Samstag, 25. Mai 2013

No go - oder: Was absolut nicht geht…

In unseren Tagen sind einige neue Begriffe entstanden. Im Gegensatz zu früheren Zeiten entstammen sie nicht mehr dem Griechischen oder Lateinischen, sondern zumeist dem Englischen. Dabei kann man über sprachlichen Geschmack bekanntlich geteilter Meinung sein. Wichtiger aber ist die Mentalität, die sich in derartigen Wortschöpfungen ausdrückt.

Wissen Sie beispielsweise, was ein No-Go ist? Ganz einfach: etwas, das „nicht geht“. Einstmals hätte man es als Verbot oder Tabu bezeichnet. Nur mit dem Unterschied, dass es sich beim No-Go weniger um ein Zuwiderhandeln im Bereich gesetzlicher oder moralischer Vorschriften oder um die Verletzung von Heiligem handelt als vielmehr um einen „Fauxpas“, einen Tritt ins Fettnäpfchen. Dabei wird der Richtwert für das, was geht oder nicht geht, keineswegs durch Anstandsregeln der herkömmlichen Art bestimmt. Stattdessen waltet hier das Prinzip der „political correctness“. Diese ist der ungeschriebene und oft unausgesprochene, doch von der Mehrzahl der Gutmenschen „gefühlte“ Verhaltenskodex unserer Zeit.

Ein No-Go ruft für gewöhnlich eine Reaktionskette hervor, die sich nach stereotypen Muster abspult. Zuerst macht jemand die anstößige Bemerkung. Dann tritt für einige Zeit eine tiefe Betroffenheit ein; sie ist die Ruhe vor dem Sturm, der sich in dem Augenblick entfesselt, da einer der Anwesenden seiner Entrüstung Luft macht: „Das geht nicht! Geht absolut nicht!“ Daraufhin fällt die Mehrheit der Beteiligten chorartig in die Missfallensbekundung ein. Und schließlich gibt der Übeltäter entweder unter Entschuldigungen klein bei oder wird durch das Empörungsritual aus der Diskussion gedrängt. Steht er weiterhin zu dem Geäußerten, wird er selbst ein No-Go, früher hätte man gesagt: eine persona non grata, also eine unerwünschte Person, geächtet durch den allgemeinen Konsens. Die politische Landschaft, die Medienwelt, aber auch die Kirche kennt in unseren Landen recht viele Exemplare dieser Art.

Beispiele für No-Gos gefällig? Drei seien genannt: 1) Es „geht nicht“, die Berufung der Ehefrau zur Mutterschaft zu betonen und die Aufgabe der Mutter vor allem anderen in der Sorge für ihre Kinder – also nicht im Gelderwerb, in einer beruflichen Karriere – zu sehen. Wer solches öffentlich vertritt: Wehe ihm! 2) Auch „geht es nicht mehr“, die Ehe weiterhin als die dauerhafte, auf Nachkommenschaft hingeordnete Lebensgemeinschaft eines Mannes mit einer Frau zu definieren und damit gleichgeschlechtliche Paarungen als Nicht-Ehen zu qualifizieren. Es macht sich der kapitalen Sünde einer Diskriminierung schuldig, wer das tut. 3) Homosexualität als moralisches Fehlverhalten zu beurteilen, „geht absolut nicht“. Wie man mit demjenigen verfährt, der diesen Standpunkt bezieht, davon können einige couragierte Christen – unter ihnen leider recht wenige offizielle Kirchenmänner – ein Liedchen singen.

Wie aber hat man sich als gläubiger Katholik in diesen Belangen zu positionieren? Anders gefragt: Können und dürfen wir in derart wichtigen Fragen wie der Auffassung von der Ehe ein No-Go risikieren? Zunächst ist es selbstverständlich (und daher auch eigentlich unnötig zu betonen), dass uns nicht daran gelegen sein kann, andere zu brüskieren. Die Liebe zur Provokation als solcher ist uns Christen fremd, die wir ja, soweit es an uns selbst liegt, mit allen Menschen im Frieden leben sollen und wollen (vgl. Röm 12,18). Doch hier liegt der springende Punkt: „soweit es an uns selbst liegt“. Denn es gelten auch die Worte des Völkerapostels Paulus an seinen Schüler Timotheus, die das traditionelle römische Missale jeweils an den Festen der Kirchenlehrer zu Gehör bringt: „Ich beschwöre dich vor Gott und Jesus Christus, dem künftigen Richter der Lebenden und Toten, bei seiner Wiederkunft und bei seinem Reich: Verkünde das Wort, sei es gelegen oder ungelegen. Rüge, mahne, weise zurecht in aller Geduld und Lehrweisheit. Denn es kommen Zeiten, da man die gesunde Lehre nicht mehr erträgt…“ (2 Tim 4,1-3)

Das bedeutet doch: Zur Profilanforderung eines kirchlichen Lehrers – und überhaupt jedes engagierten Katholiken – gehört der Mut, inmitten allgemeiner Irrungen und Wirrungen Dinge zu sagen, die nach Meinung vieler „nicht gehen“. Wie das Kind im Märchen die schlichte Wahrheit aussprach, dass der angeblich prachtvoll gekleidete Kaiser nackt sei, so ist es an uns, manches beim Namen zu nennen, was aufgrund der Schweigespirale (des Druckes der veröffentlichten öffentlichen Meinung) kaum noch zu Gehör gebracht wird. Ein Zeuge Christi schweigt häufig, wo alle reden. Aber gegebenenfalls redet er dort, wo alle schweigen. Für ihn gibt es in diesem Zusammenhang nur ein No-Go: die Feigheit. Die „geht absolut nicht“.

Pater Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad 


Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)  


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