Samstag, 19. Juli 2014

Familiendämon

Ein Gastbeitrag von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Wenn ich ein Familiendämon wäre, ein gefallener Engel also, darauf angesetzt, das Leben der Familien zu stören und zu zerstören, so wüßte ich, was ich zu tun hätte. Meinen Kampf müßte ich von zwei Seiten aus führen, nämlich von außen und von innen.

Der äußere Angriff bestünde zunächst darin, den traditionellen, auf den Schöpfer und Herrn zurückgehenden Begriff der Familie aufzuweichen und zu verformen. Es dürfte in der Öffentlichkeit nicht mehr selbstverständlich sein, daß sich eine Familie um den festen Kern der ehelich-treuen Gemeinschaft von Mann und Frau bildet. Während es meine Aufgabe wäre, diese Auffassung mit den Etikettierungen „veraltet“, „bürgerlich“ und „spießig“ verächtlich zu machen, könnte ich die Modelle „Patchworkfamilie“ und „Regenbogenfamilie“ als zeitgemäß anpreisen. Und auch die tägliche Lebenserfahrung der Eltern und Kinder wüßte ich mir zunutze zu machen: Der Arbeitskollege, der nun schon in der vierten „Ehe“ lebt, ist doch ein so netter Mann, viel freundlicher und interessanter übrigens als die meisten „braven“ Ehegatten... Und der Schulkamerad, der anstelle von Vater und Mutter bei zwei „Vätern“ lebt, hat es gewiß mindestens so gut wie die meisten Kinder bei ihren altmodischen Eltern...

Ein wichtiges Mittel meines Angriffs wäre außerdem die Verdächtigung der klassischen Familien: Sind sie nicht Horte der Unfreiheit, der Unterdrückung und der häuslichen Gewalttat bis hin zu Mißhandlung und sexuellem Missbrauch? Auch wenn das nicht wahr ist, müßte ich doch den Gedanken verbreiten, Kinder seien vor den gefährlichen Strukturen der bürgerlichen Familie in die Sicherheit staatlicher Einrichtungen hinein zu retten.

Das also wäre die äußere Seite meiner Attacke. Sie hätte ihr Ziel erreicht, wenn es gelänge, die von Gott gewollte Familie als eine altbacken-biedere, enge, lächerliche und zudem gefährliche Sache erscheinen zu lassen. Man unterschätze diese Methode der Zersetzung durch Hohn und Spott, durch Relativierung und Verdächtigung nicht – sie hat in den zurückliegenden Jahrzehnten wahre Wunder gewirkt! Ist denn, nebenbei bemerkt, nicht inzwischen bis in die Familienpolitik der „christlich-konservativen“ Parteien hinein fast alles das in Erfüllung gegangen, was z.B. in einem klassischen „Katechismus“ des Kommunismus aus dem Jahr 1919 (J. N. Bucharin und J. A. Preobraschenskij, Das ABC des Kommunismus, deutsch: Zürich 1985) gelehrt und gefordert wurde:

Der Kampf gelte dem „Recht der Eltern auf die Erziehung der eigenen Kinder“, da es „vom sozialistischen Standpunkt aus in nichts begründet“ sei. Daher müßten „die Ansprüche der Eltern, durch die Hauserziehung in die Seele ihrer Kinder ihre eigene Beschränktheit zu legen, nicht nur abgelehnt, sondern auch ohne Erbarmen ausgelacht werden.“ Weil „die Fähigkeiten zur Kindererziehung doch seltener vorkommen als die Fähigkeiten, Kinder zu gebären“, habe sich der sozialistische Staat der Sache anzunehmen, was auch „ungeheuer große wirtschaftliche Vorteile“ mit sich bringe: „Hunderte, Tausende, Millionen Mütter werden bei der Verwirklichung der gesellschaftlichen Erziehung für die Produktion und für ihre eigene kulturelle Entwicklung frei werden. Sie werden von der geistestötenden Hauswirtschaft und der unendlichen Zahl der kleinlichen Arbeiten, die mit der Hauserziehung der Kinder verbunden sind, befreit werden.“ Praktische Folgerung ist „die Schaffung einer Reihe von Institutionen“, namentlich: Kindergärten, Heime, Kinderkolonien und Krippen. Um diese Entwicklung voranzutreiben, sollten „die Sowjetorgane eine noch raschere Entwicklung der Vorschulinstitutionen“ betreiben. Gleichzeitig müßten „durch eine erhöhte Propaganda die bürgerlichen und spießerischen Vorurteile der Eltern über die Notwendigkeit und die Vorteile der Hauserziehung“ überwunden werden. (S. 405 ff.) --

Zu dem äußeren Angriff käme sodann die andere, die innere Seite des Kampfes. Attacken auf die eheliche Treue, Verführung durch die schmutzigen und giftigen Einflüsse der Erotik- und Pornowelt und ähnliches mehr sind Selbstverständlichkeiten, von denen hier gar nicht eigens gesprochen werden braucht. Mindestens ebenso wichtig wäre mir, bei christlichen Menschen die hohe, sakramentale Auffassung von Ehe und Familie auf den Boden der angeblichen Wirklichkeit herabzuholen: Indem ich ihnen einreden würde, sie seien mit den Jahren eben „realistischer“ und „reifer“ geworden, könnte ich den Eheleuten einen Rückschritt im übernatürlichen Verständnis ihres heiligen Standes und im Eifer für diesen als Fortschritt verkaufen. Zugleich müßte ich den Blick auf die (angeblich oder wirklich) „überfrommen“ Familien und deren Übertreibungen und Fehler richten: „Ja, schaut sie euch doch nur an, die so tiefgläubig sein wollen. So sehen sie also aus, die berühmten Heiligen Familien! Dann doch lieber normal bleiben...“ Welche Erfolge der Destruktion mit dieser Methode schon erreicht wurden, ahnen die wenigsten.

Innerhalb der Familien hätte ich mich besonders um die Vergiftung der Atmosphäre zu bemühen: Gereiztheit und Launenhaftigkeit wachsen inmitten eines freudlosen Klimas und bringen als ungenießbare Früchte Streitigkeiten – oft übrigens um ganz nichtige, unwichtige Dinge – hervor. Dadurch werden die Betroffenen nach und nach aus dem inneren Kreis des gemeinsamen Lebens vertrieben und suchen immer seltener das Zusammensein und den so wichtigen Austausch; an seine Stelle treten je nach Typ und Neigung Fernseher und Computer, Stammtisch und Eventtouren, oft auch außerhäuslicher Aktivismus, der zuweilen ein Höchstmaß an Idealismus mit einem Minimum an Familiensinn verbindet.

Dass auf diese Weise die religiöse Dimension nach und nach verloren geht, liegt in den Absichten des Familiendämons. Zumeist ist der Erfolg am Ende größer, wenn das gemeinsame Gebet und die sakramentale Praxis schleichend abgebaut werden, bis sie völlig verschwinden. Sehr hilfreich für die Zwecke des Familiendämons ist im übrigen ein geistliches Leben, derart seelenlos und „zum Abgewöhnen“, daß in den Kindern der Entschluß wächst und reift: „Sobald ich kann, will ich damit aufhören. Nichts wie weg!“ Jedenfalls sollte das Immunsystem der Familie am Ende völlig geschwächt sein, damit auch die schlimmsten Infekte ihr Einfallstor finden, widerstandslos Einzug halten und den kranken Organismus schließlich ganz zusammenbrechen lassen könnten. Die tragischen Entwicklungen, die selbst in den scheinbar besten katholischen Familien vorkommen, sind wahrlich nicht vom Himmel gefallen, vielmehr von unten her hochgekrochen, und zwar meistens ebenso langsam wie erfolgreich. ---

Wenn ich also ein Familiendämon wäre, müßte ich so ähnlich wie hier beschrieben verfahren. Da ich jedoch das Gegenteil im Sinn habe, empfehle ich allen Betroffenen, darüber aufmerksam nachzudenken. Denn allzu späte Einsicht kann tödlich sein...


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