Samstag, 14. Juli 2012

„Entartete Kultur“?


Von P. Bernward Deneke FSSP, Wigratzbad

„Vergessen wir nicht, dass es einen unaufgebbaren Zusammenhang zwischen Kultur und Kult gibt. Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung, abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte.“ Diese Worte, die der Kölner Erzbischof, Joachim Kardinal Meisner, am 14. September 2007 anlässlich der Eröffnung des Diözesanmuseums „Kolumba“ aussprach, haben für einigen Wirbel gesorgt.

Zwar stehen sie im Zusammenhang einer längeren Rede. Aber dennoch haben sich die Medien wie losgelassene Jagdhunde auf nur einen Satz, ja einen einzigen Ausdruck gestürzt: „Einfach ungeheuerlich, wie sich hier ein Kirchenmann des Jargons der Nationalsozialisten bedient und von entarteter Kunst redet!“ So der Refrain der journalistischen Empörungsrituale.

Man kann sich nun – obwohl Kardinal Meisner nicht einmal von entarteter Kunst, sondern nur von einer entarteten Kultur redete – durchaus darüber streiten, ob die Wortwahl auf dem Hintergrund der jüngeren Geschichte sehr glücklich war. Wichtiger aber wäre es, das zu erfassen, was hier zur Sprache gebracht wurde.

Nach klassischer Auffassung dient die Kultur „dem Wahren, Guten, Schönen“ (wie auf dem historischen Bau der Alten Oper in Frankfurt am Main zu lesen ist). Dieses dreifache Ideal aber weist über sich selbst hinaus und auf seinen Ursprung hin: auf Gott. Aus Ihm, der zugleich ewige Wahrheit, unendliche Güte und unfassbare Schönheit ist, stammt alle geschöpfliche Wahrheit, Güte und Schönheit und lässt sich ebenso wenig von Ihm trennen wie die Sonnenstrahlen von der Sonne.

Daraus ersehen wir den tiefen Zusammenhang zwischen Kultur und Kult, den schon die Sprache andeutet. Sozusagen die kultische Natur aller Kultur. Denn wenn auch die Künste nicht immer ausdrücklich religiös sein müssen, so sind sie doch auf eine „Rückbindung an Gott“ (das bedeutet religio!) angelegt. Wer das wirklich Wahre, Gute und Schöne verherrlicht, der verherrlicht letztlich dessen Urquell, den dreifaltigen Gott.

Andererseits versteht es sich wie von selbst, dass jemand, der Gott kultisch verehrt, sich dabei auch der geschöpflichen Erscheinungsformen Seiner Wahrheit, Güte und Schönheit bedient. So hat die christliche Liturgie, sobald ihr das möglich war, immer die Kultur in ihren Kult der Anbetung und Verherrlichung Gottes einbezogen, indem sie sich in beeindruckenden Kirchenbauten, gehüllt in schöne Gewänder und umströmt von kunstvoller Musik, entfaltete und dabei kostbare, eigens für den sakralen Gebrauch geschaffene Gegenstände benutzte.

Kardinal Meisner äußert in dem angeführten Satz die Überzeugung, dass ein liturgischer Kult, der sich nicht auch ins Künstlerische hinein entfaltet, ritualistisch zu vertrocknen droht. Dass es sich tatsächlich so verhält, bestätigt der Verlust an Leuchtkraft, an edler Würde und die Herzen erhebender Schönheit, den man im gottesdienstlichen Leben allenthalben wahrnehmen muss.

Auf der anderen Seite verliert nach Einschätzung des Kirchenfürsten eine Kultur, die den religiös-kultischen Ursprung verneint, ihre Wurzel und Identität. Sie schlägt aus der Art, wird „ent-artet“. Ob wir nun diesen Ausdruck übernehmen wollen oder nicht: Ein Blick vor und hinter die Kulissen des heutigen Kulturbetriebs zeigt, dass Künste, die sich von ihrem Urquell und Ziel emanzipieren, ja ausdrücklich gegen Gott revoltieren, nur allzu oft die Darstellung des Wahren, Guten und Schönen in einen Kult der Lüge, der Verkommenheit und der Hässlichkeit pervertieren.

Die Trennung der Kultur vom wahren Kult übereignet die Künste dem traurigen Schicksal des Menschen, der sich von Gott abgewendet hat. Denn auch dieser war ursprünglich, wie der Kölner Erzbischof feststellt, „durch die Menschwerdung Gottes vom Glanz Gottes berührt und geprägt“. Aber gerade „darum ist seine Pervertierung so groß, wenn er diese Identifikation auf Gott hin vergisst und dadurch zum Ohne-Gott oder gar zum Antigott wird, wie wir es in der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa in grausamster Weise erleben mussten.“

An dieser Stelle erst wird das ganze Gewicht der Aussagen Kardinal Meisners erkennbar. Und man versteht besser, weshalb der Verwirrer und seine Helfershelfer die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf einen derart nebensächlichen Punkt wie das Wörtchen „entartet“ lenken musste: Es geht hier eben nicht nur um eine Verhältnisbestimmung von Kunst und Religion, Kultur und Kult, sondern um die Grundordnung der Schöpfung, um Gehorsam gegen Gott oder Auflehnung wider Ihn, um Kosmos oder Chaos, Heil oder Unheil.

Allein in der Verherrlichung des wahren, guten und schönen Gottes werden der Mensch und seine Kultur vor der entsetzlichen Entartung und dem endgültigen Untergang bewahrt!


Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)
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