Samstag, 4. Mai 2013

Zungensünden

Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad 

Folgende „Geschichte mit Moral“ ist mir seit Kindertagen vertraut und hat seither nichts an Aktualität eingebüßt: Ein Bauer konnte seine Axt nicht finden. Da fiel sein Blick auf den Nachbarn. Je länger er ihn beobachtete, desto mehr drängte sich ein Verdacht auf. Sah der denn nicht tatsächlich aus wie ein Axtdieb? Und ließ nicht sein ganzes Gebaren darauf schließen, dass er den Diebstahl begangen hatte? Aus dem Verdacht erwuchs Gewissheit, aus der Gewissheit Geschwätz. Bald wusste es das ganze Dorf – bis auf den „Dieb“ selbst. Einige Zeit später fand der Bauer seine Axt wieder; er hatte sie selbst verlegt. Nochmals beobachtete er den Nachbarn: Eigentlich sah er ja doch nicht wie ein Axtdieb aus. Hätte es unser Bauer nur nicht im Dorf herumerzählt...

„Sieh, wie klein das Feuer und wie groß der Wald, den es in Brand steckt! Auch die Zunge ist ein Feuer“, schreibt der heilige Jakobus (Jak 3,5f.). Wer auch nur einen oberflächlichen Blick auf das Zusammenleben der Menschen wirft, wird die Aussage bestätigt finden. Und leider nicht nur unter solchen, die mit dem christlichen Glauben nicht viel zu tun haben. Nein, gerade unter den Religiösen, oft unter den betont Frommen züngeln die Flammen ganz gewaltig.

Welche Zerstörungen sie in Gottes Pflanzungen schon angerichtet haben, das können wir allenfalls erahnen: Klein-, Mittel- und Großbrände, Schwelbrände und Flächenbrände, Lauffeuer und Flugfeuer – die Übertragung aller dieser Brandphänomene aus der physischen in die geistige Welt bereitet keine Schwierigkeiten. „Lässt du das Feuer brennen, du löschst es nimmer aus“, lautet der vielsagende Titel einer 1885 veröffentlichten Volkserzählung des Russen Leo Tolstoi, in der aus nicht rechtzeitig erstickten Flammen der Feindschaft am Ende auch eine tatsächliche Brandkatastrophe entsteht. Die Auswirkungen solchen Feuers sind nun einmal „Feindschaft, Zank, Eifersucht, Zorn, Hader, Zwistigkeiten, Parteiungen, Neid“, alles Dinge, die der heilige Paulus „Werke des Fleisches“ nennt und über die er die Feststellung trifft: „Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben.“ (Gal 5, 20f.).

Merkwürdigerweise nehmen viele Christen derlei Mahnungen nicht recht ernst. Verblendet in ihrem Gewissen, machen sie sich eher allzu große Vorwürfe über ein abgekürztes Gebet (das freilich eine bedauerliche Angelegenheit sein mag), als dass sie ihr ehrenrühriges Geschwätz über die tatsächlichen oder angeblichen Fehler der Verwandten, Nachbarn, Arbeitskollegen und – wie könnte es auch anders sein! – der Geistlichkeit beunruhigen würde.

Damit man mich nicht falsch verstehe: Über öffentliche Skandale darf bei hinreichendem Grund und zu erwartendem Nutzen auch öffentlich geredet werden, und gelegentlich muss man zum Schutz anderer seine Stimme erheben und vor einer bedenklichen Person warnen. Aber diese Fälle stechen doch so sehr von dem verantwortungslosen Geschwätz, dem giftigen Gezischel und gefährlichen Wort-Zündeln ab, dass eine Verwechslung kaum möglich ist. In eher seltenen Fällen sehen wir uns in der ernsten Pflicht, negativ über andere zu reden. Für gewöhnlich aber tun wir es doch nur, um uns selbst auf ihre Kosten zu erheben. Und dabei schädigen wir zugleich unser Opfer, unsere Zuhörer und nicht zuletzt uns selbst.

Für den Katholiken sollte die folgende Überlegung hilfreich sein: In der heiligen Kommunion wird uns derjenige, der das Ewige Wort „voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14) ist, in Brotsgestalt auf die Zunge gelegt. Dadurch soll unser Sprechorgan gleichsam geläutert und geheiligt werden wie einst die Lippen des Propheten Jesaja durch die glühende Kohle (Jes 6,6). Es wäre nun aber ein beträchtlicher Widerspruch, wenn unsere derart geadelte Zunge das Gegenteil dieses göttlichen Wortes, seiner Wahrheit und Liebe von sich geben würde.

Tiefer betrachtet, geht der Herr durch den Mund in unser bedürftiges Herz ein; jenes Herz, von dem er selbst gesagt hat: „Was aus dem Mund hervorgeht, das kommt aus dem Herzen, und dieses verunreinigt den Menschen.“ (Mt 15,18) Sollten wir also nicht gerade durch die heilige Kommunion von bösen Herzensgedanken und dem „Züngeln“ wider den Nächsten gereinigt werden? Jedenfalls gibt es weniges, das deutlicher die Echtheit religiösen Lebens erweisen könnte. Solange auch unter uns aus Verdächtigungen Geschwätz und aus diesem schädliche Feuerbrände entstehen, hat die Gabe Gottes ihre Wirkung noch kaum erreicht.



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)  


Sonst noch:


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