Samstag, 29. Dezember 2012

Kindermord von Betlehem - historisch?

 "Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig, und ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte". (Mt 2,16)

Die Historizität des "Kindermords von Betlehem", von dem der Evangelist Matthäus im zweiten Kapitel seines Evangeliums berichtet, wird manchmal in Zweifel gezogen, weil es außer der genannten Erwähnung des Matthäus keine weiteren Zeugnisse über dieses Ereignis gibt.

Dazu einige Meinungen: 

1. Papst Benedikt XVI. schreibt in seinem Prolog über Jesus von Nazareth (S. 116/117): 

"Zwar wissen wir aus nichtbiblischen Quellen nichts über diesen Vorgang, aber angesichts aller Grausamkeiten, die Herodes sich zuschulden kommen ließ, beweist das nicht, dass diese Untat nicht stattgefunden hätte. Rudolf Pesch zitiert dazu den den jüdischen Autor Abraham Schalit: "Der Glaube an die unmittelbar bevorstehende Ankunft oder Geburt des messianischen Königs lag damals in der Luft. Der argwöhnische Despot spürte überall Verrat und Feindschaft, und ein vages zu ihm gedrungenes Gerücht kann seinem kranken Geist sehr wohl den Gedanken eingegeben haben, die neugeborenen Kinder zu töten. Der Befehl hat somit nichts Unmögliches an sich" (Rudolf Pesch, Die matthäischen Weihnachtsgeschichten. Die Magier aus dem Osten, König Herodes und der betlehemitische Kindermord, Bonifatius, Paderborn 2009; S. 72)."

Ratzinger, Joseph (Benedikt XVI.): Jesus von Nazareth, Prolog - Die Kindheitsgeschichten; Herder Verlag Freiburg Basel Wien; AD 2012


2. Heinrich Klug schreibt in seinem Werk "Das Evangelium als Geschichtsquelle und Glaubensverkündigung" (S. 499-501) zur Nichterwähnung des betlehemitischen Kindermordes durch den Geschichtsschreiber Flavius Josephus: 

"Das Johannesevangelium, das als topographisch zuverlässig durch die wissenschaftliche Forschung immer mehr anerkannt wird (1), bezeichnet Betlehem zur Zeit Jesu als einen "Flecken" (Joh 7,42: Komä = Dorf, Kastell). In einem solch kleineren Ort ist die Zahl der jährlichen Geburten nicht bedeutend groß. Bei dem Kindermord war diese Zahl noch halbiert, weil die Mädchen nicht ermordet wurden. (...) 

Flavius Josephus fasste sein Urteil über Herodes in die Worte zusammen: Herodes "wütete gegen Schuldige und Unschuldige mit gleicher Bosheit" (Flav Jos Ant 17,6,5 (2)). Der Bericht des Evangeliums über den Kindermord des Herodes stimmt genau überein mit den außerbiblischen Angaben über die negativen Charakterzüge des Herodes: Ehrgeiz, Herrschsucht, Misstrauen, Verschlagenheit, Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit. Mit den großen politischen Ereignissen und den Massenmorden durch Herodes, besonders an dem jüdischen Hochadel und an anderen führenden Persönlichkeiten ist allerdings der Mord in Betlehem im Hinblick auf die verhältnismäßig geringe Zahl und die politische Bedeutungslosigkeit der unmündigen Kinder armer, unangesehener Leute von Betlehem nicht zu vergleichen.

Entweder erschien dem Schriftsteller Flavius Josephus der Kindermord von Betlehem als weltgeschichtlich und volkspolitisch nicht bemerkenswert, oder dieser Vorfall war ihm bei der Fülle der anderen politisch bedeutungsvollen Ereignisse jener Zeit überhaupt nicht bekannt. Auf keinen Fall ist das Schweigen über den Vorfall in Betlehem ein Beweis gegen die Geschichtlichkeit des Kindermordes." 

(1) Xavier Leon Dufour, Die Evangelien und der historische Jesus, S. 143-150
(2) Schuster-Holzammer S. 125

Heinrich Klug: Das Evangelium als Geschichtsquelle und Glaubensverkündigung; Martin Verlag Buxheim/Allgäu AD 1976; S. 499-501 (s. Quellen)


3. ZDF - Phönix Film über König Herodes und den Kindermord

 


"Ob auch Bethlehem damals Schauplatz eines Kindermords war, ob König Herodes Jesus nachstellen ließ, lässt sich nicht beweisen. Aber der Mord an den Kindern von Aschkelon und die Brutalität, mit der Herodes regierte, machen die Legende zumindest glaubhaft", so das Fazit der Reportage.

Selbst, wenn im Nachhinein die Skelettfunde von Ashkelon auf ein späteres Jahrhundert datiert wurden (falls diese Information zutreffend ist, vgl. wikipedia), zeigt die archäologische Bestätigung von massenhaften Kindstötungen in der Antike unweit von Betlehem, dass eine solche nicht notwendigerweise Aufnahme in die Geschichtsschreibung gefunden haben muss.

Es gibt also nach wie vor keinen Grund, den, wenn auch knappen Bericht des Matthäus-Evangeliums über den Kindermord von Betlehem lediglich als eine Erfindung des Verfassers abzutun. Im Gegenteil gibt aber gute Gründe, am Überlieferten eines getreuen Zeugen festzuhalten; man darf es weiterhin für tatsächlich geschehen halten.

Warum auch sollte der Verfasser des Matthäus-Evangeliums seinen Zuhörern eine erdachte Geschichte - aufgrund eines geschichtlichen Ortes und geschichtlich bezeugtem Protagonisten, dem König Herodes nämlich - zumuten, immerhin mit dem Risiko, dadurch seine eigene Glaubwürdigkeit und die seiner gesamten Botschaft auf's Spiel zu setzen? Seit dem 5. Jahrhundert ist das Gedenken und die Verehrung der Opfer dieses Verbrechens als "Fest der heiligen Unschuldigen Kinder" in der abendländischen Kirche bezeugt (vgl. Schott Volksmessbuch).

Und endlich: Der christliche Glaube ist nicht abhängig von archäologischen Funden. Auch nicht von anderen Wissenschaften. Er ist allein Gnadengeschenk Gottes und Zustimmung zu seinem Wort und seiner Offenbarung.

Kommentare:

  1. In den Erklärungen meiner Allioli-Bibel steht dazu, dass der Kindermord zu den "kleineren" Grausamkeiten (es sollen geschätzt "nur" 15 bis 20 Kindern getötet worden sein) des Herodes gehört habe und von den Profran-Geschichtsschreibern daher nicht erwähnt worden sei.

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    1. So wird es wohl gewesen sein.
      Jedenfalls ist es grundfalsch, aus der Nichterwähnung in anderen Quellen zu schließen, das Geschehen habe nie stattgefunden...

      LG

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    2. Ja, man versucht eben mit allem, den Glauben zu zerstören...

      sollte übrigens "Profan" heißen ;-)

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  2. Die zweite Quelle ist in der historischen Betrachtung sehr wichtig, aber eine kleine Aktion in einem sehr begrenzten Gebiet wird nicht unbedingt erwähnt.

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  3. Das Werk von Heinrich Klug ist sehr empfehlenswert... sollte in keiner NT-Vorlesung fehlen :P

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