Donnerstag, 26. Januar 2012

Der kämpfende Mensch (8, Schluß)



Josef Seifert  (1975)

Fortsetzung, Teil 8, Schluß

Kampfmittel und Bundesgenossen

Ein letztes Wort noch zu der Art unseres Kampfes und zu den Mitteln, deren wir uns dabei bedienen müssen. Ich habe schon mehrmals erwähnt, daß der Kampf des Christen ganz verschieden sein muß von natürlicher Agressivität und ihrer gereizten bitteren Art.

Er muß beherrscht sein von der entschiedenen Zustimmung zum Guten und muß die Absage an  alles Böse in uns selbst enthalten, das sich so leicht einmischt und die Reinheit der Absicht verdirbt; er muß die Liebe, die Güte in uns wachsen lassen und die Geduld, die vertrauend den Ausgang Gott überläßt und nicht gewaltsam den Sieg erzwingen will; er muß geführt werden mit dem Respekt vor der Freiheit der Mitmenschen und mit dem inneren Frieden trotz aller Misserfolge.

Der Kampf muß nicht nur in seinem Ziel sondern in seiner ganzen Art gut sein, in seinem ganzen Wesen lichtvoll, geführt mit den "Waffen des Lichts" (Röm 13,12).

Das Urbild eines solchen Kämpfers ist St. Michael, der leuchtende Engelfürst, und auf Erden Christus selbst, der in seiner gehorsamen Hingabe in Leiden und Tod alle Gesetze natürlichen Kampfes umgekehrt hat, der die Mächte der Finsternis zertrümmert hat, indem er sich ihrem Haß auslieferte, der am Kreuze siegte, durch das der Satan seinen höchsten Triumpf zu erringen schien.

"Devictus vicit" - diesen Spruch auf einem Christusbild hatte Kardinal Mindszenty täglich vor Augen -: daß wir auch als Besiegte siegen, wenn wir mit Christus, in seiner Liebe kämpfen, das wird in den Stunden äußerer Niederlage unsere Zuversicht sein.

Wenn wir diesen Höhepunkt des guten und bösen Kampfes zugleich vor Augen haben, der in einem einzigen Ereignis, in der Kreuzigung des Herrn zusammentrifft, werden wir am sichersten die entscheidenden und angemessenen Waffen in dem guten Kampf erkennen und wählen.

Wir müssen ohne Frage im öffentlichen Leben mit allen legitimen Mitteln einsetzen, jeder nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten, das riesige in Gang gesetzte Zerstörungswerk zu verhindern. Wir müssen Menschen zu gewinnen versuchen, und sie wach machen für diesen Kampf.

Wir müssen kämpfen gegen zersetzende Irrtümer, und destruktive Gesetze und Gewohnheiten. Wir wissen aber, daß der Kampf ganz wesentlich im eigenen Herzen ausgetragen wird, im Neinsagen zu allem Bösen in uns selber. Mehr als alle eigene Anstrengung aber wirkt in uns die Gnade Gottes, und darum heißt es beten, sühnen, die Gnadenquellen der hl. Sakramente erschließen.

Und weil wir nicht gegen Fleisch und Blut allein kämpfen, sondern gegen "die bösen Geister in den Himmelshöhen", gegen den "Menschenmörder von Anbeginn", so sollen wir uns auch übernatürliche Helfer suchen bei den leuchtenden Kämpfern Gottes, den heiligen Engeln, bei allen Heiligen und Maria, der Königin aller Engel und Heiligen, und durch sie bei Gott, von dem letztlich jede gute Gabe kommt.
Ende des Kampfes: Die Anbetung Gottes

Der letztlich entscheidende Kampf wird also in uns selber ausgetragen; wie weit wir in uns das Böse durch das Gute überwinden, das entscheidet über Sieg oder Niederlage auch des Gottesreiches, soweit es an uns liegt.

Wenn wir bedenken, daß keine äußere Handlung, nicht einmal eine eigentliche Tätigkeit die Welt entscheidend verändert hat, sondern das Leiden, daß im Ja von Gethsemani und im blutigen Opfer am Kreuz der größte aller Siege errungen wurde, oder auch dies, daß die entscheidende Mitwirkung der Menschheit zu diesem Sieg in der stillen Kammer von Nazareth und im Mitleiden der Mutter unter dem Kreuz geleistet wurde, dann wissen wir Christen, wo die eigentliche Entscheidung fällt und welches die stärksten "Waffen des Lichtes" sind.

Ich möchte nicht schließen ohne den Hinweis darauf, daß das Böse wesenhaft aus dem Kampf lebt, während das Gute nur in der Konfrontation mit dem Bösen zum Kampf gezwungen ist. Das Böse kann nicht ohne das Gute existieren, gegen das es gleichwohl in seiner Bosheit kämpft. Das Gute jedoch steht in sich selber, ist reine  Harmonie, und der Kampf ist mit ihm nicht wesenhaft verbunden.

Darum vollzieht auch der kämpfende Christ, und das ist wesentlicher und eigentlicher als alles Kämpfen, Akte, die den letzten Sinn der Schöpfung ausmachen über und nach allen Kämpfen: die Anbetung Gottes, die Verherrlichung Gottes, das, was der Prophet im Alten Bunde geschaut hat als das dreifach Sanctus der Engel, die sich ihm im Tempel Gottes zeigten.

Und mit dieser Erkenntnis, daß aller Kampf leben soll aus der Sehnsucht nach jenem Zustand, in dem das Gute herrschen wird ohne Kampf, und in der Zuversicht, daß er in der Gnade Gottes darein münden wird, können wir diese Betrachtung über den Kampf des Christen schließen.

Diese Hoffnung hat einen unvergleichlichen Ausdruck gefunden in den Worten, mit denen Augustinus sein vielleicht größtes philosophisch-theologisches Werk beschließt. Was den Glaubenden, Liebenden am Ende des Kampfes der "zwei Staaten" erwartet, schildert er so:

"Ibi vacabimus et videbimus, videbimus et amabimus, amabimus et laudabimus. Ecce quod erit in fine sine fine" (De Civitate Dei XXII, XXX). - 
"Dort werden wir frei sein und schauen, schauen und lieben, lieben und loben. Siehe, das wird sein am Ende ohne Ende."



Dieser Vortrag erschien in "Der Fels", Nr. 10 und 11 des Jahrgangs 1975
Herzlichen Dank dem Fels e.V. für die Genehmigung der Veröffentlichung des Vortrages auf diesem Blog.

Prof. Josef Seifert: Der kämpfende Mensch ( Teil 1)    (bitte HIER klicken!)
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Über den Philosophen Josef Seifert (geb. 1945) bei wikipedia (bitte HIER klicken!)


 (Hervorhebungen durch Administrator) 
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