Samstag, 19. Oktober 2013

Écrasez l’infame! - Zermalmt die Niederträchtige! - Oder: Worauf es wirklich ankommt


Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad  

„Écrasez l’infame! Macht sie nieder, zermalmt sie, die Niederträchtige, die Schändliche!“ - Seit einigen Jahrhunderten tönt dieser Ruf durch die Geschichte. Er geht auf den französischen Freidenker und Kirchenfeind Voltaire zurück, der ihn zum ersten Mal 1759 in einem Brief an den Preußenkönig Friedrich den Großen niederschrieb und ihn nachher oft wiederholte. 

Die Infame, die Niederträchtige und Schändliche, die da endgültig zerstört werden soll, ist keine andere als die katholische Kirche. Sie hat die Menschheit länger als ein Jahrtausend geknechtet. Sie hat die geistige Freiheit unterdrückt. Sie hat das Erwachen der Vernunft mit ihren abergläubischen Lehren verhindert. Jetzt aber soll Schluss damit sein. Jetzt hat ihr letztes Stündlein geschlagen. Jetzt ist der Tag der Abrechnung angebrochen, das Gericht über die Betrügerin gekommen! 

Seit Voltaire lebt die finstere Sehnsucht fort. Nicht alle, die es auf die Kirche abgesehen haben, drücken sich so drastisch aus wie er. Aber der Sache nach stimmen sie mit ihm überein. Und zum Beweis dafür, dass sie mit ihrem Ansinnen richtig liegen, rechnen sie die unzähligen Sünden und Unterlassungen dieser Institution auf: Inquisition, Kreuzzüge, Hexenprozesse, Galileo Galilei, Giordano Bruno, Jan Hus, Versagen im Dritten Reich, Unterdrückung der Frau, Ausgrenzung von Randgruppen bis in die Gegenwart hinein – und so weiter und so fort. Wir kennen die Litanei zur Genüge. 

Das Ziel bleibt dasselbe, wenn auch die Mittel sich wandeln. An die Stelle trockener historischer Ausführungen mögen spannend geschriebene Thriller und ihre Verfilmung treten, scharfe antikirchliche Hetzspalten mögen durch schrille Zeichentrickfilme und blasphemische Kinderbücher ersetzt werden, doch bei aller Verschiedenheit fällt es nicht schwer, den gemeinsamen Nenner zu finden: Écrasez l’infame!

Die Kirche steht vor dem Tribunal der Welt. Das Schuldbuch wird aufgeschlagen, die Anklageliste verlesen. Der Urteilsspruch rauscht uns schon aus dem Blätterwald der Medien entgegen: Sie ist des Todes würdig! Wenigstens in der Form, wie sie bisher bestand, muss sie zu Ende gehen. Eine autoritative Kirche mit dem Anspruch auf Alleinvertretung Gottes in der Welt, eine Kirche mit Dogmen und Geboten, eine Kirche mit Hierarchie, mit Unterordnung und Strafmitteln kann und darf es nicht mehr geben. Weg mit ihr! 

Und die Kirche selbst? Wie soll sie sich inmitten des Spektakels verhalten? Ihre Schuld zugeben und um Verzeihung bitten in der Hoffnung auf einen gnädigen Freispruch? Oder ihre Ansprüche etwas niedriger schrauben? Ein freundliches Gesicht machen, um zu beweisen: Ich bin doch gar nicht so schlimm wie ehedem, ihr habt euch in mir getäuscht; schaut doch nur her und seht, wie gründlich ich seit einigen Jahrzehnten damit beschäftigt bin, auch die letzten Spuren meines finsteren Mittelalters zu vertilgen...? Oder soll sich die Kirche im Gegenteil unter Aufbietung aller Argumente verteidigen?

Nichts von alledem fordern Jesus Christus und seine Apostel. Ihr Auftrag lautet: Das Evangelium in die Welt tragen, von der Wahrheit Zeugnis geben. Als Beistand ist dafür der Heilige Geist verheißen. So ausgestattet, können die Jünger die Welt überwinden, wie ihr Meister es getan hat. Und sie werden, als Menschenfischer ihre Netze auf das Wort des Herrn hin auswerfend, diese reich gefüllt in das Schiff zurückholen. Mit den Angriffen, die gleichzeitig ergehen, braucht die Kirche sich nicht hauptamtlich zu beschäftigen. Es genügt, dass einige versierte Denker und Wissenschaftler dieser Aufgabe nachkommen. Die Aufmerksamkeit der Kirchenleitung muss vielmehr darauf gerichtet sein, das Glaubensgut unverfälscht zu bewahren und es mit Kraft und Überzeugung weiterzugeben. 

Aber die schlimmen Zustände, gegen welche die Welt Anklage erhebt? Es wäre verfehlt, sie in Abrede stellen zu wollen. Trotz der Übertreibungen und Verzerrungen, mit denen sie dargeboten werden, trifft leider nicht weniges zu. Und insofern es zutrifft, trifft es den Leib Christi, verletzt ihn.

Trotzdem: Die Kirche braucht sich keineswegs in die Rolle der Angeklagten drängen und so von der Höhe ihrer Sendung abbringen zu lassen. Denn das, was man mit Recht anprangert, gehört eigentlich nicht ihr, sondern der gefallenen Welt an. Die kirchlichen Missstände stammen ja aus der Untreue und Verweltlichung ihrer Glieder, aus Macht- und Habgier, Ehr- und Genusssucht, Glaubens- und Lieblosigkeit – alles dies Früchte des Geistes dieser Welt, nicht des Heiligen Geistes. So klagt die Welt, indem sie die Kirche anklagt, letztlich und eigentlich sich selbst an. Sie macht den Gotteskindern zum Vorwurf, sich zu sehr den Maßstäben der Welt angepasst zu haben. 

Man versteht die von Papst Benedikt XVI. geforderte „Entweltlichung“ der Kirche. Sie wäre der Weg zum Sieg: zunächst über den inneren Feind, die eingedrungene Welt, die das Heiligtum entweihen, es seinem reinen und heiligen Urbild entfremden will; und dann auch über die äußeren Feinde. Könnte das „Écrasez l’infame!“ so nicht zum Kampfruf gegen die infame Welt in uns und im Inneren der Kirche werden?



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)

- Hervorhebung durch Fettdruck von FW
- Foto: Marienstatue in der Anbetungskapelle des Limburger Doms (eigenes Foto) 



Worum es wirklich geht:
Rebellion im Bistum Limburg


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