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Sonntag, 10. September 2017

Verdunkelt "Amoris Laetitia" die Wahrheit von Gut und Böse?

Der Philosoph Josef Seifert verteidigt dankenswerterweise mit einer neuen Stellungnahme zu Amoris Laetitia die Wahrheit und die ihr entsprechende katholische Morallehre gegen deren Relativierung. Dafür wurde er - für gläubige Katholiken völlig unverständlich - von Erzbischof Javier Martinez Fernandez (Granada, Spanien) scharf kritisiert und aus dem Lehrbetrieb entlassens. LifeSiteNews vom 05.09.2017 und kath.net vom 06.09.2017.


Im Folgenden die Anfrage des renommierten Philosophen im Wortlaut:

 

Droht reine Logik die gesamte Morallehre der katholischen Kirche zu zerstören?


Josef Seifert*


Dies ist eine aus dem englischen Original vom Autor ins Deutsche übersetzte Fassung des Aufsatzes, die jedoch – in Antwort auf erste Einwände gegen den englischen Text – einige Zusätze enthält, die im Original fehlen.


Der Text wird hier unter der Creative-Commons-Namens-nennung-Lizenz (CC BY 3.0) veröffentlicht.

Erscheinungsdatum 09.09.2017


Zusammenfassung


Die Titelfrage dieses Beitrags richtet sich an Papst Franziskus und alle katholischen Kardinäle, Bischöfe, Philosophen und Theologen. Es handelt sich um einen Zweifel, eine rein logische Konsequenz einer Aussage in Amoris Laetitia betre ffend, und endet mit einem Appell an Papst Franziskus, mindestens eine These in AL zurückzuziehen, wenn die Titelfrage dieses kurzen Aufsatzes mit Ja beantwortet werden muß. Und wenn in der Tat aus dieser einen Behauptung in AL eine reine Logik, aus evidenten logischen Gesetzen, die Zerstörung der gesamten katholischen Morallehre ableiten kann.

Amoris Laetitia hat zweifellos viel Verunsicherung und widersprüchliche Auslegungen in der katholischen Welt hervorgerufen. Ich möchte hier nicht diese ganze Kontroverse erneut darlegen und die Stellungnahme, die ich zu diesem Thema in einem vorangegangenen Artikel in drei Sprachen verteidigt habe, wiederholen. (1)

Hier geht es uns jedoch um eine einzige Aussage in AL, die nichts mit einer Anerkennung der Rechte des subjektiven irrenden Gewissens oder der Willensschwäche zu tun hat (unter Bezugnahme auf die Rocco Buttiglione die volle Harmonie zwischen dem moralischen Lehramt des heiligen Papstes Johannes Paul II und Papst Franziskus behauptet) – gegen die von Robert Spaemann und anderen geäußerte Feststellung eines vollständigen Bruches zwischen beiden. Buttiglione argumentiert, daß, in Bezug auf ihre grundverschiedene Lehre über die sakramentale Disziplin, der hl. Papst Johannes Paul II dann recht hat, wenn man nur den objektiven Inhalt der menschlichen Handlungen berücksichtige, während Papst Franziskus recht habe, wenn man, nach der nötigen Prüfung und Unterscheidung, den subjektiven Faktoren und fehlenden Bedingungen der Todsünde (mangelhafter ethischer Erkenntnis und Schwäche des freien Willens) die von ihnen verlangte Anerkennung zuteil werden läßt.

Im Gegensatz zu Passagen, in denen AL von diesen subjektiven Elementen spricht, behauptet jedoch die Stelle von AL, die ich hier untersuchen möchte, einen völlig objektiven göttlichen Willen, den wir laut AL (mit gewisser Sicherheit) erkennen können. Man kann daher diesen Text wohl unmöglich als eine „Verteidigung der Rechte der menschlichen Subjektivität,“ wie Buttiglione behauptet, deuten, sondern er besagt, daß diese intrinsisch ungeordneten und objektiv schwer sündhaften Handlungen, deren objektiv sündhaften Charakter Buttiglione zugibt, von Gott erlaubt, ja sogar von Ihm geboten werden (Sein Wille sein) können.

Wenn dies nun wirklich das ist, was AL behauptet, so bezieht sich aller Alarm über AL’s direkte Aussagen zu Fragen der Änderung der sakramentalen Disziplin,(2) nur auf die Spitze eines Eisbergs, auf den schwachen Beginn einer Lawine oder auf die ersten wenigen, durch eine moraltheologische Atombombe zerstörten Gebäude. Bei näherer Betrachtung scheint diese Atombombe das ganze moralische Gebäude der 10 Gebote und der katholischen Morallehre niederzureißen.

In der vorliegenden Arbeit werde ich jedoch nicht behaupten, daß dies der Fall ist. Im Gegenteil, ich überlasse die Beantwortung der Frage, ob es zumindest eine Aussage in Amoris Laetitia gibt, deren logische Konsequenz die Zerstörung der gesamten katholischen Morallehre nach sich zöge, oder nicht, ganz dem Papst oder anderen Lesern. Ich muß jedoch zugeben, daß das, was ich über eine Kommission lese, die vom Papst einberufen wurde, um Humanae Vitae, eine Enzyklika, die, wie später Veritatis Splendor, Jahrzehnten der ethischen und moraltheologischen Debatten ein definitives Ende setzte, „erneut zu prüfen", diese Titelfrage meiner Abhandlung provoziert hat und vielen Katholiken große Sorge bereitet.

Betrachten wir den entscheidenden Text (AL-303), der von Papst Franziskus auf den Fall der ehebrecherischen Beziehungen oder sonstiger sexueller Aktivitäten von Paaren „in unregelmäßigen Situationen“ angewendet wird, die sich entscheiden, die Aufforderung der Enzyklika Familiaris Consortio des heiligen Papstes Johannes Paul II an solche „unregelmäßige Paare“ nicht zu befolgen.

Papst JohannesPaul II lehrt diese Paare, daß sie sich entweder völlig trennen, oder, ist dies nicht möglich, ganz enthaltsam leben und auf Geschlechtsverkehr verzichten müssen. Papst Franziskus hingegen schreibt (AL 303):
„Doch dieses Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, (3) auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht. (4)
Dieser Satz heißt wohl, neben der euphemistisch klingenden Bezeichnung eines objektiven Zustands einer (nach dem Urteil der Kirche) schweren Sünde als „noch nicht vollständig das ideale Ziel erreichend“, daß wir mit „einer gewissen moralischen Sicherheit“ wissen, daß Gott selbst will, daß wir, um „größere Übel zu verhindern“, weiterhin in sich schlechte Handlungen begehen, wie Ehebruch oder aktive Homosexualität.

Demnach könnten wir erkennen, daß wir in bestimmten Situationen Handlungen begehen dürfen, ja sogar, wie aus einer anderen Stelle von AL hervorgeht, begehen sollen, die in sich schlecht sind und immer von der Kirche als solche betrachtet wurden.

Da man Gott sicherlich nicht ein fehlendes oder mangelhaftes ethisches Erkennen, ein „irrendes Gewissen“ oder eine Schwäche des freien Willens zuschreiben kann, geht es hier nicht um einen rein subjektiven Glauben des Gewissens, oder gar um ein irrendes Gewissen.

Der Papst spricht hier ferner nicht von einer (potentiell falschen) Überzeugung des Gewissens, sondern von einer Erkenntnis. Und eine Erkenntnis kann man nie von etwas Falschem haben. Der Grad der Gewißheit hat damit nichts zu tun. Er bestimmt nur, ob ein problematisches, assertorisches oder apodiktisches Urteil begründet werden kann. Doch hat dies nichts mit der Wahrheit zu tun. Denn aus der Wahrheit eines problematischen oder assertorischen Urteils folgt auch die Wahrheit eines apodiktischen Urteils. Und sicher kann der von uns betrachtete Text nicht meinen, daß die Erkenntnis, daß Gott einen in sich schlechten Akt erlaubt oder gar fordert, niemals wahr sein und dieser Fall nie eintreten kann.

Kann und muß reine Logik unter dieser Annahme nicht fragen:

„Wenn nur ein Fall einer in sich unsittlichen Handlung von Gott erlaubt und sogar gewollt werden kann, muß dies nicht für alle Handlungen, die vom Lehramt der Kirche bisher als „intrinsece malum“ („intrinsisch schlecht“) bezeichnet wurden, gelten? Wenn es stimmt, daß Gott wollen kann, daß ein ehebrecherisches Paar weiterhin im Ehebruch leben soll, sollte dann nicht auch das Gebot „Du sollst nicht ehebrechen!“ neu formuliert werden: „Wenn Ehebruch in Deiner konkreten Situation nicht das kleinere Übel ist, begehe keinen Ehebruch!Wenn Ehebruch in Deiner Lage das kleinere Übel ist, lebe ihn weiter!“?

„Müssen dann nicht auch die anderen 9 Gebote, Humanae Vitae, Evangelium Vitae, und alle vergangenen, gegenwärtigen und künftigen kirchlichen Dokumente, Dogmen oder Konzilsbeschlüsse, die die Existenz von in sich schlechten Handlungen lehren, fallen? Muß dann nicht die neue, von Papst Franziskus zur Überprüfung von Humanae Vitae einberufene Kommission schlußfolgern, daß dieVerwendung von Verhütungsmitteln in manchen Situationen gut oder sogar obligatorisch und von Gott gewollt sein kann? Stimmt es dann nicht mehr, wenn die Kirche unter Berufung auf das Naturrecht verboten hat, Verhütungsmittel zu verwenden, und war dann nicht die Lehre von Humanae Vitae ein gewaltiger Fehler, eine Lehre, die unzweideutig besagt hat, daß (absichtliche) Empfängnisverhütung in keiner Situation moralisch gerechtfertigt ist, geschweige denn von Gott befohlen werden kann?

„Können dann nicht auch Abtreibungen, wie Mons. Fisichella, der damalige Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, behauptete, in einigen Fällen gerechtfertigt und jene Antwort sein, ‘die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht’“? (AL 303) „Müssen dann nicht nach den Gesetzen reiner Logik Euthanasie, Selbstmord und Beihilfe zum Selbstmord, Lügen, Diebstähle, Meineide,Verleugnungen Christi, wie die des hl. Petrus oder auchMord, unter manchen Umständen und nach sorgfältigen ‘Unterscheidungen’, aufgrund der Komplexität einer konkreten Situation gut und lobenswert genannt werden? Kann dann nicht Gott auch verlangen, daß ein Sizilianer, der sich verpflichtet fühlt, die unschuldigen Glieder einer Familie auszulöschen, deren Haupt ein Mitglied seiner Familie ermordet hat, mit seinem Mordplan getrost voranzuschreiten?

Wenigstens dann, wenn z.B. sein Handeln verhindert, daß sein radikalerer Bruder gleich vier Familien auslöscht? Kann dann auch Mord jene Antwort sein, ‘die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht’“ (AL 303)?

„Verlangt die reine Logik also nicht, daß wir diese Konsequenz aus der zitierten Aussage von AL ziehen?“

Wenn jedoch die Titelfrage dieses Aufsatzes bejahend beantwortet werden muß, wie es der Fall zu sein scheint, würde es dann nicht folgen, daß die gesamte Morallehre der Kirche von Amoris Laetitia zerstört würde? Wenn die Titel-Frage dieses Essays bejaht wird, muß dann nicht eine eiserne und kühle Logik unweigerlich verlangen, die zitierte Aussage von Papst Franziskus zurückzuziehen? Sollte dieser Satz daher nicht zurückgezogen und von Papst Franziskus selbst, der zweifellos solche ethischen Folgen verabscheut, verurteilt werden?

Wenn Papst Franziskus dieser logischen Schlußfolgerung zustimmt, und die Titelfrage dieses Aufsatzes bejahend beantwortet, so möchte ich mit der Heiligen Katharina von Siena unseren obersten geistlichen Vater auf Erden, unseren ‘süßen Christus auf Erden’, wie diese Heilige einen der Päpste nannte, unter dessen Pontifikat sie lebte, während sie ihn heftig kritisierte, leidenschaftlich bitten, die genannte Aussage zurückzuziehen. Wenn die eisernen logischen Konsequenzen dieser Aussage nichts weniger als eine totale Zerstörung der Morallehren der katholischen Kirche androhen, sollte dann nicht der ‘geliebte Christus auf Erden’ seine eigene Aussage zurückziehen? Wenn die genannte These die unweigerliche logische Konsequenz mit sich führt, die Existenz in sich moralisch unrechter Handlungen zu leugnen, die unter allen Umständen und in allen Situationen verboten sind, und wenn diese Behauptung daher, nach Familiaris Consortio und Veritatis Splendor, ebenso Humanae Vitae und viele andere feierliche Lehren der Kirche niederrisse, sollte sie dann nicht verworfen werden?

Gibt es nicht offenbar solche Handlungen, die immer in sich schlecht und daher niemals gerechtfertigt oder gottgewollt sein können, so wie es andere Handlungen gibt, die immer gut sind? (5) Und sollte dann nicht jeder Kardinal und Bischof, jeder Priester, Mönch, jede geweihte Jungfrau und jeder Laie in der Kirche ein sehr lebhaftes Interesse an diesem Thema haben und dieses leidenschaftliche Plädoyer eines „armseligen Laien“, eines einfachen Professors der Philosophie, und unter anderem der Logik, sich zu eigen machen?


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(1)
(Ich überlege, auch dies noch in einer Antwort auf einige kritische Bemerkungen meines engen persönlichen Freundes Rocco Buttiglione, mit dem ich hinsichtlich fast aller anderen philosophischen und kirchlichen Fragen übereinstimme, zu tun.) Siehe Josef Seifert, „Amoris Laetitia. Joy, Sadness and Hopes“. In: Aemaet 5.2 (2016), 160-249, http://aemaet.de, urn:nbn:de:0288-2015080654. Josef Seifert „Die Freude der Liebe: Freuden, Betrübnisse und Hoffnungen“. In: Aemaet 5.2 (2016), 2-84, http://aemaet.de, urn:nbn:de:0288-2015080660. Josef Seifert „La Alegría del Amor: Alegrías, Tristezas y Esperanzas“. In: Aemaet 5.2 (2016), 86-158, http://aemaet.de, urn:nbn:de:0288-2015080685.

(2)
Nämlich, auf Grund gewissenhafter Unterscheidung, manche Ehebrecher, aktive Homosexuelle und andere „irreguläre“ Paare in ähnlichen Situationen zu den Sakramenten der Beichte und der Eucharistie (und logischerweise auch der Taufe, der Firmung und der Ehe) zuzulassen, ohne deren Bereitschaft, ihr Leben zu ändern und in voller sexueller Enthaltsamkeit zu leben. (Dies hat Papst Johannes Paul II in Familiaris Consortio als Bedingung der Zulassung solcher Paare zu den Sakramenten gefordert).

(3)
Amoris Laetitia 303. Aus dem vorherigen ebenso wie aus dem späteren Kontext geht klar hervor, daß dieser „Wille Gottes“ sich hier darauf bezieht, weiterhin das, was objektiv eine schwere Sünde ist, zu leben. Vgl. z. B. AL 298, Fußnote 329:
„Viele, welche die von der Kirche angebotene Möglichkeit, ‘wie Geschwister’ zusammenzuleben, kennen und akzeptieren, betonen, dass in diesen Situationen, wenn einige Ausdrucksformen der Intimität fehlen, ‘nicht selten die Treue in Gefahr geraten und das Kind in Mitleidenschaft gezogen werden’ [kann].“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute, 51).

In Gaudium et Spes, 51, woher das letzte Zitat entnommen ist, wird dieser Gedanke als ungültiger Einspruch gegen die moralische Forderung, nie einen Akt der Empfängnisverhütung zu begehen, genommen. AL hingegen löst sie erstens vom Zusammenhang mit der Ehe, in dem sie in GS steht, los, und wendet sie auf die „Treue“ ehebrecherischer Paare einander gegenüber an, und versteht sie zweitens in dem oben erläuterten Sinne als eine Rechtfertigung, weiterhin objektiv gesehen schwer sündhafte, ehebrecherische Handlungen zu begehen. Und zwar versteht AL diese nicht nur als subjektiv entschuldbare Folgen eines Gewissensirrtums, sondern behauptet, daß es sogar dem objektiven Willen Gottes entspricht und als gottgewollt erkannt werden kann, Akte des Ehebruchs und andere, die ein intrinsece malum sind, zu begehen.

(4)
346 Relatio Finalis 2015 85.235.

(5)
Dies ist die Grundaussage von Veritatis Splendor. Vgl. auch Josef Seifert, „The Splendor of Truth and Intrinsically Immoral Acts: A Philosophical Defense of the Rejection of Proportionalism and Consequentialism in ‘Veritatis Splendor’.“ In: Studia Philosophiae Christianae UKSW 51 (2015) 2, 27-67. „The Splendor of Truth and Intrinsically Immoral Acts II: A Philosophical Defense of the Rejection of Proportionalism and Consequentialism in ‘Veritatis Splendor’.“ In: Studia Philosophiae Christianae UKSW 51 (2015) 3, 7-37.




* Der Autor ist Gründungsrektor der Internationalen Akademie für Philosophie im Fürstentum Liechtenstein; Inhaber des Dietrich von Hildebrand Lehrstuhls für realistische Phänomenologie an der IAP-IFES Granada, Spanien; vom heiligen Papst Johannes Paul II als ordentliches (lebenslanges) Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben berufen; (eine Aufgabe, die mit der Statutenänderung und der Entlassung aller PAV Mitglieder durch Papst Franziskus im Jahr 2016 und der Nicht-Wiederwahl als Mitglied einer, grundlegend veränderten, PAV im Jahr 2017 endete).

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Der Autor ist postalisch zu erreichen über: Calle Angel Ganivet 5/7 D - 18009
Granada (Granada) - Spanien/España.


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Montag, 12. März 2012

Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube (10)

Prof. DDr. Josef Seifert  (1976)

Fortsetzung Teil 10

Unglückseliger Optimismus
C.  Wir haben oben schon festgestellt: Diejenigen, die für die grundlegende Rolle des Glaubensaktes, die der Verherrlichung Gottes, blind sind, verurteilen auch die Lehre von der Notwendigkeit des Glaubens für das ewige Heil als abwegig und grauenvoll. Sie richten den Blick so ausschließlich auf die ewige Seligkeit, daß sie die Vorstellung der Hölle gar nicht vollziehen können; diese schreckliche Realität kann man freilich nur verstehen, wenn man weiß, daß erstes und oberstes Ziel des Menschen die Verherrlichung Gottes ist, und erst das zweite die eigene Seligkeit. Nur dann kann man begreifen, daß die Abwendung von Gott in der schweren Sünde den Verlust der ewigen Glückseligkeit nach sich ziehen kann.

Aber nicht genug damit: Wenn man den ersten und obersten Sinn der Welt, die Verherrlichung Gottes aus den Augen verliert, dann führt der Weg weiter zum Verlust des Glaubens auch an den Himmel. Oder mag man auch noch an den Himmel glauben, so wird doch die unerläßliche Rolle des Glaubens und der Kirche für die Erreichung des ewigen Zieles nicht mehr erkannt.

Man sagt: Gott will jeden Menschen retten, was freilich zutrifft, aber man vergißt oder verschweigt, daß er die Befolgung Seines Wortes oder wenigstens den Durst danach in der Begierdetaufe zur Bedingung der Rettung gemacht hat.

Die Menschen verfallen einem unglückseligen Optimismus, was ihr seliges Heil betrifft, und begreifen nicht mehr, wie schrecklich die Sünde ist. Mehr noch, sie revoltieren gegen alle Gebote, die Schweres von ihnen fordern, wie sie etwa die Enzyklika Humanae Vitae oder die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe aussprechen. Freilich kann man solche Verpflichtungen nicht verstehen,wenn man sie trennt von dem höchsten Wert der Sittlichkeit: Gott zu gefallen.


Laxismus und Utopismus

D.  In der Folge werden auch alle anderen Dimensionen des religiösen Lebens unterminiert, u. a. besonders der große Auftrag Christi, hinauszugehen in alle Welt und den Samen Seines Wortes auszustreuen. Die übernatürliche Wirkkraft der heiligen Sakramente wird herabgespielt; gesucht und erstrebt wird nur die religiöse "Erfahrung".

Jedwede sittliche Forderung, die sich mit diesem reinen Immanenzdenken nicht verträgt, wird von solchen Menschen sehr bald abgeschüttelt, und schließlich bringen sie es fertig, den Glauben mit marxistischen und revolutionären Utopien gleichzusetzen.

Sie suchen die Verbindung mit Freimaurern und sogar mit Kommunisten und arbeiten mit ihnen zusammen für einen Humanismus, dem buchstäblich alle Elemente des wahren christlichen Humanismus abgehen, wie Henri de Lubac festgestellt hat. Sie setzen ihr Vertrauen auf eine innere Wandlung des Kommunismus - eine Utopie, gegen die Solschenizyn so machtvoll aufgetreten ist - und glauben an die Möglichkeit eines immerwährenden Friedens in der Welt, ja, sie erklären den übernatürlichen Glauben an einen überweltlichen Gott und an ein Leben nach dem Tode für einen platten Unglauben und die atheistische und historizistische Hoffnung auf eine immergeschichtliche Zukunft wird als Glaube proklamiert - so geschehen bei dem Dialog zwischen Marxisten und Katholiken in Salzburg im Jahre 1967.



Schluss folgt


Prof. Josef Seifert:
Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube
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Sonntag, 11. März 2012

Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube (9)

 Prof. DDr. Josef Seifert  (1976)

Fortsetzung Teil 9

Schizophrenie

A.  Die erstrangige Bedeutung des Glaubens, ja sogar der Wahrheit, wird heute von vielen geleugnet. Beeinflußt von Kantschen Theorien, die über Feuerbach, Hegel und Heidegger von Bultmann aufgenommen wurden und durch Bultmann auch in die katholische Theologie eingedrungen sind, kamen viele Zeitgenossen zu der Überzeugung, daß der Mensch keinen Zugang zu objektiver Wahrheit und transzendentem Sein habe.

Diese Anschauung läßt nicht einmal die Frage aufkommen, was die Wahrheit in sich ist, sondern stellt den Menschen in die Mitte und kümmert sich allenfalls darum, was die Religion für unser Leben bedeutet, welchen Wert sie für unsere persönliche Lebenserfahrung und -bereicherung hat.

Die Theologie wird in dieser Sicht, und so hat es schon Feuerbach ausgedrückt, tatsächlich zu bloßer Anthropologie. Die Wahrheit wird nicht mehr in ihrem eigenen Wert gesehen, der den all ihrer Wirkungen übersteigt, nein, sie wird überhaupt wert- und bedeutungslos.

Die "existenzielle Erfüllung" ist das einzige, was im Leben des Menschen zählt. Für Bultmann ist sogar die Frage, ob Christus wirklich Gott und Mensch war, belanglos. Die Idee Gottes wird als eine Art fiktive Schöpfung des menschlichen Geistes betrachetet - Kant nannte das eine "heuristische Fiktion"; nach dieser Auffassung brauchen wir, um unser Lebensglück zu finden, nur so zu leben, "als wären wir von Gott erlöst".

Für diese einigermaßen schizophrene Haltung gibt es, auf einer immerhin sympathischeren Ebene, ein Beispiel in der Weltliteratur: wo Don Quichote seinem Sancho Pansa erklärt, auch wenn Dulcinea von Toboso, die Dame seines Herzens, in Wirklichkeit nicht die einzigartige Schönheit und all die edlen Eigenschaften besäße, die in seiner Phantasie lebten, so hätte das nichts zu sagen, solange er nur die Kraft und Mut von dem Bild erhalte, das er sich von ihr mache.

Mit dieser Abwendung von der "fides quae creditur" greift eine radikale Entartung unseres Glaubens um sich. Die unendliche Bedeutung der "fides quae creditur", der Wahrheit der Glaubensinhalte, die die eigentliche Grundlage des Glaubens und des religiösen Lebens ist, entschwindet dem Bewußtsein.


Anthropozentrische Gewichtsverlagerung

B.  Diese Blindheit gegenüber der wesenhaften Würde und Majestät der Wahrheit führt auch zur Aufgabe des innersten Sinns des Glaubensaktes (fides qua creditur): der Verherrlichung Gottes. Und der Verlust dieser Dimension ist wahrhaftig keine Erneuerung, sondern eine eigentliche Zerstörung des Glaubens.

Alle Anbetung und jedes Gebet zielt auf die Verherrlichung Gottes, und darin besteht auch der primäre Sinn des heiligen Messopfers (Per ipsum, et cum ipso, et in ipso, est tibi Deo Patri omnipotenti, in unitate Spiritus Sancti, omnes honor et gloria), der Kern unseres ganzen sittlichen Lebens und vor allem der Liebe zu Gott, welche die Quelle und Krönung jeglicher Liebe ist.

Von hier aus ist leicht zu durchschauen, daß Hunderte von Formen, in denen sich die sogenannte Erneuerung der Kirche heute zeigen soll, nichts als Deformationen der Religion sind, die den Menschen zum Mittelpunkt machten:

- so die Behauptung, die Liebe zu Gott komme nur in der Mitmenschlichkeit zum Ausdruck; so der Versuch, den Opfercharakter der heiligen Messe zugunsten ihres Mahlcharakters abzutun;

 - so die Aufgabe der theozentrischen Ausrichtung des Priesters, also seiner Hinwendung zu Altar und Tabernakel, zugunsten der Wendung zum Volke hin, worin nicht selten die anthropozentrische  Gewichtsverlagerung zum Ausdruck kommt;

- so der Mangel an Interesse für eine Liturgie, die in ihrer Schönheit der Verherrlichung Gottes dient, und der alles beherrschende Wille, sie zeitgemäß, attraktiv zu machen;

- so eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde und dem Sittengesetz;

- so das bedeutungsvolle Schweigen bezüglich der Verherrlichung Gottes;

Diese und viele andere Zeichen lassen die unglückselige Richtungsänderung von Gott weg auf den Menschen als Mittelpunkt erkennen.

Fortsetzung folgt


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Samstag, 10. März 2012

Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube (8)

 Prof. DDr. Josef Seifert  (1976)

Fortsetzung Teil 8

Die Heilsnotwendigkeit des Glaubens

3.  Nur wenn wir die zwei erwähnten Grundbedeutungen  des Glaubens (Anm.: s. Teil 7, 1. und 2.) soweit verstanden haben, können wir auch seine weitere unermeßliche Bedeutung für den Menschen verstehen: seine Notwendigkeit für das ewige Heil. Die freie Zustimmung zu Gott und Christus, dem Sohn Gottes, und zu aller von Gott offenbarten und als verpflichtend von der Kirche vorgestellten Wahrheiten  - diese Zustimmung, worin, kurz gesagt, unser Glaube besteht, ist notwendig für unser ewiges Heil. Das ist die Lehre der Hl. Schrift und der Kirche.

Das schließt nicht aus, daß auch die Taufe bzw. die Begierde- oder die Bluttaufe zum Heile notwendig ist. Wie die Konstitution des II. Vatikanischen Konzil über die Kirche uns sagt, kann auch ein Heide, der ohne eigene Schuld niemals etwas von der Offenbarung vernommen hat, der aber immer der Stimme seines Gewissens folgt, gerettet werden durch das Verdienst und die in und durch die Kirche wirkende Gnade.

Und trotzdem bleibt wahr, wie die gleiche Konstitution uns sagt, daß jeder, dessen Kenntnis über den Anspruch der Offenbarung und der Kirche ausreichend ist, der aber trotzdem ihr nicht frei zustimmt, nicht der Kirche beitritt und in ihr verbleibt, vom ewigen Heil ausgeschlossen sein wird; tatsächlich wird das furchtbarste Übel, das überhaupt einen Menschen treffen kann, ihm bestimmt sein, ein Übel, wegen dem er besser nicht geboren wäre: die ewige Verdammnis.

Wenn wir nicht begreifen, welche Bedeutung die ersten zwei Wesensmerkmale des Glaubens für uns haben, werden wir auch die existenzielle Bedeutung des Glaubens für uns übersehen oder gar nicht annnehmen können: daß wir allein durch ihn die seligmachende Anschauung Gottes und die Vereinigung mit Gott erreichen können.


Der Glaube als Grundlage für unser ganzes übernatürliches Leben

Unser hl. Vater, Papst Paul VI., hat die wesenhafte Verbindung zwischen Heilsnotwendigkeit und einem weiteren Wesenszug des Glaubens betont: daß er (Anm.: der Glaube) in unserem geistlichen Leben die erste Stelle einnimmt und sein Fundament ist: "Der Glaube 'ist das Fundament unseres geistlichen Lebens' (Thomas, Summa Th. III, 73,3). 'Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen' (Heb 11,6). Gott hat in seinem Plan, den Menschen zu erhöhen und zu retten, das treue Festhalten an seinem Wort, d.h. den Glauben, zur unerläßlichen Vorbedingung für die ewige Seligkeit gemacht" (OSS.Rom., 9.8.73).

Alle anderen Gnaden, die wir empfangen, die Fruchtbarkeit der Sakramente, Hoffnung und Liebe und alle übernatürlichen Tugenden, setzen den Glauben voraus. So hat der Glaube, obschon die Liebe den höchsten Rang unter den Tugenden einnimmt, einen gewissen Vorrang in dem Sinn, daß er die Voraussetzung für alle anderen übernatürlichen Tugenden ist.

So ist die Demut unmöglich ohne den Glauben, daß wir von Gott aus dem Nichts erschaffen sind, daß er unendlich größer ist als wir und doch vom Himmel herabstieg und aus unendlicher Liebe Mensch wurde und sich selbst erniedrigte bis zum Tod am Kreuz.

Unsere Liebe zu von Natur aus nicht liebenswerten Menschen, gar nicht zu reden von der Feindesliebe, setzt den Glauben voraus, daß auch sie von Christus geliebt sind. In ähnlicher Weise stützen sich alle übrigen Tugenden und Gott wohlgefälligen Akte auf den Glauben. Nur aus der Erneuerung des Glaubens in seiner Tiefe und seinem Reichtum kann jegliche Erneuerung unseres sittlichen und gesellschaftlichen Lebens entspringen. Jede Erneuerung, zu der wir von Christus berufen sind, steht unter dem Primat des Glaubens.

Im Lichte dieser kurzen Analyse des vierfachen Primates, den der Glaube bei jeder Erneueung von seinem Wesen her besitzt, können wir die Abirrungen und falschen Formen der Erneuerung unterscheiden, wie sie heute verbreitet sind.

Fortsetzung folgt


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Freitag, 9. März 2012

Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube (7)

 Prof. DDr. Josef Seifert  (1976)

Fortsetzung Teil 7

Der Primat des Glaubens

Wenn wir nun tiefer in unser Thema eindringen wollen, müssen wir hier kurz innehalten und die verschiedenen Dimensionen betrachten, in denen sich der Primat des Glaubens für und über alle Erneuerung erweist.

1.  Was hier zunächst deutlich wird, ist die Tatsache, daß der Glaube mit der Wahrheit zu tun hat; er ist die Zustimmung zur Wahrheit und damit letztlich zu Gott, der die Wahrheit selbst ist. Deshalb können wir erstens den Glauben als unabdingbare Grundlage verstehen, wenn wir sein Objekt betrachten: die Wahrheit in ihrem Absolutheitsanspruch in jeder Hinsicht.

Auch wenn wir für einen Augenblick von der Heilsnotwendigkeit des Glaubens für den Menschen absehen, ja sogar von der durch den Glaubensakt geleisteten Verherrlichung Gottes, kann uns der unendliche Wert des Glaubens aufgrund seines Objektes, der Wahrheit, aufgehen; daß es einen lebendigen und unendlich heiligen Gott gibt, daß Christus der lebendige Sohn Gottes ist, der uns liebt - diese Wahrheit ist in sich von größerer Bedeutung als alle Folgerungen, die sich daraus für die ganze Welt ergeben.

Das Gewicht und die Bedeutung dieser Wahrheit ist größer als alle Früchte, die diese Wahrheit im Menschen hervorbringen kann. Deswegen, wenn wir von dem Primat des Glaubens sprechen, dann können wir an diese innerste und unaussprechliche Bedeutung der wirklichen Existenz Gottes und der übernatürlichen Welt denken, die alles andere an Wichtigkeit übersteigt.

2.  Wenn wir uns nun von der Wahrheit als dem Objekt des Glaubens (fides quae creditur) dem Akt des Glaubens zuwenden (fides qua creditur), dann müssen wir feststellen, daß sein grundlegendster Wert nicht in seiner Wirkung oder Heilsbedeutung für den Gläubigen liegt, sondern darin, daß er Gott verherrlicht.

Das tritt wunderbar ans Licht in dem Bericht des Johannesevangeliums von dem Mann, der von Geburt an blind war und der wegen seines Bekenntnisses, daß Christus kein Sünder sein könne, aus der Synagoge ausgestoßen wurde: "Jesus hörte, daß sie ihn ausgestoßen hatten, und als er ihm begegnete, sprach er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? Jener antwortete und sprach: Wer ist es Herr, damit ich an ihn glaube? Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen. Der mit dir redet, ist es. Und jener sagte: Ich glaube Herr, und er fiel nieder und betete ihn an!" (Joh 9,35-38).

Wir sprechen hier nicht von der inneren Bedeutung des Gegenstands des Glaubens, sondern von dem Wert, den der Akt der Liebe und Anbetung beseelten Glaubens besitzt (die fides caritate formata). Dieser Glaube besteht zunächst wesentlich darin, daß wir die Existenz Gottes und die Göttlichkeit Christi für wahr halten (credere Deum).

Und schließlich kann der Glaube, der diese Selbsthingabe einschließt, nicht bestehen ohne die Bereitwilligkeit, alles anzunehmen und für wahr zu halten, was Gott uns als wahr offenbart (credere Deo). Ein Glaube, der diese drei Dimensionen umfaßt, besitzt den höchsten Wert, vor allem, weil er Gott geschuldet ist, weil er Gott verherrlicht.

Die Tat des Blindgeborenen wird uns in diesem Sinn vorgestellt als etwas Kostbares, nicht zunächst, weil er für ihn das Tor zum Heile ist, sondern weil er jene einzigartige Verherrlichung darstellt, die der Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit Christi, seiner Gottheit und Göttlichkeit gebührt.

Jener anthropozentrischen Betrachtungsweise, die sich hauptsächlich um des Heil des Menschen dreht - wir finden sie bereits in den frühen Schriften Rahners und können sie bis auf Luther zurückführen* -, wohnt die Tendenz inne, diese  erste und grundlegende Rolle des Glaubens, die Verherrlichung Gottes, gänzlich zu übersehen.
* vgl. Paul Hacker, The Ego in Faith: Martin Luther and the Origin of Anthropocentric Religion. Franciscan Heralds Press, Chicago 1970; deutsche Originalfassung: "Das Ich im Glauben bei Martin Luther", Graz-Wien-Köln 1966

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Donnerstag, 8. März 2012

Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube (6)

 Prof. DDr. Josef Seifert  (1976)

Fortsetzung Teil 6

Der "Mythos vom modernen Menschen"

Diese Pseudo-Erneuerung entspringt also dem, was Dietrich von Hildebrand in seinem "Trojanischen Pferd" richtig den "Mythos des modernen Menschen" genannt hat. Das erste Element dieses "Mythos" besteht in der Auffassung, daß alle heute lebenden Menschen sich geändert hätten im Vergleich etwa zum Menschen des Mittelalters oder dem des 19. Jahrhunderts, und zwar so, daß diese Veränderung ihre grundlegenden Überzeugungen betreffe, ja, die Grundelemente ihrer menschlichen Natur.
Nun aber kann diese Auffassung in jeder Hinsicht als eine reine Konstruktion entlarvt werden. Die menschliche Natur hat sich nicht wesentlich verändert: die Menschen sterben immer noch; sie sind immer noch entweder gut oder böse; die Quellen ihres Glücks: Liebe, Ehe, Kinder und letztlich und vor allem Gott sind durchaus die gleichen wie zu allen Zeiten; die Menschen sind heute genauso der Erlösung bedürftig wie früher.

Auch ihre grundlegenden Überzeugungen haben sich im ganzen nicht geändert. Offenkundig gibt es heute sowohl Theisten wie Atheisten und Pantheisten; es gibt sowohl Materialisten wie Denker, die an der Geistigkeit der Person festhalten; es gibt Vertreter des Relativismus und des Realismus - nicht anders, als schon zu Platos Zeiten.

Und weiter: es gibt unvergleichlich mehr entscheidende Ähnlichkeiten zwischen den Heiligen des Mittelalters und den Heiligen unserer Zeit als zwischen den Heiligen des Mittelalters und den Verbrechern oder Pharisäern der gleichen Zeit. Ebenso stehen diejenigen, die im Mittelalter an Gott glaubten, denen, die heute an Gott glauben, unvergleichlich näher als den Atheisten ihrer eigenen Zeit.

Wir sehen also, daß nicht nur die wesentlichen Unterschiede, sondern auch die grundlegenden Übereinstimmungen zwischen den Menschen aller Zeitalter überdauern. Und die Meinung, daß so etwas wie ein "moderner Mensch" existiert, der in seinen Überzeugungen völlig verschieden von den Menschen anderer Epochen wäre, ist einfach unbegründet und falsch.
Ein zweites Grundelement dieses Mythos besteht darin, die Überzeugungen der dümmsten heute lebenden Menschen zur "Norm" dessen zu erklären, was der moderne Mensch glauben soll. ("Dummheit" ist hier im Sinn der biblischen "stultitia" (Torheit) zu verstehen, womit die Blindheit des Intellektes als Folge des bösen Willens gemeint ist. Auch ein Wesen höchster Verstandeskraft, sogar Luzifer, kann in diesem Sinn als "dumm" bezeichnet werden. Beim Menschen ist allerdings diese biblische "Torheit" oft verbunden mit einem Mangel an Intelligenz.)

Ein Jesuit, der in der römischen Kongregation zum Studium des Atheismus eine führende Rolle spielt, verglich in einer Vorlesung in Salzburg die Auffassungen des modernen Menschen mit der Äußerung eines russischen Astronauten, der in Rom gesagt hatte: "Wenn sie einem Menschen von heute genügend Zeit und genügend Geld geben, so bringt er alles fertig."

Nun, es liegt auf der Hand, daß nur ganz unkritische Menschen eine solche Auffassung teilen können. Es ist völlig evident, daß all unser Geld uns nichts hilft im Angesicht des Todes. Wir können mit Geld und Zeit das wunderbare Geschenk des Lebens nicht bezahlen, weder für uns selbst noch für andere, etwa für Verstorbene, die wir geliebt haben und noch lieben.

Es ist ebenso offenbar, daß Geld und Zeit einem Krebskranken oder sonst einem unheilbar Kranken keine Genesung und Erholung zu bringen vermögen. Ebensowenig können wir uns selber eine höhere Intelligenz geben, unsere Schuld austilgen oder uns selbst Vergebung zusprechen, auch wenn wir allen Reichtum der Welt besäßen und unbegrenzt viel Zeit.

Man will uns einreden, daß dieser mythische "moderne Mensch" unfähig sei, an Wunder zu glauben, an irgendeine übernatürliche Wirklichkeit, an einen transzendenten Gott, usw.

Nun, ich leugne keineswegs, daß es viele moderne Menschen gibt, die mehr oder weniger dieser Vorstellung entsprechen, jene etwa, die den Inseraten der Versicherungsgesellschaften und Stellenvermittlungen abnehmen, sie könnten in diesem Leben einfach alles erreichen, was sie zum vollkommenen Glück benötigen, und hätten deswegen keine Religion notwendig, frei von allem Übel, wie sie sich wähnen.

Trotzdem hoffe ich, daß diese moderne "Dummheit" nicht für den größten Teil der Menschheit charakteristisch ist; noch weniger kann sie zur Norm für die heute lebenden Menschen erhoben werden. Es gibt auch heute noch viele, die sich ihrer Grenzen und ihrer Erlösungsbedürftigkeit bewußt sind; es gibt noch viele, die die machtvollen Zeichen der übernatürlichen Wirklichkeit begreifen; es gibt viele andere, deren Verständnis tief genug geht, um mit ihrer natürlichen Vernunft die Existenz Gottes und folglich die Möglichkeit von Wundern einzusehen.

Aber sehen wir einmal ab von den Menschen, die gläubig sind - es gibt auch andere Gruppen, die nicht in dieses Schema passen: wir begegnen heute vielen, die bei Drogen ihre Zuflucht suchen, die Selbstmord begehen, die den Teufel anbeten und spiritistischen Sekten angehören, die den Astrologen Glauben schenken usw.; kurzum, es gibt eine Menge Leute, die ganz offensichtlich gerade nicht unter die Rubrik des sogenannten modernen Menschen fallen, für den alle Probleme mit wissenschaftlichen und natürlichen Hilfsmitteln lösbar sind.

So stellt es sich dann heraus, daß die Weltanschauung des "modernen Menschen" in Wirkichkeit nichts ist als die Überzeugung und Irrtümer einiger weniger moderner Menschen und überdies Ansichten, die meistens von albernen Menschen seit Jahrtausenden vertreten wurden.

Sobald wir jedoch begriffen haben, daß nicht nur nicht alle heutigen Menschen die erwähnten Ansichten teilen, sondern vor allem, daß diese Ansichten falsch sind, wird es absolut klar, daß die uns gestellte Aufgabe der Erneuerung auf keinen Fall darin bestehen kann, die göttliche Offenbarung an das Schema dummer moderner Irrtümer anzupassen. Eine solche "Erneuerung" wäre eindeutig eine Zerstörung des Glaubens, ein Verrat an Christus und der schlimmste Dienst, den wir heute lebenden Menschen erweisen könnten, gerade wenn sie von solchen Irrtümern eingenommen sind.

Somit kann die wahre Erneuerung, die heute gefordert ist, nur bedeuten, daß wir mit aller Klugheit und Liebe diese und ähnliche Irrtümer widerlegen, bekämpfen und Wege suchen, um Geist und Sinn der modernen Menschen dem Licht der unveränderlichen Offenbarungswahrheit zu öffnen.

Wir müssen ihnen entdecken helfen, daß Gott existiert; daß ein Leben ohne Gott sich nicht selbst genügt, sondern zur Verzweiflung führt; weiter, daß ihnen eine unendliche Liebe angeboten ist, die sich in der Erlösung durch Jesus Christus offenbart hat; daß auch an sie sich das Wort Gottes richtet: "Adam, wo bist du?" und schließlich, daß sie einst vor dem "rex tremendae maiestatis" erscheinen müssen, vor dem "König voll furchtbarer Majestät".

Hier finden wir also ein wichtiges Kriterium für die Unterscheidung von wahrer und falscher Erneuerung: die wahre Erneuerung ist die ständig erneuerte Kenntnis der unveränderlichen Offenbarungswahrheit, die ständig wachsende Kenntnis von ihrem Inhalt, die beständige Zustimmung zu jedem Teil dieser von der Kirche unfehlbar gelehrten Wahrheit.

Alle Versuche hingegen, ob sie nun offen oder mit schönen Worten getarnt geschehen, die Offenbarung an die Irrtümer unserer Zeit anzugleichen durch "Neuinterpretationen", stellen jene Art von Erneuerung dar, gegen die St.Paulus sein Anathema ausgesprochen hat - eine Verurteilung, die sogar für den Fall gilt, wenn der Irrtum durch einen Engel vom Himmel verkündet würde. Solche Versuche der Anpassung sind auch das gerade Gegenteil der Liebe, weil sie die Seelen der Wahrheiten berauben, die notwendig sind zu ihrem Heil.


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Mittwoch, 7. März 2012

Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube (5)

Prof. DDr. Josef Seifert  (1976)

Fortsetzung Teil 5

Dieser neue "hermeneutische Zugang" hat in vielen Formen Schillebeeckx und andere katholische Theologen beeinflußt und durch sie den Katholizismus in der Breite, wenn auch viele verbal den historischen Relativismus zurückweisen.

Nicht nur haben Theologen, z. B. der Holländer Van der Pol in seinem Buch "Konventionelles Christentum" oder Karl Rahner in einigen seiner neueren Schriften, diese Sicht verteidigt; sie hat sich auch in viele Katechismen und andere katholische Bücher mit hoher Auflage eingeschlichen und weite Verbreitung gefunden.

Eine derartige "Erneuerung" des Glaubens wird nicht nur in den gelehrten Artikeln vertreten, sondern auch durch die banale und vulgäre Sprache gefördert, wie sie heutigentags oft bei der Darstellung der biblischen Geschichte verwandt wird. Das ist z. B. der Fall in einem deutschen Katechismus, der vor einiger Zeit in "Theologisches" besprochen wurde; da wird der Bericht von der Empfängnis Christi so "neuinterpretiert": "Josef und Maria kamen öfter zusammen. Nach kurzer Zeit stellte es sich heraus, daß Maria schwanger war."

Wir sehen deutlich, daß in dieser Anpassung der Offenbarung an die moderne Mentalität der zeitlose und unveränderte Charakter der Wahrheit vernachlässigt und nicht selten geleugnet wird. Die Wahrheit eines Satzes wird verwechselt mit der geschichtlichen "Lebendigkeit" einer Idee im Geist mancher Menschen: die notwendige Unterscheidung zwischen der Wahrheit einer Idee und ihrer Wirksamkeit in der Geschichte unterbleibt.

Die Wahrheit der Jungfräulichkeit Mariens z. B. hängt offensichtlich nicht ab von der Frage, wieweit die Idee ihrer Jungfräulichkeit im 20.Jahrhundert "in der Luft liegt", oder ob sie vom Durchschnitt der heutigen Katholiken geglaubt wird, sondern einzig davon, ob das Dogma der Wirklichkeit entspricht, mit anderen Worten, ob Maria tatsächlich durch die Kraft des Hl. Geistes empfangen hat. Die Tatsache, daß die gegenteilige Überzeugung der heutigen "Bewußtseinslage" eher entspricht, hat nicht das geringste mit der Wahrheitsfrage zu tun.

Wenn man also die Frage, ob ein Dogma mit der Wirklichkeit übereinstimmt, durch die andere ersetzt, ob sie mit den Überzeugungen des modernen Menschen im Einklang steht, so führt das nicht zu einer Erneuerung des Glaubens, sondern zum Verrat am Glauben, zum Abfall vom Glauben.

Aber gerade dieser unglückseligen Ersetzung des Evangeliums Christi, das gerade kein Produkt menschlicher Erfindung ist, durch ein "neues Evangelium", das den Ansichten des "modernen Menschen " angepaßt wird, begegnen wir heute oft unter dem Namen und Vorwand der "Erneuerung". Der hl. Paulus sagt uns ganz klar, daß Gottes Zorn diese Art "Erneuerung" treffen wird.

Fortsetzung


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Dienstag, 6. März 2012

Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube (4)

 Prof. DDr. Josef Seifert  (1976)

 Fortsetzung Teil 4

Die veränderlichen Seiten unseres Glaubens und Glaubenswissens

Es gibt jedoch eine Möglichkeit des Wandels, und zwar in Hinsicht auf unseren persönlichen Glauben und unser Glaubenswissen, die nicht notwendig frei von Irrtum sind; und zwar in zweifacher Richtung: unser Glaube kann sich ändern in dem Sinn, daß wir den wahren Glauben verlieren und durch Irrtümer ersetzen. Das ist eine Änderung unheilvoller Art, die sich in Widerspruch setzt zu Christus und seiner Wahrheit, die aber heute nicht selten angeraten wird unter dem Vorwand der "Glaubenserneuerung".

Aber unsere religiösen Überzeugungen können sich auch zum Guten verändern, wenn wir nämlich unseren Glauben frei machen von allen Irrtümern, die mit ihm zusammen existieren können. Diese Umwandlung, dieses Überholen des früheren Zustandes, ist die richtige Antwort auf den Ruf Christi.

Und das müssen wir betonen: Anstatt unser "faktisches Glaubensbewußtsein" als Norm für die Lehre der Kirche anzusetzen - eine Idee, die Karl Rahner in seinen neueren Schriften vorträgt -, sollten wir im Gegenteil danach streben, alle irrtümlichen Überzeugungen, die sich in unser "faktisches Glaubensbewußtsein" eingenistet haben, auszumerzen und sie durch die Wahrheit zu ersetzen.

Unsere Glaubensnorm kann einzig die Offenbarung und die Lehre der Kirche sein; anstatt die Erneuerung in der Anpassung der amtlichen Lehre an die tatsächlichen Überzeugungen vieler Katholiken zu suchen, muß der erwünschte Wandel in die andere Richtung gehen: unser Glaube hat sich ständig an der Lehre der Kirche zu orientieren und die Erneuerung durch Ausscheiden aller eingedrungenen Irrtümer anzustreben.

Unser Glaube kann sich aber in einem weiteren, fundamentalen Sinn wandeln, ohne Bezug auf die Irrtümer, denen wir verfallen können. Soweit unser Glaube wahr, d. h., soweit er in  Übereinstimmung mit der Offenbarung und der Lehre der Kirche ist, kann er seinen Inhalt niemals verändern. Und doch kann er "erneuert" und vertieft werden in dem gleichen Sinn, wie die Lehre der Kirche selbst: der Glaube kann wachsen und sich entfalten zu einem größeren Umfang, einer größeren Tiefe, einer größeren Differenziertheit, einer größeren Klarheit.

Keine Stufe dieser Entwicklung kann irgendwie in Widerspruch geraten mit den früher bereits erkannten Wahrheiten. (Hier muß man daran erinnern, daß die unvollständige Erkenntnis, wie sie uns eigen ist, in keiner Weise mit dem Irrtum identisch, vielmehr ein Teil der ganzen und alles umfassenden Wahrheit ist.)

Aber es gibt die Möglichkeit und sogar das fortwährende Bedürfnis einer ständigen Reflexion über die Wahrheit, einer immerzu erneuerten Erkenntnis der Wahrheit. Hier sehen wir uns einer wunderbaren Tatsache gegenüber: Die Wahrheit selbst ist jederzeit neu.

Der Wahrheit eignet eine wahrhafte, dauernde Neuheit, und so ist sie die letzte Quelle für die Erneuerung unseres Glaubens, wie es der hl. Augustinus in dem 10. Buch seiner "Bekenntnisse" großartig ausgedrückt hat: "Spät habe ich geliebt, o Schönheit, so alt und so neu, spät habe ich dich geliebt."

Aber die Wahrheit besitzt nicht nur in sich diese wesenhafte "Neuheit", die unser Wissen jederzeit "erneuert", wenn wir uns ihr zuwenden; es gibt weiter die Möglichkeit der Erneuerung durch Wachstum und Vertiefung unserer Erkenntnis und unseres Glaubens, immer tiefer in die Wahrheit einzudringen, eines endlosen Prozesses, wobei wir auf der einen Seite immer wieder den gleichen Wahrheiten begegnen, während sie auf der anderen Seite uns in neue und unvorhergesehene Dimensionen mit neuen und noch unerfaßten Zusammenhängen führen.

Mit einem Wort, der ganze Prozeß der Erneuerung und Entwicklung unseres Glaubens und unsees Glaubenswissens besteht darin, sie von allem Irrtum zu befreien und uns mehr und mehr in das eindringen zu lassen, was von Natur  aus unveränderlich und doch allzeit neu ist: die Wahrheit.

Falsche Glaubenserneuerung

Auf diesem Hintergrund können wir uns nun Rechenschaft geben über so viele falsche Formen von "Erneuerung", d. h. praktisch von Methoden der Glaubenszerstörung, welche unter dem Etikett "Erneuerung" präsentiert werden.

Heutzutage wird im großen der Versuch gemacht, den Inhalt der Offenbarung an den "modernen Menschen" anzupassen. In diesem falschverstandenen "aggiornamento" fallen viele einem historischen Relativismus zum Opfer, dessen Wurzeln man bei Hegel, Dilthey und Heidegger suchen muß.

Sie sind der Auffassung, daß die Wahrheit ein historischer Prozeß sei und daß sie sich wandele mit dem Wandel des Zeitgeistes. Von dieser falschen Grundlage her schließt man, daß wir heute unseren Glauben "erneuern" müssen durch eine "Neuinterpretierung" im Sinn des "modernen Menschen", d. h. gemäß dem, was man heute allgemein glaubt, denkt und fühlt.

Diese Einstellung wurde unter dem Einfluß von Heidegger bei Bultmann so stark, daß er sich nicht vorstellen konnte, wie ein moderner Mensch, der sich eines Elektrorasierers bedient, zugleich an die Wunder des Evangeliums glauben könne. Bultmann wollte darum das Evangelium "neuinterpretieren" im Lichte der säkularistischen und immanentistischen Weltanschauung unserer Zeit und Welt, in der es keinen Platz gibt für Wunder, Gnade oder überhaupt irgendeine übernatürliche Wirklichkeit.

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Montag, 5. März 2012

Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube (3)

Prof. DDr. Josef Seifert  (1976)

Fortsetzung Teil 3

Das unwandelbare Wesen der Wahrheit

Die Erneuerung unseres Glaubens und unseres Glaubenswissens kann gewiß nicht bedeuten, daß man Glaubenslehren durch andere ersetzt, genausowenig wie man etwa die eheliche Liebe erneuern kann durch die Liebe zu einer dritten Person. Die einzige wahre Erneuerung unseres Glaubens und unseres religiösen Wissens kann nur geschehen durch ein immer tieferes Verständnis der unwandelbaren ewigen Wahrheit, wie sie uns von Gott geoffenbart und von der Kirche in ihrer amtlichen Lehre immer genauer und ausführlicher dargelegt wurde.

Das betrifft nicht allein die geoffenbarten Wahrheiten von dem ewigen Wesen Gottes: von seiner unendlichen Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Liebe, Weisheit und Heiligkeit, sondern auch alle geschichtlichen Wahrheiten der Offenbarung: Inkarnation, Passion, Kreuzigung, Auferstehung Christi: sie können sich niemals ändern. Ebensowenig die Wahrheit über die Wunder und die in ihnen sich offenbarenden Eigenschaften der Allmacht und Barmherzigkeit.

Die bloße Idee, daß sich irgendeine Wahrheit im Laufe der Geschichte ändern könne, daß es z. B. zu einer bestimmten Zeit wahr gewesen sei, daß Christus "Fleisch annahm durch den Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau", zu einer andern Zeit aber nicht, ist schlichtweg absurd.

Gewisse mittelalterliche Denker wiesen darauf hin, daß selbst Gottes Allmacht die Wahrheit über ein vergangenes Ereignis nicht ändern könne, da das in sich unmöglich und widersprüchlich sei. So sagt auch C.S. Lewis in seinem Buch "Das Problem des Leidens": "Unsinn bleibt Unsinn, auch wenn von Gott die Rede ist."


Die Unwandelbarkeit von Glauben und Glaubenswissen

Wenn wir einmal verstanden haben, daß die Wahrheit von ihrem Wesen her unveränderlich ist, begreifen wir auch, daß sich unser Glaube und unser Glaubenswissen nicht geschichtlich verändern kann, soweit die Wahrheit in Betracht kommt.

Der Glaube, mit dem der hl. Paulus bekannte: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes" ist der gleiche Glaube, mit dem wir diese Worte mit voller Zustimmung im Herzen wiederholen. Der Glaube, mit dem die Jünger glaubten, daß "Christus vom Tod erstanden ist, wie Er es vorausgesagt hat", ist nicht verschieden von unserem Glauben im 20. Jahrhundert* an die Auferstehung Christi oder von dem irgendwelcher Afrikaner, die seit den Tagen des hl. Augustinus bis heute daran geglaubt haben.

So bietet also die wesentliche Unwandelbarkeit des Glaubens selber die Grundlage und Garantie dafür, daß kein Akt des Glaubens und der Erkenntnis, mit dem wir die Wahrheit ergreifen, jemals der geschichtlichen Veränderung unterliegt.

Aber da man vom Glauben abfallen kann und sich Irrtümer mit dem wahren Glauben vermischen können, findet die Tatsache der geschichtlichen Unwandelbarkeit des Glaubens, in dem der Mensch die Wahrheit findet, ihren einzigartigen und glorreichen Ausdruck in der Unfehlbarkeit der Kirche, dann nämlich, wenn dieser Glaube in endgültigen dogmatischen Entscheidungen ausgesprochen wird.

Da die amtliche Lehre der Kirche durch ein wunderbares Geschenk des Hl. Geistes - gegen das man in unseren Tagen nicht selten schwer sündigt - als irrtumsfrei garantiert wird, so folgt aus dieser von jedem rechtgläubigen Katholiken anerkannten Tatsache, daß ebenso, wie die Glaubenslehre der Kirche keiner geschichtlichen Veränderung unterworfen ist, Erneuerung niemals dadurch zustande kommen kann, daß man ein Dogma gegen ein neues austauscht.

* Anm.: und auch nicht verschieden von dem im 21. Jahrhundert


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Samstag, 3. März 2012

Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube (2)


Prof. DDr. Josef Seifert  (1976)

Fortsetzung, Teil 2

Der zeitgenössische Hintergrund

Unsere Überlegungen über den Glauben und die Erneuerung müssen wir auf dem Hintergrund der heutigen Situation anstellen. Die wahre Erneuerung wird nicht selten  als Stagnation und Traditionalismus hingestellt, während zugleich ein Massenaufgebot an Formen der "Erneuerung" besteht, die sich nicht nur unterscheiden von jener, die die Kirche von uns erwartet, sondern ihr radikal entgegengesetzt sind: denn statt den Gläubigen zu einem tieferen Verständnis der Offenbarung zu führen, werden ihre Inhalte verfälscht, mit Schweigen übergangen oder gar ausdrücklich geleugnet.
Die Gottheit Christi, Seine wirkliche Gegenwart in der hl. Eucharistie, der Opfercharakter der hl. Messe, die Jungfräulichkeit Mariens, die Existenz des Teufels und der Hölle, ja sogar die Existenz des ewigen Gottes - all diese Wahrheiten gehören zu den Zentralwahrheiten der Offenbarung, und jeder weiß, wie häufig sie offen geleugnet werden und wie wenig darüber in den neuen Katechismen gesagt wird.
Dasselbe ist zu sagen über die Realität der Sünde, über die Pflicht, den Geboten Gottes zu folgen, über die Notwendigkeit des Glaubens und der Taufe für das ewige Heil, über das jüngste Gericht, über das Fegefeuer, über die Wunder, über die Gnade.
Es gibt kein Grundelement des Glaubens mehr, das heute nicht auf vielfache Weise geleugnet oder öffentlich von Mitgliedern der Kirche verfälscht würde.
Die Situation ist in der Tat so, daß sie für uns eine schwere Versuchung gegen den Glauben an die Übernatürlichkeit der Kirche bedeutet, solange wir sie nicht in dem durchdringenden Licht des Glaubens betrachten. Im Lichte des Glaubens aber erkennen wir, daß alles uns von Christus und den Aposteln vorausgesagt ist.
Dieses tiefere Verständnis ruft uns auch in Erinnerung, wie oft in der Vergangenheit, in Zeiten schwerer Krisen und Häresien, die Kirche die übernatürliche Kraft erhielt, sich selbst herrlich zu erneuern, durch neue Heilige und durch die Treue zur rechten Lehre.
Wir stellen dann auch mit Verwunderung fest, daß in solchen Zeiten der Verwirrung und Glaubensschwäche auf Seiten des Volkes und des Klerus, ja einiger Päpste, die Kirche niemals ein Dogma widerrufen hat. Vor allem und letzten Endes werden wir getröstet durch den Herrn selbst, der gesagt hat: "Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen" (Mt 16,18).
Es ist von äußerster Wichtigkeit, daß wir uns diese übernatürliche Einstellung zur gegenwärtigen Situation zu eigen machen; jede andere wird sich als verfehlt herausstellen.
Ich wende mich hier nicht an diejenigen, die die Offenbarungswahrheiten leugnen oder verdunkeln; auch nicht an jene, die von der Woge der Verweltlichung erfaßt sind, ohne sich darüber voll Rechenschaft zu geben.
Ich denke vielmehr an diejenigen, die persönlich an Christus und an die Kirche glauben, ohne jedoch die erwähnte echt übernatürliche Haltung zu besitzen. Entweder verschließen sie ihre Augen vor dem Ernst der Lage und erklären eine der stärksten Strömungen der Verweltlichung und der Häresie - wenn nicht die stärkste überhaupt in der Geschichte der Kirche - als unbedeutende Störung innerhalb einer im ganzen gesunden Entwicklung. Das ist eine unrealistische Sicht; diese Leute sehen die große Gefahr, die den Glauben bedroht, einfach nicht und bekämpfen sie nicht.
Ich denke an andere, die feststellen, wie weit der Abfall vom Glauben unter dem Vorwand der Glaubenserneuerung verbreitet ist, und die dann bitter werden und niedergeschlagen und schließlich verzweifeln. Wieder andere verfallen der Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit infolge einer falschen Beurteilung der kirchlichen Autoritäten; oder dem offenen Ungehorsam gegenüber den Bischöfen; schließlich sogar dem Irrtum, daß der Papst nicht der wirkliche Papst sei, daß wegen der liturgischen Veränderungen Christus nicht länger mit der Kirche sei und daß die wahre Kirche in unseren Tagen nur in kleinen Traditionalistengruppen oder Sekten ohne den Papst fortbestehe.
In dieser Zeit der Verwirrung ist kaum eine Gabe nötiger als die Unterscheidung der Geister, die Gabe der Erkenntnis, was wahr ist und was falsch, was gut ist und was böse, was von Gott kommt und was vom Teufel. Es ist heute eine Frage auf Leben und Tod, Zeichen, Kriterien zu besitzen, um die wahre, von Christus geforderte Erneuerung von den vielen Versuchen einer Pseudo-Reform zu unterscheiden, die in Wirklichkeit Abfall vom Glauben sind.

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Über den Philosophen Josef Seifert (geb. 1945) bei wikipedia (bitte HIER klicken!)

Freitag, 2. März 2012

Die Grundlage jeder Erneuerung: Der Glaube (1)

Im Folgenden ein Vortrag des Philosophen und Autors Prof. Josef Seifert, der gegenwärtig Rektor der Internationalen Akademie für Philosophie (IAP) in Liechtenstein ist. Der Text wurde bereits in den Ausgaben Nr. 1,2 und 3 des Jahrgangs 1976 der katholischen Zeitschrift "DER FELS" abgedruckt.

Ich danke dem Verlag für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung.


Prof. DDr. Josef Seifert

Die Grundlage jeder Erneuerung:
Der Glaube


Die Leuchte des Leibes ist dein Auge. Ist dein Auge gesund, so steht dein ganzer Leib im Lichte. - Kul 11,34 (Matth 6,22)

Die Heilige Schrift ermahnt uns immer wieder, uns im Geiste zu erneuern. Das Wesen solcher Erneuerung hängt zuinnerst an der göttlichen Offenbarung, insbesondere an der Selbstoffenbarung Gottes in und durch Christus Jesus, der einst zum Apostel Philippus sagte: " Philippus, wer mich sieht, sieht auch den Vater" (Joh 14,9).

Christus ist es, durch den vor unseren Augen "ein neues Licht" aufgestrahlt ist, wie die Kirche in der Weihnachtspräfation singt; Christus ist es, durch den unsere Natur "noch wunderbarer erneuert wurde", als sie ursprünglich geschaffen war.


Erneuerung in Christus

Als Antwort auf das "neue Licht" und als Frucht der Neuschaffung der Natur durch die Gnade sind wir berufen, uns selbst zu erneuern, gemäß dem Wort des hl.Paulus: "Legt also den alten Menschen ab, der an trügerischen Gelüsten zugrunde geht; erneuert euch in geistiger Gesinnung und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit geschaffen ist" (Eph 4,22-24).

Es ist Lehre des katholischen Glaubens, daß Christus mit seiner Gnade unsere Sündigkeit nicht nur "zudeckt", wie Luther meinte, sondern, daß unsere Natur in Christus verwandelt und eine "neue Kreatur" in Ihm werden kann. Diese Verwandlung wird nicht durch die Gnade allein bewirkt. Sie verlangt vielmehr unsere freie Mitwirkung. Ist es nicht in der Tat eine schwierige Aufgabe, unser Kreuz auf uns zu nehmen und Christus nachzufolgen?

Diese Erneuerung ist also von ihrem Wesen her eine freie Antwort an Christus, das Licht der Welt, eine Antwort auf die unendliche Liebe, mit der Er uns geliebt hat, indem Er sein "Leben hingab für seine Freunde". Zugleich aber ist sie auch die Frucht der Erlösung und der heiligmachenden Gnade, ohne welche all unser menschliches Bemühen, wie uns der Glaube lehrt, fruchtlos wäre und ganz unfähig, unsere Erneuerung und Umwandung in Christus zu bewirken. (...)

Der Prozeß unserer Umwandlung in Christus geht so an die Wurzeln unseres Seins, daß selbst die größten Heiligen sie in diesem Leben niemals zu Ende bringen konnten; sie wussten vielmehr, daß es eine lebenslange, ja sogar eine unbegrenzte Aufgabe war. Keine natürliche Aufgabe, kein natürlicher Wert, wie etwa Freundschaft oder Liebe, gar nicht zu reden von sozialen und politischen  Reformen, fordert eine so radikale und umfassende Verwandlung, wie sie Christus verlangt.

Und doch hat, wie es Dietrich von Hildebrand im ersten Kapitel seines Buches "Umwandlung in Christus" leuchtend gezeigt hat, diese Veränderung, so radikal sie ist, so sehr den  Charakter von Beständigkeit und Treue, daß an ihr der Widerschein der göttlichen Unveränderlichkeit aufleuchtet.


Der Primat des Glaubens

Wir werden das besser verstehen, wenn wir uns nun dem eigentlichen Thema dieses Vortrages zuwenden, der Frage, wieweit der Glaube in all dem den Vorrang besitzt. Wir werden den Glauben zunächst betrachten als Grundlage jeder wahren religiösen Erneuerung und als vorrangig auf allen Gebieten unseres Lebens und des Lebens der Kirche.

Dann wollen wir sehen, in welchem Sinn unser Glaube selbst fortlaufend erneuert werden muss. Wenn wir uns darüber einen genauen und klaren Begriff geformt haben, haben wir den entscheidenden Ansatz für die Erneuerung unseres religiösen Lebens, zu der wir jederzeit aufgerufen sind.

Die Bedeutung unseres Gegenstandes wird ohne weiteres klar, wenn wir uns daran erinnern, daß das Thema der Erneuerung nicht nur im Mittelpunkt der Offenbarung steht, sondern, daß das Evangelium voll Warnungen vor einer anderen Art von Erneuerung ist, die das genaue Gegenteil der wahren religiösen Erneuerung darstellt.

Der hl. Paulus sagt uns, daß innerhalb der Kirche viele aufstehen werden, die den Gläubigen ein "neues Evangelium" bringen; und er warnt eindringlich davor, auf sie zu hören, denn das Evangelium ist keine menschliche Erfindung, sondern göttliche Offenbarung und kann als solche niemals verändert werden; ja, er erklärt: selbst wenn ein Engel vom Himmel käme um ein anderes Evangelium zu bringen als das von den Aposteln und der Kirche vermittelte Evangelium Christi, so solle er verflucht sein (anathema sit).

Zu demselben Gegenstand schreibt der hl. Johannes in seinem 2. Brief: "Wer sich darüber hinwegsetzt und der Lehre Christi nicht treu bleibt, besitzt Gott nicht. Wer aber in der Lehre treu bleibt, besitzt den Vater und den Sohn" (2 Joh 9) Johannes warnt uns nicht nur vor einer solchen Scheinerneuerung, sondern er, der Liebesjünger, sagt sogar: "Kommt einer zu euch, der eine andere Lehre bringt, so nehmt ihn nicht auf in euer Haus und bietet ihm nicht einmal den Gruß. Denn wer ihm den Gruß entbietet, macht sich mitschuldig an seinem bösen Treiben" (2 Joh 10-11).

Vor allem aber wendet sich Christus selbst gegen die vielen "falschen Propheten", die in Seinem Namen auftreten werden, in Schafskleider gehüllt, die wir aber als die erkennen sollen, die sie wirklich sind: "reißende Wölfe", die den Glauben zerstören und mit dem Glauben jede wahre Erneuerung unseres Geistes, zu der wir von Gott berufen sind und ohne  die wir das ewige Heil nicht erlangen können.

Die Geschichte der Kirche bezeugt, daß unzählige "Reformer" tatsächlich zu dieser Art von Erneuerern gehörten, vor denen uns Christus gewarnt hat.


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Sonntag, 12. Februar 2012

Mittwoch, 25. Januar 2012

Der kämpfende Mensch (7)

Josef Seifert  (1975)

Fortsetzung, Teil 7

Es ist bedenkenswert, daß gerade in unserer Zeit eine Heilige zur Kirchenlehrerin erhoben wurde - Katharina von Siena -, die immer wieder darauf hingewiesen hat, daß das Stillschweigen und die Feigheit angesichts der in der Kirche und Gesellschaft grassierenden Irrtümer und Übel die größte Grausamkeit ist.

Plato hat seiner Zeit und Gesellschaft eine Diagnose gestellt, die wir weitgehend auf die unsere übertragen können. Wenn man kranken Kindern, so schreibt er, einmal einen Arzt schickt, der sie schneidet und brennt und so vom Geschwür befreit, und einmal einen Koch, der sie mit Süßigkeiten verwöhnt und so ihre Krankheit nur verschlimmert, so werden sie, wenn man sie gewähren läßt, den Koch mit Triumpfgeschrei empfangen, den Arzt aber aus der Stadt treiben.

Nicht anders machen es, sagt Plato, erwachsene Bürger: Den Philosophen, der die Ungerechtigkeiten aufdeckt, werden sie hinaustreiben und vielleicht sogar außerhalb der Stadt ans Kreuz schlagen, den Sophisten aber, der sie in schönen Illusionen wiegt, werden sie mit lautem Jubel begrüßen.

Wenn wir uns solcherart klarmachen, "was am Menschen ist", so werden wir immun sein gegen diesen falschen Vorwurf der Lieblosigkeit. Gewiß müssen wir uns beim Kampf gegen Übel und Irrtümer vor Lieblosigkeit in der Art und Weise des Vorgehens hüten, aber wir können uns deswegen nicht vom Kampf selbst dispensieren.

Wir müssen ihn angehen und führen aus der Liebe zu Gott, aus der Liebe zum Herzen Jesu, in dem sich Gottes Liebe zu jedem von uns so überwältigend geoffenbart hat; unser Kampf muß - in der Teilhabe an diese Liebe - sich von Bitterkeit und Feindseligkeit fernhalten, er muß ein lichtvoller Kampf sein, der von Güte beherrscht und von Sanftmut durchdrungen ist.

Das ist gewiß nicht leicht, aber besser ist es, überhaupt zu kämpfen als den Kampf zu unterlassen, weil wir ihn doch nicht völlig fehlerlos führen können.

Ein falscher Friede

Ebenso wie das Wort Liebe scheint auch das Wort Friede gegen Kampf und Kampfgeist zu sprechen. Ein Urwort des Evangeliums ist der Friede, und schon im Alten Testament wird im Messias der große Friedensbringer erwartet, der dann selber sagt: " Meinen Frieden hinterlasse ich euch...". So ist in der Tat die Friedensliebe für jeden Christen unerläßlich, und "selig sind die Friedfertigen".

Aber auch hier muss man näher zusehen, worin der Friede Christi ("nicht, wie die Welt ihn gibt") wirklich besteht, um nicht der Täuschung zu verfallen und einen unverträglichen Gegensatz zwischen Kampfgeist und Friedensliebe aufzustellen.

Wirklicher Friede im Menschen und zwischen den Menschen ist nur möglich als Ausstrahlung des Friedens Gottes. Der Friede ist unmöglich im Bösen, unmöglich in der Unwahrheit, in der Lüge. Der Friede ist die "Ruhe in der Ordnung", wie Augustinus sagt.

Die berühmte Stelle in seinen "Bekenntnissen" (X,27), wo er davon spricht, daß Gott geleuchtet, und endlich seine Blindheit verscheucht, daß Gott gerufen, und endlich seine Taubheit durchdrungen habe, schließt mit den Worten: " Et exarsi in pacem" - "Und ich bin entbrannte in Sehnsucht nach deinem Frieden".

Aber dieser Friede entspringt der wahren Ordnung, der Ordnung, in der der Mensch Gott anerkennt und über alles liebt, der Ordnung, in der er alle Güter in ihrer Rangstufung sieht. Letztendlich ist der Friede die Ausstrahlung der Harmonie, des inneren Lichtes, der inneren Schönheit, die im Guten liegt; dazu gehört als letztes Element auch die Geborgenheit in Gott, in dem lebendigen, liebenden Gott, der uns erlöst hat; denn selbst die Schau einer platonischen Ideenwelt des Guten würde allein nie den Frieden bringen; ja, auch die Erkenntnis Gottes könnte uns keinen letzten Frieden schenken, wären wir nicht durch die Erlösung der heiligmachenden Gnade Gottes und der Gemeinschaft mit ihm teilhaftig geworden.

Es gibt aber auch einen falschen, nur scheinbaren Frieden: die Eintracht mit dem Bösen, und im Bösen, dem u. U. ein friedliches Nichtstun entspringt. "Mag etwas falsch sein, mag etwas schlecht sein - nur den Frieden halten!" Dieser Friede ist der radikale Gegensatz zum wahren Frieden.

Hier gilt das Wort des Herrn: "Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert." Hier ist das Wort des hl. Johannes, des "Liebesjüngers", der Häretikern gegenüber sogar den Gruß verbietet - dann, wenn er als Ausdruck der Übereinstimmung gewertet werden kann (2Joh 10).

Die radikale Ablehnung eines solchen Friedens mit den Bösen wird verständlich, wenn wir bedenken, daß das Böse der radikale Widerspruch zum wirklichen Frieden ist, da es keinerlei Harmonie, sondern die tiefste Disharmonie ist, die sich überhaupt im Kosmos findet, der Widerspruch gegen Gott selbst.

Wer Frieden hält mit den Bösen bzw. ihrem bösen Verhalten zustimmt, der vermehrt nur den Unfrieden in der Welt. Der Kampf gegen das Böse und gegen den Irrtum ist darum notwendige Konsequenz aus der wahren Friedensliebe. Der Kampf gegen den Unfrieden ist Kampf für den Frieden.

Wir dürfen natürlich nicht den Kampf in sich, abgesehen von seinem Anlaß und seiner Zielrichtung, als einen Wert ansehen.

Es kann vorkommen, daß eine Art militärisch-männliches Ideal von Kampfgeist und Heldenmut den Menschen so einnimmt, daß ihm der Kampf an sich Spaß macht und er die brennende Sehnsucht nach dem Frieden verliert, die allein zum Kampf berechtigt.

Der Kampf des Christen ist nur echt, wenn er getragen ist von der Sehnsucht nach dem ewigen Leben, wo alle Gründe für den Kampf entfallen und jede Disharmonie aufgehoben ist im Frieden Gottes.


Schluß folgt


Prof. Josef Seifert: Der kämpfende Mensch ( Teil 1)    (bitte HIER klicken!)
                                                                 ( Teil 2)    (bitte HIER klicken!)
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Über den Philosophen Josef Seifert (geb. 1945) bei wikipedia (bitte HIER klicken!)


 (Hervorhebungen durch Administrator) 
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