Mittwoch, 18. Dezember 2013

Prof. Georg May: Die andere Hierarchie - Teil 15: Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (2)

Prof. Dr. Georg May

Die andere Hierarchie

Teil 15


Verlag Franz Schmitt Siegburg AD 1997

 
IV.  Kollusion mit Lehmann

Solange die deutschen Bischöfe liberale Positionen vertreten, betätigt sich das Zentralkomitee als ihr eifriger Parteigänger. Wenn es wittert, dass sie Stellung gegen Rom beziehen könnten, ist es sogleich eilfertig zur Stelle, um ihnen Schützenhilfe zu leisten.

So stellte sich das Zentralkomitee mit großer Mehrheit hinter den fatalen Hirtenbrief der oberrheinischen Bischöfe, wollte also auch in schwerer Sünde hartnäckig und reuelos Verweilende zum Empfang der heiligen Kommunion zugelassen wissen, und wandte sich damit gegen den Papst und die Lehre der Kirche (16) .

Dem Stellvertreter Christi auf Erden machte das Zentralkomitee klar, dass ein Zurück hinter die Königsteiner Erklärung für die deutschen Katholiken undenkbar sei. (17). Damit wurde die verbindliche kirchliche Lehre vom sittlich Bösen in einem bestimmten Punkt außer Kraft gesetzt.

Das Zentralkomitee sprach sich für Abendmahlsgemeinschaft mit Personen aus, die weder zur katholischen Kirche gehören noch den Glauben der Kirche an das eucharistische Opfersakrament teilen (18). Es legt sich die Frage nahe, wie es um den Eucharistieglauben derer steht, die eine solche Forderung erheben.

Eines aber ist deutlich erkennbar: Hier spricht das oberste Organ der anderen Hierarchie in Deutschland im Gegensatz zu dem Glauben, den die gottgesetzte Hierarchie verkündigt. Das Zentralkomitee ist in hohem Grade dafür mitverantwortlich, dass die katholischen Frauen gegen Lehre und Ordnung der Kirche aufgebracht wurden (19).

Gewöhnlich bezieht der radikale Laienkatholizismus seine Munition aus klerikalen Fabriken. Man erinnere sich, dass das ominöse Dialogpapier des Zentralkomitees aus einer Kommission hervorging, in welcher der Augsburger Pastoraltheologe Hanspeter Heinz des Vorsitz hatte (20).

Immer wieder driften die Stellungnahmen des kirchlichen Lehramtes und des Zentralkomitees auseinander. Was die Hierarchie göttlichen Rechts verkündet, das verwirft die angemaßte Hierarchie menschlichen Rechtes. Doch gibt es Mitglieder der Hierarchie, denen gewisse Erklärungen der anderen Hierarchie sehr gelegen kommen.

Meisterlich bediente sich Bischof Lehmann des Zentralkomitees in seinem Streit mit dem Apostolischen Stuhl wegen des Verbleibens  in der Abtreibungsberatung (21). Da fungierte diese famose Versammlung als Lautverstärker für den liberalen Lehmannkurs. Ein aufmerksamer Christ schrieb in Bezug auf die Erteilung von Beratungsscheinen, "dass sich die Bischöfe nur allzu gerne ihre eigene Überzeugung durch die Laiengremien bestätigen lassen, um dadurch um so wirksamer das Lehramt der Kirche in Frage zu stellen" (22).

Welcher Konformismus im Zentralkomitee besteht, ist aus der Tatsache zu erkennen, dass seine Mitglieder den Beschluss, in der staatlichen Abtreibungsberatung zu bleiben, einstimmig fassten. Drohend kündete der Generalsekretär des Zentralkomitees, Kronenberg, den unter Berufung auf das Gewissen erfolgenden Ungehorsam an. Der neue Präsident (Anm.: Prof. Hans Joachim Meyer) wandte sich deswegen warnend an den Heiligen Stuhl (23). Zu dem Fall Kronenberg schrieb eine Dame: "Welch eine Arroganz! Keine Loyalität, keine Treue zu Rom.., sondern ein Feldherrngefühl mit erhobener Fahne: Hier spricht das Zentralkomitee für die Bischöfe und für die deutschen Katholiken" (24).

Herr Kronenberg, Herr Meyer! Ein Bischof, der dem Apostolischen Stuhl in einer Frage der Sittlichkeit nicht folgen kann, hat die Pflicht zurückzutreten. Wir warten schon lange auf solche Rücktritte. Da hilft keine Berufung auf die Verantwortung gegenüber seiner Diözese. Diese Verantwortung kann und darf er nicht entgegen der Verantwortung des für die gesamte Kirche verantwortlichen Oberhauptes ausüben. Wenn er sie nicht mit ihm zusammen ausüben will, gegen ihn darf er sie nicht ausüben.

Das Zentralkomitee folgt der deutschen Bischofkonferenz, solange sich diese in liberale Richtung bewegt. Es versagt ihr die Gefolgschaft, wenn sie unbequeme Lehren und Positionen einschärft. Gelegentlich geht es weiter, als die deutschen Bischöfe im Augenblick zu gehen bereit sind.

Am 18. November 1994 fasste das Zentralkomitee mit großer Mehrheit den Beschluss, der Papst solle die Verbindung von Ehelosigkeit und Priestertum neu bedenken und die Weihe Verheirateter ermöglichen (25). Das heißt nicht mehr und nicht weniger als: der Papst solle das Gesetz des Zölibats aufheben. Die Behauptung des Zentralkomitees, es stehe nicht die Abschaffung des Zölibats in Rede, ist lächerlich. Wer hier Ausnahmen anstrebt, bringt das ganze Gesetz, das eben für jeden Priester den Zölibat vorschreibt, zu Fall. Wieder klappte das Zusammenspiel von Zentralkomitee und Vorsitzendem der Bischofskonferenz. Lehmann machte sich zum Boten dieses Gremiums und überbrachte dem Papst dessen Wunsch nach Beseitigung des Zölibats (26).

Doch nicht alle Bischöfe Deutschlands sind auf der Linie Lehmanns. Auf ihr Verlangen hin musste der Vorsitzende ein Papier verfassen lassen, welches das Komitee in seine Schranken verwies. Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz brachte sein Bedauern über die Erklärung des Zentralkomitees zum Ausdruck und warf ihm mit Recht vor, es wecke bei den Gemeinden falsche Erwartungen und verunsichere Priester und Seminaristen (27). Das war etwas, aber nicht viel. Zu ernstem Vorgehen gegen die Eskapaden des Zentralkomitees reicht es bei den deutschen Bischöfen nicht. Ganz richtig wurde "die liebenswürdige, geduldige, ja bisweilen weiche Haltung" der Bischöfe "gegenüber den Kapriolen des Zentralkomitees" gerügt (28).

Kardinal Meisner hielt dem Zentralkomitee richtig vor, in der Zölibatsfrage sei zur Zeit "nicht so sehr die Diskussion fällig, als vielmehr Bekehrung, Bekehrung zum Himmelreich und seiner Gerechtigkeit, und alles andere, auch zölibatäre Priesterberufungen, werden uns dazugegeben werden" (29) (Anm.: vgl. auch hier). Das Zentralkomitee zeigte sich davon unberührt. Es bekehrte sich nicht, sondern beharrte bei seinem Kurs. Kaum war der neue Präsident des Zentralkomitees, Hans Joachim Meyer, in seine Position eingerückt, startete er die erste Attacke gegen den Zölibat. Meyer forderte auch, möglichst bald Frauen zu Diakonen zu weihen. Auf diesen ersten Schritt müsse die Priesterweihe von Frauen folgen (30).


V.  Auflösung

Wenn das Zentralkomitee überhaupt einen Sinn haben soll, dann kann er nur darin bestehen, den Glauben in die Gesellschaft zu tragen. Seine Aufgabe ist es nicht, die Lehre der Kirche zu formulieren, sondern ihr in der Öffentlichkeit seine Stimme zu verleihen.

Das Gremium hat nicht Lehrdokumente zu verfassen, sondern die von der kirchlichen Autorität verbindlich vorgelegten Lehrdokumente in die Praxis umzusetzen. Es wäre die Aufgabe des Zentralkomitees, katholische Grundsätze in der Öffentlichkeit zu vertreten und zu verteidigen. Auf dem Boden von Lehre und Ordnung der Kirche hätte es seine Stimme in der Gesellschaft zu erheben. Aber das geschieht nicht. Das Zentralkomitee sollte die Einheit des Geistes unter den deutschen Katholiken zu bewahren suchen. Doch dazu ist es nicht gewillt. Zum Vorbereitungskomitee des sogenannten Katholikentages 1998 gehören die Initiative "Kirche von unten" und die Initiative "Wir sind Kirche", also zwei subversive Bewegungen (31).

Frau Nelly Friedrichs, die erste Vorsitzende des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen, schrieb in Bezug auf das Zentralkomitee: "Kirchenkritik und antirömische Affekte helfen weder der Kirche noch den Menschen, ebensowenig wie populistisch begründete Pseudoreformen" (32).

Insgesamt muss man feststellen: Das Zentralkomitee stiftet mehr Schaden als Nutzen. An eine Reform dieses Gremiums zum Besseren glaube ich nicht. Es sollte sich selbst auflösen.


VI.  Die Verbände

Zu der anderen Hierarchie gehören auch die Vorsitzenden von Verbänden, die sich katholisch nennen. Bei manchen von ihnen sind dieserhalb Zweifel angebracht. Auch sie nehmen lehramtliche Kompetenz in Anspruch.

Se fordern mehr Demokratie in der Kirche (33). Sie erheben den Anspruch, Künder einer veränerten Moral, vor allem auf sexuellem Gebiet zu sein (34). Das "Kirchepolitische Positionspapier des BDKJ der Diözese Mainz" forderte: "Keine Ge- und Verbote mehr bezüglich Verhütung, vorehelichem Geschlechtsverkehr, Selbstbefriedigung, Homosexualität" (35). Hier wird nicht weniger als der Umsturz der göttlich sanktionierten Sittenlehre verlangt. (Anm.:Aktuell s. Stellungnahme des ZdK vom 16.12.2013)

Der BDKJ veranstaltete auch eine Unterschriftenaktion gegen die Lehre und Ordnung der Kirche, wonach die Priesterweihe den Männern vorbehalten ist und bleiben muss. Die Reaktion von Bischof Lehmann gegen diesen Akt offener Rebellion war wie immer schwach und unangemessen (36).

Die Delegierten der Hauptversammlung der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands warnten vor dem Ausstieg der Kirche aus dem staatlichen Beratungssystem (37). Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands weiß besser als der Papst, wie man - in Bezug auf die Schwangerenberatung - den Verlust an Glaubwürdigkeit" der Kirche aufhalten kann (38).

Es ist offenkundig: Die andere Hierarchie ist voll in Aktion. Ihre unaufhörlichen Unternehmungen erreichen das letzte Dorf und treten in Konkurrenz zu Lehre und Weisung der legitimen Hierarchie, deren Stimme häufig nur schwach und undeutlich zu vernehmen ist.


(16)  Materialdienst 46, 1995, 22
(17)  Herder-Korrespondenz 49,1995, 590
(18)  Deutsche Tagespost Nr. 10 vom 21. Januar 1997 S. 4; Der Fels 28, 1997, 229f
(19)  Vgl. die entsprechenden Passagen aus dem Papier "Dialog statt Dialogverweigerung" (Herder-Korrespondenz 46, 1992, 499)
(20)  Herder-Korrespondenz 46, 1992, 497
(21)  FAZ Nr. 120 vom 27. Mai 1997 S. 8
(22)  Deutsche Tagespost Nr. 52/53 vom 29. April 1997 S. 13
(23)  Allgemeine Zeitung (Mainz) Nr. 132 vom 11. Juni 1997 S.2
(24)  Deutsche Tagespost Nr. 66 vom 31. Mai 1997 S. 5
(25)  Materialdienst 46, 1995, 21
(26)  Allgemeine Zeitung (Mainz) Nr. 276 vom 27. November 1995 S. 2
(27)  Pfarramtsblatt 68, 1995, 39; Materialdienst 46, 1995, 22
(28)  Deutsche Tagespost Nr.
(29)  Deutsche Tagespost Nr.
(30)  FAZ Nr. 172 vom 28. Juli 1997 S.5
(31)  Der Fels 28, 1997, 230
(32)  Der Fels 27, 1996, 57
(33)  Glaube und Leben vom 28. April 1996 S. 2; Deutsche Tagespost Nr. 48 vom 20 April 1996 S. 15; Nr 84 vom 15. Juli 1995 S. 15
(34)  Sex-Splitter, Würzburg 1996. Vgl. Deutsche Tagespost Nr. 24 vom 24. Februar 1996 S.4
(35)  Freundeskreis Maria Goretti Information 48, 1992, 40
(36)  Materialdienst 46, 1995, 22f
(37)  Deutsche Tagespost Nr. 66 vom 31. Mai 1997 S.9
(38)  Deutsche Tagespost Nr. 68 vom 5. Juni 1997 S.9




Übersicht: Zu den bisher erschienenen Fortsetzungen
 
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