Samstag, 22. Februar 2014

Apologetik - Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt!

Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Sofern man sie überhaupt noch kennt und nennt, ist ihr einstiger Ruhm längst verblichen, ihr Ruf geschädigt. Die Apologetik blickt auf bessere Tage zurück: Damals, als es den Theologen, den Predigern und eifrigen Laien ein Herzensanliegen war, Glaube und Kirche zu verteidigen, stand sie hoch im Kurs. Jetzt aber haben die meisten Katholiken wenig bis kein Verständnis für Religionsgefechte, und wären sie auch nur geistiger Art. Viele sehen die verschiedenen Weltanschauungen ohnehin gleich gültig an und sind selbst gleichgültig. Maßlos bewundern sie die moderne Kultur und Wissenschaft. Deshalb sind sie auf Angleichung und Anpassung bedacht, nicht auf Abgrenzung gegenüber heutigen Strömungen.

Andere, durchaus gläubige Zeitgenossen vertreten die Meinung, die christliche Wahrheit liege auf einer Ebene, zu der dem menschlichen Verstand jeder Zugang verwehrt sei. Deswegen sei das Argumentieren für und wider Gott, Christus, Kirche von vornherein zum Scheitern verurteilt. Oft ist auch zu hören, für unsere Religion sei eine Verteidigungshaltung schädlich. Man solle doch gefälligst vom Theologengezänk Abstand nehmen und den Glauben einfach nur positiv vertreten, vor allem aber: ihn leben!

Und doch bleibt die Tatsache bestehen, dass die Christen von frühesten Zeiten an Apologetik betrieben haben. Vertraut war ihnen die Aufforderung des Apostels Petrus, „immerdar bereit zu sein zur Apologia (das griechische Wort bedeutet „Verteidigung“) jedem gegenüber, der von uns Rechenschaft verlangt über die Hoffnung, die in uns ist“  (1 Petr 3,15). Juden und Heiden verlangten solche Rechenschaft, die einen vor der Autorität des Alten Testamentes, die anderen vor der Vernunft. Daher sahen sich die Christen vor die doppelte Aufgabe gestellt, einerseits Jesus anhand der Heiligen Schriften als den verheißenen Messias zu erweisen, andererseits die Vernünftigkeit ihrer Religion aufzuzeigen.

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich dann eine Apologetik, eine wissenschaftliche Verteidigung des Glaubens, herausgebildet. Sie war bemüht, in einem streng systematischen Verfahren Argumente zu Beweisen zusammenzuschmieden und diese aneinander zu reihen. Dadurch sollte eine Kette entstehen, an der sich der Mensch gleichsam entlanghangeln kann von der Erkenntnis des Daseins Gottes bis zur Menschwerdung des Sohnes, ja bis hin zur einen und einzig wahren Kirche.

Vor solcher Logik, solchem Anspruch überkommt heutige Menschen, auch katholische Christen, ein tiefes Unwohlsein. Den Frommen unter ihnen fehlt darin vor allem die Komponente der Gnade. Ist es denn nicht – so lautet ihr Einwand – ein unverdientes Geschenk des Himmels, wenn jemand zum Glauben an Christus findet: „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht“ (Joh 6,44)? In der Apologetik scheint an die Stelle des unbegreiflichen Waltens Gottes unser eigenes Denken zu treten, scheint göttliche durch menschliche Logik ersetzt zu sein.

Doch trifft dieser Vorwurf auf seriöse katholische Apologeten nicht zu. Sie lassen den Glauben als gottgeschenktes Gnadenlicht stehen. Daher erliegen sie nicht dem Wahn, mit ihren Beweisverfahren allein auch nur einen einzigen Menschen bekehren zu können. Zugleich wissen sie aber auch, dass ihre Überlegungen und Widerlegungen, ihre historischen und philosophischen Argumente manchem suchenden Geist den Weg zu Gott bahnen, befestigen und absichern können. Wäre das völlig unmöglich, so hätte der christliche Glaube offensichtlich keine Verbindung zum natürlichen Leben und Denken der Menschen. Er gliche dann jenen esoterischen Geheimlehren, in die man angeblich nur als Eingeweihter Einsicht gewinnt, weil sie sich nach außen weder erklären können noch wollen. Von derlei irrationalen Vorstellungen ist unsere Religion denkbar weit entfernt.

Apologetik hat aber eine wichtige Funktion nicht nur gegenüber Un- und Irrgläubigen, sondern auch für diejenigen, die bereits zum Glauben gelangt sind. Inmitten der Angriffe und Anfechtungen, denen wir heutzutage ausgesetzt sind, tut es gut, sich an klare und feste Erkenntnisse zu erinnern, die selbst nicht dem Glauben angehören, aber ihn bestätigen. Für sich alleine genommen mögen diese oft keinen zwingenden Beweis darstellen. Doch weisen sie sämtlich in dieselbe Richtung und verbinden sich so miteinander zu einer großen Sicherheit – ähnlich den vielen, einzeln zerreißbaren Haaren, die gemeinsam zu einem dicken und schweren, unzerreißbaren Seil werden (so der selige John Henry Newman).

Jedenfalls besteht kein Grund, die Apologetik zu verachten. Im Gegenteil: Nun ist es an der Zeit, sie wieder zu Ehren und zum Einsatz zu bringen. Die Menschen haben ein Recht darauf, dass wir ihnen Rechenschaft von unserer Hoffnung geben. Nichts anderes will und tut die Apologetik.



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)
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