Samstag, 11. Februar 2012

Basteln am heiligen Erbe

Von P. Bernward Deneke FSSP

Wer käme wohl auf die Idee, ein musikalisches Meisterwerk von Bach, Mozart oder Schubert „verbessern“ zu wollen? Gewiss hat sich die Interpreta-tionspraxis dieser Musik in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert; eine heutige Aufnahme der Jupiter-Sinfonie unter Nikolaus Harnoncourt klingt anders als eine ältere Einspielung desselben Stückes unter Herbert von Karajan oder Wilhelm Furtwängler. Aber alle drei Dirigenten versuchen doch auf ihre Weise, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und Kenntnissen dem Mozartschen Notentext gerecht zu werden.

Ganz verschieden von solchen legitimen Interpretationen wäre der Versuch, die Sinfonie für den Geschmack des breiten Publikums der Gegenwart herzurichten, sie etwa auf die Dimensionen eines kurzen Songs zurechtzustutzen und mit Elementen des Pop und Rock zu garnieren. Mag sein, dass eine solche Version einen momentanen Erfolg in den Charts erreichen könnte. Aber es wäre eben nicht mehr die Jupiter-Sinfonie, sondern allenfalls deren mehr oder minder stümperhafter Verschnitt. Und von Verbesserung könnte wirklich nicht die Rede sein – wenigstens nicht unter denen, welchen Mozarts Nr. 41 „heilig“ ist.

Was in der Sphäre der Kunst unmittelbar einleuchtet, das scheint im Reich unseres Glaubens nicht mehr klar zu sein. Wie sonst lässt es sich begreifen, dass man hier immer wieder an bedeutende Überlieferungen Hand anlegt? Denken wir nur an die ungezählten Eingriffe und Adaptionen, die sich die Liturgie der Kirche in den letzten Jahrzehnten gefallen lassen musste. Hier waltet ganz offensichtlich nicht dieselbe Ehrfurcht, die wir bei ernsthaften Interpreten klassischer Musik voraussetzen dürfen.

Nun wird oft auf einen wesentlichen Unterscheid hingewiesen: Während es sich bei einer Bach-Kantate oder einem Liederzyklus von Schubert um abgeschlossene Werke handelt, war und ist die kirchliche Liturgie stets im Wandel begriffen. Sie kannte in allen Epochen das Aufnehmen neuer Elemente (z.B. Heiligenfeste), die Umformung des Bestehenden und auch das Abstoßen mancher Fremdkörper, die sich im Laufe der Geschichte in sie eingeschlichen hatten. Gilt nicht außerdem die Regel: Was lebt, muss sich entfalten? Folglich, so wird argumentiert, darf man das gottesdienstliche Leben nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt seiner Entwicklung fixieren und gleichsam zementieren.

Diesen Einwänden braucht nicht widersprochen zu werden. Die Frage ist nur, welche Bedeutung man dem Bestehenden beimisst und in welcher Weise man es anrührt. Es besteht ja doch ein großer Unterschied zwischen dem Hand-Anlegen des Restaurators, der mit zarter Behutsamkeit ein durch die Ungunst der Zeiten überlagertes Fresko freilegt, dem Hand-Anlegen eines Architekten, der ein altes Gebäude im postmodernen Stil umgestalten soll, und dem Hand-Anlegen eines Abbruchunternehmers.

Die Einstellung gegenüber der Sache und die Vorgehensweise sind hier denkbar verschieden. Bei einem Gebilde wie der Liturgie, in der die Mysterien unseres Glaubens dargestellt, vergegenwärtigt, gefeiert und verherrlicht werden, kommt nur ein Umgang in Frage, der bestrebt ist, der Feinheit und Werthaftigkeit, der inneren Fülle und äußeren Schönheit, vor allem aber der Heiligkeit dieses Gegenstandes gerecht zu werden. Tiefe Kenntnis und echte Inspiration, Ehrfurcht vor dem Überlieferten, Vorsicht und Demut sind da nicht nur wünschenswert und angemessen, sondern sogar strengstens erfordert.

Der Philosoph Dietrich von Hildebrand (+1977) beklagte mit Recht, es fehle unserer Zeit an den homines religiosi, den feinsinnig-gläubigen Menschen, die wahrhaft berufen seien, das große Erbe der Kirche weiter zu entfalten. Ja, wo sind die Personen, die wie der „ernste Hergereiste“ in einem Gedicht aus Rainer Maria Rilkes Stundenbuch voller Scheu allenfalls eine winzige Veränderung an dem großen Kirchenbau anbringen? „Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,/ und bauen dich, du hohes Mittelschiff./ Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,/ geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister/ und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.“

Stattdessen gab und gibt es heute viele Handwerker, die sich wie Grobschmiede mit ihren unerleuchteten Vorstellungen und unpassenden Instrumenten über die filigranen Gebilde und zarten Gewebe hermachen, mit denen die Liturgie das Allerheiligste umhüllt und schmückt. Bastler am heiligen Erbe sind sie, beziehungslos und besserwisserisch gegenüber der Weisheit der Vorzeit, leichtfertig und rücksichtslos gegenüber den Bedenken ihrer Zeitgenossen, kurzsichtig und verantwortungslos gegenüber der Zukunft.

Sehnsuchtsvoll halten daher viele Gläubige Ausschau nach wirklichen „Interpreten“, die, von ehrfürchtiger Liebe zur kirchlichen Überlieferung beseelt, diese durch eine treue und hingebungsvolle Feier in ihrer ursprünglichen Schönheit aufleben lassen. Denn hier geht es um weitaus mehr als bei Bach, Mozart und Schubert.



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)
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