Dienstag, 25. Oktober 2011

Franziskus interreligiös

von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Assisi steht seit Jahrzehnten für den Frieden unter den Religionen. Diesen Symbolstatus verdankt die umbrische Stadt, die sich mit ihren Zinnen und Türmen so malerisch an den Monte Subasio schmiegt, ihrem berühmtesten Sohn, dem heiligen Franziskus (+ 1226). Er gilt vielen Christen der Gegenwart als ein Vorläufer und Vorbild des Interreligiösen Dialogs. Mit seinem ganzen Wesen, das von tiefer Ehrfurcht vor jeglicher Kreatur, insbesondere vor der Person des Nächsten, durchwirkt ist, und mit seiner leuchtenden Liebenswürdigkeit, die bis heute Menschen verschiedenster Ausrichtung zu bezaubern vermag, verkörpert er gleichsam den Gegentypus zu jenem rechthaberischen und glaubenskriegerischen Fanatismus, auf dessen Konto die meisten Scherbenhaufen zwischen den Religionen und ihren Anhängern gehen.
 
Freilich lebte der heilige Mann im christlichen Mittelalter, also in einer Zeit großer Übereinstimmung in Glaubensfragen, und daher hatte er wenig Gelegenheit zu interreligiösen Begegnungen und Gesprächen. Genaugenommen ist es denn auch nur ein einziges Ereignis, das einen Anhaltspunkt für dieses moderne Quasi-Patronat des Poverello bietet, nämlich sein Auftreten vor dem Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik. Das Zusammentreffen der beiden geschah anläßlich des 5.Kreuzzuges im Jahr 1219 in Damiette, nahe der Nilmündung, und ist, zumal sich Belege auch in nichtfranziskanischen Quellen finden, historisch sicher verbürgt.

Unter den berühmten Fresken des Giotto in der Oberkirche der Basilica San Francesco zu Assisi findet sich eine eindrucksvolle Darstellung der Begegnung: Auf der rechten Seite erblickt man den Sultan auf hohem Thron, umgeben von einigen Hofleuten, in der Mitte steht der Heilige mit einem seiner Minderbrüder, daneben lodert ein Feuer auf, vor dem am linken Rand des Bildes gerade einige Männer die Flucht ergreifen. Der Betrachter  kann sich über die gemalte Szene in der Legenda Maior (bekannt unter dem Titel „Der Engel des sechsten Siegels“), die der heilige Kirchenlehrer Bonaventura (+ 1274) über das Leben seines Ordensgründers abgefaßt hat, informieren (IX,8):

Franziskus, erfüllt von der Sehnsucht nach Ausbreitung des Glaubens und nach dem Martyrium, begab sich mit einem Begleiter unter die Sarazenen, welche die beiden Brüder zuerst mißhandelten, sie aber schließlich zum Sultan vorließen. Als dieser nach dem Grund ihres Kommens fragte, „gab ihm der Diener Christi freimütig zur Antwort, nicht Menschen, sondern der höchste Gott habe sie gesandt, damit er ihm und seinem Volk den Weg des Heiles zeige und das wahre Evangelium verkünde. Dann predigte er dem Sultan mit solcher Unerschrockenheit, Geisteskraft und Begeisterung den einen, dreifaltigen Gott und den Erlöser aller Menschen Jesus Christus, daß in Wahrheit an ihm das Wort des Evangeliums erfüllt schien: Ich werde euch Beredsamkeit und Weisheit verleihen, der alle eure Gegner nicht zu widerstehen und zu widersprechen vermögen (Lk 21,15).
 
Der Sultan war vom Auftreten des Heiligen beeindruckt und bat ihn zu bleiben. „Von Gott erleuchtet, gab jedoch der Diener Christi zur Antwort: Wenn du dich mit deinem Volk zu Christus bekehren willst, will ich aus Liebe zu ihm gern bei euch bleiben. Solltest du aber Bedenken tragen, für den Glauben an Christus das Gesetz des Mohammed zu verlassen, so lasse ein großes Feuer anzünden; dann werde ich mit deinen Priestern ins Feuer hineingehen, damit du wenigstens dadurch erkennen mögest, welchen sichereren und heiligeren Glauben du mit Recht annehmen mußt.“ Sowohl diese als auch eine weitere Feuerprobe, bei welcher der Heilige zum Zeugnis für seinen Herrn allein die Flammen durchqueren wollte, scheiterten an der Furchtsamkeit des islamischen Herrschers und seiner Männer. Franziskus aber wies die Geschenke, die ihm der Sultan „um des Heiles seiner Seele willen“ als Gaben für christliche Arme oder Kirchen anbot, von sich, „weil er alles Geld wie eine Last mied und erkannte, daß das Samenkorn des wahren Glaubens im Herzen des Sultans keine Wurzel fassen konnte.“ ---

Soweit diese Begegnung. Auffällig ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der Franziskus missionarisch zu Werke geht. Moderne Fragestellungen wie die, ob Muslime und Christen vielleicht doch irgendwie dasselbe höchste Wesen verehren, sind ihm viel zu abstrakt. Ihm kann es nur um den dreifaltigen Gott gehen; und um den Herrn, der als Mensch, „in allem uns gleich außer der Sünde“ (Hebr 4,15), in die Armut von Krippe und Kreuz herabgestiegen ist und in dessen Namen man allein das Heil finden kann (Apg 4,12).

Zugegeben, der interreligiöse Ertrag scheint hier recht dürftig zu sein. Jedenfalls hat er mit den Veranstaltungen der Gegenwart, die unter ganz anderen Vorzeichen stehen, herzlich wenig zu tun. Aber vielleicht könnte der heilige Franziskus gerade dadurch zu einem Wegweiser werden in eine Zukunft der Kirche, die zugleich friedliebend und kraftvoll-missionarisch sein muß, dabei ebenso weit entfernt von kriegerischem Fanatismus wie von jenem religiösen Indifferentismus, der die Christenheit heute schleichend zum Abfall verführen will?


Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)


Bild: Fresko von Giotto: Franziskus vor dem Sultan (Assisi)

Kommentare:

  1. Ganz herzlichen Dank für das Zugänglichmachen des Artikels von Pater Bernward. In den Wirrnisen gerade der Meldungen der letzten Tage sind diese Worte eine stärkende Wohltat, besonders auch die beiden letzten Kapitel sprechen mir aus der Seele!

    Ja, wie bei Elsa angdeutet, beste Wünsche für den Frischen Wind, ich finde es sehr schön hier :-)

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