Samstag, 5. Oktober 2013

Entweltlichung und Weltoffenheit (I)


Von P. Bernward Deneke  FSSP, Wigratzbad

Benedikt XVI., der feinsinnige, differenzierende Theologenpapst, war gewiss kein Mann eingängiger Parolen. Dennoch fand er immer wieder Formulierungen, markant und prägnant genug, um die Überschrift für öffentliche Diskussionen zu liefern. So bei seinem Deutschlandbesuch, als er am 25. September 2011 in Freiburg eine „Entweltlichung“ der Kirche ins Gespräch brachte. Kein anderer Ausdruck seiner vielen Reden dieser Reise ist in ähnlicher Weise hängen geblieben. 

Wer einer Aussage gerecht werden will, muss freilich den Kontext beachten. Der Papst ging von den Krisensymptomen im kirchlichen Leben aus, durch die die Frage aufgeworfen werde: „Muss die Kirche sich nicht ändern? Muss sie sich nicht in ihren Ämtern und Strukturen der Gegenwart anpassen, um die suchenden und zweifelnden Menschen von heute zu erreichen?“ Nach der Feststellung, zuallererst sei eine persönliche Reform jedes einzelnen Christen nötig, sprach Papst Benedikt vom Sendungsauftrag der Kirche und den Hindernissen, die sich ihm in den Weg stellen. Er erwähnte die „Ansprüche und Sachzwänge der Welt“, durch die „das Zeugnis verdunkelt“, „die Beziehungen entfremdet“ und „die Botschaft relativiert“ werde. Daher die Forderung an die Kirche: „Um ihre Sendung zu verwirklichen, wird sie immer wieder auf Distanz zu ihrer Umgebung gehen. Sie hat sich gewissermaßen zu ent-weltlichen“. 

Damit war das Stichwort gefallen. Ein Stichwort, das viel Zustimmung fand, aber auch Kritik von unerwarteter Seite auf den Plan rief. Denn ausgerechnet kirchliche Kreise, denen die Entwicklung der Christenheit seit Kaiser Konstantin als Irrweg gilt und die vom „finsteren Mittelalter“ bis in die jüngste Vergangenheit eine vermeintliche Hörigkeit des Episkopates und Klerus gegenüber den Mächtigen dieser Welt beklagen; Kreise, die die Verfilzung von Religion und Politik anprangern und den Katholiken während des Nationalsozialismus ihr angeblich schweres Versagen vorwerfen – ausgerechnet solche Kreise wollen jetzt von einer Entweltlichung der Kirche nichts wissen! 

Nicht nur, dass sie darin einen Rückschritt hinter das Zweite Vatikanum, ja einen Verrat an dessen wichtigsten Errungenschaften, an der schwer erkämpften Weltoffenheit und der positiven Wertung der modernen Kultur, wittern. Sie sind sich auch sicher, dass eine entweltlichte Kirche den Kontakt mit der Lebenswirklichkeit der heutigen Menschen verlieren und sich fast zwangsläufig zu einem sonderbaren, realitätsfernen, klerikalistischen, fundamentalistischen, schlimmstenfalls sogar sektiererischen Verein entwickeln werde. (Von den sehr konkreten Interessen jener Kreise, die bei Entweltlichung vor allem finanzielle Einbussen durch Wegfall der Kirchensteuern fürchten und als Folge den Einbruch ihres reichlich aufgedunsenen, schwerfälligen Pastoral- und Gremien-Apparates, sei hier einmal abgesehen...) 

Nun die Frage: Wollte Benedikt XVI. uns tatsächlich in ein Abseits führen? In die heiligen Haine frommer Selbstgenügsamkeit, in eine entweltlichte Scheinwelt abgehobener Lehren und Riten? Oder in ein Ghetto, in dem die bewusst dummgehaltene Herde der Willkür ihrer selbstherrlichen Hirten ausgeliefert ist? Nichts weniger als das. Der Papst erstrebte mit der Entweltlichung das genaue Gegenteil von Abkapselung und Verschlossenheit und führt zur Begründung seines Standpunktes theologische Gedanken ins Feld, von denen in der Fortsetzung dieses Artikels die Rede sein soll.

Zunächst aber geht es bei alledem um die Freiheit des kirchlichen Zeugnisses, das durch die Verflechtung mit der Welt, die Abhängigkeit von ihren Herren und deren Gunst deutlich beeinträchtigt wird. Man fühlt sich an ein altes Volkslied aus Siebenbürgen (Anfang 16. Jahrhundert) erinnert. Der Transfer von dem darin beschriebenen Gespräch zwischen einem freien Singvogel und einem reichen Mann, der das Tier mit Kostbarkeiten an sich binden will, auf das Verhältnis von Kirche und Welt fällt nicht schwer:
„Es saß ein klein wild Vögelein auf einem grünen Ästchen./ Es sang die ganze Winternacht, sein Stimm’ tät laut erklingen. – „O sing mir noch, o sing mir noch, du kleines, wildes Vöglein!/ Ich will um deine Federlein dir Gold und Seide winden.“ – „Behalt dein Gold und deine Seid', ich will dir nimmer singen./ Ich bin ein klein wild Vögelein, und niemand kann mich zwingen.“ – „Geh du herauf aus diesem Tal, der Reif wird dich auch drücken!“/ „Drückt mich der Reif, der Reif so kalt, Frau Sonn’ wird mich erquicken.“ 

Offensichtlich war Papst Benedikt XVI. mit dem Vögelein des Liedes der Überzeugung, der Gesang in der Freiheit Gottes, möglichst unbeschwert durch weltlichen Ballast und getragen vom Vertrauen auf die liebende Sorge Gottes in allen Widrigkeiten, sei dem Zwitschern im goldenen Käfig vorzuziehen. Geschichte wie Gegenwart der Kirche erweisen die Richtigkeit dieser Überzeugung.

Fortsetzung: Teil 2


Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers

- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)
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