Dienstag, 7. August 2012

Liberalismus und freier Wille

"Die Ursünde des Liberalismus ist - so paradox es klingen mag - die Diskreditierung des Menschen als geistige Person. Man wollte zwar den Menschen auf ein besonderes Piedestal stellen und zum Mittelpunkt des Kosmos machen. Man wollte ihn aus einer dienenden Stellung Gott gegenüber befreien.

Es genügte einem nicht mehr, mit dem Psalmisten zu sagen: "Nur um Weniges unter die  Engel hast Du ihn gestellt", man wollte ihn zum letzten Beziehungspunkt der ganzen Schöpfung machen. Man ersetzte das "theozentrische" Weltbild des Mittelalters durch ein anthropozentrisches. (...)

Und so musste man, nachdem man das Tiefste und Eigentlichste des Menschen, seine Zuordnung auf Gott, zu leugnen versuchte, Schritt für Schritt alles verkennen, was in Wahrheit Adel und Würde des Menschen ausmacht. (...)

Man leugnete die Freiheit des Willens und machte damit aus dem Menschen ein bloßes Stück der äußeren Natur. Man verkannte seine einzigartige Stellung im Kosmos, das, was ihn von aller bloßen Materie und den bloßen Lebewesen zutiefst unterscheidet, seine Fähigkeit, sich frei entscheiden zu können und nicht völlig einem blinden Kausalrythmus ausgeliefert zu sein.

Damit fiel die Grundlage aller Verantwortung. Das Leben wurde spielerisch, alles feierlichen Ernstes beraubt, den allein die verantwortungsvolle freie Entscheidung ins Leben bringt."


Dietrich von Hildebrand: Memoiren und Aufsätze gegen den Nationalsozialismus 1933-1938, S. 334f (s. Quellen)

Kommentare:

  1. Hm, von welchem 'Liberalismus' spricht von Hildebrand hier?

    Auf den angelsächsischen Liberalismus etwa eines Macaulay und Gladstone oder, näher an unserer Zeit, R.E. Collingwood treffen diese Vorwürfe jedenfalls nicht zu.

    Meint er nicht eher den Utilitarismus?

    Viele Grüße
    Morgenländer

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    1. Die Frage ist sicher berechtigt.

      Hildebrand sieht beim Liberalismus v.a. den Makel des Materialismus.
      Er spricht von einer liberalen Epoche, v.a. von „aufklärerischen Materialisten des 18. Jh. in Frankreich" und nennt Namen wie Baron Holbach, Büchner und Moleschott.

      Das Zitat oben ist stark verkürzt. Es stammt aus dem Aufsatz „Die geistige Krise der Gegenwart im Lichte der katholischen Weltanschauung“, veröffentlicht im „Christlichen Ständestaat“ Nr. 41, am 11. 10.1936.

      In dem Artikel versucht er aufzuzeigen, dass Bolschewismus, wie Nationalsozialismus in der Wurzel aus dem materialistischen Liberalismus erwachsen. Er schreibt:

      „Sie sind kein Anfang von etwas Neuem in ihrer eigentlichen Substanz, sie sind das letzte entartete Stadium einer jahrhundertealten Entwicklung, sie sind das Ende der alten Zeit. Sie sind nicht die Überwinder des bourgeoisen Liberalismus, den sie bei jeder Gelegenheit schmähen – sondern geistige Kinder des Liberalismus, in denen verschiedene Irrtümer desselben in letzter Konsequenz durchgeführt werden. Gewiß, an die Stelle des liberalen Ethos, des „laissez faire et laissez aller“ ist ein extremistisches, gewalttätiges, radikales Ethos getreten. Aber die Ideen, von denen diese Bewegungen zehren, sind dem liberalen Gedankengut entnommen, wenn auch mit viel größerer Konsequenz durchgeführt – sie sind der Schlussstein der großen Säkularisierungsbewegung, die mit der Renaissance begonnen hat…“

      Namen wie Macaulay und Gladstone oder auch Collingwood sagen mir leider nichts (was aber auch nichts heißen will, da Politik zugegebenermaßen nicht mein Steckenpferd ist)...

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    2. Vielen Dank für die Erläuterung!

      Es gibt im Liberalismus, denke ich, zwei Strömungen: die materialistisch-utilitaristische, die von Hildebrand kritisiert, und eine im Christentum wurzelnde, die die von mir genannten britischen Autoren vertreten.

      So schreibt beispielsweise William Gladstone, der bedeutendste liberal-konservative Politiker im Viktorianismus, 1874 an seine Frau:

      "I am convinced that the welfare of mankind does not now depend on the State and the world of politics; the real battle is being fought in the world of thought, where a deadly attack is made with great tenacity of purpose and over a wide field upon the greatest treasure of mankind, the belief in God and the Gospel of Christ.'"

      (Ich bin davon überzeugt, dass das Wohlergehen der Menschheit heutzutage nicht vom Staat und der Welt der Politik abhängt; der wirkliche Kampf wird in der Welt des Denkens ausgefochten, wo mit großer Zähigkeit eine todbringende Attacke gegen den größten Schatz der Menschheit geführt wird, den Glauben an Gott und das Evangelium Christi.)

      Herzliche Grüße
      Morgenländer

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    3. Vielen Dank für die Differenzierung.
      Interessant.

      LG

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