Samstag, 14. Januar 2012

„Ecclesia semper reformanda“

Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad


Drei Worte, ein Programm.
In deutscher Sprache:
„Die Kirche ist immer zu reformieren.“
Oft gibt man als Autor der Formulierung den heiligen Augustinus an; aber in dessen Werken kommt sie so nicht vor. Tatsächlich stammt die Forderung „Ecclesia semper reformanda“ aus der calvinistischen Theologie des beginnenden 17. Jahrhunderts.

Sie drückt das reformatorische Grundanliegen aus, die Kirche müsse sich in allen Bereichen, in ihrer Verkündigung, in der Disziplin und im Lebensstil ihrer Vertreter immer neu vom Wort Gottes richten und erneuern lassen.

Wer als Katholik die Parole „Ecclesia semper reformanda“ gebraucht, sollte daher nicht vergessen, woher sie stammt. Er sollte auch bedenken, dass sie ursprünglich im antikatholischen Sinne verwendet wurde. Nach Meinung der Protestanten waren es nun einmal die „Papisten“, die sich weder in der Kirchenordnung noch im persönlichen Leben am Wort Gottes ausrichteten. Eine innerkatholische Erneuerung wie die im Anschluss an das Trienter Konzil (1545-1563) ließ man nicht gelten, weil diese sich anstatt auf die Bibel allein auch auf die kirchliche Tradition, also auf „Menschenwerk“, stützte.

In unseren Tagen wird die Forderung nach beständiger Reform von verschiedenen Kreisen innerhalb der Kirche erhoben, vor allem von denjenigen, die sich selbst als Anhänger eines vital-fortschrittlichen Katholizismus betrachten. In ihrem Mund wird die Aussage „Ecclesia semper reformanda“ zu einer Absage an alles Rückschrittliche, also an die „konservativen“, „restaurativen“ oder gar „reaktionären Elemente“.

Dem Lebendigen sei es eigen, sich immerfort zu entwickeln, so lautet ihre Argumentation. Es müsse sich beständig seiner sich wandelnden Umwelt anpassen. Nur auf diese Weise verliere es nicht den Anschluss an den allgemeinen Fortschritt. Wer am Alten festhalte und sich dem Neuen gegenüber verschließe, der unterbinde den Prozess des Lebens. Daher sei andauernde Veränderung eine Lebensnotwendigkeit, die Verhinderung solcher Dauerreform hingegen eine echte Existenzbedrohung für die Kirche.

An diesen Gedankengängen ist durchaus manches richtig. Wenn die Kirche der geheimnisvolle Leib Jesu Christi ist, dann macht sie gewiss, ähnlich dem natürlichen Leib des Menschen, Veränderungen durch. Gerade aus dem Auftrag, aller Kreatur das Evangelium zu verkünden (vgl. Mk 16,15), ergibt sich eine gewisse Anpassung an die Zeitumstände.

Insbesondere muss die Kirche auch die aktuellen Krankheiten der Welt erkennen, um sich selbst gegen sie wappnen und sie heilen zu können. Insofern bedarf sie also, um das Wort des seligen Papstes Johannes XXIII. aufzugreifen, eines „aggiornamento“, einer Aktualisierung für den gegenwärtigen Tag (beim Computer würde man von einem „Update“ sprechen).

Dennoch verkennt das bleibende Wesen der Kirche, wer ihre ständige Veränderung zum Prinzip erhebt. Ein Leib bleibt doch in allen Phasen des Lebens wesentlich mit sich identisch und macht keine Umwandlungen in völlig andere Gestalten durch. Auch gilt von der Stiftung Jesu Christi, dass sie nach seinen Worten zwar in der Welt, nicht aber von der Welt ist (vgl. Joh 17,14ff.). So nimmt die Kirche an der Überlegenheit ihres verherrlichten Herrn über alles Vergängliche teil und stellt dem Zeitlichen das Bild der Ewigkeit Gottes vor Augen. Daher scheidet eine Dauerreform im Sinne von unablässiger Veränderung aus.

Und dennoch ist eine Interpretation des „Ecclesia semper reformanda“ im einwandfrei katholischen Sinne möglich. Sie ergibt sich aus der Tatsache, dass die Kirche von den Unvollkommenheiten und Sünden ihrer Glieder verunstaltet wird. Der geheimnisvolle Leib Christi trägt eben manches an sich, das in Wahrheit nicht zu ihm gehört, sondern seinem Wesen widerspricht und es wie Staub und Schmutz überlagert, ja zuweilen wie ein hässlicher Aussatz entstellt. In ihren schlimmsten Tagen gleicht die Kirche eher dem gegeißelten und gekreuzigten als dem verklärten Herrn auf Tabor!

Aber nicht nur in schwerster Krise, sondern auch in gewöhnlichen Zeiten bedarf sie stets einer Erneuerung. „Ich bin der wahre Weinstock“, spricht der Herr, „und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringe.“ (Joh 15,1 f.) Diese Reinigung vollzieht sich tatsächlich ohne Unterlass, denn immer gibt es Gläubige, die das Sakrament der Busse empfangen und an der Besserung ihres Lebens ernsthaft arbeiten.

Übrigens hat das Zweite Vatikanische Konzil eine vorsichtige Übernahme der Forderung „Ecclesia semper reformanda“ versucht. In der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ ist zu lesen, Gott stärke seine Kirche „auf ihrem Weg durch Prüfungen und Trübsal (...), damit sie in der Schwachheit des Fleisches nicht abfalle von der vollkommenen Treue, sondern die würdige Braut ihres Herrn verbleibe und unter der Wirksamkeit des Heiligen Geistes nicht aufhöre, sich selbst zu erneuern, bis sie durch das Kreuz zum Lichte gelangt, das keinen Untergang kennt.“ (LG Nr. 9)
Wer wollte dem „Ecclesia semper reformanda“ in diesem Sinne widersprechen?


Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)

Backlink: Zwischen Kirche, Kreuz und Kreuzkümmel - Ein falsch verstandenes "Ec­cle­sia sem­per re­for­man­da"?




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