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Samstag, 5. Januar 2013

Glaubenssprache

Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Woher kommt das eigentümliche Unwohlsein, das uns angesichts vieler religiöser Veröffentlichungen und leider auch mancher kirchlicher Verlautbarungen der Gegenwart beschleicht?

Häufig ist ganz offensichtlich die Sprache daran schuld. Sie hat einen so anderen Klang als diejenige früherer Dokumente des Lehramtes, bischöflicher Hirtenbriefe und geistlicher Unterweisungen, die weniger um Originalität und Modernität bemüht waren als um Präzision, um Klarheit und – bei aller zuweilen bewundernswerten Kunstfertigkeit – um Einfachheit.

Das ist nun anders geworden. Inzwischen hat sich eine Ausdrucksweise eingebürgert, die zwar längst nicht mehr als originell und modern empfunden wird, die aber noch immer ihre befremdliche, zuweilen ärgerliche Wirkung zeitigt. Und das besonders bei denjenigen, denen Eindeutigkeit in Glaubensbelangen am Herzen liegt.

Beispiele gefällig? Wir lesen seit Jahrzehnten häufig, Gott sei uns „in Jesus ganz nahe gekommen“; er habe „sich radikal auf uns Menschen eingelassen“, und ähnliches mehr. Wir brauchen gar nicht zu bestreiten, dass dem so ist. Und dennoch: Solche Sätze wirken irgendwie schal, abgedroschen, nichtssagend. Bei Stilkundlern klassischer Prägung werden sie ohnehin keine Gnade finden.

Unangenehmer aber berührt den bekenntnistreuen Gläubigen, dass sie mit verstörender Regelmäßigkeit an die Stelle anderer, unmissverständlicher Aussagen gerückt sind. Über die wahre Gottheit Jesu Christi, über sein Dasein vor aller Zeit und seine Wesensgleichheit mit dem Vater schweigen sich die Verfasser solcher Texte meistens aus. Da taugen dann auch die starken Ausdrücke „ganz nahe“ und „radikal“ nicht mehr, Würze in das fade Wortgericht zu bringen. Es fehlt ihm eben das wesentlich Christliche.

Wie weit man sich übrigens über die Grenze des guten Geschmackes hinausbewegen kann, das zeigt ein immer häufiger anzutreffendes Sprachspiel: Jesus, so versichert man uns, sei in der Eucharistie unser „Kumpane“ geworden, teile er doch mit (lat. cum) uns das Brot (lat. panis). Hier stimmt gar nichts mehr. Selbst wenn wir von der – freilich entscheidenden – Tatsache absehen wollten, dass uns der Herr im Altarsakrament ja gerade nicht Brot reicht, sondern seinen hochheiligen Leib, sich selbst, wahrhaft gegenwärtig unter der Gestalt der Speise, so bleibt doch das Unbehagen, mehr noch: der berechtigte Zorn über eine derartige Anbiederung bestehen, mit der unser Glaube offensichtlich zu Billigstpreisen verhökert und zugleich der Hörer der Botschaft für dumm verkauft werden soll.

Besondere Blüten treibt der neue Stil im Zusammenhang mit der Kirche. Wir erfahren jetzt beispielsweise nur noch sehr selten, was die Kirche ist und lehrt, vielmehr wird uns gesagt, „wie sich Kirche heute verstehen sollte“. Verfügt denn die deutsche Sprache – im Gegensatz etwa zur lateinischen – nicht über Artikel, und verwendet sie nicht dort, wo es um konkrete Sachverhalte geht, für gewöhnlich den bestimmten Artikel der/die/das?

Im Jargon heutiger Theologie und Pastoral lässt man ihn vor der Kirche geflissentlich wegfallen. Ist es nun wohl eine böse Unterstellung, wenn wir vermuten, die Aussparung dieses wenig platzraubenden Wörtleins geschehe nicht aus Gründen des Klanges oder des Rhythmus, sondern um zu verunklären, was Katholiken unter „Kirche“ verstehen, nämlich „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“? Wer immer die Wahrheit sucht und liebt, wird eine solche Sprache als „schwammig“ und die entsprechenden Texte als „Geschwätz“ oder „Geschwafel“ bezeichnen. Darf man es ihm verübeln?

Ich käme an kein Ende, wollte ich einen auch nur annähernd umfassenden Katalog solcher Formulierungen zusammenstellen. Er müsste ebenso die „Verheutigung“ („Christsein heute“, „Kirche heute“, „Glauben im Heute“ usw.) wie die Subjektivierung („Für mich ganz konkret bedeutet Eucharistie…“, „Was macht das jetzt mit dir?“ etc.) und die mit ihr verbundene Emotionalisierung („berührt mich tief“, „macht mich jetzt wirklich betroffen“…), außerdem eine Reihe nichtssagender Modeausdrücke („ein Stück weit“, „unheimlich spannend“ und ähnliche) enthalten.

Aber wem, außer vielleicht einigen humorigen Christen, die ihrem Ärger gerne in einem religiösen Satireblättchen oder einem Kirchenkabarett Luft machen würden, wäre mit solcher Arbeit gedient? Wichtiger ist es, der Wolken- und Seifenblasenproduktion Klares und Gehaltvolles entgegenzusetzen und sich ansonsten an der Sprache der Bibel, der Heiligen und guter Schriftsteller, die nicht unbedingt sehr fromm sein, sondern nur ihr Handwerk beherrschen müssen, zu schulen. Für Suchende sollte es dann nicht schwer sein, den Leuchtturm von Nebel und Dunst zu unterscheiden. 



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)

- Bild:  Papst Johanes XXIII.
 

3 Kommentare:

  1. Ganz aus dem Leben gegriffen. Wie immer ein ausgezeichneter Beitrag von Pater Deneke. Danke!

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  2. Abgesehen davon, daß ich Dir noch eine Mail schicken wollte ... *verschnarch* ...

    ... ist das hier vom geschätzten Pater Deneke schön auf den Punkt gebracht. Eine Sache sollte aber auch grundsätzlich immer wieder bedacht werden: Eine gewisse bis mitunter an die Grenzen der Hohlheit wiederholte Frömmigkeitstopologie, die ich mitunter ebenso nichtssagend und ärgerlich finde wie das Gewäsch der anderen Seite.

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    1. Klar ist die süßlich-kitschige Schwärmerei genauso fragwürdig. Bleiben wir bei gesunder Vollwertkost mit angemessen ehrfürchtigem Ductus.

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