Samstag, 31. Mai 2014

"Deus providebit - Gott wird sorgen" - Die Hingabe an Gottes Vorsehung

 
Ein Gastbeitrag von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad über die göttliche Vorsehung (lat. Divina providentia)


1. Verlorene Vorsehung

Ich gehe mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg, den mich die Vorsehung gehen heißt.“ Die Aussage könnte von einem Heiligen stammen; einem Menschen, der im Vertrauen auf die weise und gütige Führung Gottes seinen Frieden gefunden hat, da er sich machtvoll und mild durch das Erdenleben geführt weiß, dem ewigen Ziel entgegen.

In Wahrheit aber stammen die Worte weder von einem Heiligen noch von sonst einem vorbildlichen Christen, sondern - von Adolf Hitler. Und seitdem ausgerechnet er immer wieder die „Vorsehung“ für sein Auftreten und Wirken verantwortlich gemacht, ja beschworen hat, ist dieser Begriff - zumindest im deutschen Sprachraum - verdächtig geworden.

Man tut sich schwer mit der Vorsehung. Sang man früher unbeschwert das beliebte Kirchenlied aus der Feder Joachim Neanders (+ 1680): „Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet...“, so wurden nach den Erfahrungen der NS-Zeit andere Stimmen laut. Z.B. die der 2003 verstorbenen Dorothee Sölle, einer angeblich „atheistisch an Gott glaubenden“ Vertreterin der „Gott-ist-tot-Theologie“, die behauptete, nach Auschwitz könne man nicht mehr einen Herrn loben, „der alles so herrlich regieret“.

Darauf ist verschiedentlich geantwortet worden, und das schon längst, bevor irgendjemand ein Drittes Reich und eine „Gott-ist-tot-Theologie“ für möglich hielt. Und dennoch hat ein unheilvolles Zusammenspiel verschiedener Kräfte es fertiggebracht, das lichte Mysterium der göttlichen Vorsehung für viele unserer Zeitgenossen zweifelstrübe, ja finster werden zu lassen. Man spricht nur noch selten von der Vorsehung. Mit dem Wort aber verschwindet bald auch der Inhalt. So erstaunt es nicht, dass einem Großteil der Menschen der christliche Vorsehungsglaube wenig bis nichts mehr sagt.

Eine wichtige Stelle innerhalb unserer Weltanschauung bleibt, einmal leergeräumt, nicht lange unbesetzt. Schnell drängen sich andere Ideen ein. Daher neigt, wer nicht mehr mit einer höheren Macht rechnen will, die uns weise lenkt und leitet, ohne uns dabei die persönliche Freiheit zu nehmen, ganz anderen Auffassungen zu. Diese sind – typisch für jeden Abfall von der Wahrheit! – durch ihre Einseitigkeit und Widersprüchlichkeit gekennzeichnet: Man hält sich für völlig frei, seine Existenz nach eigenem Gutdünken zu entwerfen und dann zu verwirklichen (vgl. die perversen Ausgeburten der sog. Gender-Ideologie); zugleich aber meint man, der Mensch sei in allen Dimensionen des Daseins, bis in das geistige Leben hinein, biologisch programmiert und determiniert.

Die Auswirkungen des verlorengegangenen Vorsehungsglaubens sind überaus verhängnisvoll. Als praktische Folgerungen einer Weltanschauung, die sich vom angeblichen „Gotteswahn“ emanzipiert hat, haben sie an deren Widersprüchen teil. Daher erleben wir in der Gegenwart direkt nebeneinander, ja häufig ineinander verwoben, einen enthusiastischen Machbarkeitswahn und eine geradezu fatalistische Resignation.

Machbarkeitswahn: Man meint, alles selbst gestalten zu können. Dies nicht erst, seit man begonnen hat, in das menschliche Erbmaterial einzugreifen, um die Zukunft unseres Geschlechtes ganz in die eignen Hände zu nehmen. Auch andere, viel ältere Einrichtungen zeugen von vermessener Selbstsicherheit. Romano Guardini hat das 1950 in seiner berühmten Schrift „Das Ende der Neuzeit“ am Beispiel des modernen Versicherungswesens zu zeigen versucht: „Betrachtet man es in jener letzten Ausbildung, die es bereits in manchen Ländern erfahren hat, so erscheint es geradezu als Beseitigung jeglichen religiösen Hintergrundes. Alle Eventualitäten des Lebens werden ‚vorgesehen’, nach Häufigkeit und Wichtigkeit berechnet und unschädlich gemacht.“

Die Versicherung als neue Vorsehung! Ein offensichtlicher Widerspruch zu der Anweisung des Apostels Jakobus, dass wir nicht leichthin davon sprechen dürfen, was wir demnächst tun werden, da doch die Zukunft ungewiß ist, sondern stattdessen sagen sollen: „Wenn der Herr will, werden wir am Leben bleiben und das oder jenes tun.“ Diese Stelle aus dem Jakobusbrief (4,13-15) begründet übrigens die Gepflogenheit gläubiger Menschen, ihren Plänen stets ein demütiges „So Gott will“ voranzustellen.

Fatalistische Resignation: Sie ist nur die andere Seite des Machbarkeitsdünkels. Allzu häufig bemächtigt sie sich schon junger Menschen, die doch eigentlich von Hoffnung und hoher Erwartung erfüllt sein sollten. Weil sie sich aber einem riesenhaften Apparat gegenübersehen, der ohne Berücksichtigung ihrer Person und Wünsche abläuft, unaufhaltsam alles in sein Getriebe hineinzerrend und vieles gnadenlos zermalmend, deshalb verfallen sie in jene No-future-Haltung, die ebenso die Form rebellischer Verweigerung wie lustlosen Sich-Anpassens annehmen kann. Solche Menschen erstreben und ersehnen kaum noch etwas, es sei denn die hastig vorüberhuschenden Vergnügungen, mit denen die Welt der Werbung und des Entertainments lockt: „Was wollen sie? Sie wollen: to live and to have a fun, gut leben und ihr Späßchen haben. Man wird euch damit bedienen; mit Nahrung und Freizeitgestaltung, mit Kalorien und Kinos“, notierte der Staatsdenker Carl Schmitt schon 1949...

Die Verheerungen und Zerstörungen, die durch den Verlust der Vorsehung in immer neuem und schlimmerem Maße hervorgerufen werden, können keinem wachen Beobachter der Zeit verborgen bleiben. Daher tut es not, die Wahrheit über die weise, gütige und machtvolle Sorge Gottes für Welt und Menschen neu zu erkennen, sie gegen falsche Auffassungen abzugrenzen und ihre Folgen für das Leben zu bedenken.

2. Angemaßte „Vorsehung“

Hitler hat sich, wie eingangs bemerkt, der „Vorsehung“ bedient. Sie war ihm ein geeignetes Mittel, viele Christen und sogar hohe Kirchenvertreter für einige Zeit über seine Ideologie und Absichten zu täuschen. Selbst ein Kardinal Faulhaber, später so überaus mutig im Widerstand gegen den antichristlichen Nationalsozialismus, äußerte nach einer Obersalzberger Begegnung im November 1936: „Der Reichskanzler lebt ohne Zweifel im Glauben an Gott.“

Neben der Funktion als Maske stellte die „Vorsehung“ auch eine „zentrale geschichtstheologische Begründungskategorie“ dar, wie Rainer Bucher, Verfasser des Werkes „Hitlers Theologie“ (Würzburg 2008) bemerkt: „Die Vorsehung ist es, welche Hitlers Weg als gerechtfertigt erweist, denn von ihr werden die Erfolge geschenkt, von ihr die Prüfungen auferlegt.“

Manche Aussagen, die Hermann Rauschning in seinen historisch nicht unumstrittenen „Gesprächen mit Hitler“ (1940) anführt, könnten tatsächlich mit Aussprüchen großer Christen verwechselt werden: „Ich habe auch die Überzeugung und das sichere Gefühl, dass mir nichts zustoßen kann, weil ich weiß, dass ich von der Vorsehung zur Erfüllung meiner Aufgabe bestimmt bin. (...) Was wir sind, sind wir nicht gegen, sondern mit dem Willen der Vorsehung geworden, und solange wir treu, ehrlich und kampfmutig sind, an unser großes Werk glauben und nicht kapitulieren, werden wir auch weiterhin den Segen der Vorsehung haben. (...) So gehen wir auch mit der tiefsten Gottgläubigkeit in die Zukunft. Wäre das, was wir erreichten, möglich gewesen, wenn die Vorsehung uns nicht geholfen hätte? Ich weiß es, alles Menschenwerk ist schwer und vergänglich, wenn es nicht gesegnet wird von dieser Allmacht.“

Das klingt nicht schlecht. Doch bald schon offenbaren sich die Abgründe, die zwischen der christlich verstandenen und der völkisch verfälschten „Vorsehung“ liegen: „Ich möchte der Vorsehung und dem Allmächtigen danken dafür, dass er gerade mich ausersehen hat, diesen Kampf für Deutschland führen zu dürfen. (...) Die Vorsehung hat mich zu dem größten Befreier der Menschheit vorbestimmt. Ich befreie den Menschen von dem Zwange eines Selbstzweck gewordenen Geistes; von den schmutzigen und erniedrigenden Selbstpeinigungen einer ‚Gewissen‘ und ‚Moral‘ genannten Chimäre und von den Ansprüchen einer Freiheit und persönlichen Selbständigkeit, denen immer nur ganz wenige gewachsen sein können. (. . .) An die Stelle des Dogmas von dem stellvertretenden Leiden und Sterben eines göttlichen Erlösers tritt das stellvertretende Leben und Handeln des neuen Führergesetzgebers, der die Masse der Gläubigen von der Last der freien Entscheidung entbindet.“
Der „Vorsehungsglaube“, der sich in Hitlers Worten ausspricht, hat nichts Erlöstes und Frohes an sich. Er wirkt im Gegenteil hart, rücksichtslos und anmaßend. Mit der Vorsehung eines Gottes, der sich vom Himmel aus den Geringen und Armen zuwendet, um sie aus dem Staub zu erheben und der Verachtung zu entreißen (vgl. Ps 113, 7), hat er nichts zu tun. Daher konnte seine Folge nur Tod statt Leben sein, Untergang statt Heil, Fluch statt Segen.

3. Dunkles Schicksal und lichte Vorsehung

Der Mißbrauch, den Hitler mit der „Vorsehung“ trieb, stellt für uns keine nennenswerte Versuchung mehr dar. Doch speisen sich gewisse Mißverständnisse, die das Verhältnis gläubiger Menschen zur Vorsehung auch heute noch belasten, zum Teil aus den gleichen Quellen. Allzu oft nämlich hat sich in das christliche Denken eine Auffassung von Vorsehung eingeschlichen, die mehr mit der Philosophie der Stoiker als mit der biblischen Offenbarung gemein hat. Der frohe und kraftvolle Vorsehungsglaube wich dann komplizierten Spekulationen über Vorherwissen und Vorherbestimmung, und nicht selten nistete sich ein verdüstertes Gottesbild in den Herzen ein: Statt der festen Überzeugung, dass Gott Licht ist ohne Finsternis (vgl. 1 Joh 1,5) und dass Er Rettung und Wahrheitserkenntnis aller Menschen will (vgl. 1 Tim 2,4), spekulierte man über Gottes willkürliche Auswahl der Verdammten, ja grübelte im Anschluß an den bizarren protestantischen Mystiker Jakob Böhme (+ 1624) sogar darüber, ob sich im lichten Urgrund aller Dinge nicht auch ein dunkler, schrecklicher „Ungrund“ befinde, der sich gleichsam in das Böse der menschlichen Geschichte hinein entfalte.

Für die Stoa – jene Philosophenschule des Altertums, die auf Zenon von Kition (+ 264 v. Chr.) zurückgeht und deren Einfluß bis in die Neuzeit reicht – bildet die Vorsehungslehre eine Art Grunddogma. Das Geschick des Kosmos wie der einzelnen Wesen, so die Stoiker, folgt den Gesetzen eines unverrückbaren Plans. Dieser ist in der alles beseelenden Weltvernunft, die zugleich Vorsehung und Schicksal genannt wird, hinterlegt. Die Aufgabe des Menschen kann demnach nur darin bestehen, sich in den vorherbestimmten Lauf der Dinge einzufügen:

„Bedenke, du bist Darsteller eines Stückes, dessen Charakter der Autor bestimmt, und zwar eines kurzen, wenn er es kurz, und eines langen, wenn er es lang wünscht“, schreibt der Stoiker Epiktet (+ 138 n. Chr) und fährt fort: „Will er, dass du einen Bettler darstellst, so spiele diesen einfühlend; und ein Gleiches gilt für einen Krüppel, einen Herrscher oder einen gewöhnlichen Menschen. Deine Aufgabe ist es nur, die dir zugeteilte Rolle gut zu spielen; sie auszuwählen, steht einem anderen zu.“ (Handbüchlein, 17) In gleichem Sinne fordert der römische Philosophenkaiser Mark Aurel (+ 180 n. Chr.) zur Übereignung an die Vorsehung auf, die er in das Bild der Schicksalsgöttin faßt: „Freiwillig gib dich der Parze hin, damit sie dich verflechte, in welche Verhältnisse sie will.“ (Selbstbetrachtungen IV,34)

Die stoische Lehre mit ihrem stark lebenskünstlerischen Akzent hat durchaus manche Ähnlichkeiten mit dem christlichen Glauben. Sind nicht auch wir überzeugt davon, dass Gott es ist, der unsere Wege bestimmt? Dass wir in heiliger Indifferenz die uns übertragene Aufgabe zu erfüllen haben, sei sie nun hoch oder gering? Und dass die Pläne des Herrn unserem Geist unerforschlich sind?

Tatsächlich finden sich in der Heiligen Schrift Aussagen, welche die Unergründlichkeit der göttlichen Ratschlüsse und Seines Waltens hervorheben. „Ich sah ein“, heißt es im Buch des Predigers (8,17), „dass der Mensch das gesamte Walten Gottes, das sich unter der Sonne vollzieht, nicht ergründen kann. Wie sehr er sich auch bemüht, es zu erforschen, er kann es doch nicht durchschauen. Mag auch der Weise meinen, er habe es erkannt – er kann es trotzdem nicht finden.“ Und Paulus stimmt im Römerbrief die hymnischen Verse an: „O Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind Seine Entscheidungen und wie unaufspürbar Seine Wege! Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt? Oder wer ist Sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat Ihm zuerst gegeben, dass Er es ihm vergelten müßte? Denn aus Ihm und durch Ihn und für Ihn ist alles. Ihm die Ehre in Ewigkeit! Amen.“ (Röm 11,33-36)

Solche Schriftstellen reden aber, so sehr sie die Geheimnishaftigkeit der göttlichen Vorsehung betonen, nicht der Vorstellung eines abstrakten Weltengesetzes oder eines blinden Schicksals das Wort. Im Unterschied zur Stoa liegt der Plan nämlich im persönlichen Gott gegründet. „Die Vorsehung ist“, schreibt der heilige Thomas von Aquin, „nichts anderes als das Bild der Ordnung der Dinge, wie es in der göttlichen Vernunft lebt.“ (Quaest. quodl. XII,4) Dieses Innere Gottes bleibt uns Menschen zwar unerforschlich, doch seitdem Er sich als vertrauenswürdiger, überaus liebevoller Vater geoffenbart hat, besitzt es für uns nichts Finsteres und Bedrohliches mehr, denn wir wissen, wem wir uns glaubend anvertraut haben (vgl. 2 Tim 1,13). Und so sehen wir uns nicht, wie die Stoiker, einem verborgenen, dunklen Ratschluß gegenüber, sondern sehen diesen geborgen in Gott, in Seinem Herzen, das „von Geschlecht zu Geschlecht bedacht ist, unsere Seelen dem Tode zu entreißen und sie im Hunger zu nähren“ (Introitus vom Herz-Jesu-Fest, nach Ps. 32, Vulg.).

Deshalb auch ist der Tonfall, mit dem stoische Philosophen über die Vorsehung sprechen, so verschieden von dem der Psalmen und Weisheitsbücher des Alten Testamentes, der Bergpredigt Jesu und der Briefe des heiligen Paulus. Aussagen über einen Gott, der unseren Fuß nicht wanken läßt, sondern unser Gehen und Kommen am Tag und in der Nacht behütet (Ps 121) und ohne den kein Sperling vom Dach fällt, ja der alle Haare unseres Hauptes gezählt hat (Mt 10,29f.) – Aussagen also über die ganz persönliche Sorge des Allmächtigen in den kleinen, scheinbar unbedeutenden Belangen sucht man in den Schriften der Stoiker vergeblich.

Die Vorsehung wird uns in der Bibel also niemals wie eine unpersönliche Schicksalsmacht oder eine hochkomplexe, dabei kalte Vernunft vorgestellt, nach deren Plänen alles gleich einem Uhrwerk abläuft. Wohl betont die Offenbarung die überweltliche Macht des Schöpfers, dem ausnahmslos alles unterworfen ist. Doch zugleich unterstreicht sie immer Seine persönliche, gütige Sorge für Seine Schöpfung, für Sein Volk und für jeden einzelnen Menschen.

Und während die menschliche Freiheit gemäß stoischer Lehre von der Vorsehung nahezu erdrückt und beseitigt wird, kann sie nach christlichem Glauben trotz, ja durch die unendliche Macht und Wirksamkeit Gottes weiterbestehen. Der heilige Thomas von Aquin erklärt dazu, Gott sorge für jedes Geschöpf seiner Weise entsprechend, und da dem Menschen nun einmal der Gebrauch des Willens eigentümlich sei, nötige ihn die Vorsehung niemals dazu, das Rechte zu tun (vgl. Contra Gentiles, III,148). Gerade darin also erweist sich die Überlegenheit und Übermacht der Vorsehung Gottes, dass Er das freie Eigenwirken der Geschöpfe zuläßt und es sogar dann, wenn es sich gegen Seine Ordnung richtet, in Seine ewigen Pläne einzubeziehen weiß!

4. Hingabe an Gottes Vorsehung

Die Betrachtung dieser Zusammenhänge bewegt uns Menschen zu der einzig angemessenen, dabei sehr schlichten Konsequenz, die der geistliche Schriftsteller Jean Pierre de Caussade S.J. (+ 1751) in seinem gleichnamigen Buch auf die klassische Formel gebracht hat: „Hingabe an Gottes Vorsehung“.
Nicht das Sinnieren über verborgene Geheimnisse ist von uns verlangt. Vielmehr sollen wir uns von unserem Herrn immer neu belehren lassen (nach Mt 6,25ff.): Wer sich ganz auf die Vorsehung stützt, der braucht sich nicht gleich den Heiden und Kleingläubigen mit Gedanken über die ungewisse Zukunft herumzuplagen; der himmlische Vater weiß ja, wessen wir bedürfen, Er selbst übernimmt die Sorge für uns; und so bleibt letztlich nur die eine Sorge: „Suchet zuerst das Reich und seine Gerechtigkeit, und das andere wird euch hinzugegeben werden.“ (Mt 6,33) 

Gestützt auf die Verheißung, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht (vgl. Röm 8,28), ergibt sich so eine vollkommene Ruhe und Sicherheit. Weder Trübsal noch Bedrängnis, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr oder Schwert können uns ja von der Liebe Christi scheiden (Röm 8,35)! Hier sei an die 1935 verstorbene Dichterin Hedwig von Redern und ihre Verse erinnert, die schon vielen Menschen in schwerer Lage Trost und Zuversicht geschenkt haben:
Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl;
das macht die Seele still und friedevoll.
Ist´s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh,
dass ängstlich schlägt das Herz, sei´s spät, sei´s früh.
 
Du weißt den Weg ja doch, Du weißt die Zeit,
Dein Plan ist fertig schon und liegt bereit.
Ich preise Dich für Deiner Liebe Macht,
ich rühm’ die Gnade, die mir Heil gebracht.

Du weißt, woher der
Wind so stürmisch weht,
und Du gebietest ihm, kommst nie zu spät;
drum wart ich still, Dein Wort ist ohne Trug,
Du weißt den Weg für mich, - das ist genug.

Solche Hingabe an Gottes Vorsehung ist eine innere Haltung mit reichen praktischen Auswirkungen. Das zeigen uns große Gestalten des Glaubens wie der heilige Joseph, der sich in höchster Gefahr für die Heilige Familie gänzlich der Führung des Himmels überließ, und der heilige Cajetan von Thiene (+ 1547), Mitbegründer des Theatinerordens, der seinen Brüdern jegliche Sorge für zeitliche Güter, ja sogar das Betteln untersagte und dafür andauernd das Eingreifen der Vorsehung erfahren durfte; Leuchten unserer Religion wie die heilige Theresia von Lisieux (+ 1897), die allein das Heute aus Gottes Hand annehmen und sich keine Gedanken über das Morgen machen wollte, und der heilige Papst Pius X. (+ 1914), der in der Not der Kirche beständig die Kraft seines Leitspruchs „Deus providebit – Gott wird sorgen“ erlebte.

„Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen!“ Dieses Wort des heiligen Don Bosco (+ 1888) beschreibt prägnant, wozu die Hingabe an Gottes Vorsehung schlußendlich führt. Fern von der Anmaßung eines Vorsehungswahns à la Hitler und fatalistischen Vorsehungsvorstellungen der Stoiker, befreit sie den Menschen nicht nur von drückenden Sorgen und Ängsten, sondern auch vom Schwergewicht seines Ich. Wer Gott vertraut, der kann sich leicht nehmen! Und so wird ihn die Vorsehung sicher durch das Leben führen und ihn hoffnungsfroh der ewigen Heimat entgegenschweben lassen.


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Herr, wie Du willst, soll mir gescheh'n,
und wie Du willst, so will ich geh'n,
hilf Deinen Willen nur versteh'n.

Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit,
und wann Du willst, bin ich bereit,
heut und in alle Ewigkeit.

Herr was Du willst, das nehm ich hin,
und was Du willst, ist mir Gewinn,
genug, dass ich Dein Eigen bin.

Herr, weil Du's willst, drum ist es gut
und weil Du's willst, drum hab' ich Mut,
mein Herz in Deinen Händen ruht.


Pater-Rupert-Mayer-Gebet




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