Montag, 20. Januar 2014

Heilig machende Gnade



Der Kern christlichen Lebens liegt darin, dass der Mensch in sich selbst das Schöpfungswerk des Vaters und das Erlösungswerk des Sohnes zur Vollendung und zur Frucht kommen lässt in der Heiligung durch den Heiligen Geist. Ja, das Leben des Christen ist eine Teilhabe am Leben des dreieinigen Gottes selbst. Dies Teilhaben des Menschen am Leben des dreieinigen Gottes ist: die heilig machende Gnade.


aus Josef Pieper/Heinz Raskop: Katholische Christenfibel; Verlag J.P. Bachem Köln; AD 1940; S. 54 (s. Quellen)




Foto: Aufstieg zur Pforte der Basilika von Ottobeuren; privat 

Kommentare:

  1. Heilig machende oder heiligmachende?

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    1. Ganz ehrlich, ich würde "heiligmachende Gnade" vorziehen. Aber im Originaltext (sowohl in der Ausgabe von 1940 als auch in der von 1952 aus dem Kösel Verlag, beide liegen mir vor) heißt es "heilig machende Gnade" - auch später im Text noch einmal. Deswegen habe ich die Schreibweise so wie sie dasteht übernommen.

      Inhaltlich besteht meines Erachtens aber kein Unterschied zwischen beiden Schreibweisen.

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  2. Im Anfang war das Wort. Bedeutungsnuancen scheinen also nicht ganz unwesentlich zu sein. Nicht umsonst haben sich viele große Philosophen ihrem Thema von der Philologie her genähert. Der Unterschied zwischen "heiligmachend" und "heilig machend" entspricht demjenigen zwischen dem "Was" und dem "Wie". Eine "heilig machende" Gnade macht (irgend-)etwas, und zwar in heiligmäßiger Weise. Das ergäbe hier sogar semantisch einen Sinn, ist aber in der Rede von Gott natürlich tautologisch. Insofern würde man wohl eher die "heiligmachende" Gnade erwarten. Andererseits widerspricht diese Interpretation der im Zitat dargestellten Chronologie: In der und durch die Heiligung des Geistes (d. i. die eigentliche "Heiligmachung") läßt der Mensch das Schöpfungswerk des Vaters und das Erlösungswerk des Sohnes zur Vollendung kommen. Dadurch hat er Anteil am Leben des dreieinigen Gottes. Diese Teilhabe wiederum wird dann zur Gnade; eine Gnade, die "heilig macht". Also, zuerst die Heiligmachung, sodann die Teilhabe, schließlich die Gnade. Diese Gnade wiederum wird als Agens beschrieben und erfahren; sie wirkt im irdischen Leben des geheiligten Menschen, und zwar in ihrerseits heiligmäßiger Weise. Eine spannende Frage ist allerdings, ob die postulierte Teilhabe sich tatsächlich vollzieht. Denn Anteil an der Fülle haben wir doch erst nach Ablauf und Vollendung unseres irdischen Exils und der endlichen Heimkehr zu Gott. Der Geist gibt uns die Kraft, diese Zeit der Abgetrenntheit geduldig zu ertragen, in der Hoffnung auf die einstige Erlösung.

    Mit liebem Gruß zur Guten Nacht.

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    1. Danke. :-)

      Das wäre eine bedenkenswerter Erklärungsversuch der (auch nach den damaligen Rechtschreibregeln) ungewöhnlichen aber sicher - davon bin ich bei dem Philosophen Pieper überzeugt - nicht unbeabsichtigten Schreibweise.

      Zur "spannenden Frage, ob die postulierte Teilhabe sich tatsächlich vollzieht":
      Diese Teilhabe muss ja nicht schon "die Fülle" derselben sein, sondern verwirklicht sich in dem Maße, wie der Gläubige die Gnade annimmt und mit ihr zusammenwirkt. Ich würde es vielleicht nicht in der zeitlichen Abfolge oder nachgeordneten Aneinanderreihung: "zuerst die Heiligmachung, sodann die Teilhabe, schließlich die Gnade" sehen, sondern eher als Gleichung: Heiligung = Teilhabe = Gnade.

      Solange wir auf dieser Erde wandeln, sind wir in der Tat ja unvollendet, aber wir sollen danach streben, uns Christus immer mehr anzugleichen und so vollkommen zu sein (zu werden) wie unser Vater im Himmel ist. (vgl. Mt 5,48)

      "Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk." (1 Kor 13,9.10)

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