Samstag, 21. Juli 2012

Das Kreuz steht, derweil die Welt sich dreht


„Stat crux, dum volvitur orbis“

Von P. Bernward Deneke FSSP
 
Man kann das Kreuz aus dem öffentlichen Leben verbannen, kann es in Schulen, Gerichten und Amtsgebäuden abmontieren und es von Plätzen und Wegen entfernen. Man kann versuchen, es aus dem Leben zu beseitigen durch wirtschaftlichen und medizinischen Fortschritt, durch Geburtenkontrolle und Manipulation am menschlichen Erbgut.

Man kann das Kreuz selbst in der kirchlichen Verkündigung mit beständigem Halleluja-Tonfall verdrängen, es wie gleichberechtigt zwischen die Symbole anderer Religionen einreihen und seine Darstellungen bis zur Unkenntlichkeit verformen. Dennoch – das Kreuz wird bleiben.

„Stat crux, dum volvitur orbis“, lautet das Motto des Kartäuserordens: „Das Kreuz steht, derweil die Welt sich dreht.“ Und dieser Satz behält seine Gültigkeit unter allen Umständen der Geschichte. „Unter jedem Dach ein Ach, in jedem Häuschen ein Kreuzchen“, sagt der Volksmund. Die Menschheit kann dem Leiden, dem Schmerz und Tod nicht entfliehen, soviel Eifer und Intelligenz sie auch in dieses Bemühen legen mag; denn zu tief ragt das Kreuz hinein in unsere gefallene Natur, und zu hoch ragt es über uns hinauf, seitdem der Sohn Gottes selbst es auf sich genommen hat und sich an ihm erhöhen ließ, um alles an sich zu ziehen (Joh 12,32).

Nur wer sich dieser Wirklichkeit stellt, ist realistisch. Nur im Blicken auf den, den wir durchbohrt haben (vgl. Sach 12,10, Joh 19,37), erschließt sich uns der Sinn unseres Lebens und vor allem der Sinn des Leidens darin. Und nur daraus empfangen wir auch die Kraft, das Schwere und Leidvolle, selbst den Tod zu bewältigen und in Sieg zu verwandeln. Während das Kreuz den Juden als Ärgernis und den Heiden als Torheit erscheint, wird es ja denen, die glauben, Gottes Kraft und Weisheit (vgl. 1 Kor 1,23).

Paulus beteuert, unter den Menschen nichts kennen zu wollen als Jesus, und diesen als den Gekreuzigten (1 Kor 2,2). Vom heiligen Philippus Benitius (+ 1285) erfahren wir, er habe sich sterbend von seinen Mitbrüdern „sein Buch“ erbeten und, als diese nicht begriffen, welches er meinte, auf das Kreuz gewiesen. Es muss sich also in der Kenntnis des Gekreuzigten, in der Lektüre des Kreuzes-Buches eine Wahrheit offenbaren, zu welcher wir auf anderem Wege nicht gelangen können. Welche ist das?

Es ist eine zweifache Wahrheit. Zum einen spricht das Kreuz über uns Menschen und unsere Sünde. Jesus, so fürchterlich zugerichtet, führt uns vor Augen, was unsere Verfehlungen im Kern sind: nicht harmlose Schwächen von im Grunde gutmeinenden Wesen, auch nicht unvermeidbare Betriebsunfälle, die eher der Fehlbarkeit des Schöpfers als dem bösen Willen Seiner Geschöpfe anzulasten wären, sondern Rebellion gegen Gott, der Versuch, Ihn aus unserem Leben und aus der Welt zu vertreiben, Ihn vom Thron zu werfen und zu vernichten. Der Sünder versteht das nicht wirklich, weshalb Jesus betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34) Doch im Blick auf das Kreuz beginnen wir zu erahnen, was es in Wahrheit um die Sünde ist.

Zugleich und noch mehr spricht das Kreuz aber über Gott, über Seine unfassbare Barmherzigkeit und Güte. Wenn Jesus sagt, dass niemand eine größere Liebe hat, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde (Joh 12,13), dann gilt das ja zuallererst von Ihm selbst. Er aber hat Sein eigenes Wort noch überboten, indem Er das Leben nicht nur für die Freunde, sondern sogar für die Feinde hingab – um sie dadurch zu Freunden zu machen!

In immer neuen Worten besingt die Schrift die Liebe Gottes, die sich am Kreuz offenbart: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einzigen Sohn hingab, auf dass alle, die an Ihn glauben, nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben haben.“ (Joh 3,16) Und: „Er, der Seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern Ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte Er uns in Ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,32) Diese Liebe, diese Reichtümer Seiner Güte werden uns nirgends sonst so klar gezeigt wie im Geheimnis des Kreuzes.

„Stat crux, dum volvitur orbis. – Das Kreuz steht, derweil die Welt sich dreht“ Wir tun gut daran, die tiefe und hohe Weisheit des alten Kartäuser-Leitspruchs zu bedenken und zu beherzigen. 


Hinweise:
- mit freundlicher Genehmigung des Verfassers
- der Beitrag erschien bereits im Schweizerischen Katholischen Sonntagsblatt (SKS)
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