Sonntag, 9. Dezember 2012

Advent: Warten lernen


Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad 

Woher kommt gerade vor Weihnachten diese eigentümliche Traurigkeit in großen Supermärkten, in denen man nahezu alles sofort haben kann? Sie kommt wohl gerade daher, dass man dort nahezu alles sofort haben kann und in mammonorientierter Weise schon das vorweggenommen wird, was in seiner authentisch christlichen Gestalt erst später an der Zeit wäre. Dadurch gerät etwas zutiefst Menschliches in Gefahr: die Fähigkeit zu warten. Und damit gerät der Mensch selbst in Gefahr.

Unser Leben steht ja weitaus mehr unter dem Gesetz des Wartens als das der Tiere. Das zeigt sich nicht nur in den ersten neun Monaten, die vergehen, bis ein Kind das Licht der Welt erblickt, sondern auch in den langen Jahren nach der Geburt, in denen es leiblich und seelisch heranreift, vieles erlernen muss und sich so nach und nach für den Weg in die Welt hinein bereitet. Dass ein Mensch lebensfähig, lebenstauglich und lebenstüchtig werde, dazu bedarf es einer beträchtlichen Zeitspanne.

Weit entfernt davon, diese Gesetzmäßigkeiten außer Kraft zu setzen und zu überspringen, hat Gott sie in der Menschwerdung selbst angenommen und dadurch bestätigt, ja geheiligt. Wie lange dauerte die Vorbereitung des auserwählten Volkes, bis endlich die Fülle der Zeit gekommen war und Gott Seinen Sohn in die Welt sandte (Gal 4,4)!

Daran gemessen war das Erdenleben Jesu Christi nur eine kurze historische Episode, doch selbst von diesem Zeitraum, der wenig mehr als drei Jahrzehnte umfasste, gehörten mindestens neun Zehntel der Vorbereitung auf das öffentliche Wirken: Jesus musste zuerst zunehmen an Weisheit und Alter und Gnade vor Gott und den Menschen (Lk 2,52), bis Er Seine Stimme erhob, Seine Jünger um sich sammelte, Seine Hände segnend und heilend ausbreitete und uns schließlich durch Leiden, Tod und Auferstehung den Weg in die himmlische Heimat eröffnete. Auch mit dem Werden und der Ausbreitung Seines Reiches im äußeren Bereich wie im Inneren der Seelen sollte es nicht anders sein; nicht zufällig gebraucht der Herr hierfür mit Vorliebe Bilder aus der Natur, die uns ein organisches Wachsen anstelle sprunghafter Plötzlichkeit zeigen.

Gott lässt sich also Zeit mit uns und für uns. Er handelt so, weil das unserer Menschennatur entspricht. Und folglich müssen auch wir das Gesetz des Wartens und der Bereitung respektieren und einhalten – zu unserem eigenen Besten. Heute aber ist überall die gegenläufige Tendenz festzustellen: Man kann und will nicht mehr warten, sondern nimmt sich, wenn immer es möglich ist, das Begehrte sofort.

Gehörte es einst zum Zauber der Kindheit, mit seliger Sehnsucht bestimmten Dingen und Ereignissen entgegenzuharren, die noch unter geheimnisvollen Schleiern verborgen lagen, sich ganz auf das Erhoffte einzustellen und dabei das Glück der Vorfreude zu verspüren, so hat sich die Situation inzwischen grundsätzlich verändert. Schon im frühesten Alter daran gewöhnt, die kleinen und größeren Wünsche rasch erfüllt zu bekommen, wissen die älteren Kinder und die Jugendlichen oft viel besser als ihre Eltern, was man wo zu welchem Preis erhält. Ein kurzer Besuch im Supermarkt, ja nur ein mouse click am Computer genügt, sich schnellstmöglich im Besitz der Sache zu wissen. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Freude. Sie weicht einer geradezu bedrückenden Traurigkeit.

Die zugrundeliegende Mentalität greift verständlicherweise auch auf andere Bereiche über. Dass z.B. viele Menschen sich vor oder außerhalb der Ehe „nehmen“, was nur in den heiligen Bund von Mann und Frau gehört; dass Nichtkatholiken vor dem Eintritt in die katholische Kirche oder ohne einen solchen die Kommunion empfangen (aus eigenem Antrieb oder, schlimmer noch, von kirchlichen Amtsträgern dazu aufgefordert), das und vieles mehr zeugt von der Unfähigkeit, zu warten und sich zu bereiten.

Die Adventszeit könnte hier ein heilsames Korrektiv bilden, denn alles, was uns die Kirche in ihrer Liturgie in diesen Tagen ans Herz legt, lässt sich in den Worten des Täufers zusammenfassen: Bereitet die Wege des Herrn (Mk 1,3). Stille und Besinnlichkeit, Gebet und Betrachtung, Busse und Almosen, Verzicht auf kleinere Freuden um der einen großen Freude willen – das wären Heilmittel gegen die Sucht, alles sogleich haben zu müssen, und gegen die Traurigkeit, die mit ihr verbunden ist. Wir würden das Weihnachtsfest umso tiefer als neue Ankunft des Erlösers erleben.

Ja, so könnte es sein! Aber dafür bedarf es inmitten einer ganz anders ausgerichteten Welt besonderer Kraft und der Gnade.



Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)



Weiteres zum Thema:

Bild: Adventskranz am Stephansdom in Wien; Wikimedia commons Dezidor
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