche Wort Kara, d. h. Trauer, sonst nicht mehr gebrauchen.

In der Dichtung Parzifal des Wolfram von Eschenbach (geb. 1165) ist es das Karfreitagserlebnis, das den Helden endlich zu Gott führt. Und wahrlich: Niemand, der sich diesem großartigen und grauenvollen Geschehen aufschließt, geht ohne Erschütterung von dannen.

Aber es soll eine Vernichtung zur Auferstehung sein, ein Tod zur Erlösung,ein Karfreitag vor Ostern. Niemals wird ja auch Ostern ohne Karfreitag, Leben ohne Tod, Ernte ohne Aussaat, Erlösung ohne Taufe sein.

Es hat Begnadete gegeben, die in außerordentlicher Deutlichkeit das Leiden Christi nicht nur nachbetrachtet, sondern geschaut haben, wie z. B. die Dülmener Augustinerin Anna Katharina Emmerick aus Coesfeld i. W. (gest. 1824), deren Visionen der Dichter Klemens Brentano nachgeschrieben und herausgegeben hat. Aber was ist etwas Derartiges gegenüber der Tatsache, dass siebenhundert Jahre vor Christus der Prophet Isaias das Leiden des Gottesknechtes bis in die Einzelheiten hinein schaute und niederschrieb!

In einem der besten theologischen Bücher: Gustav E. Closen, "Wege in die Heilige Schrift" (Regensburg, Pustet) heißt es: "Das berühmteste Dokument der Passionsmystik des Alten Bundes ist neben Psalm 22 (21) das Lied vom leidenden Gottesknecht im 52. und 53. Kapitel des Propheten Isaias. Es ist der Text, von dem Augustinus gefragt: Ist das schon Evangelium oder ist es noch Prophetie?"

Es ist das Lied, von dem der große Bibelkenner Franz Delitzsch meinte: Wie viele sind an diesem goldenen Passional des alttestamentlichen Evangeliums schon die Augen aufgegangen! - Es ist unter dem Kreuz von Golgotha geschrieben (118). Von dieser einfach überwältigenden Vorschau des Leidens Christi bei Isaias stehen in der zweiten Lesung der Karmittwoch-Messe die Verse 53,1-12. Wir wollen sie uns nicht entgehen lassen und womöglich auch die vorhergehenden Vers (ab 52, 13) in der Bibel nachlesen. 

Closen sagt weiter:
"Das klassische Argument des frühen Christentums für die Wahrheit von Jesu Leben, Jesu Sendung und Jesu Werk lautet: Alles dies ist geschehen, damit erfüllt würde, was die Schrift gesagt hat durch den Propheten, wenn er sprach: ... 

Die Brote, die der Herr am See wunderbar vermehrt, und die Fische, die Petrus auf wunderbare Weise fing, existieren nicht mehr. Aber die Textworte, die die Propheten, in der Kraft ihrer wunderbaren prophetischen Inspiration gesprochen und beschrieben, die können wir heute noch gleichsam in die Hand nehmen, betrachten und deuten.

So ist die Prophetie ein Wunder, das in besonderer Weise noch der fernsten Zukunft zur nächsten Gegenwart wird. Wir selber dürfen die Worte des Propheten mit der Wirklichkeit vergleichen und ihre übernatürliche Kraft und Weite feststellen und bewundern" (125).

Hier mögen wenigstens einige Zeilen aus der berühmten uralten Prophetie herausgegriffen sein (Isaias 53, 4-6 und 9-11):
Wir meinten freilich, er sei gestraft,
von Gott gedemütigt und geschlagen.
Dabei war er durchbohrt um unserer Sünden willen,
zermalmt wegen unserer Freveltaten.
Eine Züchtigung, die uns den Frieden brachte, hat ihn getroffen;
durch seine Wunden wurden wir geheilt.
Wie Schäflein hatten wir uns verirrt.
Jeder von uns war seinen eigenen Weg gegangen.
Da legte der Herr die Scvhuld von uns allen auf ihn...
Er hat kein Verbrechen begangen,
keine Lüge ward in seiner Rede gefunden;
doch dem Herrn gefiel es, ihn mit Siechtum zu schlagen.
Wenn er sein Leben als Sühnopfer einsetzt,
soll er zahlreiche Nachkommen sehen und sich langen Lebens erfreuen*,
und durch sein Werk kommt das Vorhaben des Herrn zum Ziel.
Seiner Mühen Früchte wird er schauen,
ganz glückerfüllt durch solche Erkenntnis.
* Da es im ungekürzten Text vorher heißt, er sei gestorben, ist hier gemeint, er solle sich als Auferstandener des ewigen Lebens freuen, glückerfüllt  durch die Erkenntnis, welch wunderbare Früchte sein Leiden gebracht.

Heinrich Jansen Cron SJ in: "Weisheit für den Alltag - Aus den Messen eines Jahres"; Verlag Ludwig Auer/Cassianeum Donauwörth; Imprimatur 1954; S. 25-27 (s. Quellen)


Bild: Jesus als Schmerzensmann und Spottkönig, Ecce Homo; FW

Dienstag, 8. April 2014

Die sieben letzten Worte Jesu


1. Da Jesus an dem Kreuze stund
und ihm sein Leichnam ward verwundt,
mit bitterlichen Schmerzen,
die sieben Wort', die er da sprach,
betracht' in deinem Herzen!

2. Zuerst sprach er gar liebereich
zum Vater in dem Himmelreich
mit Kräften und mit Sinnen:
"Vergib, o Gott, sie wissen nicht,
was sie an mir beginnen!"

3. Danach 'denk der Barmherzigkeit,
die Gott dem Schächer noch verleiht,
da er sprach mild und süße:
"Fürwahr, noch heute wirst du sein
bei mir im Paradiese."

4. Der Herr auch seiner Mutter 'dacht,
da er das dritte Wort ihr sagt:
"Sieh deinen Sohn hieneben! -
Johannes, nimm der Mutter wahr;
dir sei sie nun gegeben."

5. Zum vierten schrie er in der Pein:
"Ach Gott, ach Gott, ach Vater mein,
wie hast du mich verlassen!"
Das Elend, das er leiden musst',
war über alle Maßen.

6. Nun merket auf das fünfte Wort,
das Jesus rief vom Kreuze dort
herab mit weher Stimme:
 "Mich dürstet sehr!", so klagt' der Herr
in seiner Schmerzen Grimme.

7. Das sechste war ein kräftig' Wort,
das schloss uns auf die Himmelspfort'
und tröstet manchen Sünder:
"Es ist vollbracht mein Leiden groß,
für alle Menschenkinder."

8. Zuletzt rief er vor seinem End':
"O Vater mein, in deine Händ'
ich meinen Geist befehle!"
Und neigt' sein Haupt und starb für uns.
Herr, rette unsre Seele!

9. Wer Jesus ehret immerfort
und oft gedenkt der sieben Wort',
des wird auch Gott gedenken
und ihm durch seines Sohnes Tod
das ewig' Leben schenken!


Passionslied, Text: Johannes Böschenstain (1472 - 1539)

Sonntag, 6. April 2014

Reinhold Schneider zum 56. Todestag R.I.P.

Heute vor 56 Jahren, am 6. April 1958, starb der Schriftsteller Reinhold Schneider. Darauf hat Andreas von "Pro spe salutis" hingewiesen und Ester vom "Beiboot Petri" hat es bereits aufgegriffen. Und das ist natürlich ein Post wert.

Reinhold Schneider wurde am 15. Mai 1903 in Baden-Baden geboren. Im Alter von etwa 15 Jahren verlor er die innere und äußere Bindung an seinen katholischen Glauben und kehrte erst im Alter von etwa 35 Jahren wieder zur Glaubenspraxis zurück. Er starb infoge eines Sturzes mit schwerem Schädel-Hirntrauma am Ostersonntag des Jahres 1958 im Alter von nur 54 Jahren.

Der Nachwelt hinterließ er ein Werk von anspruchsvollen Texten, die in ihrer Tiefe ihresgleichen suchen. Dem fast zeitlebens an Depression Leidenden und während des Zweiten Weltkrieges von den Nationalsozialisten Verfolgten wurde am 23. September 1956 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche verliehen.

Grablied

Wer heimlich Christi Leiden
an seinem Leib gespürt,
wird im Hinüberscheiden
vom ersten Glanz berührt;
wer Christi Tod erlitten,
wird mit ihm auferstehn;
wo er hindurchgeschritten,
da wage ich's zu gehn.

Ich will mein selbst vergessen
am Saum der Erdennacht
und an das Kreuz mich pressen
mit meiner Seele Macht.
Kein Wort soll mich erreichen,
das, Herr, Dein Mund nicht sprach.
Gewähre nur ein Zeichen,
so folge ich Dir nach.

Aus ungeheuren Räumen,
darin das Grauen webt,
schreckt, gleich verworrnen Träumen,
der Tod, der vor Dir bebt.
Ich seh' Dein Antlitz strahlen,
kein Wort gleicht Deinem Wort,
und über Zweifelsqualen
reißt mich die Liebe fort.

Schon dringt ein ahnend Schauen
von Raum zu Raum herab;
die noch an Gräbern trauern
begreifen nicht Dein Grab.
Die meine Brüder waren,
bezwingt die Erde nicht;
in ungemessnen Scharen
sehn sie Dein Angesicht.

Reinhold Schneider
"Grablied" aus dem Gedichtband "Herz am Erdensaum", Heidelberg 1947


Weitere Infos zu Reinhold Schneider und seinem literarischen Werk:



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    Mittwoch, 19. März 2014

    DvH 1: Was ist "Barmherzigkeit"?

    Dietrich von Hildebrand


    Die Barmherzigkeit

    Die Barmherzigkeit Gottes - Urwort des Evangeliums

    Die Barmherzigkeit ist in besonderem Sinne eine göttliche Tugend. Wie die Demut eine spezifisch geschöpfliche Tugend ist und von ihr nur in analogem Sinn bei dem Gottmenschen gesprochen werden kann, so ist die Barmherzigkeit eine spezifisch göttliche Tugend, die nur analog bei dem Menschen auftreten kann.

    Die Barmherzigkeit ist die herablassende, verzeihende Liebe des absoluten Herrn, des Inbegriffes aller Werte, die sich zu uns, ohne dass wir es irgendwie verdienen, herabneigt. Ja sie tritt am deutlichsten in der Stellung zum sündigen Menschen hervor. 

    Kein Gleichnis im Evangelium bringt uns die Barmherzigkeit so deutlich zum Bewusstsein wie das vom verlorenen Sohn. Aus dem Gestus des Vaters, der dem verlornen Sohn entgegeneilt, den Reuigen mit Liebe aufnimmt und sogar das gemästete Kalb für ihn schlachtet, spricht jene spezifisch barmherzige Liebe.

    Das ganze Evangelium atmet Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit Gottes ist ein Urbestandteil der christlichen Offenbarung. Sie hebt das Weltbild der Antike, für das ein sich in Liebe herabneigender Gott ein Widerspruch ist, aus den Angeln, sie ist den alles von der Gerechtigkeit des Gesetzes erhoffenden Pharisäern ein Ärgernis.

    Die Barmherzigkleit Gottes ist das Urwort des Evangeliums: sie spricht ergreifend aus dem Gleichnis vom Samariter, sie steht mahnend vor uns im Gleichnis des Herrn, der dem Knecht seine Schulden erließ, sie überwältigt uns im Kreuzestod des Herrn, der sterbend für seine Mörder betet.

    Aber das Evangelium ist nicht nur die Offenbarung von Gottes Barmherzigkeit, es stellt auch an uns die Forderung, barmherzig zu sein. Die Umgestaltung in Christus fordert, dass wir auch an dieser spezifisch göttlichen Tugend teilhaben.

    Jesus sagt beim Gastmahl im Hause des Levi: "Misericordiam volo et non sacrificium", "Ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer" (Matth 9,13), die Barmherzigen sind Gott besonders wohlgefällig, ja unsere Barmherzigkeit ist die Voraussetzung dafür, dass wir in Gottes Augen Barmherzigkeit finden. "Beati misericordes: quoniam ipsi misericordiam consequentur", "selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen."

    Barmherzigkeit - eine besondere Art der Liebe

    Die erste Frage, die sich bei der Betrachtung der Barmherzigkeit aufdrängt, ist die nach dem Unterschied von Barmherzigkeit und Liebe. Offenbar ist die Barmherzigkeit auch Liebe, aber sie ist nicht Liebe schlechtweg, sondern eine besondere Art der Liebe. Das Spezifische an der barmherzigen Liebe tritt am deutlichsten hervor, wenn wir uns klarmachen, dass sie stets auf Seiten dessen, dem die Barmherzigkeit gilt, eine "miseria", ein "Elend", voraussetzt. Das ist bei der Liebe im Allgemeinen keineswegs der Fall. Die innertrinitarische Liebe hat nichts von Barrmherzigkeit an sich. Ebenso hat die Liebe der Ehegatten oder zweier Freunde nichts mit Barmherzigkeit zu tun.

    Die Barmherzigkeit setzt eine "miseria" bei dem voraus, den man in Liebe aufnimmt; sie hat ferner den Charakter einer Zuwendung auf die der andere keinen Rechtstitel hat, sie hat den Gestus einer spezifischen Herablassung. 

    Mitleid in Abgrenzung zur Barmherzigkeit

    Man könnte nun meinen, die Barmherzigkeit sei dasselbe wie Mitleid. Aber das wäre ein großer Irrtum. Das Mitleid gilt erstens stets einem besonderen konkreten Leid einer Person. Wir haben Mitleid mit einem Kranken, mit einem Armen, mit einem Schwergeprüften. Das Erbarmen, die Barmherzigkeit, hingegen gilt stets der "miseria" der ganzen menschlichen Kreatur, welche hier konkret hervortritt.

    Das eigentliche Objekt der Barmherzigkeit ist die allgemeine Hilflosigkeit und Gebrechlichkeit des erbsündigen Menschen, das besondere Leid wird bei ihr nur als Ausdruck der in der metaphysischen Situation des erbsündigen Menschen gelegenen allgemeinen "miseria" gefasst. Dem Barmherzigen öffnen sich die Abgründe dieser Situation des Menschen im "Tal der Tränen", und der Adel des Menschen als gottebenbildlicher geistiger Person leuchtet ihm auf diesem Hintergrund in besonderer Weise auf.

    Der Blick des Barmherzigen dringt viel tiefer als der des Mitleidigen, er sieht das Geschöpf stets im Lichte seiner metaphysischen Situation, er betrachtet die jeweilige Situation "in conspectu Dei". Das verleiht der Barmherzigkeit einen feierlichen und heroischen Zug, der dem Mitleid fehlt.

    Zweitens ist das echte Mitleid stets leidensvoll - der Mitleidige ist stets ein Mitleidender. Er wird in die Situation des Leidenden mit einbezogen. Die Barmherzigkeit aber ist nicht selbst leidensvoll, sonst könnte Gott in seiner unentlichen Seligkeit, in der kein Schatten von Leiden wohnt, nicht barmherzig sein. Der Barmherzige wird nicht in die Situation des Leidenden mit einbezogen, sondern beherrscht sie in eigentümlicher Weise "von oben her".

    Das führt uns von selbst zu dem dritten unterscheidenden Merkmal von Barmherzigkeit und Mitleid. Das Mitleid setzt stets eine gemeinsame Grundsituation voraus, es erfolgt "inter pares", unter Gleichgestellten. Die Barmherzigkeit setzt stets eine Überlegenheit des Barmherzigen voraus. Er umfasst zwar intentional das Leid des anderen, aber sein eigener Standort ist außerhalb dieses Leides - ja oberhalb. Darum liegt in jeder Barmherzigkeit der Gestus der Herablassung: der Barmherzige neigt sich liebend zu dem Elend herab. 

    Bei dem Mitleid fehlt ein solches Herabneigen; sobald es sich einschleicht, bedeutet es eine Verfälschung des Mitleids, aus dem echten Mitleid wird dann jenes hochmütige Verhalten, das von dem Bemeitleideten als beleidigend empfunden wird. Denn das Mitleid ist ein spezifischer Ausfluß der Solidarität aller Menschen im Leid, ein spezifisches Sich-Gleichstellen mit dem Bemitleideten. Es bezieht sich, wie wir sahen, stets formell auf ein besonderes Leid eines Menschen, aber ausgehend von der gemeinsamen menschlichen Grundsituation.

    Das Erbarmen ist hingegen wesenhaft nur aus Gott möglich, es ist ein eigentümliches Teilhaben an der primär nur Gott möglichen Haltung eines liebenden Sich-Herabneigens. Es ist darum eine spezifisch übernatürliche Tugend, nur aus dem christlichen Ethos heraus vollziehbar; jeder Versuch, es auf rein natürlicher Ebene zu vollziehen - im Sinne eines herablassenden Mitleids - , würde sogar etwas Negatives, Unwertiges hervorrufen.


    (Zwischenüberschriften eingefügt und Hervorhebung durch Fettdruck von FW)
    Fortsetzung HIER

    Teil 2, 3, 4, 5


    Dietrich von Hildebrand in "Die Umgestaltung in Christus"; Verlag Josef Habbel Regensburg; AD 1971; S. 288-290 (s. Quellen)



    Weiteres zum Thema "Barmherzigkeit":

    Samstag, 16. November 2013

    Lebensgefährlich: Der Priester Hans Küng und sein Suizid


    Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

    Hans Küng möchte „nicht als Schatten seiner selbst weiterexistieren“. Im jüngst veröffentlichten dritten Teil seiner Memoiren hat er es den Lesern mitgeteilt und es seither in verschiedenen Interviews wiederholt. Der 85-jährige Schweizer und einstmalige Konzilsberater blickt auf ein langes Wirken als Theologieprofessor, Schriftsteller und Kirchenkritiker zurück. Nicht zu vergessen: Priester ist er auch. Bis jetzt pflegte er eine intensive Medienpräsenz und nutzte sie, um sich zeitgeistkonform über den katholischen Glauben, über Papst und Kirche zu äußern und für sein „Projekt Weltethos“, eine Art Ökumene aller Gutmenschen, zu werben. 

    Nun aber spürt Küng deutlich, dass sein Ende herannaht. Seit gut einem Jahr weiß er, dass er an Parkinson leidet und durch eine Makuladegeneration schon bald seine Sehkraft verlieren wird. Er ist Zeuge des beständigen Abnehmens seiner Energie, des raschen Schwindens seines Augenlichtes. Das wirft für ihn die Frage auf: „Ein Gelehrter, der nicht mehr schreiben und lesen kann? Was dann?“

    Wie nicht anders zu erwarten, bleibt Küng auch hier die Antwort nicht schuldig. Lautet sie vielleicht: „Nach dem vielen Lesen und Schreiben ist nun die Zeit vermehrten Betens gekommen“? Keineswegs. Küng, der sich „nicht lebensmüde, doch lebenssatt“ nennt, ist Mitglied der Sterbehilfeorganisation Exit. Nicht nur, um diese aus seinen gewiss beachtlichen finanziellen Mitteln zu unterstützen, sondern auch, um sich gegebenenfalls selbst von ihr unterstützen zu lassen: „Der Mensch hat ein Recht zu sterben, wenn er keine Hoffnung mehr sieht auf ein nach seinem ureigenen Verständnis humanes Weiterleben", sagt Küng und meint damit auch das Recht, sein letztes Stündlein bereits schlagen zu lassen, bevor es von der Natur – oder frommer ausgedrückt: von der göttlichen Vorsehung – eingeläutet wird. 

    Seinen Ansichten liegen persönliche Erfahrungen zugrunde. Küng erinnert sich an den qualvollen Tod seines Bruders Georg durch Hirntumor im Jahr 1955; schon damals habe er sich entschieden, so nicht sterben zu wollen. Auch das Ende seines Freundes Walter Jens, eines bekannten Philologen, der jüngst als Demenzkranker in geistiger Umnachtung verschied, bestärkte Küng in seinem Entschluss, sein Leben frühzeitig zu beenden (oder beenden zu lassen), bevor er in einen ähnlichen Zustand geraten sollte. 

    Bei einem religionslosen Menschen kann man diese Einstellung recht gut nachvollziehen. Aber bei einem Theologen, einem katholischen Priester? Dürfte man sich von ihm nicht anstelle der „Lösung“ des Problems durch assistierte Selbsttötung vielmehr eine Interpretation der leidvollen Dimension unserer Existenz im Lichte der göttlichen Offenbarung, einen Ausblick auf den Sinn von Schmerz und Tod in Gottes Heilsplan erhoffen? Offensichtlich ist der Glaube des Professors derart beschädigt, sein Blick auf Jesus Christus so sehr verdunkelt, dass ihm der eklatante Widerspruch zwischen seinen Auffassungen und denen eines Christen nicht mehr auffällt. 

    Bekanntlich hing unser Erlöser als verhöhnter, erniedrigter und gequälter Mann am Kreuz. Äußerlich betrachtet starb er wie ein Verbrecher, doch besiegte er dadurch Sünde, Tod und Teufel. Wir, seine Jünger, sind berufen, mit und in ihm durch Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung zu gehen. Schwäche, Verächtlichkeit und Schmerz, geduldig ertragen, vereinen uns dabei tiefer mit Christus und können zu einem Segen für andere werden. Viele heilige Menschen haben es uns vorgemacht. Und da sollte ein gläubiger Katholik, gar ein Priester des Herrn wohlüberlegt und ernsthaft behaupten können: Lieber Selbstmord als ein demütigendes Ende? 

    Hans Küng glaubt zwar an ein Leben nach dem Tod und erwartet, auch nach Suizid in den Händen Gottes geborgen zu sein. Doch spricht er hier gewiss nicht von dem Gott, an den wir Christen glauben, denn dieser verbietet es dem Geschöpf streng, sich als Herr über Leben und Tod aufzuspielen und sich dadurch göttliche Rechte anzumaßen. Für einen Theologen freilich, der zeitlebens die Ummodelung des Glaubensgutes nach menschlichen Vorstellungen betrieben hat, ist es nur konsequent, wenn er auch im Bereich der letzten Dinge – seiner eigenen letzten Dinge! – einem vermessenen Wunschdenken folgt. 

    Wer wie Hans Küng die professionelle Suizidassistenz von Exit in Anspruch nehmen will, der verzichtet damit selbstredend auf die kirchlich-sakramentale Sterbebegleitung durch den Priester. Er schlägt die Absolution nach reuiger Beichte aus, weist die aufrichtende, für den Todeskampf stärkende Gnade der heiligen Salbung zurück und lehnt die eucharistische Wegzehrung ab, diese letzte Kommunion auf Erden, die der ewigen Kommunion des Himmels vorausgehen soll. Das bedeutet: Ein solcher Mensch befindet sich objektiv in einem Zustand, der ihn vom ewigen Heil ausschließt. Und indem er seine Ideen via Medien propagiert, bringt er auch viele andere Menschen in ernste Gefahr. Grund genug, für den Priester Hans Küng zu beten.


    Hinweise:
    - mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
    - der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)


     Vom selben Autor:

      


    Donnerstag, 7. November 2013

    Die letzten Dinge: Was tut die Kirche für die Verstorbenen? Und warum tut sie das?

    Das Sterben eines Christen war - und sollte sein - eine Art Gottesdienst. Was tut die Kirche, was können wir für die Sterbenden und die Verstorbenen tun? Über die Sterbestunde, das persönliche Gericht, das Purgatorium (Fegefeuer) und Himmel und Hölle.

    Der Münchner Pastoraltheologe Prof. Dr. Andreas Wollbold über die letzten Dinge und die Fürsorge der Kirche für die Toten. Ein Klarsprechtext.




    Weiteres zum Thema "Tod und Ewiges Leben":


      von P. Martin Ramm FSSP

      Mittwoch, 6. November 2013

      Gott wird Gerechtigkeit schaffen

      Gott hat sich selbst ein "Bild" gegeben: im menschgewordenen Christus. In ihm, dem Gekreuzigten, ist die Verneinung falscher Gottesbilder bis zum äußersten gesteigert. Nun zeigt Gott gerade in der Gestalt des Leidenden, der die Gottverlassenheit des Menschen mitträgt, sein eigenes Gesicht. Dieser unschuldig Leidende ist zur Hoffnungsgewißheit geworden: Gott gibt es, und Gott weiß, Gerechtigkeit zu schaffen auf eine Weise, die wir nicht erdenken können und die wir doch im Glauben ahnen dürfen.
      Ja, es gibt die Auferstehung des Fleisches.[1] Es gibt Gerechtigkeit.[2] Es gibt den "Widerruf" des vergangenen Leidens, die Gutmachung, die das Recht herstellt. Daher ist der Glaube an das Letzte Gericht zuallererst und zuallermeist Hoffnung – die Hoffnung, deren Notwendigkeit gerade im Streit der letzten Jahrhunderte deutlich geworden ist.

      Ich bin überzeugt, daß die Frage der Gerechtigkeit das eigentliche, jedenfalls das stärkste Argument für den Glauben an das ewige Leben ist. Das bloß individuelle Bedürfnis nach einer Erfüllung, die uns in diesem Leben versagt ist, nach der Unsterblichkeit der Liebe, auf die wir warten, ist gewiß ein wichtiger Grund zu glauben, daß der Mensch auf Ewigkeit hin angelegt ist, aber nur im Verein mit der Unmöglichkeit, daß das Unrecht der Geschichte das letzte Wort sei, wird die Notwendigkeit des wiederkehrenden Christus und des neuen Lebens vollends einsichtig.


      [1] Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 988-1004.
      [2] Vgl. ebd., Nr. 1040.

      Benedikt XVI in der Enzyklika "Spe salvi" vom 30. November 2007 



      App (iphone und iPad) zum Turiner Grabtuch (auch in deutscher Sprache): Shroud 2.0


      Bild: Turiner Grabtuch, Fotonegativ; Detail mit dem Abbild des hl. Antlitzes
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