Dienstag, 22. Juli 2014

Prof. Georg May: Die andere Hierarchie - Teil 44: Bereitschaft zum Abfall / Ergebnisse

Prof. Dr. Georg May

Die andere Hierarchie


Teil 44


Verlag Franz Schmitt Siegburg AD 1997


Fortsetzung von hier

V.  Bereitschaft zum Abfall

Das Kirchenvolksbegehren ist eine kirchenfeindliche Aktion, der Beginn einer neuen Abfallwelle von unserer Kirche, einer Los-von-Rom-Bewegung; es läuft auf ein Schisma hinaus.

Küng hat völlig richtig festgestellt: "Die Zeit des Dialogs ist vorbei" (26). Förderer des Kirchenvolksbegehrens sprechen drohend aus, sie würden sich von der Kirche abwenden, "wenn sich... jetzt auch nichts tut" (27).

Das Kirchenvolksbegehren ist der Aufstand der Mittelmäßigkeit gegen den Ruf zur Nachfolge, die Empörung von Kaninchenseelen über die Einladung zur Heiligkeit, der Überdruss der Spießer angesichts der Aufforderung zur Selbstverleugnung. Wer sich hier meldet, ist nicht das Volk, sondern das ist die Clique der Ideologen und Demagogen, die unwissende, urteilsunfähige, verwirrte und verführte Christen vor ihren Wagen spannt. Die Initiatoren werden nicht vom Geist Christi, sondern vom Zeitgeist geführt. Sie haben den kirchlichen Sinn verloren. Es ist die hohe Zeit der falschen Propheten.

Ein Leser schrieb richtig: "Diese haben einen Vulkan angebohrt, der nicht zur Ruhe kommen wird" (28). Das Unternehmen drängt auf Institutionalisierung. Das Einzige, was ihm gegenüber Erfolg verspricht, ist stählerne Härte der Abwehr. Jeder Appell zu Einsicht und Umkehr prallt am harten Kern der Volksbegehrer wirkungslos ab. Die Einführung der Basisdemokratie in die katholische Kirche wäre ihr sicherer Untergang.


Ergebnisse

Wenn ich abschließend eine kurze Zusammenfassung meiner Gedanken geben darf, möchte ich Folgendes sagen:

1.  Die innerkirchliche Revolution

In unserer Kirche ist seit geraumer Zeit eine Revolution im Gange. Unter Revolution verstehe ich den Prozess des völligen Bruches mit dem religiös-sittlichen Werte-system, dem überkommenen Glauben und der kirchlichen Organisationsstruktur. In diesem Sinne befindet sich die Kirche in einem revolutionären Zustand.

"Revolution ist ein Anzeichen schwerer politischer Erkrankung, und leider steckt sie an" (Duff Cooper). "Revolutionäre kommen meist nur zum Zuge, wo die bestehenden Mächte nicht mehr willens und fähig sind, ihren Platz zu behaupten" (Tschirschky). Eben dies ist in der Kirche der Fall gewesen.

Das Kollegium der Bischöfe und der Klerus haben sich durch die progressistische Theologie zu zahlreichen überflüssigen, sinnlosen oder gefährlichen Änderungen bestimmen lassen; sie reichen vom Gottesdienst bis zum Ämtersystem. Es hat ihnen völlig an Voraussicht gefehlt, dass sie mit ihren Pseudoreformen eine Lawine lostreten würden.

"Der Staatsmann muss die Dinge rechtzeitig herannahen sehen und sich darauf einrichten. Versäumt er das, so kommt er mit seinen Maßregeln meist zu spät" (Bismarck). Die Bischöfe meinten, angeblich berechtigten Wünschen und Beschwerden entgegenkommen zu sollen und dadurch weitergehenden Forderungen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sie haben sich getäuscht.

"Es gehört zum Wesen der politischen Konzessionen, dass sie immer zu spät kommen" (Stefan Zweig). "Die Revolution ist ein Naturelement wie das Meer, nicht mit einem Sprung bricht solche Sturmflut ins Land, sondern nach jedem erbitterten Stoß läuft die Welle zurück, scheinbar erschöpft, in Wirklichkeit aber nur, um neu und zu vernichtenderem Anschwung auszuholen" (Stefan Zweig).

Die Revolution setzt auf die öffentliche Meinung. Sie sucht diese durch unaufhörliche Bearbeitung für sich zu gewinnen. "Ohne Reden wäre es nie zur Revolution gekommen" (Aubry). "Wer Revolution sagt, sagt notwendig auch Propaganda" (Aubry). Auf diese Propaganda verstehen sich die Träger der innerkirchlichen Revolution meisterhaft. Sie beherrschen die wichtigsten Verlage und die meisten theologischen Zeitschriften, sie kommen in den elektronischen Medien fast ausschließlich zu Wort.

Von den revolutionären Zuckungen sind Glaubens- und Sittenlehre, Gottesdienst und Ordnung in gleicher Weise ergriffen. Die Revolution zielt auf Umwandlung der katholischen Kirche in eine weitere protestantische Denomination.

Der Prozess der Protestantisierung ist auf allen Gebieten schon weit fortgeschritten. Die Fundamente, auf denen die Kirche ruht, sind unterwühlt. Vorläufig stehen noch die Fassaden. Aber ihr Kern ist aufs Höchste gefährdet oder bedenklich angekränkelt. Der Aufbau einer anderen, einer Gegenkirche ist weit vorangeschritten. Man muss endlich der Tatsache ins Auge sehen: "Es gibt eine neue Kirche, und es ist nicht die alte in neuem Gewand" (1).

Den Mitgliedern der Hierarchie sei noch einmal, zum letzten Mal gesagt: "Jede Revolution ist eine vorwärtsrollende Kugel" (Stefan Zweig). "Die Revolution will vorwärts, sie muss vorwärts, wenn sie nicht versanden soll, den Revolution ist flutende Bewegung. Stehen bleiben wäre für sie Verhängnis, Rücklauf ihr Ende, sie muss verlangen, immer mehr verlangen, um sich zu behaupten, sie muss erobern um nicht besiegt zu werden" (Stefan Zweig).

Eine Revolution lässt sich nicht beschwichtigen. Nachgiebigkeit und Zurückweichen schwächen ihre Forderungen nicht ab, sondern stärken nur ihre Selbstsicherheit. Man kann Revolutionen gewaltsam unterdrücken, aber man kann sie niemals mit diplomatischen Kunstgriffen oder Ködern irre machen. Die Bischöfe mögen sich daran erinnern: "In Revolutionen bleibt zuletzt den Ruchlosesten die Autorität" (Aubry).

2.  Die Umstülpung der Kirchenverfassung

Besonders sichtbar und folgenreich ist die bereits geschehene und weiterschreitende revolutionäre Veränderung der Kirche in der Umstülpung der Kirchenverfassung. Neben der von Christus eingesetzten Hierarchie hat sich eine andere Hierarchie etabliert.

Diese neue Klasse ist vielgestaltig. Zu ihr zählen einmal die Gruppierungen und Kartelle von Theologen, die ein Neben- und Ersatzlehramt in Anspruch nehmen und das genuine Lehramt faktisch und effektiv in den Hintergrund gedrängt haben. Die Wirkung ihrer Tätigkeit ist offenbar. Im christlichen Volk ist nicht mehr die katholische Glaubenslehre herrschend, sondern das, was das Ersatzlehramt davon übriggelassen hat.

Es ist heute so weit gekommen, dass die unverfälschte Botschaft der Kirche selbst bei praktizierenden Katholiken auf erbitterten Widerstand stößt. Das Ersatzlehramt konnte nur deswegen eine derartige Position erringen, weil das Lehramt in gigantischer Weise versagt hat. Statt seine Hirtengewalt zu gebrauchen, hat es zugesehen, wie die Wölfe in den Schafstall einbrachen.

Zu der anderen Hierarchie zählen sodann die zahllosen Gremien, Räte, und Versammlungen, die von der Ebene der Pfarrei bis zum Heiligen Stuhl reichen. Sie verstehen sich als Repräsentativorgane des jeweiligen Teils des Volkes Gottes und treten in solcher Eigenschaft neben die geweihten Hirten.

Auf diese Weise entsteht eine Art Doppelherrschaft mit all den Unzuträglichkeiten, die mit einer solchen verknüpft sind. In den Räten, Gremien und Versammlungen nehmen oft Unbefugte und Verbildete zu den Lebensfragen der Kirche Stellung und untergraben Lehre und Ordnung der Kirche in gleicher Weise. Wenn  die geweihten Hirten ihren Vorgaben nicht folgen, sind sie empört und lassen Drohungen vernehmen, gehen an die Öffentlichkeit und mobilisieren die Massenmedien.

Typisch für die andere Hierarchie ist: Sie will nicht unterstützen, sondern herrschen. Ihr ist es nicht um Dienst zu tun, sondern um Macht. Am Horizont zeichnet sich die Gefahr einer gremialen Diktatur ab. Die Rätekirche ist jedenfalls in Deutschland eine Tatsache. Die kirchliche Hieararchie droht von der anderen Hierarchie übermächtigt zu werden. Das Rätesystem als Ganzes ist ein Anschlag auf die Hierarchie göttlichen Rechtes in der katholischen Kirche. Hier geschieht nicht mehr und nicht weniger als ein Umsturz der Kirchenverfassung auf kaltem Wege.



(26)  Deutsche Tagespost Nr. 123 vom 14. Oktober 1995 S. 3
(27)  Allgemeine Zeitung vom 14. November 1995 S. 9
(28)  Deutsche Tagespost Nr. 152 vom 21. Dezember 1995 S. 9
Ergebnisse:
( 1)  Theologisches 25, 1995, 256


Schluss folgt 



Übersicht: Zu den bisher erschienenen Fortsetzungen


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Einige Früchte aus dem Geist des Kirchenvolksbegehrens:


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Weiteres zum Thema "Kirchenvolksbegehren von 1995":


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