Donnerstag, 27. Februar 2014

Prof. Georg May: Die andere Hierarchie - Teil 23: Schäden durch Theologen (4) - Die Morallehre der Kirche


Prof. Dr. Georg May


Die andere Hierarchie

Teil 23

Verlag Franz Schmitt Siegburg AD 1997


Fortsetzung: V. Schäden/ 2. Im Einzelnen


g)  Die Sittenlehre der Kirche

Dem Kampf gegen die Glaubenslehre der Kirche korrespondiert der Widerstand gegen ihre Sittenlehre. Wie es auf vielen Lehrstühlen für Moraltheologie aussieht, ist bekannt. Von ihnen wird der Kampf gegen die amtliche Morallehre der Kirche geführt.

In dem von Dietmar Mieth herausgegebenen Sammelband "Moraltheologie im Abseits?" wird die Rolle des Lehramtes in Fragen der Moral prinzipiell in Zweifel gezogen. Der päpstlichen Enzyklika "Veritatis splendor" wird der Rang der Verbindlichkeit abgesprochen (42). Wer behauptet, der Moraltheologe dürfe legitim einem Satz des authentischen Lehramtes widersprechen, wenn es nur begründet geschehe, und der Widerspruch des Theologen habe dann Anspruch auf Anerkennung in der Kirche (43), der setzt die theologische Meinung über die Stimme des Lehramtes.

Die progressistische Moraltheologie kennt keine Handlungen, die immer und in sich unsittlich sind. Vielmehr sei durch Güterabwägung festzustellen, dass in einer gegebenen Situation erlaubt ist, was oft sittlich unerlaubt ist. Die sittlichen Normen gelten jeweils nur unter bestimmtem Umständen. "Entsprechend der Güterabwägung können die Tötung Unschuldiger, der Abort, die Scheidung der Ehe, die Falschrede sittlich erlaubt sein" (44).


3.  Die Wirkungen

Die Wirkungen dieser Art von Theologie liegen offen zutage. Im gläubigen Volk ist eine kolossale Verwirrung über das eingerissen, was nach Gottes Willen zu glauben und zu tun ist.

In weiten Teilen der Kirche herrscht nicht mehr die Wahrheit des Glaubens, sondern jener Restbestand, den die progressistischen und modernistischen Theologen davon übriggelassen haben. Was vielleicht das Schlimmste ist: Die progressistischen und modernistischen Theologen untergraben mit ihrer Polemik gegen das Lehramt das Vertrauen zur Kirche. Sie erzeugen Missmut und Unzufriedenheit unter den Gläubigen, ja Abneigung und Hass gegen die Kirche. Gleichzeitig beklagen sie die angebliche oder wirkliche Erbitterung von Christen über das Lehr- und Hirtenamt der Kirche, die sie zum größten Teil selbst erzeugt haben.

Ja, es ist dahin gekommen, dass die Widerspüche der Theologen in zahlreichen Menschen den Verdacht wachrufen, mit der Religion habe es überhaupt nichts auf sich. Rudolf Augstein hat die Bücher der biblischen Schriftgelehrten gründlich studiert. Er kommt aufgrund dieser Studien zu der Frage, "mit welchem Recht die christlichen Kirchen sich auf einen Jesus berufen, den es nicht gab, auf Lehren, die er nicht gelehrt, auf eine Vollmacht, die er nicht erteilt, und auf eine Gottessohnschaft, die er selbst nicht für möglich gehalten und nicht beansprucht hat" (46). Mit der Beschränkung auf die zersetzenden Theologen kann ich Augstein nicht widersprechen.



(42)  Moraltheologie im Abseits? Eine Antwort auf die Enzyklika "Veritatis splendor", Freiburg i. B. 1994
(43)  Johannes Gründel, Menschliches Leben zur Disposition gestellt?: Theologisches 12, 1982, 4531, 4534
(44)  Josef Georg Ziegler, Zwischen Wahrheit und Richtigkeit. Zu F. Böckles moraltheologischem Konzept: Münchner Theologische Zeitschrift 32, 1981, 222- 237, hier 230.
(45)  Jesus Menschensohn, München, Gütersloh, Wien 1972, 7


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