Samstag, 19. Januar 2013

Aufsteigen zum Wahren, Guten, Schönen?


Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

Im Jahre 1815 schuf Johann Wolfgang von Goethe mit seinem „Epilog auf Schillers Glocke“ ein Portrait seines verstorbenen Dichterkollegen. Darin beschreibt er Schillers Reifen mit den Worten: „Indessen schritt sein Geist gewaltig fort / Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen, / Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine, / Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.“ 

Die Vorstellung, man müsse, um das „Ewige des Wahren, Guten, Schönen“ zu erreichen, das „Gemeine“ mit seinem „wesenlosen Schein“ hinter sich lassen, kommt vielen heutigen Menschen reichlich weltfremd und elitär vor. Sie geben zu bedenken, das sei doch völlig unrealistisch. Denn für die meisten gehe es immerhin um ihre Existenz, wenn sie sich den lieben langen Tag über mit dem „Gemeinen“, den Anforderungen des zeitlichen Lebens, befassten. Da bleibe herzlich wenig Zeit und Energie für einen Rückzug in die stillen Haine der Poesie oder den Aufflug in das Ideenreich der Philosophie. Nur einer winzigen Minderheit sei es vergönnt, sich häufig solchen Beschäftigungen hinzugeben. Einer Elite, die weder repräsentativ noch vorbildlich und nachahmenswert sei. 

Auch die christliche Verkündigung der Gegenwart erhebt Einspruch gegen die Vorstellung, wir hätten über die niederen Geschöpfe hinweg zum Allerhöchsten aufzusteigen. Manche Theologen brandmarken diese Sichtweise sogar als „unchristlich“. Die Prediger früherer Zeiten, die solches lehrten – Kirchenväter und grosse Heilige eingeschlossen –, hätten die Pointe unserer Religion verfehlt. Denn da Gott Mensch geworden sei, lasse er sich gerade nicht mehr dadurch finden, dass man sich von der Welt ab- und dem Jenseitigen zuwende. Vielmehr sei er nur im Irdischen, Menschlichen, Konkreten, Alltäglichen zu erfahren, so versichert man uns. 

Diese Auffassung hat nicht bloß die Theologie verändert, sondern ihren Niederschlag auch in der Glaubensunterweisung, im gottesdienstlichen Leben und in dem, was die Menschen „über Gott und die Welt“ denken, gefunden. Fremd klingen den Christen heutzutage Predigten, wie sie einst selbstverständlich waren: „Lasst die weltlichen Dinge fahren, wandelt vielmehr im Geist und Herzen vor Gott, voller Sehnsucht nach der Herrlichkeit des Himmels...“ 

Stattdessen werden jetzt vorwiegend diesseitige Angelegenheiten in den Mittelpunkt der Verkündigung gerückt. Sie gerät dadurch oft zu einem Gemisch aus meist laienhafter Psychologie, Sozialromantik, politischen Stellungnahmen und Kirchenkritik, versehen mit viel Moralin und einigen biblischen Zutaten. Entsprechend sieht dann auch die Gottesdienstgestaltung aus: Nur keine Sakralität, nichts Abgehobenes! Die Leute sollen in der Eucharistiefeier vielmehr mit den Alltagsproblemen konfrontiert werden. Liturgie als gemeinschaftliche Animation zur Lebensbewältigung. 

Nun ist es ja wahr, dass wir „Gott in allen Dingen finden“ sollen (wie es der hl. Ignatius von Loyola ausdrückt): nicht nur an heiliger Stätte und im abgeschiedenen Gebet, sondern ebenso in unserer Arbeit, im anderen Menschen, in der Schöpfung. So erweist sich letztendlich die Echtheit und Kraft unserer Religion im Meistern unserer Aufgaben; in einer „Werktagsheiligkeit“ mit allem, was sie an praktischer Lebenstüchtigkeit voraussetzt und fordert. 

Und dennoch ist das nicht alles. Der uralte Dialog vor der Messpräfation, bestehend aus dem Ruf des Priesters „Sursum corda – Erhebet die Herzen“ und der Antwort des Volkes „Habemus ad Dominum – Wir haben sie zum Herrn hin“, mahnt uns ganz unbekümmert, das Zeitliche hinter uns zu lassen und unsere Aufmerksamkeit auf Gott selbst zu richten, ehrfürchtig-staunend, dankbar und liebevoll. „Wenn ihr mit Christus auferstanden seid, so suchet, was droben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Was droben ist, sei euer Sinnen, nicht was auf Erden“, verlangt der heilige Paulus (Kol 3,1f.), er, der das Irdische für Kehricht (Goethe hätte gesagt: für das „Gemeine“, das „uns alle bändigt“, für „wesenlosen Schein“) erachtete um der alles überragenden Größe der Erkenntnis Jesu willen (Phil 3,8f.). 

Namentlich die Heilige Messe war ehedem der Ort, an dem alle Gläubigen – auch diejenigen, denen inmitten ihrer täglichen Arbeiten wenig Muße beschieden war – sich dem Höchsten und Tiefsten zuwenden und am Ende mit dem Schlussevangelium bezeugen konnten: „Wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). Umso bedauerlicher, dass der Sinn hierfür ganz verloren scheint. Daher ist es ein Gebot der Stunde zu betonen, dass trotz der unumgänglichen Beschäftigung mit dem Diesseitigen in jedem Christenleben der Betrachtung der Glorie Gottes der Vorrang gebührt; und dass auch dem Vielbeschäftigten (oft gerade ihm!) ein Aufstieg möglich ist, der viel höher führt als derjenige eines Johann Wolfgang von Goethe oder Friedrich Schiller: zum Inbegriff alles „Wahren, Guten, Schönen“. 



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)
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