Samstag, 26. Januar 2013

Höflichkeit (1)

Höflichkeit ist (...) Disziplin oder Selbstzucht der Seele im menschlichen Verkehr mit der frohen Bereitschaft, sich einzuordnen und gegen andere menschenfreundlich zu sein.

Es ist gar nicht anders möglich, als dass dieses Bestreben einen frohen Glanz hineinträgt in die menschlichen Ordnungen. Höflichkeit ist ein Lichtstrahl des Herzens, der nach außen durchschimmert, wärmt und lebendiges Frohmachen ausstrahlt. Höflichkeit ist etwas beglückendes, ist Wärme und Sonne, die in alles Zusammenarbeiten der Menschen einen verklärenden Schimmer hineinträgt.

Höflichkeit ist die in eine verbindliche Form gefasste Liebe. Der Weise, der wirklich Höfliche ist stets ein Liebender.

Oft hört man den Einwand: "Feine Formen? Ach, Äußerlichkeiten, pure Äußerlichkeiten!" Aber diese feinen Formen sind nicht bloß äußere Fassade, sollen es wenigstens nicht sein, sondern tragen einen tiefen Sinn in sich. Goethe sagte einmal: "Es gibt kein äußeres Zeichen der Höflichkeit, das nicht einen tiefen sittlichen Grund hätte." Der Dichter hat schon recht.

Der tiefste sittliche Grund geht uns aber erst in der Religion auf, die den Menschen als Gottes Ebenbild wertet und die Menschenwürde hoch hineinhebt in das Reich der Gnade. Da wird nun Höflichkeit die zarte Aufmerksamkeit, die ich einem Geschöpf schuldig bin, das Christus unbegreiflich erhoben und sich zum Bruder, zur Schwester gemacht hat, und das ist die Höflichkeit, die zugleich von Ehrfurcht und von Christusliebe getragen ist. (...)


P. Paul Rondholz SJ: Die Höflichkeit; Johannes-Verlag Leutesdorf (Rhein); AD 1960; S. 8-10



Hervorhebung durch Fettdruck von FW
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