Freitag, 12. Juli 2013

Liturgie: übernatürliches Kindsein vor Gott


In der Liturgie wird dem Menschen Gelegenheit geboten, dass er, von der Gnade getragen, seinen eigensten Wesenssinn verwirkliche, dass er ganz so sei, wie er seiner göttlichen Bestimmung gemäß sein sollte und möchte: ein "Kind  Gottes".

In der Liturgie soll er vor Gott "sich seiner Jugend erfreuen" (*Anm. s. u.). Das ist etwas ganz Übernatürliches, gewiss, aber eben deshalb zugleich der innersten Natur entsprechend. Und weil dieses Leben höher ist, als das, wozu die gewöhnliche Wirklichkeit Gelegenheit und Ausdrucksform gibt, so nimmt es sich die entsprechenden Weisen und Gestalten aus jenem Bereich,, in dem es sie allein findet, nämlich der Kunst.

Es spricht in Maß und Melodie; es bewegt sich in feierlicher, gebundener Gebärde; es kleidet sich in Farben und Gewänder, die nicht dem gewöhnlichen Leben angehören; es vollzieht sich in Räumen und Zeiten, die nach erhabeneren Gesetzen gegliedert und aufgebaut sind. Es wird im höheren Sinn ein Kindesleben, in dem alles Bild ist, Reigen und Lied (1).

Das ist die wunderbare Tatsache, die in der Liturgie gegeben ist: Kunst und Wirklichkeit ist eins im übernatürlichen Kindsein vor Gott.


(1)  (...) Die Liturgie nimmt in Wahrheit nicht ihre Formen aus der Kunst, sondern der Kult steht am Anfang, und die Kunst in unserem neuzeitlichen Sinne ist ein aus ihm herausgesondertes Kulturgebilde.

Romano Guardini in: "Vom Geist der Liturgie"; Verlag Herder Freiburg; AD 1957; S. 100/101 (s. Quellen)


*Anm.:
Das Zitat "sich seiner Jugend erfreuen" bezieht sich auf das Stufengebet am Anfang der Hl. Messe: Im Vetus Ordo (der älteren Form) des Römischen Ritus wird zu Beginn der Hl. Messe (außer in Totenmessen und in der Passionszeit) bevor der Priester die Stufen zum Altar enmporsteigt, das sogenannte Stufen- oder Staffelgebet gebetet. Es handelt sich dabei neben dem Schuldbekenntnis (Confiteor) im Wesentlichen um die Verse 1-5 des 42. Psalms. Dabei beten Priester und Ministrant(en) abwechselnd:
P: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Zum Altare Gottes will ich treten.
M: Zu Gott, Der mich erfreut von Jugend auf.
P: Schaff Recht mir, Gott, und führe meine Sache gegen ein unheiliges Volk; von frevelhaften, falschen Menschen rette mich.
M: Gott, Du bist meine Stärke. Warum denn willst Du mich verstoßen? Was muß ich traurig gehen, weil mich der Feind bedrängt?
P: Send mir Dein Licht und Deine Wahrheit, daß sie zu Deinem heiligen Berg mich leiten und mich führen in Dein Zelt.
M: Dort darf ich zum Altare Gottes treten, zu Gott, Der mich erfreut von Jugend auf.
P: Dann will ich Dich mit Harfenspiel lobpreisen, Gott, mein Gott. Wie kannst Du da noch trauern, meine Seele, wie mich mit Kummer quälen?
M: Vertrau auf Gott, ich darf Ihn wieder preisen; Er bleibt mein Heiland und mein Gott.
P: Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste.
M: Wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.
P: Zum Altare Gottes will ich treten.
M: Zu Gott, Der mich erfreut von Jugend auf. (...)

Das Stufengebet ist seit der Litiurgiereform von 1970 für den Novus Ordo (die neue Messordnung) nicht mehr in Gebrauch.

Lateinische Fassung (einschl weiterer Messtexte): bitte hier klicken oder hier!


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Weiteres aus Guardinis "Vom Geist der Liturgie" via "Nikodemus":


Weiters zum Thema "Kindsein":




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