Samstag, 13. Juli 2013

Maria - mehr Mutter als Königin...


Von  P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

„Wie gerne wäre ich Priester gewesen, um über die Heilige Jungfrau predigen zu können!“ Es war Theresia von Lisieux, die am 21. August 1897, etwa fünf Wochen vor ihrem Tod, diesen frommen Wunsch äußerte. Weniger fromm allerdings scheinen uns zunächst die Worte zu sein, die sich daran anschließen; Worte, die nicht recht passen wollen zu dem Grundsatz des heiligen Bernhard von Clairvaux „De Maria numquam satis – Über Maria niemals genug“ und zu dem oft überschwänglichen Muttergottesjubel der Jahrhunderte. Denn über die Marienpredigt, die sie selbst halten würde, lässt uns die Heilige wissen: „Ein einziges Mal hätte mir genügt, um alles zu sagen, was ich über diesen Gegenstand denke.“ 

Und was dachte sie darüber? „Zuerst hätte ich gezeigt, wie wenig man über ihr Leben weiß. Man sollte nicht unwahrscheinliche Dinge sagen oder solches, das man nicht weiß...“ Zur Veranschaulichung folgen Beispiele, wie man sie erbaulichen Legenden und visionären Büchern in Fülle entnehmen kann. Die Predigt der heiligen Theresia hätte sich also vorwiegend auf das Zeugnis der Bibel gestützt. Riecht das nicht nach jenem marianischen Minimalismus, den wir katholischen Christen im Zeitalter des Ökumenismus nur allzu gut kennengelernt haben? Die Heilige scheint den Bildersturm derjenigen, die unter Berufung auf das Evangelium eine gewachsene, volkstümlich-farbenfrohe Marienverehrung beseitigten und an deren Stelle oft reichlich unterkühlte Andachten setzten, vorausgesehen und bejaht zu haben!

Doch vernehmen wir mehr darüber, welche Art von Muttergottespredigt den Maßstäben der Kleinen Theresia entspricht: „Damit mir eine Predigt über die Heilige Jungfrau gefällt und nützt, muss ich ihr Leben vor mir sehen, wie es wirklich war, nicht aber ein erdachtes Leben; und ich bin überzeugt, dass ihr wirkliches Leben ganz einfach gewesen sein muss. Man stellt sie unnahbar dar, aber man müsste sie nachahmbar zeigen, ihre Tugenden aufzeigen, sagen, dass sie aus dem Glauben lebte wie wir, und die Beweise dafür aus dem Evangelium anführen...“ Theresia bleibt uns die Beispiele nicht schuldig. So erinnert sie an die Verwunderung Mariens, als sie die Worte der Hirten in Bethlehem hörte (Lk 2,18), und an das Nicht-Verstehen bei der Auffindung Jesu im Tempel (Lk 2,50). Das alles zeige doch, dass die Mutter des Herrn im Glauben lebte – und nicht in himmlischer Schau!

Nochmals könnte uns ein ungutes Gefühl beschleichen: Theresia von Lisieux als Vorläuferin jener Theologen, welche die Himmelskönigin durch die „Schwester im Glauben“ (wie Maria in neueren Gebetbüchern gerne tituliert wird) ersetzen? Wo bleiben hier die Privilegien, die einzigartigen Vorzüge also, mit denen Gott das Wunderwerk Seiner Weisheit und Allmacht beschenkt hat: die Unbefleckte Empfängnis und Bewahrung vor jeder persönlichen Sünde, die Gottesmutterschaft bei unversehrter, immerwährender Jungfräulichkeit sowie die Aufnahme mit Leib und Seele in die himmlische Glorie? Und weshalb ist nicht von der Stellung Mariens im Heilswerk als Fürsprecherin und Mittlerin die Rede? 

Allerdings stellt die Karmelitin, die der heilige Papst Pius X. als die „größte Heilige der Neuzeit“ bezeichnet haben soll und die Johannes Paul II. zur Kirchenlehrerin ernannte (mehr im Sinne der geistlichen Lehre als einer systematischen Theologie), nichts davon in Abrede. Sie setzt in ihren Worten über Maria nur andere Akzente: „Es ist gut, dass man von ihren Vorzügen spricht, aber man sollte nicht ausschließlich von ihnen sprechen. Denn wenn man in einer Predigt von Anfang bis Ende unablässig Ah! Ah! ausrufen muss, dann kriegt man es über! Wer weiß, ob das nicht manche Seele soweit bringt, dass sie schließlich einem dermaßen überlegenen Geschöpf gegenüber eine gewisse Entfremdung fühlt und sich sagt: Wenn das so ist, dann kann man sich besser in eine kleine Ecke verziehen und dort leuchten, so gut man eben kann!“ 

Die „Gefahr“ einer solchen Verkündigung ist in unseren Tagen gründlich gebannt. Nur noch selten bekommt man überhaupt etwas über die Privilegien der Gottesmutter zu hören. Meistens wird uns stattdessen ein Marienbild dargeboten, das einen „Menschen wie du und ich“ zeigt; eine „Frau aus dem Volk“, die sich auf den „Weg des Glaubens“ begeben und ihn „trotz aller Schwierigkeiten und Zweifel“ weiter gegangen sei – oder so ähnlich. Derartige Verflachung lag außerhalb des Blickwinkels der heiligen Theresia. Sie setzte die Vorzüge der Gottesmutter als Selbstverständlichkeit voraus, wies aber darüber hinaus hin auf die Beziehung Mariens zu uns, ihren Kindern: „Man weiß, dass die Heilige Jungfrau die Königin des Himmels und der Erde ist. Aber sie ist mehr Mutter als Königin.“ Maria, das Geschöpf ohnegleichen, soll uns nicht als entrückter Andachtsgegenstand, sondern als leuchtend klares Vorbild für unser Leben vor Augen stehen. Dabei flößt uns das Herz der mütterlichen Königin und königlichen Mutter, das uns innig zugeneigt ist, kindliche Liebe und tiefes Vertrauen ein. 

Hat die heilige Theresia von Lisieux mit den Worten, die sie so kurz vor der himmlischen Begegnung mit Jesus Christus und Seiner jungfräulichen Mutter aussprach, nicht doch den Kern aller echten Marienverehrung getroffen?



 Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)
 
- Bild: Münchner Maria Hilf Gnadenbild in der Kirche St. Peter ("Alter Peter")

Kommentare:

  1. Kleiner Einspruch: Die moderne Verkündigung im Blick auf Unsere Liebe Frau mag manchmal in der Tat hinterfragenswert sein, allerdings finde ich das Bild Mariens als einer Frau, die uns auf dem - weder für sie noch für uns allzeit leichten - Weg des Glaubens voran- und zur Seite geht, alles andere als flach.

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  2. @Pro Spe Salutis

    Stimmt - im Prinzip:
    "Das Bild Mariens als einer Frau, die uns auf dem - weder für sie noch für uns allzeit leichten - Weg des Glaubens voran- und zur Seite geht, [ist] alles andere als flach."

    Das Zauberwort im Text ist hier "stattdessen":

    Obige Beschreibung wird ausdrücklich als Gegentwurf zur bisherigen kirchlichen Marien"beschreibung" ins Feld geführt. Es ist ein verkürztes - und deshalb "flaches" Marienbild, das nicht nur einen Akzent anders setzt (wie die hl. Theresia), sondern die Privilegien, die der Muttergottes von Gott zuteil wurden, verdunkelt oder gar (ver-)leugnet (P. Deneke nennt hier: die Unbefleckte Empfängnis und Bewahrung vor jeder persönlichen Sünde, die Gottesmutterschaft bei unversehrter, immerwährender Jungfräulichkeit sowie die Aufnahme mit Leib und Seele in die himmlische Glorie).

    Mit anderen Worten, die "Verflachung" bezieht sich nicht auf einen einzelnen Aspekt des Marienbildes, sondern auf den Umfang, die Vollständigkeit aller Aspekte (bzw. deren Unvollständigkeit) des verkündeten Marienbildes.

    Könnte das Deinen kleinen Einspruch auflösen?

    Als Musterbeispiel für die Verflachung des heute verkündeten Marienbildes diene dieses Gespräch über Maria mit der kath. Theologin und Geistlichen Beirätin des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB)in der Diözese Rottenburg/Stuttgart, Frau Barbara Janz-Spaeth:

    http://www.katholisch.de/de/katholisch/video/video_details.php?id=11477
    (bitte bis zum Ende anschauen...)

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