Donnerstag, 12. Juni 2014

Prof. Georg May: Die andere Hierarchie - Teil 26: Der Priestermangel (1)

Prof. Dr. Georg May

Die andere Hierarchie


Teil 26

Verlag Franz Schmitt Siegburg AD 1997


IV. Der Priestermangel

1. Die Tatsache

Den zahlreichen Amtsniederlegungen von Priestern korrespondiert das Ausbleiben von Neuzugängen zum Priestertum. Der Aufbau der anderen Hierarchie vollzieht sich auf dem Hintergrund des notorischen Priestermangels in den deutschen Diözesen, ja er zieht daraus einen Teil seiner Berechtigung und Notwendigkeit.

Der Priestermangel ist eine Tatsache. Ihm voraus geht der Priesterkandidatenmangel. Im Jahre 1995 fand sich in der riesigen Erzdiözese München kein einziger Abiturient, der Priester werden wollte (8). Das Papier "Der pastorale Dienst in der Pfarrgemeinde" spricht vom Mangel an hauptamtlichen kirchlichen Mitarbeitern und an Priestern sowie an Ordensleuten (I,2,4). Der erstere Mangel besteht nicht. Es gibt genügend Laientheologen, die sich um hochdotierte Posten in den deutschen Diözesen bewerben.

Der "Berufsverband der Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten in der Erzdiözese Bamberg" kritisierte die Gebetsinitiative des Erzbischofs Braun für geistliche Berufe. An Nachwuchs für Pastoralreferenten fehle es nicht; lediglich an Priesternachwuchs fehle es wegen der Zulassungsbestimmungen und der Strukturkrise des Amtes (9).

Die Gegner des Priestertums haben begriffen, dass sich ihnen hier die Chance bietet, in die Positionen einzurücken, die durch den Abfall so vieler Priester und das Ausbleiben von Berufungen frei geworden sind. Die am Priestertum bzw. an dessen Voraussetzungen Gescheiterten wittern Morgenluft und sehen ihre Stunde gekommen. Die Bischöfe begründen ihre Förderung der anderen Hierarchie mit dem Fehlen von Priestern.

2. Die Gründe

Die Gründe des Priestermangels sind vielgestaltig. Die Bischöfe sind jedoch mehrheitlich nicht gewillt, jene Gründe zur Kenntnis zu nehmen, die sich aus ihrem Versagen ergeben. Der Erzbischof von Freiburg (Anm.: Oskar Saier) zählte in seinem Brief an die Pfarrgemeinden in der Region Bodensee äußere Gründe für das Ausbleiben des Priesternachwuchses auf (10). Von inneren Gründen verlautete er kein Wort. Ich will sie ihm nennen.

a)  Die Zerstörung des Würdebewusstseins

Ein Hauptgrund für den Priestermangel ist die Zerstörung des Bewusstseins von der hohen Würde und der unersetzlichen Notwendigkeit des Priesterstandes. Der heutige Priestermangel ist also zum erheblichen Teil das Ergebnis des Wirkens der progressistischen Theologen. Ich klage sie an, dass sie zahlreichen Theologie-studierenden den Glauben, die Liebe zur Kirche und den Priesterberuf zerstören.

Wenn es mit dem Priestertum weiter nichts auf sich hat, wenn es sich nicht auf die Stiftung Christi berufen kann, wenn von der Repräsentation Christi nicht die Rede sein kann, dann ist nicht einzusehen, warum man einen Stand erwählen soll, der durch stark erhöhte Ansprüche an seine Glieder gekennzeichnet ist.

Ein gebildeter Laie schrieb dem Bischof von Limburg (Anm.: Franz Kamphaus) am 11. September 1995: "Es gibt noch junge Männer, die sich zum geweihten Seelsorgedienst bereitfinden, aber sie gehen mehrheitlich zu den konservativen Gruppen! Je mehr sie von Bischöfen wie Sie und Ihr Kollege in Augsburg (Anm.: von 1993-2004 Viktor Josef Dammertz OSB) ausgegrenzt werden, um so weniger werden sich für den Diözesandienst entscheiden."

b)  Die Auspowerung des priesterlichen Dienstes

Den theoretischen Kampf gegen Sein und Sendung des Priestertums entspricht dessen Schmälerung in der Praxis. Der priesterliche Stand ist in den letzten 30 (Anm.: nunmehr 47) Jahren regelrecht ausgepowert worden.

Die Anordnungen der Hierarchie haben ihm eine Funktion nach der anderen entzogen und ihm eine andere Hierarchie an die Seite oder besser entgegengestellt. Schon die Einrichtung der Pastoralassistenten war ein Anschlag gegen das katholische Priestertum. Hier wird dem geweihten Seelsorger eine ungeweihte Person an die Seite gestellt, kaum als Mitarbeiter, eher als Aufpasser, Konkurrent und Kritiker.

Viele Priesterkandidaten schauen mit großer Sorge ihrer Tätigkeit entgegen, bei der sie auf Zusammenarbeit mit einem Pastoralassistenten angewiesen sind, und diese Sorge ist berechtigt. Denn die Einstellung so manches Pastoralassistenten ist eine Gefahr für das gedeihliche priesterliche Wirken. In ihnen wuchern Kritiksucht und Ressentiment, Widerstand gegen geistliche Führung und Unwilligkeit zur Unterordnung.

Man mag es hören wollen oder nicht: Die Einführung der Pastoralassistenten und -referenten war ein Schlag gegen das Priestertum. Die Priesterkandidaten beobachten die wachsende Anhebung von deren Stellung mit großer Sorge. Viele von ihnen haben Angst vor der zukünftigen Entwicklung der Kirche (11).

Unter den Laienfunktionären hat ein regelrechter Kompetenzhunger eingesetzt. Die Zahl der Übergriffe in das dem Priester vorbehaltene Gebiet nimmt zu. Die Laienpredigt hat die Herabstufung der Lehrvollmacht der priesterlichen Amtsträger eingeleitet. Die Predigt von hauptamtlichen Laien in Messfeiern ist entgegen der kirchlichen Ordnung an vielen Orten zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Die Entwicklung ging nach der bekannten Salamitaktik vor sich. Das Direktorium für Kindermessen vom 1. November 1973 sah die Übernahme der Ansprache durch  Laien in Messen mit Kindern vor (12). Die Sendung der Pastoralreferenten schließt heute bereits die Beauftragung zum Predigen ein. (13).

In den siebziger Jahren hat man mit der Einführung der Bußandacht das Bußsakrament weithin abgeschafft (14). Heute ist man dabei, mit dem Wortgottesdienst an Sonntagen die Eucharistiefeier zu ersetzten. Der Priester wird in seinen erhabensten Funktionen überflüssig gemacht.

Die bischöflichen Verordnungen haben den Priestern die Kommunionausteiler an die Seite gestellt bzw. sie duch diese ersetzt. Die Mitwirkung der Kommunionhelfer ist wohl überall nur vorgesehen, wenn die Zahl der Mitfeiernden groß ist und wenn dem Zelebranten die Austeilung der Kommunion schwerfällt (15). Doch die enggefassten Bestimmungen (cc 230 §3, 910 §2) bleiben fast überall unbeachtet.

Die bischöflichen Verordnungen haben den Priestern Erstbeicht- und Erstkommunionunterricht weitgehend entwunden. Um die Firmvorbereitung steht es nicht anders. Diese Auspowerung des priesterlichen Dienstes vollzieht sich unter dem Schlagwort "Gemeindekatechese" (16).

Durch die Gottesdienstgestaltung der Liturgiekreise wird dem Priester die Ordnung der Messfeier zum erheblichen Teil aus der Hand genommen. Die Gottesdienste werden weithin von Personen vorbereitet und "gestaltet", die höchstens rudimentär das Wesen der heiligen Messe kennen. Sie gehen dabei vielfach von Vorgaben aus, die für außergottesdienstliche Feiern in Kindergärten oder Altentagesstätten geeignet sein mögen, aber nicht für die Repräsentation des Kreuzesopfers.

Mancherorts wird die feierliche Spendung der Taufe durch Laienfunktionäre vorgenommen. Auch das kirchliche Begräbnis kann unter gewissen Voraussetzungen von diesen gehalten werden, wie überhaupt zahlreiche Segnungen - wie beispielsweise die Segnung der Häuser und Wohnungen - ihnen übertragen wurden.

Durch all diese Entziehungen und Beteiligungen werden neben die in der Hierarchie göttlichen Rechtes stehenden Priester die Funktionäre der anderen Hierarchie gestellt. "Wer Aufgaben abgibt, bekommt sie so schnell nicht wieder. Er schwächt sich damit selbst und verliert an Einfluß" (17).

Zu den von den Bischöfen betriebenen Übertragung von Diensten, die früher dem Priester vorbehalten waren, kommt die widerrechtliche Inbesitznahme priesterlicher Dienste durch Laienfunktionäre.

In den letzten Jahren gingen einzelne Laien dazu über, eigenmächtig den Ritus der Krankensalbung zu vollziehen oder sakramentsähnliche Riten der Salbung mit geweihtem Öl vorzunehmen (18). Nach einer Umfrage im Bistum Basel greifen 57 Prozent der Laientheologen zumindest gelegentlich unbefugt und unermächtiigt in den sakramentalen Bereich über, der dem Priester vorbehalten ist.

In der Aussendungsfeier der Pastoralassistenten wurde eine Parallelliturgie zur Spendung der Priesterweihe eingeführt. In der Schweiz heißen diese Mitglieder der anderen Hierarchie Pfarreileiter bzw. Pfarreileiterinnen. Die Protestantisierung ist in diesem unglücklichen Land noch weiter fortgeschritten als bei uns (19). Dort ist man schon so weit, dass man sich eine "Eucharistiefeier" ohne Priester vorstellen kann.


 (8)   Theologisches 26, 1996, 97
 (9)   Klerusblatt 77, 1997, 102f
(10)  Pfarramtsblatt 70, 1997, 173-175
(11)  Deutsche Tagespost Nr. 135 vom 9. November 1996 S. 5
(12)  Acta Apostolicae Sedis 66, 1974, 30-46, hier 37f (Nr. 24)
(13)  Gottesdienstleitung und gottesdienstliche Verkündigung durch Laien im Bistum Essen vom 2. Juli 1996 (Pfarramtsblatt 69, 1996, 349-351) 3.1
(14)  May, Das verlorene Sakrament 21-23
(15)  Z. B.: Ordnung der Diözese Regensburg für den Dienst des Kommunionhelfers vom 19. November 1991 (Archiv für katholisches Kirchenrecht 160, 1991, 543.548) Nr. 3a
(16)  Gemeinsame Synode 227-275
(17)  Deutsche Tagespost Nr. 45 vom 12. April 1997 S. 9
(18)  Pfarramtsblatt 69, 1996, 317-320 (Rottenburg 9.Juli 1996); 70, 1997, 175-178; Una Voce-Korrespondenz 27, 1997, 249f
(19)   Spagat: Herder-Korrespondenz 51, 1997, 222f




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