Freitag, 18. Mai 2012

Der Vater und der Sohn

In Jahrhunderten der Gnade und Geduld hast Du, o Gott, Dich durch das Wort Deiner Propheten offenbart: als den Lebendigen, den Heiligen, den Schöpfer und Herrn, der unter den Menschen eine geheimnisvolle Geschichte führt und jeden nach Seinem Ratschluß ruft.

Das Herzgeheimnis aber Deines Lebens ist verborgen geblieben. Erst "als die Zeit erfüllt war", hast Du "es in unseren Herzen tagen lassen zum strahlenden Aufgang der Erkenntnis von Deiner Herrlichkeit im Antlitz Jesu Christi".

"Niemand, Vater, hat Dich je gesehen; nur der einziggeborene Sohn, der an Deinem Herzen war, hat uns Kunde gebracht." Er war Deine lebendige Offenbarung, und "wer Ihn sah, der sah Dich".

Niemand hat den Sohn gekannt, der "im Anfang bei Dir war", und dem "alles gehört, was Dein ist". Aber Du hast Ihn zu uns gesendet, daß Er unser Erlöser werde; und denen Du die Augen aufgetan, die "haben die Herrlichkeit des Einziggeborenen geschaut, voll der Gnade und Wahrheit".

Sei gepriesen, o Gott, der Du lebendig bist über alles menschliche Leben hinaus. Du hast Dich uns geoffenbart, und ich glaube Deinem Wort. Ich will keinen Gott nach meinem eigenen Bilde, der mich in die Welt versiegelt, sondern verlange nach Deiner heiligen Wirklichkeit, und wie sie mir entgegentritt, so sei sie aufgenommen. "Ich glaube, Herr; hilf meinem Unglauben!"

So bete ich an das Geheimnis Deines verborgenen Lebens; die Gemeinschaft, die zwischen Dir ist, o Vater, und Dir, o Sohn, in der unzugänglichen Stille der Ewigkeit, wo "der Sohn am Herzen des Vaters ist".

Dort ist auch meine Heimat. Ihr Licht "hat kein Auge je geschaut": ihr Frieden "ist in keines Menschen Herz gedrungen", aber mein Innerstes verlangt nach ihr. Laß die Kunde, die von dorther gekommen ist, in mir immer lebendiger werden. Amen.

Romano Guardini: Theologische Gebete; Verlag Josef Knecht Frankfurt am Main, AD 1944


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