Samstag, 29. März 2014

Und führe uns nicht in Versuchung...

Oft schon bin ich von Gläubigen gefragt worden, warum uns Jesus Christus im Vaterunser beten heißt: „Und führe uns nicht in Versuchung“. Der himmlische Vater sei doch unendlich gut und liebevoll, und deshalb könne Ihm nichts ferner liegen, als Seine Kinder in Versuchung zu führen. Bedeute also diese Vaterunserbitte nicht eine geradezu beleidigende Unterstellung, ähnlich der Bitte einer Ehefrau an ihren stets treuen Gatten, er möge sie doch nicht betrügen? 

Die Bibelfesteren können sich hier sogar auf die Schrift berufen: „Keiner, der in Versuchung gerät“, schreibt der heilige Jakobus, „soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und Er führt auch selbst niemanden in Versuchung.“ (Jak 1,13) 

Das freilich ergibt ein völlig anderes Bild als die Befürchtung, die in der Vaterunserbitte zu liegen scheint. Und so könnte man tatsächlich geneigt sein, die Worte „Und führe uns nicht in Versuchung“ durch andere zu ersetzen. 

Verschiedene Vorschläge dafür liegen denn auch vor. Manche greifen z.B. auf die frühere, immerhin bis in das Jahr 1967 offizielle Fassung des Herrengebetes in französischer Sprache zurück: Ne nous laissez pas succomber à la tentation, das bedeutet: „Lass uns nicht unterliegen in der Versuchung“, oder sie formulieren die Bitte einfach ein wenig um: „Und führe uns in der Versuchung.“ 

Entspricht diese Wortwahl nicht viel besser dem, was uns der Glaube über den himmlischen Vater sagt? Und lehrt sie uns nicht deutlich, wessen wir in der Versuchung besonders bedürfen: Seiner Führung, die uns ja auch im Gotteswort selbst zugesagt ist: „Mit Seinen Flügeln beschirmt Er dich, unter Seinen Fittichen bist du geborgen; Seine Treue ist dir ein schützender Schild, du musst nicht fürchten das nächtliche Grauen, nicht am Tage den fliegenden Pfeil, nicht die Pest, die umgeht im Dunkel, nicht die Seuche, die hereinbricht am Mittag – und fallen auch tausend an deiner Seite, zu deiner Rechten zehntausend, dich wird es nicht treffen“ (Ps 91,4-7)? 

Solche und ähnliche Überlegungen zu der problematischen Bitte sind nicht unberechtigt. Und dennoch lehrt uns Jesus nun einmal, mit exakt diesen Worten zu beten: „Und führe uns nicht in Versuchung“ (Mt 6,13). Auch in der Parallele des Lukasevangeliums (11,4) stehen sie nicht anders. Eine Veränderung des Wortlautes ist folglich, mag sie noch so gut gemeint und theologisch richtig sein, eine Deutung des Herrengebetes, aber nicht mehr dieses selbst. 

Stellt sich die Frage nach der Bedeutung der dunklen Formulierung. Sie zu beantworten, sollten wir uns klarmachen, dass die Ausdrücke „jemanden in Versuchung führen“ und „jemanden versuchen“ in gleichem Sinne verstanden werden können, jedoch nicht müssen. 

In der oben angeführten Stelle aus dem Jakobusbrief ist mit der Aussage „Ich werde von Gott in Versuchung geführt“ ganz offensichtlich gemeint: „Gott versucht mich.“ Im Vaterunser aber verhält es sich anders. Hier wird unser Blick auf jene allgemeine Führung gerichtet, die unser Herr uns unentwegt angedeihen lässt, und dann auf die Tatsache, dass unser Weg durch das Leben nicht ohne Versuchungen sein kann. Demnach führt uns Gott eben auch dorthin, wo der Teufel umherschleicht und sucht, wen er verschlinge (1 Petr 5,8). Selbst Seinen Sohn hat der himmlische Vater ja vom Heiligen Geist in die Wüste, den Ort der Versuchung, treiben lassen (vgl. Mk 1,12), doch das bedeutet mitnichten, Er selbst habe Jesus versucht! 

Wenn wir also darum beten, dass Er uns nicht in Versuchung führe, unterstellen wir Gott keineswegs versucherische Absichten. Wir erbitten von Ihm vielmehr eine Führung, die uns, soweit das möglich ist, vor feindlichen Bedrängnissen verschont. Vor allem soll Er solche Versuchungen von uns fernhalten, in denen wir fast zwangsläufig zu Fall kommen würden: die raffinierte Attacke des Satans in einer Lage, in wir ohnehin schon geschwächt sind; den Druck eines gewissenlosen und grausamen Vorgesetzten, der unsere Existenz bedroht, wenn wir ihm nicht in sündhaften Dingen zu Willen sind; eine verkommene und zugleich verlockende menschliche Umgebung, die unseren Widerstand unmerklich bricht und uns immer tiefer herabzieht... 

Am besten erklärt der heilige Paulus, was mit der Vaterunserbitte gemeint ist. „Wer darum steht, der sehe zu, dass er nicht falle“, mahnt er, fügt dann aber hinzu: „Gott ist treu. Er wird es nicht zulassen, dass ihr über eure Kräfte versucht werdet, sondern wird mit der Versuchung auch einen Ausgang schaffen, der euch das Ertragen ermöglicht.“ (1 Kor 10,12f.) 

Ja, Er wird unseren Absturz nicht zulassen und uns einen Ausgang schaffen, wenn wir Ihn demütig darum bitten. Genau das aber tun wir mit den Worten: „Und führe uns nicht in Versuchung“!


P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)
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