Montag, 24. März 2014

DvH 4: Barmherzigkeit

Fortsetzung von hier (3. Teil)

4. Teil

Barmherzigkeit gegenüber den im Elend Befindlichen

Wenden wir uns nun der zweiten Hauptrichtung der Barmherzigkeit zu. Sie gilt dem im Elend Befindlichen, dem gegenüber wir keine besondere Verpflichtung haben.
Solange es sich um Ehegatten, das eigene Kind, den Freund oder einenin unserer Obhut formell Anvertrauten handelt, ist es selbstverständlich, dass sein Elend, sei es Krankheit, Armut oder ein seelisches Unglück, uns angeht. Der andere hat einen Anspruch auf unsere tätige Hilfe, auf unsere volle Teilnahme. Hier, wo die Hilfe, soweit sie in unseren Kräften steht, zu unserem Pflichtenkreis gehört, ist für die Barmherzigkeit, wenigstens soweit unsere Verpflichtung reicht, keine Gelegenheit.

Aber wenn es sich um das Elend eines Fremden handelt, der mich an sich formell nichts angeht, um den Verwundeten, den der Samariter am Wege findet, den in innerer Verzweiflung Befindlichen, den ich zufällig treffe, den fremden Armen, der hilfesuchend zu mir kommt - dann ist die Situation gegeben für die Aktualisierung der Barmherzigkeit, für dieses Überfließen der sich herabneigenden Liebe, für dieses Überholen der Maßstäbe der strengen Gerechtigkeit, für diesen Durchbruch einer Güte, die den im Elend Befindlichen erhöht und an sich zieht.

Antithesen zur Barmherzigkeit
Es gibt verschiedene Antithesen zur Barmherzigkeit.
Der hochmütig Hartherzige

Die radikalste ist die Hartherzigkeit, die ausgesprochene kalte Gleichgültigkeit gegen das Elend des Nächsten, die Haltung des ganz in seiner Begierlichkeit und seinem Hochmut Verkrampften. Nichts kann den Hartherzigen rühren, er kennt nicht das Mitleid, geschweige denn die Barmherzigkeit. Es ist der völlig Lieblose, Kalte, Harte, der jedem, der an seine Barmherzigkeit appeliert, in einer feindlichen Haltung begegnet.
Der egozentrisch Ahnungslose
Ein andere Typus ist der in seiner Begierlichkeit so Befangene, dass er an allem fremden Element ahnungslos und gleichgültig vorübergeht. Er ist nicht so sehr kalt und hart als vielmehr völlig stumpf. Sein völliger Mangel an Wachheit, an wert-antwortender Haltung, an dem Heraustreten aus dem Bann seiner Interessen macht ihn undurchlässig für alles fremde Elend. Es ist der Reiche im Evangelium, der den armen Lazarus in seinem Elend belässt, während er in seinem Überfluß prasst.

Der machtbesessene Kontrollfreak

Endlich gibt es einen Typus, der die Situation der Überlegenheit, den Machtvorsprung, genießt, den ihm die Schuld eines anderen gewährt. Ihm liegt weniger an dem Inhalt seiner Forderung, es fällt ihm nicht so schwer, auf den materiellen Gewinn zu verzichten, aber er möchte die anderen Menschen in Abhängigkeit von sich erhalten. Er wird darum nicht so sehr auf die Erfüllung der Forderung bestehen als die Forderung aufrechterhalten, ja möglichst viele Menschen in die Situation zu bringen suchen, irgendwie in seiner Schuld zu stehen. Denn er möchte sie in seiner Macht wissen, er genießt es, sich bitten zu lassen, die anderen von sich abhängig zu wissen, sie unter dem Damoklesschwert zu belassen. 
Auch hierin besteht ein spezifischer Gegensatz zur Barmherzigkeit, die dem im Elend Befindlichen nicht nur die Schuld erlässt, um sein Elend nicht zu vergrößern, sondern die ihm auch den Druck des Schuldbewusstseins nehmen will.

Der Nachtragende und Geizige
Der ungroßmütige Mensch, der ein erlittenes Unrecht nie vergisst, eine fremde Schuld nie so "abschreibt", dass er den anderen seine Unterlegenheit nicht mehr fühlen lassen kann, ist es auch, der seine Stellung als Vorgesetzter genießt und seine Überlegenheit über den Untergebenen stets ausnützt. Er lässt ihn stets fühlen, dass er ihm überlegen ist. Auch wenn es sich um moralische, intellektuelle, wirtschaftliche oder soziale Überlegenheit handelt, lässt er den anderen stets seinen Vorsprung fühlen und weidet sich an dessen Minderwertigkeitsbewusstsein. Diese Haltung ist der spezifische Gegensatz zur Großmut, aber damit auch "a fortiori" zur Barmherzigkeit.

Das Wesen der Barmherzigkeit

Es gehört auch zur Barmherzigkeit, großmütig zu sein und nie von seiner überlegenen Position Gebrauch zu machen, es sei denn um eines objektiven Wertes willen. Wo immer wir einem anderen überlegen sind, sei es, dass wir es mit einem sittlich verkommenen Menschen zu tun haben oder mit einem geistig schwach Begabten oder mit einem vital Schwächlichen oder mit einem weniger Gebildeten oder mit einem Hässlicheren oder einem Ärmeren, genügt es nicht, die Überlegenheit nicht zu genießen, vielmehr müssen wir es peinlich vermeiden, den anderen seine Unterlegenheit irgendwie fühlen zu lassen; wir müssen ihn in Liebe so zu uns heranziehen, dass ihm jede Bedrückung und jedes Minderwertigkeitsbewusstsein schwindet.

Das soll nicht bedeuten, dass wir nicht innerlich die aus unserer überlegenen Position fließenden Verpflichtungen festzuhalten haben; wir dürfen nicht in falscher Weise eine nicht von uns selbst geschaffene, sondern durch Gottes Gaben gegebene Hierarchie nivellieren. Sonst versäumen wir ja auch die Möglichkeiten, die uns Gott in dieser Situation anvertraut, dem anderen zu helfen. Aber wir dürfen ihn seine schwache Position nur fühlen lassen, wenn es aus seelsorglichen Gründen notwendig ist.


(Zwischenüberschriften eingefügt von FW)
Fortsetzung HIER

Teil 1, 2, 3, 5


aus: Dietrich von Hildebrand, Gesammelte Werke X - Die Umgestaltung in Christus; Verlag Josef Habbel Regensburg/ W. Kohlhammer Stuttgart; AD 1971; S. 294-296;  (s. Quellen)
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