Sonntag, 9. März 2014

Zum 1. Fastensonntag: Wozu kam Christus in die Welt?

Es ist sehr wichtig, die rechte Grundauffassung von der Aufgabe und Sendung Jesu Christi zu haben. Der Engel Gabriel hatte ihn angekündigt als den Messias, der "sein Volk erlösen wird von seinen Sünden" (Mt 1,21), und Johannes der Vorläufer rief ihn aus als "das Lamm  Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt" (Jo 1,27). Und nicht anders.

Die Kirche beginnt die eigentliche Fastenzeit damit, uns das tiefste Wesen des Erlösers wieder ins Gedächtnis zu rufen im heutigen Evangelium. Gerade dieses scheint für die Katechumenen wichtig, die in alter Zeit zu Ostern das heilige Sakrament der Taufe im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes empfingen; auf sie war (und ist) ja deshalb die Liturgie eigens ausgerichtet. Sie ist gewissermaßen ein Lehrgang des Glaubens, der auch für Jung und Alt von heute noch sehr zeitgemäß geblieben ist. So viel Verkehrtes und Verwaschenes über die Aufgabe und Sendung Christi und seiner heiligen Kirche dringt ja überall ein.

Das Bild Christi als Erlösers von den Sünden, vorab von der Erbsünde, und als Wiederbringers der Gnade Gottes zum ewigen Leben wird uns heute dargestellt in den bekannten Versuchungen Jesu (Mt 4, 1-11). Es sind nämlich drei falsche Messiasvorstellungen, die Satan gern in Christus verwirklicht sähe und die alle drei nicht nur den Menschen jener Zeit tief in der Vorstellung saßen. 

Der Apostel Matthäus weiß sehr wohl, warum er diese Versuchungen Jesu so ausführlich an den Anfang seines Evangeliums stellt, und auch die Kirche hat ihre Absicht, wenn sie die Fastenzeit damit beginnt. Man kann nicht aufbauen, wenn das Fundament nicht fest ist! Die Versuchungen zeigen uns deutlich Christus als den, der er war. Das allein ist ihr Zweck; denn an sich und innerlich konnte der Gott-Mensch mit Versuchungen nichts zu tun haben. Aber eben diese Versuchungen würden einmal auch die unsern sein.

So ließ er sie an sich herankommen; darum erfahren wir von ihnen; wir sollen seinem Vorbild in solcher Lage folgen. "Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig wurde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, um die Sünden des Volkes zu versöhnen; denn darin, worin er selbst gelitten hat und versucht worden ist, kann er auch denen, die versucht werden, helfen" (Hebr 2,17-18).

Wir wollen aber auch lernen, welche Messiasideen falsch sind und wozu Christus in Wirklichkeit allein gekommen ist.

Nach den vierzig Fasttagen hungerte ihn in der Wüste. Da kam der Versucher zum ersten Male: "Wenn du der Sohn Gottes bist, befiehl, dass diese Steine da Brot werden" (Mt 4,3).

Es ist eine falsche Auffassung, dass der Messias gekommen wäre, Armut und Hunger aus dieser Welt fortzunehmen! Einst, nach der Salbung in Bethanien, wird er den Jüngern sagen: "Arme werdet ihr allzeit unter euch haben!" (Mt 26,11). Nein, darum geht es dem Erlöser nicht. Er hat ganz andere Sorgen. Erst müssen einmal die Menschen für das Wort Gottes geöffnet werden. Vergessen wir das nicht!

Der Erlöser ist nicht als sozialer Reformator gekommen. Er kam auch nicht, um die Sensationslust der Menschen zu befriedigen. Die wundersüchtigen und "adventistischen" Hoffnungen wird er enttäuschen. Satan, fromm, wie er sich gelegentlich geben kann, nimmt eine Schriftstelle in den Mund: "Gott hat doch deinetwegen seinen Engeln befohlen, dich auf ihren Händen zu tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößest" (Ps 91,11-12). Aber das Leben des Reiches Gottes spielt sich nicht in Sensationen ab, sondern in der Stille und Kraft der Herzen, auch nicht in der Leidlosigkeit weder des geschichtlichen noch des geheimnisvoll fortlebenden Christus, d. h. der Kirche. Wir, die Glieder dieser heiligen Kirche, müssen das immer wieder lernen.

Und dann als Versuchung die Macht über die Reiche dieser Welt. "Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest" (Mt 4,10). Aber Christus ist auch nicht als politischer Herrscher gekommen. Alle politischen Messiashoffnungen seiner und späterer Zeiten hat er zunichte gemacht mit der Antwort, die das Anerbieten Satans überhört: "Weg mit dir Satan!" (Mt 4,10). Vor Pilatus wird er noch einmal betonen: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt" (Joh 18,51). Auch diese Wahrheit dürfen wir niemals vergessen, um so weniger, als wir mit beiden Füßen auf dem wirklichen Boden dieser Welt zu stehen haben, wenn wir Christen sein wollen: in der Welt, aber nicht von der Welt.

Das sind drei wichtige Linien im Bilde Christi, die uns durch durch diese Versuchungen verdeutlicht werden, gerade jetzt am Beginn der Fastenzeit. Sie soll ja an Hand seiner Gestalt und Gnade eine Zeit der Besinnung und Erneuerung sein, damit wir für Ostern bereitet sind. So sagt die Epistel: "Wir mahnen euch, ihr möchtet nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangen... Seht, jetzt ist die Gnadenzeit, jetzt ist der Tag des Heils" (2 Kor 6,1-2). (...)

Wir sollten in Ansehung der rechten Wertordnung uns ganz öffnen dem Herrn, der gekommen ist, uns zu erlösen von unsern Sünden und uns selig zu machen. Darum wollen wir im Gebet und Sakrament die Verbindung mit ihm suchen und finden, die uns ein reines Gewissen, ein starkes Herz und ein hoffnungsvolles Wesen erwirkt. "Mit seinen Fittichen wird dich der Herr umschatten, und unter seinen Flügeln wirst du Hoffnung haben; mit einem Schild umgeben wird dich seine Treue" (Ps 90,4-5; Communio).

Dann können wir im Schlussgebet zuversichtlich bitten: Deines Sakramentes heilige Opferspeise erneuere uns, Herr. Sie reinige uns von der alten Schuld, damit wir zur Teilnahme am Geheimnis unseres Heils, d. h. zur österlichen Auferstehung gelangen.


Heinrich Jansen Cron SJ in: "Weisheit für den Alltag - Aus den Messen eines Jahres"; Verlag Ludwig Auer/Cassianeum Donauwörth; Imprimatur 1954; S. 11-14 (s. Quellen)



Weitere Betrachtungen zur Fastenzeit von H. Jansen Cron SJ:



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