Mittwoch, 4. Juni 2014

Kardinal Angelo Giuseppe Roncalli (später Papst Johannes XXIII.) über Papst Pius X.

"Heiliger Pius X. - ein Reformpapst vor den Herausforderungen des neuen Jahrhunderts"

Unter diesem Motto veranstaltet das "Päpstliche Komitee für historische Wissenschaften" am 12. Juni 2014 in Rom einen Studientag über Papst Pius X. (1903-1914). Anlass sind der 100. Todestag des Papstes am 20. August sowie die Heiligsprechung Pius X. vor 60 Jahren, am 29. Mai 1954. (s. auch kathweb)


Das sei Anlass zu hören, was Kardinal Angelo Giuseppe Roncalli, damals Apostolischer Nuntius in Frankreich, über Pius X. sagte. Er tat dies anlässlich der Weihe der unterirdischen Kirche bei der Grotte der Allerseligsten Jungfrau von Lourdes am 24. März 1958, etwa sieben Monate bevor er nach dem Tode Pius XII. selbst als Papst Johannes XXIII. aus dem  Konklave hervorging und den Stuhl Petri bestieg:
Das neue Gotteshaus, das wir heute geweiht haben zur Anbetung des einen und dreieinigen Gottes, zur Verehrung der Mutter Jesu und unserer Mutter erfährt eine glückliche Ergänzung durch die Weihe an den Namen des hl. Pius X. (...),  den einige von uns noch gekannt, den sie mit eigenen Augen gesehen und dessen Stimme sie noch vernommen haben.

Zu diesen gehört auch der Kardinal, der heute zu Ihnen spricht, der die Weihe vorgenommen hat und der auf seinem Haupte noch heute die verehrungswürdigen Hände des Papstes fühlt, der ihn gesegnet hat. (...)

Da ist die Heiligkeit seines Lebens und seines Beispiels. Ein waches Bewusstsein der höchsten Verantwortung, weite und tiefe Schau der grundlegenden Fragen der menschlichen und christlichen Gesellschaft, eine Ausübung des Lehramtes im Geiste der Sanftmut und Demut Jesu, gleichzeitig aber auch ein klares und unerschütterliches Einstehen für die Wahrheit, für die Gerechtigkeit, für einen Frieden ohne Schwäche und ohne Kompromisse mit der Bereitschaft, Leiden, ja selbst den Tod zu ertragen: Das war der hl. Papst Pius X., wie er heute vor unseren Augen steht.

Pius X. war unablässig bemüht, der Welt den Sinn für das Übernatürliche wiederzugeben. Das Jahrhundert vor ihm war im Siegesgeschrei eines völligen Rationalismus untergegangen. Der Einfluß des Scientismus hatte versucht, und es war ihm auch teilweise gelungen, das religiöse Denken und die religiöse Hoffnung aus der Welt zu verbannen. Und dies so sehr, dass sich selbst die Christen der Gefahr dieser verführerischen Illusion nicht zu entziehen vermochten.

In den Methoden der wissenschaftlichen Forschung, in den falschen Ideen, die in die öffentliche Meinung, ja selbst in die Art zu reden und zu schreiben Eingang gefunden hatten, überall waren die Auswirkungen dieser Entstellung der reinen Lehre der Kirche zu verspüren.

Wenn schon die Christen Gefahr liefen, ohne es zu wissen, zu Rationalisten zu werden, was sollen wir dann von der Menge jener Gleichgültigen sagen, die mit der Kirche nur gelegentlich in Berührung kommen oder ihr gar ferne stehen?

So sehr wir auch heute nach 50 Jahren noch irrige Anschauungen und das Weiterbestehen geistiger Übelstände zu beklagen haben, so sehr wir auch feststellen müssen, dass der Geist der Finsternis auch heute noch alles einsetzt, um das Wiederaufleben der katholischen Aktivität zu verhindern, wobei dieser Einsatz zum Teil die schlimmsten Formen annimmt, so ist dieses Wiederaufleben doch eine unbestreitbare Tatsache.

Die erhabene Lehre Pius X. hat also den Sieg davongetragen. Wohl lebt der Scientismus noch unter verschiedenen Namen weiter und wir geben uns darüber keiner Täuschung hin, dass er so lange weiterleben wird, als der "Fürst dieser Welt" seine Bemühungen fortsetzen wird, um die Herrschaft über die Welt an sich zu reißen. Pius X. ist ihm offen entgegengetreten. Freilich flackert der Irrtum von Zeit zu Zeit wieder neu auf. Doch handelt es sich dabei eher um das rauchende Weiterglühen eines Balkens, den der Schutt eines niedergebrannten Hauses bedeckt.

Die edlen und tapferen Nachfolger Pius X., Benedikt XV., Pius XI. und Pius XII. sind den Spuren Pius X. mutig gefolgt; im Lichte seines Namens und seines Geistes.

Was aber sollen wir sagen, meine Brüder, über die neue Quelle von Gnaden und geistlichen Kräften, die wir dem Heiligen Vater Pius X. verdanken durch seine Förderung des Eucharistischen Kultes unter den Gläubigen, vor allem den unschuldigen Kindern?

Hat man nicht schon gesagt, dass erst die kommenden Generationen das Andenken Pius X. gebührend preisen und segnen werden für diese unschätzbaren Reichtümer an christlicher Tugend und apostolischem Eifer, die sich auf die breiten Straßen der ganzen Menschheit ergießen?

Was sollen wir sagen über die klare Formulierung der Lehre Jesu, genauer gesagt, eines Katechismus, der der Fassungskraft aller angepasst und dem Klerus vor allem zum Gebrauch in den Volksschulen in die Hand gegeben wurde, der aber auch eifrigen Laien als beste Form des Apostolates der katholischen Aktion dienen sollte?

Was sollen wir sagen zu dem kühnen Unternehmen einer Neuregelung des kirchlichen Rechtes im Verlaufe seines Pontifikates, das auf die Erneuerung des gesamten kirchlichen Lebens ausgerichtet war?

Was sollen wir sagen über die Planung und entschlossene Reform im Bereich der Liturgie, des kirchlichen Gesanges und der biblischen Studien, alles mit dem Ziel, dass die Kirche, die Braut Christi, vor der Welt in strahlender Schönheit, ohne Makel und Runzel dastehe?

Was sollen wir zu dem sagen, was die Großen dieser Welt, Politiker und Diplomaten, Wissenschaftler und Literaten, in Erstaunen versetzt hat: die Verteidigung der Rechte der Kirche auf ihre Freiheit gegenüber den Mächtigen und Hochmütigen, selbst um den Preis von Gefahren und Opfern?

Selbst die Stimmen jener, die ein Kompromiss befürworteten, um einige irdische Güter zu retten, in der irrigen Meinung, dadurch eine bessere Sicherung zu schaffen, sind heute verstummt. Und man hat erkannt, dass die Opfer, die damals auferlegt wurden, zu einer Quelle großer Segnungen geworden sind.

Das ist der Ruhm des schlichten Landpfarrers, des schlichten Bischofs und Kardinals, des schlichten Dieners der Diener Gottes, der Ruhm Pius X., dass er das Verlangen geweckt hat, es in der Erfüllung der großen Aufgaben den berühmten Vorgängern an Eifer gleichzutun, in jenen, die einmal seinen Platz einnehmen würden, jenen Platz, den er so ehrenvoll ausgefüllt hat. Er hat den breiten und lichtvollen Weg aufgezeigt, wie man dem römischen Papsttum inmitten der Bedrängnisse und Schwierigkeiten der Kirche, inmitten der Not der gesamten Welt in der Gegenwart Einfluß und Ansehen sichern kann.

Meine Herren, meine Brüder! Ein Name umschließt eine ganze Lehre, einen ganzen Schatz an erhabensten und wertvollsten Leitgedanken des menschlichen Lebens und der Geschichte, einen Aufruf zum edelsten Wettstreit zur Erreichung eines herrlichen Ideals, im Hinblick auf einen wahren Ruhm hienieden und auf die ewige Herrlichkeit des Himmels.

Wenn der Name, den wir auf die Front dieses Gotteshauses schreiben, der eines Heiligen von der Größe Pius X. ist, dann wird dieser Name selber zu einem Zeichen und zu einer Bürgschaft des Schutzes. (...)


aus: Johannes XXIII. - Erinnerungen eines Nuntius; Verlag Herder KG Freiburg im Breisgau AD 1965; S. 161-166

Angelo Giuseppe Roncalli, Johannes XXIII., (1881 - 1963) wurde am 27. April 2014 zusammen mit Johannes Paul II. (1920-2005) von Papst Franziskus heilig gesprochen.



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