Freitag, 15. November 2013

Religiös unmusikalisch?

Ein befreundeter Priester, der im Ausland tätig war, berichtete von der wahrhaft beglückenden Erfahrung des Beichtehörens dort. Hier kann man die Gnade geradezu mit Händen greifen. Mit der Heilung von Taubstummen (Anm.: s. Messtexte unten) hat das deshalb etwas zu tun, weil beichten und losgesprochen werden die Wiederherstellung der Wahrnehmungsfähigkeit ist. Denn die Blockaden werden sanft und schnell gelöst. Aber nur, wenn Menschen das wollen.

Viele sagen: Aber entschuldigen Sie, Herr Professor, ich bin religiös unmusikalisch. Also treten Sie mir bitte mit diesen Dingen nicht zu nahe. Dem ist entgegenzuhalten, dass an den berühmten Wallfahrtsorten alle plötzlich in der Lage sind, zur Beichte zu gehen, eben weil alle gehen und weil es dazugehört, sodass sich niemand schämen muss.

Und was die Unmusikalität betrifft, auch damit habe ich Erfahrung. So haben meine Verwandten frühzeitig erklärt, ich sei unmusikalisch, weswegen man sich den Klavierunterricht sparte, den meine Schwester erhielt. Als ich später mit 54 Jahren die zisterziensische Gregorianik kennenlernte, war das ein tief greifendes Aha-Erlebnis, und ich habe seitdem immer wieder die heilende Kraft dieses wahrhaft therapeutischen Gesangs kennengelernt. Unmusikalisch? 

So gilt das mit Sicherheit für alle, die sich für religiös unmusikalisch halten oder sich schämen, ihre religiöse Begabung zu zeigen. Es kommt darauf an, den richtigen Augenblick nicht zu verschlafen. Das gilt auch sonst im Leben. Dann den Mut zu haben, Ja zu sagen. Ganz neue vielfältig bereichernde Möglichkeiten nicht zu verpassen.


Klaus Berger in "Die Tagespost", Donnerstag, 6. September 2012 Nr. 107

Zu den Lesungen am 23. Sonntag
im Jahreskreis (Lesejahr B)



Foto: Piano collection in the Musical Instrument Museum, Brussels, Belgium. Johann Andreas Stein, Augsburg, 1786, gemeinfrei
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