Dienstag, 15. Mai 2012

Wider die "neue Religion" der negativen Toleranz

"Es breitet sich eine neue Intoleranz aus, das ist ganz offenkundig. Es gibt eingespielte Maßstäbe des Denkens, die allen auferlegt werden sollen. Diese werden dann in der sogenannten negativen Toleranz verkündet. Also etwa, wenn man sagt, der negativen Toleranz wegen darf es kein Kreuz in öffentlichen Gebäuden geben. Im Grunde erleben wir damit die Aufhebung der Toleranz, denn das heißt ja, dass die Religion, dass der christliche Glaube sich nicht mehr sichtbar ausdrücken darf.

Wenn man beispielsweise im Namen der Nichtdiskriminierung die katholische Kirche zwingen will, ihre Position zur Homosexualität oder zur Frauenordination zu ändern, dann heißt das, dass sie nicht mehr ihre eigene Identität leben darf, und dass man stattdessen eine abstrakte Negativreligion zu einem tyrannischen Maßstab macht, dem jeder folgen muss. Das ist dann anscheinend die Freiheit – allein schon deshalb, weil es die Befreiung vom Bisherigen ist.

In Wirklichkeit jedoch führt diese Entwicklung mehr und mehr zu einem intoleranten Anspruch einer neuen Religion, die vorgibt, allgemein gültig zu sein, weil sie vernünftig ist, ja, weil sie die Vernunft an sich ist, die alles weiß und deshalb auch den Raum vorgibt, der nun für alle maßgeblich werden soll. Dass im Namen der Toleranz die Toleranz abgeschafft wird, ist eine wirkliche Bedrohung, vor der wir stehen.

Die Gefahr ist, dass die Vernunft – die sogenannte westliche Vernunft – behauptet, sie habe nun wirklich das Richtige erkannt, und damit einen Totalitätsanspruch erhebt, der freiheitsfeindlich ist. Ich glaube, diese Gefahr müssen wir sehr nachdrücklich darstellen. Niemand wird gezwungen, Christ zu sein. Aber niemand darf gezwungen werden, die „neue Religion“ als die allein bestimmende und die ganze Menschheit verpflichtende leben zu müssen."

Benedikt XVI. in "Licht der Welt"  Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit; Ein Gespräch mit Peter Seewald; Herder Verlag GmbH Freiburg im Br.; AD 2010, S. 71f


(Hervorhebungen durch Administrator)
Foto: Gridonegipfel; Acp

Kommentare:

  1. Sehr gut herausgearbeitet. Der gottlose Vernunftbegriff aus der Aufklärung und ganz besonders der französischen Revolution ist für das Elend der letzten 200 Jahre verantwortlich. Egal ob der Nationalgedanke oder sozialistische Präferenzen gesetzt wurden, es hat Elend und Krieg über die Welt gebracht.

    Papst Benedikt hat einen sehr schweren Stand, einen auf Gott bezogenen Vernunftbegriff durchzusetzen, da mittlerweile auch große Teile der Kirche vom menschenbezogenen Vernunftbegriff durchsetzt sind.

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    1. Ja, es ist wirklich eine große Gefahr auch innerhalb der Kirche. Wenn man z. B. solche Meldungen von Jesuiten liest:
      http://www.kath.net/detail.php?id=36547

      oder die ganzen gender-mainstreaming-Aktivitäten in den Pastoralplänen der verschiedenen Bistümer - oder auch anderen kath. Einrichtungen und v.a. auch im ZdK) beobachtet, da kann einem schon ganz anders werden...
      Mt 16,18

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