Samstag, 9. November 2013

Moral, Moralismus und Moralin

Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Der christliche Glaube sei kein Moralsystem, sein Symbol nicht der erhobene Zeigefinger, die Kirche nicht eine Institution zur Überwachung der Sitten. Mit moralinsauren Predigten erwecke man niemanden zu Begeisterung und Hingabe. Daher solle man den Menschen nicht mit Verboten zu Leibe rücken, sondern ihnen vor allem anderen von Jesus Christus, dem Herrn und Erlöser, und von seiner barmherzigen Liebe erzählen.

So weit, so gut. Es ist wahr, dass der Moralismus der echten Moral schadet, manchmal mehr als offene Unmoral. Denn worin liegt der Unterschied zwischen Moral und Moralismus? In einer Umkehrung der Verhältnisse. Moral richtet sich nach dem Grundsatz Agere sequitur esse, „Das Handeln folgt dem Sein.“ Christliches Handeln ergibt sich also aus dem christlichen, getauften Sein: aus der Gotteskindschaft, durch die wir Anteil an der göttlichen Natur haben (2 Petr 1,4), und aus der Gliedschaft am Leib Christi, der Kirche. Als derart erhöhte und beschenkte Geschöpfe sollen wir auch unserem neuen Sein entsprechend leben.

Der hl. Papst Leo der Große gibt eine treffliche Zusammenfassung christlichen Moralverständnisses: „Christ, erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zu der alten Erbärmlichkeit zurück und lebe nicht unter deiner Würde. Denk an das Haupt und den Leib, dem du als Glied angehörst! Bedenke, daß du der Macht der Finsternis entrissen und in das Licht und das Reich Gottes aufgenommen bist." (vgl. KKK 1691)

Solchem Primat des Seins vor dem Handeln widersetzt sich der Moralismus. Er stellt die Forderung auf, wir müssten zuerst einmal als anständige, sittliche Menschen handeln, um dann auch Christen sein zu können, und verbindet damit viele Einzelforderungen, die rasch zu einem unüberschaubaren Katalog der Gebote und Verbote anschwillen. Deutlich ins Hintertreffen geraten dabei die Tatsachen, dass Gott uns zuerst geliebt hat (1 Joh 4,19) und Jesus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren (Röm 5,6), dass also die Erwählung, Erlösung und Erhöhung des Menschen – und nicht ein riesenhafter Verhaltenskodex – Grundlage, Mitte und Ziel des christlichen Lebens bilden. Unser Glaube bringt daher die Ablehnung des Moralismus mit sich und unser guter Geschmack die Abneigung gegenüber allem, was sich mit dem Kunstwort „Moralin“ verbindet: penetrante, hochdosierte, oft ungenießbar-salbungsvolle Sittenpredigt.

Und dennoch, der christliche Glaube ist zutiefst mit sittlichen Anforderungen verbunden. Im Alten Testament tut der Herr dem erwählten Volk seinen Namen kund und schließt mit ihm seinen Bund, nicht ohne es durch sein Gesetz in die Pflicht zu nehmen. Leben mit Gott und Einhalten seiner Gebote sind seither untrennbar miteinander verbunden. Bei Jesus Christus ist es nicht anders: Nur der liebt ihn in Wahrheit, der auch seine Gebote hält (vgl. Joh 14,21); Gebote, die bekanntlich alles andere als anspruchslos sind.

Nicht selten gewinnt man den Eindruck, manche Kirchenvertreter vermieden es tunlichst, von Moral zu sprechen (ausgenommen die Worte zu sozialer und wirtschaftlicher Moral, die niemandem wehtun), um nicht in Moralismusverdacht zu geraten. Ihre Predigten beschwören unablässig die Freude am Erlöstsein. Die „Nur keine Angst haben!“-Aufrufe und die Ermunterung, möglichst alles positiv zu sehen, erinnern an Animationen eines Psychocoachs. Vom Ernst der Gebote und den Konsequenzen ihrer Übertretung hört man in solchen Zusammenhängen wenig bis nichts.

Mehrere Irrtümer dürften dem zugrunde liegen: a) die Verwechslung authentischer christlicher Moral mit dem beschriebenen, zutiefst unchristlichen Moralismus; b) die illusorische Meinung, mit Freudenappellen allein lasse sich die Schwerkraft der Sünde überwinden; c) das Vergessen des Verblendungszusammenhanges, in dem sich der Sünder befindet und der ihn weitgehend unfähig macht, die Herrlichkeit des Glaubens recht zu erkennen; d) das Übersehen der Tatsache, dass der heilsame Schrecken, der sich bei einer starken Verkündigung der göttlichen Gebote einstellen mag, für die Zuhörer eine lebensverwandelnde Gnade bedeuten kann.

Jedenfalls stimmt es traurig, wenn bei katholischen Großveranstaltungen mit jungen Menschen nicht auch die Gelegenheit ergriffen wird, ihnen einige sehr konkrete Dinge für ihr christliches Leben mitzugeben. Diese könnten z.B. die Treue zum unverkürzten katholischen Glauben und den regelmässigen Gottesdienstbesuch betreffen, ebenso die Voraussetzungen für einen würdigen Kommunionempfang, den Schutz des Lebens, die gottgewollte Ordnung im Bereich des Geschlechtlichen sowie den Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Solche moralismus- und moralinfreie Moralverkündigung ist notwendig und wendet viele Not.



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)




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