Samstag, 31. Dezember 2011

„Wer nicht gekämpft...“

Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Es ist nicht gerade „in“, das Leben als einen Kampf zu betrachten. Stattdessen bevorzugt die heutige Verkündigung sanfte Bilder aus der Welt der Gefühle, wolkig-tiefsinnelnde Wortgebilde zeitgeistiger Modephilosophien oder psychologisierende Phrasen. So wird unser religiöses Leben beschrieben als ein „existentielles Abenteuer des Sprunges in das Glaubenswagnis“, als ein „Du-zu-Du mit Gott“, als „Sich-Einlassen auf den, der sich auf uns eingelassen hat“ und ähnliches mehr.

Gewiss, jeder dieser Formulierungen lässt sich etwas abgewinnen. Bedenklich wird es aber, wenn sie die Rede vom „geistlichen Kampf“ völlig verdrängen, die doch auf die Bibel zurückgeht und die Tradition der Spiritualität massgeblich geprägt hat. Zu erinnern wäre hier besonders an Worte des heiligen Paulus. So an dasjenige vom dem Wettkampf, für den man sich durch strenge Enthaltsamkeit und Züchtigung des Leibes rüsten muss, um nicht zu unterliegen und verworfen zu werden (1 Kor 9,24-27). Das Ziel des Lebens bezeichnet Paulus als „Kampfpreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus“ (Phil 3,14). Und die Gläubigen ruft er auf, „Gottes Waffenrüstung anzulegen“ für einen Kampf, der „nicht gegen Fleisch und Blut“, sondern gegen dämonische Mächte zu führen ist (Eph 6,11f.).

Die geistliche Literatur von den Kirchen- und Wüstenvätern bis in die Neuzeit und Moderne ist diesen Bahnen gefolgt. Man denke nur an die Exerzitien („Exerzierübungen“) des Ignatius von Loyola oder an jenes Buch, das den sanftmütigen Franz von Sales ständig begleitete: Il combattimento spirituale („Der geistliche Kampf“) * aus der Feder des Theatiners Lorenzo Scupoli (+ 1610).

Heutige Schwierigkeiten damit dürften in einem religiösen „Pazifismus“ begründet liegen. Hervorgehoben wird nun alles, was mit Friede, Versöhnung, Freude, Glück, Liebe, Liebe und nochmals Liebe zu tun hat. Hingegen ist die Rede von der Trias „Fleisch, Welt und Teufel“, von „Sünde“, „Strafe“ und „Verdammnis“ fast völlig verschwunden. Nach dem angsterfüllten Mittelalter (das offensichtlich schon im Neuen Testament beginnt und grosszügigerweise bis zum Vorabend des letzten Konzils reicht) hat die Theologie jetzt endlich das wahre, ganz und gar menschenfreundliche Christentum entdeckt. In dieses Konzept will sich die Spiritualität des geistlichen Kampfes nicht einfügen, denn:

1. Wo ein Kampf, dort Gegnerschaft! Wenn die menschliche Natur (biblisch: das „Fleisch“) jedoch nicht durch die Erbsünde verwundet, somit widerspenstig und schwerfällig ist; wenn die Welt nicht mit ihrer „Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens“ (1 Joh 2,16) dem Reich Gottes widerstreitet; und wenn es nicht einen Teufel gibt, der „umhergeht wie ein brüllender Löwe, suchend, wen er verschlingen kann“ (1 Petr 5,8), dann ist es unverständlich, weshalb man das Leben als einen Kampf – in diesem Fall wohl als einen Faustkampf mit bloßen Luftstreichen (vgl. 1 Kor 9,26) – betrachten sollte.

2. Wo ein Kampf, dort Anstrengung! Wer daher dem modernen Menschen den Glauben schmackhaft machen will, der spricht besser von der Freude des „Sich-von Gott-angenommen-Fühlens“ und davon, wie angenehm es ist, „die Seele baumeln zu lassen“, als dass er Worte wie „Arbeit“, „Entsagung“, „Selbstüberwindung“ oder gar „Kampf“ benutzt.

3. Wo ein Kampf, dort Gefahr zu unterliegen! Diese ernsteste aller ernsten Möglichkeiten: das endgültige Scheitern des Lebens in der Verwerfung und Verdammnis, wird vom Großteil heutiger Theologen und Prediger nicht mehr ernstgenommen. Harte Worte vertragen sich nicht mit der weichen Welle eines „Christentum light“. Daher führt die – offene oder versteckte – Allerlösungslehre wie von selbst zum Verschwinden des „geistlichen Kampfes“.

Der bibel- und überlieferungstreue Christ wird demgegenüber die bleibende Wahrheit unseres Erdenlebens in berühmten Versen des Priesters Johannes Scheffler (+ 1677), genannt Angelus Silesius („Schlesischer Engel“), wiederfinden. Dieser setzte sich nach seiner Abwendung von einer eher nebulösen Mystik und der Konversion zum katholischen Glauben für dessen Verteidigung ein. Sein Lied „Mir nach spricht Christus, unser Held“ endet er mit den Worten:

„Wer nicht gekämpft, trägt auch die Kron / des ewgen Lebens nicht davon.“



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)

* "Der geistliche Kampf" von Lorenzo Scupoli, Buchvorstellung von MC auf dem Blog "Demut Jetzt!"

Laurentius Scupoli: Der geistliche Kampf; Verlag von N. Doll; AD 1855;
online-Ausgabe: bitte HIER klicken!

 Betrachtung über den "Geistlichen Kampf" von Konstantin auf dem Blog "Heiligstes Herz Jesu": Etwas sehr Ernstes - ein neues Jahr



Kommentare:

  1. "Wer nicht gekämpft, trägt auch die Kron / des ewgen Lebens nicht davon."

    ...weshalb es ja auch kein Zufall ist, daß dieser Schluß so gut wie nie mehr gesungen wird! Ein Schicksal, das er mit etlichen im beschriebenen Sinne "unkorrekten" Liedstellen teilt. Traurige Beispiele zuhauf finden sich auch gerade in Marienliedern, sofern diese denn überhaupt noch gesungen werden, oh well..

    Aber: Früher oder später kriegen wie sie! ;-)

    Danke, P. Deneke und Danke, "Frischer Wind"!

    Mal sehen, was heute die Weimarer Jahresschlußandacht so bietet...

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  2. Also dann:
    "Seid also standhaft: Gürtet euch mit Wahrheit, zieht als Panzer die Gerechtigkeit an und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen.
    Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen.
    Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes.
    Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen..." (Epheser 6,14-18)

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  3. Danke, P.Deneke, für den Beitrag und die Erinnerung an verdrängte Wahrheiten.

    Am letzten Sonntag sangen wir dieses Lied:

    Zieh an die Macht, du Arm des Herrn

    1. Zieh an die Macht, du Arm des Herrn,
    wohlauf und hilf uns streiten.
    Noch hilfst du deinem Volke gern,
    wie du getan vorzeiten.
    Wir sind im Kampfe Tag und Nacht,
    o Herr, nimm gnädig uns in acht
    und steh uns an der Seiten.

    2. Mit dir, du starker Heiland du,
    muß uns der Sieg gelingen;
    wohl gilt's zu streiten immerzu,
    bis einst wir dir lobsingen.
    Nur Mut, die Stund ist nimmer weit,
    da wir nach allem Kampf und Streit
    die Lebenskron erringen.

    3. Drängt uns der Feind auch um und um,
    wir lassen uns nicht grauen;
    du wirst aus deinem Heiligtum
    schon unsre Not erschauen.
    Fort streiten wir in deiner Hut
    und widerstehen bis aufs Blut
    und wollen dir nur trauen.

    4. Herr, du bist Gott! In deine Hand
    o laß getrost uns fallen.
    Wie du geholfen unserm Land,
    so hilfst du fort noch allen,
    die dir vertraun und deinem Bund
    und freudig dir von Herzensgrund
    ihr Loblied lassen schallen

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