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Samstag, 4. Januar 2014

Authentisch sein!

Von Pater Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad 

Woran denken Sie bei der Zahl 68? Vielen wird die folgenreiche Jugendrevolte einfallen, die mit diesem Datum verbunden ist. 1968 erlebte das Aufbegehren insbesondere der Studenten gegen die verachtete bürgerliche Gesellschaft seinen Durchbruch und Höhepunkt. Mit schonungsloser Direktheit griff man Personen und Institutionen an, die bislang als Autoritäten, ja als sakrosankt gegolten hatten. Überkommene Formen des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens wurden bezichtigt, Nährboden für das Aufkeimen des Nationalsozialismus gewesen zu sein. Nach dem Dritten Reich habe man daraus nichts gelernt, sondern weiterhin alles auf die längst entleerten und erstarrten Traditionen gegründet. Diese unterwürfen die Menschen den Mechanismen der Bevormundung und Unterdrückung, entfremdeten sie von sich selbst und gewöhnten sie an eine Existenz in Unwahrhaftigkeit. Deshalb sei eine revolutionäre Umkehrung der Verhältnisse unbedingt nötig; denn nur durch radikale Emanzipation könnten die Menschen zu sich selbst finden, und nur so auch lasse sich eine Wiedergeburt des „Faschismus“ verhindern.

Es war kein Novum, dass die Nachkriegsgeneration die Gepflogenheiten der Älteren scharfen Blickes beäugte und dabei manches als unglaubwürdig entlarvte. Wo man sich um äußere Ordnung und um gute Formen bemüht, da werden immer auch manche prächtigen Fassaden entstehen, hinter denen sich nicht ein Palast, sondern eine Kloake befindet. Jesus Christus sprach bereits von geachteten und geehrten Personen, die in Wahrheit übertünchten Gräbern voller Modergeruch und Unreinigkeit gleichen (Mt 23,27). Niemand wird es daher dem Idealismus der Jugend verübeln, wenn er das schimmernde Elend des Unechten und Verlogenen anprangert und an seine Stelle ein Leben in Wahrheit und Aufrichtigkeit setzen möchte. Doch genau das ist den Revoluzzern von damals nicht gelungen. Sie sind zwar den Marsch durch die Institutionen gegangen und haben sich Spitzenpositionen im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich erobert, um sich in ihnen festzusetzen. Aber besser geworden ist dadurch herzlich wenig.

Obwohl die 68er-Bewegung längst der Vergangenheit angehört und sie uns in manchen ihrer Erscheinungsformen geradezu antiquiert vorkommen mag, ist doch einiges von ihr im öffentlichen Bewusstsein haften geblieben. Das erkennt man nicht zuletzt an bestimmten Vokabeln, die damals Hochkonjunktur hatten und die weiterhin überall anzutreffen sind. So begegnen wir oft der Forderung, wir sollten doch bitteschön „echt“ und „authentisch“ sein. Eine Mahnung zur Wahrhaftigkeit und gegen die Verstellung – wer wollte sich ihr verschließen? Genauer besehen, will sie aber mehr und anderes als das sagen, was hochstehende Sittlichkeit schon immer von uns verlangt hat.

„Wir müssen wirklich und wahrhaftig wir selbst sein“, lautet, mit den Worten Jean-Paul Sartres ausgedrückt, das Authentizitätsgebot. Es will uns gerade nicht zu einem Streben nach Veredelung durch Bildung, Tugend und Religion, sondern dazu bewegen, zu uns selbst, so wie wir sind, zu stehen, auch zu unseren Fehlern, und zwar ohne Scham und Demut, vielmehr offen und selbstbewusst. Es soll also nun nicht mehr der unordentliche Mensch zur Ordnung, der Missgelaunt-Widerwillige zu höflichem Betragen und froher Bereitschaft aufgerufen werden. Vielmehr gilt es, Unzufriedenheit, Ärger und überhaupt alle Gefühlsregungen, die bislang aus Rücksicht auf die Mitmenschen und im Zeichen der Selbstbeherrschung überwunden werden sollten, „herauszulassen“. So kommt es, dass einer ungepflegten, aufmüpfigen und rowdyhaften Person eher Echtheit und Authentizität zuerkannt wird als einer offensichtlich wohlerzogenen, angenehm zurückhaltenden und hilfsbereiten. „Wirklich und wahrhaftig er selbst“ ist nicht jemand, der sich bei einem langen Vortrag bemüht, die Äußerungen von Ermüdung zu unterdrücken, sondern wer laut gähnt!

Muss man eigens erklären, dass solche „Authentizität“ weder dem ursprünglichen Sinn des Wortes, das „Glaubwürdigkeit“, „Zuverlässigkeit“, „Verbürgtheit“ bedeutet, noch der Haltung eines gläubigen Menschen entspricht? Der Import der 68er-Ideen in die Kirche ist zwar ausgiebig betrieben worden, doch niemals wird die Authentizitäts-Ideologie einem katholischen Christen akzeptabel sein. Für diesen ist ja Jesus Christus selbst der Inbegriff wahrer Authentizität, da Seine Sendung und Lehre durch Heiligkeit und Wunderzeichen, am Ende durch Tod und Auferstehung ihre Zuverlässigkeit zeigte. Und damit verbunden steht auch die Kirche für Authentizität, weil sie, vom Herrn auf apostolischem Fundament errichtet, sich in ihrer unverfälschten Verkündigung immer neu als treu und in ihren Heiligen – den authentischen Zeugen gelebten Glaubens – als fruchtbar erweist.

Authentisch sind wir folglich in dem Maße, als unser Leben der Wahrhaftigkeit und Heiligkeit Christi und Seiner Kirche entspricht. Nur so können und sollen wir dann auch im guten Sinne „wirklich und wahrhaftig wir selbst sein“: als Heilige.



 Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)

 

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