Samstag, 22. Dezember 2012

„Lasst uns Kirche machen...“

Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad 

Ist es nicht erstaunlich, mit welchem Eifer in unseren Tagen wieder „Visionen von Kirche“ und „Kirchenträume“ publiziert und propagiert werden, und dies oft großzügig finanziert aus den Steuergeldern braver und argloser Katholiken? „Kirche sollte heute“ – so beginnen viele Forderungen aus berufenem und weniger berufenem Munde. Dabei fällt auf, wie gerne man die Kirche ihres Artikels beraubt und anstelle von „der Kirche“ nur noch von „Kirche“ spricht. Offensichtlich soll dadurch das klar bestimmte Wesen der Institution ins Unbestimmte, ja Beliebige hinein verflüchtigt werden. So können dann leichter Wunschvorstellungen entworfen werden, die sonst an der Härte des Felsens Petri und an der Eindeutigkeit des apostolischen Erbes zerschellt wären. 

Als geeigneten Slogan für die kirchen-visionären Umtriebe der Gegenwart schlage ich das leicht abgewandelte Wort aus dem Schöpfungsbericht vor: So lasst uns also Kirche machen nach unserem Bild und Gleichnis! „Kirche machen“ – das funktioniert natürlich nur, wenn die Kirche nicht mit einem verbindlichen Wesensbestand und einer bleibenden Gestalt gestiftet wurde. Wen wundert es, dass viele der sogenannten Reformtheologen offen sagen, der historische Jesus habe keine Kirche gewollt und gegründet? (Die entsprechenden Worte des Herrn, die der gläubige Katholik einer solchen Behauptung sogleich entgegenhalten will, wurden Jesus nach besagten Theologen selbstverständlich erst nachträglich in den Mund gelegt, und somit wäre ihre Meinung gegen jede biblische Kritik immunisiert!) 

Wenn die institutionelle Kirche nicht von Jesus Christus gestiftet wurde, ist es nur folgerichtig, „Kirche“ als Modelliermasse in den Händen zeitgeistiger Macher und als Spielwiese für deren Lieblingsideen zu verstehen. Dann wird das Produkt auch tatsächlich nach deren „Bild und Gleichnis“ ausfallen, nämlich nach den Vorstellungen und Vorlieben der Tagesmode, die einmal sozialkritisch-revolutionär, ein anderes Mal verblüffend angepasst und spießig ist. Das einzige Beständige einer solchen Kirche wäre dann wohl ihre Unbeständigkeit. 

Jedenfalls reibt sich der gläubige Katholik bei alledem, was ihm auch in kirchlichen Medien geboten wird, ungläubig die Augen. Er fragt sich, was denn diese Traumkirchen noch mit seinem Lebensraum zu tun haben, von dem er in der Sonntagsmesse bekennt, er sei „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. Hätten viele Christen nicht einen soliden Grundstock an Schrift- und Katechismuskenntnis, bestrahlt vom geistgewirkten Licht übernatürlichen Glaubens, sie müssten angesichts solcher Verwirrung fast unfehlbar in die Irre gehen. 

Dabei lassen sich zahlreiche Argumente gegen die meisten „Visionen von Kirche“ anführen. Erinnern wir uns hier nur an das denkwürdige Geschehen der Tempelreinigung. Nach der Schilderung des Johannesevangeliums (2,13-22) schloss sich an das von prophetischem Zorn erfüllte Auftreten des Herrn ein Disput mit den Juden an, denn diese verlangten ein beglaubigendes Zeichen dafür, dass Er mit solcher Autorität im Heiligtum auftreten dürfe. Sein Wort dazu: „Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen will ich ihn wieder aufrichten.“ Der Evangelist Johannes fügt erklärend hinzu, Jesus habe „vom Tempel seines Leibes“ gesprochen. 

Das will doch heißen, dass der neue Tempel aus dem Tod und der Auferstehung Christi hervorgegangen ist: Sein verklärter Leib ist die wahre Kultstätte des neuen und ewigen Bundes! Nicht zufällig beschreibt der heilige Paulus die Kirche als Leib Christi, eine Lehre, die Papst Pius XII. in seiner Enzyklika „Mystici Corporis“ vom 29. Juni 1946 umfassend und begeisternd dargestellt hat. Wenn aber die Kirche in Wirklichkeit sein Leib ist, dann ist sie uns vorgegeben. Das heißt: Wir haben „Kirche“ weder zu erträumen noch jeweils neu zu konzipieren und zu produzieren, sondern sollen uns in unserem Denken wie Handeln nach dem richten, was längst vor uns, unabhängig von unseren Vorstellungen schon da ist. Allenfalls werden wir uns, wenn es erfordert ist, kämpferisch gegen die Macher einer neuen Kirche einsetzen müssen, nicht aber, um ihnen unsere persönliche „Vision von Kirche“ entgegenzusetzen, sondern um dadurch der gottgewollten Wirklichkeit der Kirche zu dienen. So soll es uns genügen, uns als Glieder in den herrlichen Leib Jesu Christi einzufügen. Und anstatt diesen verändern zu wollen, müssen wir uns vielmehr von Ihm verändern lassen. Das wäre die Lösung so vieler Probleme!



 Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)

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