Samstag, 17. Mai 2014

Von Fabeleien zur Wahrheit

Ein Gastbeitrag von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Wie alle Phasen der Krise und des Umbruchs weist auch unsere Zeit die Neigung zu bemerkenswerten Widersprüchlichkeiten auf. Es ist erstaunlich, welche gegensätzlichen, ja einander ausschließenden Vorstellungen und Verhaltensweisen oft in ein und derselben Person anzutreffen sind. Und noch erstaunlicher, daß ein solcher Mangel an Logik zumeist achselzuckend hingenommen, wenn nicht sogar emphatisch als „geistige Weite“ gepriesen wird. Der unverbogene Beobachter freilich sieht darin eher die bedrohlichen Symptome einer intellektuellen und moralischen Verwahrlosung als einen Fortschritt des Geistes. 

Besonders deutlich treten solche Widersprüchlichkeiten des „modernen Menschen“ im religiösen Bereich zutage. Hier paart sich zuweilen dünkelhafte Vernunftgläubigkeit mit krasser Unvernunft. Wer kennt sie nicht, jene „Aufgeklärten“, die jeden Glauben an eine jenseitige Wirklichkeit nur skeptisch abtun und die doch bereit sind, sich in esoterischen Meditationszirkeln stundenlang peinlichen, den menschlichen Verstand entwürdigenden Übungen hinzugeben? Christlicher Kult und christliches Brauchtum werden mitleidig belächelt, vor den bizarrsten Ausgeburten des Schamanentums aber empfindet man „aufrichtige Hochachtung“. 

Wo die gläubige Vernunft schwindet, wächst die ungläubige und abergläubische Unvernunft. Das sind die „Zeiten, in denen die Menschen die gesunde Lehre nicht ertragen mögen, sondern nach eigenem Gelüste sich Lehrer verschaffen, des Ohrenkitzels wegen. Von der Wahrheit werden sie ihr Ohr ab- und es Fabeleien zuwenden“, weiß schon der heilige Paulus (2 Tim 4,3f.). 

Allerdings ist heute die erste Etappe, die Abwendung von der Wahrheit, für viele kaum noch aktuell. Sie haben die Beheimatung in der katholischen Glaubenswelt entweder in den innerkirchlichen Stürmen der letzten Jahrzehnte längst verloren oder sie überhaupt niemals gefunden. Und so ist die zweite Etappe, die Hinwendung zu Fabeleien, für sie eher der Ausgangspunkt als das Ziel. 

Diese Tatsache gibt paradoxerweise zu Hoffnungen Anlaß. Könnte die beschriebene Widersprüchlichkeit des „Menschen von heute“ dort, wo sie nicht verbohrtem Anti-Christentum entstammt, nicht zu einer Art „glücklicher Inkonsequenz“ werden? Das heißt: Wenn einer schon bereit ist, sich über die einfachsten Gesetze der Logik hinwegzusetzen und in seinem Denken und Leben Unvereinbares nebeneinander bestehen zu lassen, dann können die Vorboten der Wahrheit - vielleicht auf irgendeinem Schleichweg inmitten vieler Irrungen und Wirrungen - doch irgendwie in die feindlich besetzte Seelenburg eindringen und dort einen – wenn auch noch so verborgenen – Platz einnehmen. Mag sein, daß alles zunächst nichts weiter als eine augenblickliche Laune, eine oberflächliche Spielerei war. Aber sie öffnete den Kundschaftern des Heils für einen Moment das Tor zum Inneren des Menschen und gab das Signal für einen triumphalen Siegeszug der Wahrheit. 

Wir stehen heute in der seltsamen Situation, daß einerseits Menschen, die noch mit einem Fuß in der Kirche stehen, sich spöttisch bis verärgert vom christlichen Erbe abwenden, während andere, die dieses niemals richtig kennengelernt haben, sich ihm aus oft fragwürdigen Motiven zuwenden. Man denke hier nur an den teils heiter, teils traurig stimmenden Hildegard-Boom der letzten Jahre. Manch einer ist an die heilige Hildegard von Bingen mit der Vorstellung herangetreten, sie sei eine Art Urmutter der Frauenemanzipation inmitten des patriarchalischen Mittelalters, eine Vorläuferin des New-Age oder eine Magierin und Eingeweihte in das Geheimnis kosmischer Energien gewesen. Dann aber zeigte sich ihm nach und nach die große Heilige, die Christus und Seiner Kirche vollkommen ergebene Mystikerin, die Lehrerin eines Lebens in liebender Hingabe, Gebet und Tugend. - Von Fabeleien zur Wahrheit! 

Ein anderes Beispiel für „glückliche Inkonsequenz“ läßt sich oftmals im Umgang mit den Sakramentalien der Kirche beobachten. Der Verfasser konnte es selbst schon ungezählte Male erleben, wie Personen, die aus ihrer Ferne vom katholischen Christentum keinen Hehl machten, in schwieriger Lage trotzdem gerne geweihte Gegenstände, vor allem die Wundertätige Medaille und den Rosenkranz, als Geschenk annahmen und sie von da an bei sich trugen. „Primitiv-magisches Denken“ wird der distanzierte Gebildete sogleich als Ursache dieses inkonsequenten Verhaltens diagnostizieren, und möglicherweise hat er ja recht. Der Gläubige aber weiß, daß Gott auch an falschen Vorstellungen ansetzen kann, um den Menschen zur Fülle der Wahrheit hinzugeleiten, wenn dieser nur nicht die Dunkelheit mehr liebt als das Licht (Joh 3,19) und um jeden Preis in trüber Unverbindlichkeit oder gar nachtschwarzer Verstocktheit verbleiben möchte. 

Wenn sich daher in unseren Tagen Kirchenfremde darüber freuen, ihre Kinder vom Priester gesegnet zu sehen; wenn sich in den wogenden Massen, die Stunde um Stunde zum Grab des heiligen Antonius von Padua wallen, auch zahlreiche Abständige befinden und ergriffen die Hände zur Berührung der heiligen Stätte ausstrecken; wenn sich Wanderfreunde aus rein sportlichen Gründen auf einen langen Fußmarsch wie den St. Jakobs-Weg begeben und dabei im Inneren eigentümlich berührt werden; wenn sich Ungläubige von der Würde und Schönheit der traditionellen römischen Liturgie fasziniert zeigen (wie vor kurzer Zeit der Sänger einer weltberühmten Rock-Band, als er anläßlich einer Feierlichkeit diese heilige Messe erlebte; und schon vor Jahrzehnten haben unter anderen Prominenten der jüdische Violinvirtuose Yehudi Menuhin und die anglikanische Krimiautorin Agatha Christie ihr Autogramm für das Fortbestehen der sog. tridentinischen Messe gegeben...), – dann darf das alles zwar nicht als Anbruch eines neuen katholischen Zeitalters gedeutet werden (das wäre allzu naiv); aber es zeugt doch unzweifelhaft von dem gewaltigen Potential an Kraft und Herrlichkeit, das in den Schatzkammern der katholischen Überlieferung ruht. 

Nicht einem von Symbolen und Kult gereinigten, trockenen Bibelchristentum, nicht der betont weltangepaßten Verkündigung, nicht entsakralisierten Kirchenräumen und immer noch moderner gestalteten Gottesdiensten ist es gelungen, den „Menschen von heute “ in Bann zu schlagen. Aber eine Heilige aus ferner Vergangenheit, die Sakralität einer uralten liturgischen Zeremonie, ja bloß eine geweihte Medaille - sie vermögen es. Und zwar deshalb, weil sie nicht vom kurzlebigen Einfall der Menschen, sondern von der Weisheit Gottes erfüllt und von Seiner Macht durchpulst sind. 

Wenn diese Weisheit und Macht sich schon bei Fernen und Fernsten und in der schillernden Verfremdung „glückseliger Inkonsequenz“ als wirksam erweist, um wieviel mehr dann bei den Menschen guten Willens, den Kindern des Reiches, die um unbedingte Konsequenz bemüht sind? Es gibt Grund genug zur Hoffnung. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, sagt Hölderlin. Und es behält auch für unsere Tage volle Gültigkeit, was der heilige Paulus über das Erlösungswerk Christi schreibt: „Wo aber die Sünde sich gehäuft hatte, wurde die Gnade überschwenglich.“ (Röm 5,20)

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