Montag, 11. November 2013

Prof. G. May: Die andere Hierarchie - Teil 9: Die Rede von der "Mitte" und von der Polarisierung


Prof. Dr. Georg May

Die andere Hierarchie
Teil 9


Verlag Franz Schmitt Siegburg AD 1997



III. Die Rede von der "Mitte"

1.  Die Bischöfe

Die meisten Bischöfe berufen sich in ihrem Verhalten darauf, dass sie in der "Mitte" stünden. Nach dieser Selbsteinschätzung gibt es Linke und Rechte in der Kirche. Als Rechter wird heute bezeichnet, wer sich den katholischen Glauben ungeschmälert bewahrt hat und ihn so lebt, wie es vor 50 (Anm.: munmehr ca. 70) Jahren die ganze Kirche tat; dadurch ist er plötzlich zum Rechten, Rechtskonservativen oder gar Rechtsextremen geworden. Die genannte Selbsteinschätzung der Bischöfe ist eine Prüfung wert.

Wie steht es um die "Mitte"? Zunächst einmal: Bei vielen Gegenständen gibt es überhaupt keine Mitte, sondern nur richtig oder falsch, ein Ja oder ein Nein. So gibt es keine Mitte zwischen katholisch und nichtkatholisch. Die Mitte wäre hier das Jein, das sich nicht entscheiden kann und hin- und herschwankt wie ein Schilfrohr. Bei in sich schlechten Handlungen gibt es ebenfalls keine Mitte. Ein Mensch verhält sich entweder keusch oder unkeusch. Wo ist die Mitte zwischen Gläubigen und Ungläubigen? Vermutlich, wo die Halb- oder Viertelgläubigen sind.

Sodann: Nach allen Erfahrungen der Geschichte sammeln sich in der Mitte jene, die man als Anpasser und Mitläufer bezeichnet. In der Mitte befindet sich, wer den Mantel nach dem Winde hängt. In der Mitte sind jene, die den Opportunismus zu ihrem Leitprinzip erhoben haben. In der Mitte stehen die, welche dem Hang zur Bequemlichkeiten nachgeben. 

In den Parlamenten der Französischen Revolution saßen jene Abgeordneten in der Mitte, die jeweils mit denen stimmten, die sie als die mächtigste Partei ansahen; diese Mitte trug verdientermaßen den Namen le marais, d.h. der Sumpf. Wer klaren Entscheidungen ausweicht, mag sich in der Mitte befinden, aber es ist dies der Platz der Unentschiedenheit und der halben Maßnahmen. Von dem französischen König Ludwig XVI. heiß es: "Unentschlossen wie immer, tut er das Mittlere, das sich in der Politik jederzeit als das Fehlerhafteste erweist" (Stefan Zweig).

Was sich heute als Mitte ausgibt, das sind jene, die sich in den Trend der Protestantisierung eingegliedert haben; das sind jene, die der Selbstzerstörung der Kirche tatenlos zusehen; das sind jene, die sich vor Gott und der Geschichte durch Feigheit und Katzbuckeln schuldig gemacht haben. Die MItte zwischen heiß und kalt ist lau. Von den Lauen aber steht geschrieben: "Weil du lau bist und nicht warm noch kalt, will ich dich ausspeien aus meinem Munde" (Apk 3,16). (...)


IV.  Die Rede von der Polarisierung

Die in der "Mitte" stehenden  deutschen Bischöfe reden oft von der angeblichen Polarisierung der Gläubigen, die vermieden werden müsse.

Polarisierung heißt Herausstellung der Gegensätze in einer Gesellschaft. Sie setzt mindestens zwei Pole, also sich gegenüberstehende Fronten, voraus. Ich sehe aber in der Öffentlichkeit der katholischen Kirche fast nur eine einzige Front, die der Progressisten unterschiedlichster Couleur, die von Küng bis Lehmann reicht. Die wenigen Gläubigen, die sich gegen die Einheitsfront der Progressisten stellen, sind schwach, ja, ohnmächtig. Ihnen wird fortwährend von progressistischen Blättern wie der "Herder-Korrespondenz" bescheinigt, dass sie eine verschwindende Minderheit sind. Ich wünschte, dass sie in der Lage wären, eine starke Front gegen Abfall und Zersetzung aufzubauen.

Denn soviel ist klar: Die Polarisierung ist Pflicht, wo es darum geht, dem Irrtum die Wahrheit entgegenzusetzen. Die Polarisierung ist Pflicht, wenn die Unordnung durch die Ordnung korrigiert werden muss. Der Friede in der Kirche kann nicht auf dem Grabe des Glaubens und des Rechtes errichtet werden. Bei dieser Art von Polarisierung wissen wir uns in guter Gesellschaft. Jesus selbst hat polarisiert, indem er seine Botschaft unverfälscht vortrug. Das hatte die Wirkung, dass viele sagten: "Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören?"

Es ist geradezu die Eigenart der Botschaft Jesu, polarisierend zu wirken. Sie scheidet die Anhänger von den Gegnern. Die Spaltung der Kirche, und zwar in grundwesentlichen Fragen des Glaubens, der Ordnung und des Gottesdienstes, ist eine Tatsache, die durch keine Vertuschung aus der Welt geschafft wird. Bei dem dadurch anhebenden Kampf wollen wir auf der richtigen Seite stehen.



Fortsetzung folgt in unregelmäßigen Abständen
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