Donnerstag, 7. März 2013

Dr. M. Lugmayr: "Glaube“ und „glauben“ in den biblischen Sprachen - eine philologische Betrachtung

Von Pater Dr. Martin Lugmayr FSSP

Am 4.August 1897 sagte die hl.Therese vom Kinde Jesu wenige Monate vor dem Ende ihres irdischen Pilgerweges: „Erst im Himmel werden wir die Wahrheit über alle Dinge erkennen. Auf der Erde ist das unmöglich. Das gilt sogar für die Heilige Schrift. Ist es nicht traurig, all die Unterschiede in der Übersetzung zu sehen? Wäre ich Priester gewesen, ich hätte Hebräisch und Griechisch gelernt, ich hätte mich nicht mit Latein begnügt. So hätte ich den wahren Text kennengelernt, den der Heilige Geist diktiert hat.“

Selbst die Bedeutung einzelner Begriffe in den biblischen Sprachen entzieht sich nicht selten der Übersetzung in nur einen Begriff. Das gilt auch für „Glaube“ und „glauben“. Die verschiedenen Aspekte darzulegen, ohne sich in Detailuntersuchungen zu verlieren, ist das erste Ziel dieses Artikels. Auf das zweite wird zumindest in Andeutungen verwiesen: Wie die „Liebe des Wortsinns“ (Philologie) für das Leben aus dem Glauben fruchtbar werden kann.

Die Grundbedeutung der Wortwurzel, auf welche Aussagen über „Glaube“ und „glauben“ zurückgehen, ist „fest, sicher, zuverlässig sein“. Wasser erweist sich so, wenn es nicht versiegt (Jes 33,16), ein Diener, wenn er treu ist wie David (1 Sam 22,14), ein Zeuge, wenn er nicht lügt (Spr 14,5). Einmal verheißt Gott: „Ich aber werde mir einen Priester erwecken, der beständig ist; der wird tun, wie es meinem Herzen und meiner Seele gefällt“ (1Sam 2,35). Es besteht eine Beziehung zwischen einem Subjekt und Eigenschaften, die es haben soll, weil sie seinem Wesen entsprechen. Verhält sich z.B. jemand einem Geheimnis gemäß, hält er es geheim: „Wer als Verleumder umhergeht, gibt Anvertrautes preis; wer aber zuverlässigen Sinnes ist, hält die Sache verborgen“ (Spr 11,13).

Dass und wie Gott „treu“ ist, sagt z.B. folgende Schriftstelle: „So erkenne denn, dass der HERR, dein Gott, der Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Güte bis auf tausend Generationen denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten“ (Dtn 7,9). Gott ist treu, weil er den Bund nicht aufkündigt, sich seinen Verheißungen gegenüber als treu erweist (vgl. Jes 49,7). Ein treuloser Gott wäre nicht Gott: „Daher, wer sich im Land segnet, wird sich bei dem Gott der Treue segnen, und wer im Land schwört, wird bei dem Gott der Treue schwören. Denn die früheren Nöte werden vergessen und vor meinen Augen verborgen sein“ (Jes 65,16).

Die Antwort des Menschen ist eine des Herzens und des Lebens, wie es Hiskia in einem Gebet formuliert: „Ach, HERR! Denke doch daran, dass ich vor deinem Angesicht in Treue und mit ungeteiltem Herzen gelebt habe und dass ich getan habe, was gut ist in deinen Augen!“ (Jes 38,3). 

Für uns ungewohnt ist auf den ersten Blick, dass im Hebräischen der Begriff „Wahrheit“ nicht isoliert vorkommt, sondern nur innerhalb eines „Wortfeldes“, wie z.B. im Begriff „ämät“: „Beständigkeit, Dauer, Zuverlässigkeit, Treue, Wahrheit“. Weil „Glaube“, „glauben“ zur selben Wortfamilie gehört, ist „Glaube an die Wahrheit“ immer ein Geschehen zwischen Personen, welches hingebendes Vertrauen beim Glaubenden einschließt.

Berühmt ist in diesem Zusammenhang das Wortspiel in Jes 7,9: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht“. Auch „bleiben“ geht auf dieselbe Familie wie „glauben“ zurück. Dass „glauben“ und „bleiben“, letzteres im Sinne der Gesamtexistenz und der Sinnhaftigkeit des eigenen Daseins, eng zusammenhängen und ohne Gottesbezug nicht erklärbar sind, fassen pointiert Buber/Rosenzweig mit ihrer Übersetzung ins Wort: „Vertraut ihr nicht, bleibt ihr nicht betreut“. Glauben ist ohne Vertrauen, ohne Anerkennung der Güte Gottes, die uns zur Gegenliebe ruft, nicht möglich. In seinem ersten Brief schreibt Johannes: „Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt“ (1 Joh 4,16). Und der sel. John Henry Kardinal Newman sollte später in einer Predigt sagen: „Wir glauben, weil wir lieben“. Und dann bleiben wir auch „betreut“, d.h. von der Treue Gottes getragen und geliebt. 
 
Vielen ist das hebräische Wort „amen“ bekannt, welches wir am Ende von liturgischen Gebeten sprechen. Sage ich oder die gottesdienstliche Versammlung zu Bitte, Dank und Lob, welche sich an Gott richten, „amen“, so bedeutet dies: So soll es sein! (vgl. 1 Kor 14,16), ja man könnte auch sagen: Ich will selbst ganz Bitte, Lob und Dank gegenüber Gott sein (vgl. Eph 1,6) bzw. Wir wollen dies auch als Versammlung vollziehen.

Am Ende des Glaubensbekenntnisses bezeugt das „Amen“ die Treue zum Inhalt des Credos, verbunden mit der Überzeugung von seiner Wahrheit. In der Apokalypse wird Jesus Christus selbst „Amen“ genannt als der „treue und wahrhaftige Zeuge“ (3,14). Dass unser Herr das Ja Gottes schlechthin ist, betont der hl.Paulus: „Denn der Sohn Gottes, Christus Jesus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, war nicht Ja und Nein, sondern in ihm ist das Ja geschehen. Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt, in ihm ist das Ja, deshalb auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre durch uns“ (2 Kor 1,19-20).

Im Munde Jesu Christi selbst ist „amen“ ein Ausdruck seiner Vollmacht: „Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht ein Jota oder Häkchen vom Gesetz vergehen, bevor nicht alles geschehen ist“ (Mt 5,18); „Amen, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 18,2); „Amen, ich sage euch: Was immer ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Im Johannesevangelium findet sich auch oft ein zweifaches „Amen“. So sagt Christus zu Nikodemus: „Amen, amen, ich sage dir: Wer nicht von oben geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen“ (Joh 3,3). Und dann die Erklärung: „Amen, amen, ich sage dir: Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann nicht in das Reich Gottes eingehen“ (Joh 3,5).

Im Griechischen wird „Glaube“ mit pistis und „glauben“ mit pisteuein wiedergegeben. Das Verb bedeutet je nach Kontext für wahr halten, gehorchen und vertrauen, wobei diese Aspekte auch alle mitangesprochen sein können. Als die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes die Frage stellen, in welcher Vollmacht Jesus handle, antwortet er: „Auch ich will euch ein Wort fragen, und wenn ihr es mir sagt, so werde auch ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich diese Dinge tue. Woher war die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von Menschen?“ Da überlegten diese bei sich: „Wenn wir sagen: vom Himmel, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt?“ (Mt 21,24f.). Sie hätten Johannes vertrauen, sein Wort für wahr halten und ihm gehorchen sollen.

Das Substantiv pistis meint Treue, Zuverlässigkeit, Vertrauen, Glaube. Auch hier können diese Aspekte miteinander verbunden sein, wie z.B. in Mt 9,2: „Und siehe, sie brachten einen Gelähmten zu ihm, der auf einem Bett lag; und als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei guten Mutes, Kind, deine Sünden sind vergeben“. Nach der Stillung des Seesturms tadelt Jesus die Jünger: „Und er sprach zu ihnen: Warum seid ihr furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Mk 4,40).

Im Neuen Testament wird ferner von den Jüngern gesagt: „Sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte“ (Joh 2,22). Christus verlangt von ihnen: „Ihr glaubt an Gott, glaubt auch an mich!“ (Joh 14,1); und an alle gerichtet: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). 

Im Dialog zwischen Jesus und Marta zeigt sich die innere Verknüpfung zwischen der Tugend des Glaubens (fides qua) und dem Inhalt das Glaubens (fides quae), also jemandem und etwas glauben: „Jesus sprach zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist; und jeder, der da lebt und an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll“ (Joh 11,25-27). 

Im zweiten Brief an die Thessalonicher schreibt Paulus über die Hinführung zum Glauben: „unser Zeugnis (martyrion) hat bei euch Glauben gefunden“ (1,10).
 
Aber ganz zentral ist die Bindung des Glaubens an Jesus Christus: „an Jesus glauben“ (Joh 12,11), „an Christus Jesus glauben“ (Gal 2,16), „an den Sohn glauben“ (Joh 3,16), „an den Sohn Gottes glauben“ (1 Joh 5,10), „an den Sohn des Menschen glauben“ (Joh 9,35), „an ihn (Jesus Christus) glauben“ (Joh 2,11 und viele andere Stellen). 
 
Der Inhalt des Glaubens an Jesus Christus wird durch „dass“- Sätze bekannt: „Das ist das Wort des Glaubens, das wir predigen, dass, wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennen und in deinem Herzen glauben wirst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, du errettet werden wirst“ (Röm 10,8-9; vgl. 1 Thess 4,14). „Wenn wir aber mit Christus gestorben sind, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, da wir wissen, dass Christus, aus den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod herrscht nicht mehr über ihn“ (Röm 6,8-9).

Seine Sendung vom Vater her stellt Christus selbst als Glaubensinhalt dar: „Jesus aber hob die Augen empor und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich aber wusste, dass du mich allezeit erhörst; doch um der Volksmenge willen, die umhersteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, daß du mich gesandt hast. Und als er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!“ (Joh 11,41-43; vgl. Joh 16,27.30, 17,8). In seinem großen Gebet vor dem Leiden wendet sich Jesus an den Vater: „Aber nicht für diese allein bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben, damit sie alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, dass auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast (Joh 17,20-21).

Eine Kurzformel des Glaubens, nämlich, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, formuliert Johannes am Ende seines Evangeliums, was bedeutet, dass dieses Bekenntnis auch alles einschließt, was der Sohn getan und gesagt hat: „Auch viele andere Zeichen hat nun zwar Jesus vor den Jüngern getan, die nicht in diesem Buch geschrieben sind. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20,30-31).

In einer bestimmten Verbform wird „glauben“ zu einem Fachbegriff für das Christwerden: „Viele aber von denen, die das Wort gehört hatten, wurden gläubig“ (Apg 4,4; vgl. 11,21). Den parteiischen Korinthern ruft der Völkerapostel zu: „Was ist denn Apollos? Und was ist Paulus? Diener, durch die ihr gläubig geworden seid, und zwar wie der Herr einem jeden gegeben hat“ (1 Kor 3,5). 

Es kann auch das Gläubigsein bezeichnet werden: „Wachet, steht fest im Glauben; seid mannhaft, seid stark! Alles bei euch geschehe in Liebe! (1Kor 16,13-14). In 1 Thess 5,8 wird vom „Panzer des Glaubens“, in Eph 6,16 vom „Schild des Glaubens“ gesprochen. Es ist aber auch ein „Wachsen im Glauben“ (2 Kor 10,15; 2 Thess 1,3) möglich, womit die Tugend des Glaubens und die Vertiefung des Glaubensverständnisses angesprochen sind. Das Leben aus dem Glauben ist ebenfalls ein Reichtum. Von den Korinthern sagt Paulus, sie seien „in allem überreich: in Glauben und Wort und Erkenntnis und allem Eifer und der Liebe, die von uns in euch <geweckt> ist“ (2 Kor 8,7).

Der sel. Charles de Foucauld hat in stillen Stunden die Heilige Schrift betrachtet. In Bezug auf die Evangelien tat er es einmal verbunden mit der Frage, wo und wie von der Tugend des Glaubens die Rede ist. Vielleicht können obige Ausführungen eine Hilfe und Anregung sein, es ihm gleichzutun.
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