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Freitag, 31. Januar 2014

Präfekt der Glaubenskongregation: Warnung vor Machtkampf zwischen zentralistischen und partikularistischen Kräften

Der Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof Prof. Dr. Gerhard Ludwig Müller, hat ein Schreiben vorgelegt, in dem er das Verhältnis von (universaler) Kirche zu den (Orts-) Kirchen und zwischen dem Primat des Bischofs von Rom und dem Bischofskollegium in der Tradition der kirchlichen Lehre beleuchtet.

In den deutschsprachigen Diözesen scheint es in der jüngeren Vergangenheit diesbezüglich offensichtlich Unsicherheiten und Defizite im richtigen Verständnis gegeben zu haben, erkennbar nicht zuletzt an den Äußerungen mancher Bischöfe, die meinten, die Einheit der Lehre ablehnen und eigene Vorstellungen - z. B. im Hinblick auf den Kommunionempfang zivil wiederverheirateter Geschiedener, in der Relativierung von Glaubenswahrheiten (die Letzten Dinge; Opfercharakter der Hl. Messe) - durchsetzen zu können. Erzbischof Müller schreibt:
"Der Bezug zum Nachfolger Petri, dem sichtbarem Prinzip der Einheit der Kirche, ist für jedes ökumenische Konzil, jede Partikularsynode und für jede Bischofskonferenz konstitutiv und göttlichen Rechtes, das allem kodikarischen Recht zugrundeliegen muss. Eine Bischofskonferenz kann niemals separate verbindliche dogmatische Erklärung abgeben oder gar definierte Dogmen und konstitutive sakramentale Strukturen relativieren (z.B. das eigene Lehr- und Hirtenamt abhängig machen von Gremien rein kirchlichen Rechtes).
Separatistische Tendenzen und präpotentes Verhalten würden der Kirche nur schaden. Die Offenbarung ist der einen und universalen Kirche zur treuen Verwahrung übergeben worden, die vom Papst und den Bischöfen in Einheit mit ihm geleitet wird (LG 8; DV 10). "

Das Dokument ist eine deutliche Warnung in Richtung der Deutschen Bischofskonferenz, dessen Vorsitzender Dr. Robert Zollitsch,  der ehemalige Erbischof der Diözese Freiburg, für dieses Frühjahr angekündigt hatte, in der Bischofskonferenz die Weichen  in Bezug auf die Pastoral mit zivil wiederverheirateten Geschiedenen auf eine von Rom abweichende Linie stellen und festschreiben zu wollen.

Im Vorspiel dazu hatte das Seelsorgeamt der Diözese Freiburg Anfang Oktober 2013 mit Zustimmung und Beteiligung des (da- und ehemaligen) Erzbischofs Zollitsch deutschlandweit eine Handreichung unter die Seelsorger gestreut, die Richtlinien für die Pastoral mit oben genannten Betroffenen enthält. Die Glaubenskongregation des Papstes mahnte daraufhin (nach bereits erfolgter nochmaliger Vorlage der kirchlichen Lehre) eine Rücknahme und Überarbeitung der Handreichung an, was von deutscher Seite - auch von Bischöfen - allerdings schlichtweg ignoriert oder als "Privatmeinung" Müllers abgetan wurde.

Müller erläuterte in seinem Schreiben auch, wie die Aussagen von Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" vom 24.11.2013 über Kollegialität der Bischöfe und Dezentralisierung richtig zu verstehen sind:
"Eine Kirche, die nur um eigene Strukturprobleme kreiste, wäre erschreckend anachronistisch und weltfremd. Denn in ihrem Sein und ihrer Sendung ist sie nichts anderes als die Kirche des dreifaltigen Gottes, dem Ursprung und Ziel jedes Menschen und des ganzen Kosmos. Eine Neujustierung von Eigenständigkeit und Zusammenarbeit der Ortskirchen, von bischöflicher Kollegialität und Primat des Papstes darf die epochale Herausforderung der Gottesfrage nie aus den Augen lassen.

In seinem Apostolischen Mahnschreiben Evangelii gaudium spricht Papst Franziskus von einer heilsamen "Dezentralisierung". Das Leben der Kirche kann nicht derart auf den Papst und seine Kurie konzentriert sein, als ob sich in den Pfarreien, Gemeinschaften und Diözesen nur etwas Sekundäres abspiele. Papst und Bischöfe verweisen vielmehr auf Christus, der allein den Menschen Hoffnung gibt. Der Papst kann und muss nicht die vielfältigen Lebensbedingungen, die für die Kirche in den einzelnen Nationen und Kulturen sich zeigen, zentral von Rom aus erfassen und jedes Problem vor Ort selbst lösen. Eine übertriebene Zentralisierung der Verwaltung würde der Kirche nicht helfen, sondern vielmehr ihre missionarische Dynamik behindern (EG 32).

Deshalb gehört zur Neuevangelisierung, wie sie Thema der letzen Bischofssynode war (7.-28.10. 2012), auch eine reformierte Primatsausübung. Dies betrifft die Einrichtungen der universalen Leitung der Kirche, also besonders die Dikasterien der Römischen Kurie, deren sich der Papst bei der Ausübung der höchsten, vollen und unmittelbaren Gewalt über die Gesamtkirche bedient. "Diese versehen folglich ihr Amt in seinem Namen und mit seiner Vollmacht zum Wohle der Kirche und als Dienst, den sie den geweihten Hirten leisten" (CD 9).

Im Sinne der Neuevangelisierung müssen auch die Bischöfe, die Synoden und Bischofskonferenzen eine größere Verantwortung wahrnehmen inklusive "einer gewissen lehramtlichen Kompetenz". Denn diese kommt ihnen zu durch Weihe und kanonische Sendung und nicht erst durch eine spezielle päpstliche Bevollmächtigung. "Die Bischöfe, die in Gemeinschaft mit dem römischen Bischof lehren, sind von allen als Zeugen der göttlichen und katholischen Wahrheit zu verehren" (LG 25). Das päpstliche Lehramt ersetzt nicht das Lehramt der Bischöfe und ihr gemeinsames Wirken auf der nationalen oder auch kontinentalen Ebene (z.B. der Dokumente der CELAM: Puebla, Medellin, Santo Domingo, Aparecida), sondern setzt es voraus und fördert es in der Verantwortung für die ganze Kirche (EG 16).

Der Papst beruft sich ausdrücklich auf das Motu proprio Apostolos suos ( 1998), in dem Johannes Paul II. auf der Grundlage des II. Vatikanischen Konzils die Aufgaben der Bischofskonferenzen näher umschrieben hat. Im Gegensatz zu oberflächlichen Interpretationen ist damit nicht das Signal für einen Richtungswechsel oder eine "Revolution im Vatikan" gegeben. Machtkämpfe und Kompetenzstreitigkeiten könnte sich die Kirche nur unter Verlust ihrer missionarischen Aufgabe leisten.

Nach der ekklesiologischen Synthese des II. Vatikanums ist eine antagonistische oder dialektische Interpretation der Beziehung von Universalkirche und Ortskirchen ausgeschlossen. Die historischen Extreme von Papalismus / Kurialismus einerseits und von Episkopalismus/  (Konziliarismus/ Gallikanismus/ Febronianismus/ Altkatholizismus) andererseits können uns nur zeigen, wie es nicht geht, und dass die Verabsolutierung eines konstitutiven Elementes zu Lasten des anderen dem Bekenntnis zur Ecclesia una sancta catholica et apostolica widerspricht.

Die brüderliche Einheit der Bischöfe der universalen Kirche cum et sub Petro ist in der Sakramentalität der Kirche begründet und somit göttlichen Rechtes. Nur um den Preis einer Entsakramentalisierung der Kirche könnte ein Machtkampf zwischen zentralistischen und partikularistischen Kräften geführt werden. Am Ende bliebe eine säkularisierte und politisierte Kirche zurück, die sich von einer NGO nur noch graduell unterschiede. Das wäre der komplette Kontrast zu dem Apostolischen Mahnschreiben Evangelii gaudium.

Dem literarischen Genus nach ist dieses Schreiben kein dogmatischer, sondern ein paräntischer Text. Als seine dogmatische Basis ist die mit höchster lehramtlicher Verbindlichkeit dargelegte Lehre über die Kirche in Lumen gentium voraussetzt (EG 17). Es geht dem Papst um eine Überwindung der Lethargie und Resignation angesichts der extremen Säkularisierung und um ein Ende der lähmenden innerkirchlichen Auseinandersetzungen zwischen traditionalistischen und modernistischen Ideologien. Trotz aller Stürme und Gegenwinde soll das Schifflein Petri wieder die Segel der Freude über Jesus, der bei uns ist, aufziehen. Und die Jünger sollen ohne Angst in die Ruder greifen, um die Mission der Kirche kraftvoll voranzubringen."
 
Die Aufgabe der Glaubenskongregation ist es, "die Glaubens- und Sittenlehre in der ganzen katholischen Kirche zu fördern und schützen". Als Präfekt dieser Einrichtung äußert sich Erzbischof Müller nicht als Privatperson, sondern, wie oben zu lesen ist, "im Namen des Papstes und mit seiner Vollmacht zum Wohle der Kirche" - ist doch der Bischof von Rom und Nachfolger Petri "das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit der Bischöfe und Gläubigen":
Die eine und einzige Kirche Gottes ist als universale Kirche präsent in den Kirchen Gottes zu Korinth, Rom, Thessalonich etc. Und vor Ort haben es die Glaubenden mit nichts anderem zu tun als mit der einen Kirche Christi, in der der Heilige Geist alle Getauften untereinander verbindet und sie in die Einheit des Leibes Christi einfügt, so dass alle einer sind in Christus und als Söhne und Töchter Gottes in Christus die eine familia Dei bilden.

Es geht also nicht um eine schwebende geistliche Vollmacht, die nach Erwägungen politischer und strategischer Zweckmäßigkeit zwischen dem Papst und den Bischöfen, der Universalkirche und den Ortskirchen aufgeteilt würde. Vielmehr hat Christus die Apostel insgesamt – als Kollegium – berufen. Er selbst hat ihnen den Apostel Petrus vorangestellt als Grundlage und Prinzip der Einheit der einen apostolischen Vollmacht und Sendung für die gesamte Kirche.
Die Bischofsweihe zeigt die kollegiale Natur des Bischofsamtes in der Zuordnung des einzelnen Bischofs zum Gesamtkollegium mit dem Papst als dem Haupt, ohne den das Kollegium keine universale Vollmacht in Lehr- und Hirtenamt ausüben kann. "Die kollegiale Einheit tritt auch in den wechselseitigen Beziehungen der einzelnen Bischöfe zu den Teilkirchen wie zur Gesamtkirche in Erscheinung. Der Bischof von Rom ist als Nachfolger Petri das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit der Bischöfe und Gläubigen. Die Einzelbischöfe hinwiederum sind sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit in ihren Teilkirchen, die nach dem Bild der Gesamtkirche gestaltet sind. In ihnen uns aus ihnen besteht die eine und einzige katholische Kirche. Daher stellen die Einzelbischöfe je ihre Kirche, alle zusammen aber in der Einheit mit dem Papst die ganze Kirche im Band des Friedens, der Liebe und der Einheit dar" (LG 23).
Man kann nur hoffen, dass das Schreiben auch in Deutschland auf offene Ohren und Herzen trifft und sich die Verantwortlichen der Kirche in Deutschland, die zur Zeit fest in der Hand von Kirchenfunktionären des Kirchensteuervereins "Katholische Kirche - Körperschaft des öffentlichen Rechts" ist, noch besinnen, bevor aus "separatistischen Tendenzen" ein handfestes Schisma wird, das längst bereits latent besteht. Viel Hoffnung allerdings scheint es nicht zu geben, wenn nicht Rom seinen Worten auch Taten folgen lässt und die stillen, macht- und sprachlosen, zumeist nicht in Gremien organisierten Gläubigen, die Familien, Kinder und Jugendlichen vor den reißenden Wölfen und falschen Lehren und Ideologien zu schützen bereit ist. Doch davon hängt in vielen Fällen nicht weniger ab als das Heil der Seelen.



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4 Kommentare:

  1. " Doch davon hängt in vielen Fällen nicht weniger ab als das Heil der Seelen."

    Kann es sein, daß Gott Menschen verdammt, die evtl. das Spiel der reißenden Wölfe nicht durchschauen und guten glaubens in die Falle laufen?

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    1. Das, liebe Kassandra, ist eine knifflige Frage.

      Kann es sein, dass Gott Menschen verdammt, weil niemand für sie betet (wie es die Muttergottes von Fatima den Hirtenkindern gesagt hat)? Und ist es im Grunde egal, ob die Kirche das Evangelium allen Völkern verkündet, weil die Menschen auch ohne den katholischen Glauben gerettet werden können? Ist es nicht sogar besser, die Menschen im Unglauben zu lassen, damit sie nicht die Verpflichtungen der Umkehr und des Glaubens tragen müssen? Weil, wer guten Willens ist, ja sowieso gerettet wird? Und kann die Kirche, können Gläubige, dazu beitragen, dass weniger Menschen des ewigen Heiles verlustig gehen?

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  2. Zu hoffen, daß diese Worte in Deutschland, das seine Vorreiterrolle in einer Abkoppelung von Rom gerade stolz in die Welt hinausposaunt, gehört und beherzigt werden, halte ich für sehr sehr optimistisch, selbst wenn sie mit Nachtigallen-oder gar Engelszungen vorgetragen würden, träfen sie hier wohl auf taube und verstockte Ohren. Um das Seelenheil der den Bischöfen anvertrauten Herde geht es dabei am allerwenigsten- im Vordergrund stehen Macht, Ehrgeiz und Eitelkeit-gepaart mit dem alten antirömischen Affekt- und last but not least, der dringende Wunsch bei der veröffentlichten Meinung gut anzukommen und als modern und "aufgeklärt" zu gelten.

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    1. Liebe Damasus,

      ist es nicht so, dass die Hoffnung ihrem Wesen nach immer optimistisch ist? Ja, ich meine, das ist sie. :-)

      Bei dem anderen stimme ich Dir zu. Wenn es um Macht, Ehrgeiz und Eitelkeit usw. geht, und nicht mehr um das Heil der Seelen, dann ist offensichtlich, dass da etwas falsch läuft. Das ist halt der Unterschied zwischen Kirche und Kirchensteuerverein...

      Der Kirche geht es nur und ausschließlich um das Heil der Seelen. "Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen...", wie es im Credo heißt.


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